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Zum Tod von Eckart Spoo: einer der letzten großen linken Journalisten und Kritiker der „Lügenpresse“

Eckart Spoo
Eckart Spoo

Eckart Spoo, einer der letzten großen Journalisten mit explizit linker Grundhaltung, ist am Donnerstag in Berlin gestorben, vier Tage vor seinem 80. Geburtstag. 36 Jahre lang hatte er als landespolitischer Korrespondent die Frankfurter Rundschau mitgeprägt. Nebenbei war er fast 16 Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Journalisten-Union. Im Ruhestand gründete er 1997 die Zeitschrift Ossietzky, mit der er die linke Weltbühne wiederbeleben wollte.

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Von Eckhard Stengel

Als die Frankfurter Rundschau (FR) noch bundesweit zur Pflichtlektüre von Linken und Sozialliberalen zählte, galten die FR-Korrespondenten in den einzelnen Bundesländern als Institution. Wer sich vom Staat ungerecht behandelt fühlte oder gesellschaftskritische Themen ansprechen wollte und bei konservativen Lokalzeitungen damit kein Gehör fand, der wandte sich gern an die Außenposten der FR. Der wohl prominenteste und umtriebigste Korrespondent war Eckart Spoo in Hannover. Es verging kaum ein Tag, an dem Vielschreiber „sp“ nicht in kurzen Meldungen oder großen Seite-Drei-Geschichten über Berufsverbote, Schülerzeitungszensur, Rüstungsexporte oder rechtslastige Lehrer berichtete. Sein Credo: „Ich bin Journalist geworden, weil ich dachte, man muss aufklären, man muss dazu beitragen, dass die Menschen die Wahrheit erfahren.“ So schärfte er jahrzehntelang das Profil der FR.

Wenn es nach dem früheren FR-Verleger und Chefredakteur Karl Gerold gegangen wäre, dann hätte er allerdings schon 1971 den Dienst quittieren müssen. Spoo war damals noch Bayern-Korrespondent und hatte nebenbei einen medienkritischen Sammelband herausgegeben: „Die Tabus der bundesdeutschen Presse“. Darin kritisierten einzelne Mit-Autoren am Rande auch die FR. Alleinherrscher Gerold kündigte ihm daraufhin. Doch Spoo setzte sich 1972 vor dem Arbeitsgericht durch. Er durfte weiter als festangestellter Korrespondent arbeiten, musste aber von München nach Hannover wechseln – quasi eine Strafversetzung in die Provinz. Was damals noch niemand ahnte: Niedersachsen würde später eine besonders wichtige Rolle in der Bundespolitik spielen, sei es wegen der Anti-Atom-Demonstrationen in Gorleben oder wegen des späteren Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), der zu Spoos Zeiten zunächst Ministerpräsident von Niedersachsen war.

Besonders kritisch beobachtete der linke Journalist die Regentschaft von Schröders Vorgänger Ernst Albrecht (CDU). Während dessen Amtszeit publizierte Spoo gemeinsam mit anderen Herausgebern mehrere Sammelbände über Affären und Skandale in Niedersachsen.

In der Deutschen Journalisten-Union (dju), die damals zur IG Druck und Papier gehörte, ließ sich Spoo bereits 1970 zum ehrenamtlichen Bundesvorsitzenden wählen. Er saß auch für die dju im Deutschen Presserat, dem Selbstkontrollorgan der Verleger und Journalisten. Vergeblich forderte er, eine Ächtung von journalistischer Kriegspropaganda in den Pressekodex aufzunehmen. Weil die Verlage sich nicht zum Abdruck von Presseratsrügen verpflichten wollten, stellten die Journalistenverbände 1981 ihre Mitarbeit ein. 1986 setzte die IG-Druck-Spitze die Rückkehr der dju in den Presserat durch, gegen Spoos Widerstand. Nach heftigem Streit legte er daraufhin sein Amt als dju-Chef nieder.

1997 ging er mit 60 Jahren in den vorgezogenen Ruhestand – und erfüllte sich einen publizistischen Traum: Gemeinsam mit weiteren Herausgebern versuchte er, die 1933 verbotene Zeitschrift Weltbühne wiederzubeleben, jenes linke Wochenblatt, in dem Autoren wie Kurt Tucholsky oder Carl von Ossietzky zu schreiben pflegten. Wegen Problemen mit den Titelrechten nannten die Neugründer ihre Zwei-Wochen-Schrift aber lieber nicht Weltbühne, sondern Ossietzky. Als Herausgeber und Chefredakteur konnte Spoo nun endlich völlig frei seine Weltsicht verbreiten: antikapitalistisch, antifaschistisch, antimilitaristisch.

Eines seiner Lebensthemen war die Kritik an der Pressekonzentration und die Forderung nach „innerer Pressefreiheit“ für die Schreibenden. Manch altem Weggefährten schlackerten die Ohren, als er sogar das Schimpfwort „Lügenpresse“ verteidigte: „Ich werde mir dieses wahre, allzu wahre Wort nicht ausreden lassen“, sagte er im Februar 2015 auf dem linken Videoportal Weltnetz.tv. Er berief sich dabei zum Beispiel auf Lügen der Bild-Zeitung oder auf die Arbeitsverträge von Springer-Journalisten, in denen sie einseitig auf das Bündnis mit den USA und auf die „sogenannte soziale Markwirtschaft“ festgelegt würden. „In anderen Medienkonzernen gelten solche Grundsätze unausgesprochen“, behauptete er.

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Spoo, im persönlichen Umgang freundlich und zugewandt, geißelte bereits 2014 den „Eifer, alles Russische verächtlich zu machen“ und sprach von „deutscher Kriegspropaganda“, vor allem durch die „Springer-Presse“. Damals demonstrierte er vor dem ARD-Hauptstadtstudio und warf den öffentlich-rechtlichen Anstalten vor: „Die Informationen, die Sie uns aus der Ukraine liefern, sind einseitig, parteiisch, unwahr oder halbwahr, was noch gefährlicher ist.“

Schon 2003 hatte er Reden gegen den Irak-Krieg gehalten. Sein Antimilitarismus speiste sich auch aus leidvollen persönlichen Erfahrungen: 1936 in Mönchengladbach geboren, verlor der junge Eckart Spoo seinen Vater beim Wehrmachtsfeldzug gegen die Sowjetunion.

Seine Arbeit als Ossietzky-Chef legte er 2012 in jüngere Hände. Am 19. Dezember hätte er seinen 80. Geburtstag feiern können, doch vier Tage davor starb er nach längerer Krankheit. Er hinterlässt seine Frau Lydia Spoo – eine ehemalige Gewerkschafterin, mit der er 56 Jahre lang verheiratet war – und zwei erwachsene Kinder.

„Wie kaum ein anderer hat Eckart Spoo das Selbstverständnis und den Anspruch unserer gewerkschaftlichen journalistischen Organisation geprägt“: So würdigte dju-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Haß am Freitag den früheren Vorsitzenden. Er habe sich dafür eingesetzt, dass die dju Arbeitsbedingungen erkämpfe, „die wir brauchen, um unsere öffentliche Aufgabe zu erfüllen“. Haß: „Er war uns Vorbild und Mahner, Ansporn, Mitstreiter und Mutmacher. Seine Stimme wird uns fehlen.“

Der Bremer Rechtsanwalt Rolf Gössner, Vorstandsmitglied der Internationalen Liga für Menschenrechte und Ossietzky-Mitherausgeber, würdigte Spoo mit den Worten: „Wir haben einen Mitstreiter für Menschenrechte und Frieden verloren, der ein Journalistenleben lang kritisch und unbequem der Wahrheit verpflichtet war.“ Ossietzky will jetzt auch ohne ihn „Spoos Vermächtnis fortführen“.

 Nachruf-Verfasser Eckhard Stengel arbeitet als freier Bremen-Korrespondent unter anderem auch für die FR. In den 1980er Jahren, damals noch in Göttingen, schrieb er einzelne Beiträge für Bücher, die von Spoo gemeinsam mit anderen Herausgebern im Steidl-Verlag veröffentlicht wurden.

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Alle Kommentare

  1. Mit großem Bedauern habe ich vom Tod Eckart Spoos erfahren. Erstmals „offiziell“ lernte ich Eckart Spoo bei der großen norddeutschen Friedensdemonstration am 21. Mai 1977 in Bremen kennen. Danach war er noch häufig bei Veranstaltungen in Bremen. 1999 gehörte Eckart Spoo zu den zehn Gewerkschaftern, die während des Kosovo-Krieges nach Jugoslawien (Serbien) reisten, um der allgemeinen Befürwortung des Krieges durch die Leitmedien etwas entgegenzusetzen und der von den Bombenangriffen betroffenen Bevölkerung Solidarität zu übermitteln. Die Gewerkschaftsgruppe nannte sich deswegen „Dialog von unten statt Bomben von oben“. Der Journalist forderte vergeblich, eine Ächtung von journalistischer Kriegspropaganda in den Pressekodex aufzunehmen.

  2. Anja Böttcher hat es in ihrem Kommentar so geschildert, wie ich es nicht besser sagen könnte. Ich habe ihn gekannt, ich/wir haben einen Freund verloren und können nur versuchen, in seinem Sinne weiter zu arbeiten.

  3. Wer fährt denn beim Spiegel Porsche? Nennen Sie die Namen! Oder lügen Sie einfach was daher, weil Sie keine persönlichen Nachteile befürchten?

    1. Beschwerden über Ungerechtigkeiten sollten also an eine Einkommensgrenze gebunden sein. Jedenfalls für abhängig Beschäftigte.

  4. Eckhart Spoo vereinte Eigenschaften, die unter den gegenwärtigen Adepten eines bloßen Gefälligkeits- und Lobbyistenjournalismus nicht mehr zu finden sind: Aufrichtigkeit, Mut, die Bereitschaft, Mächtigen unbequem zu werden, intellektuelle Redlichkeit, Geschichtsbewusstsein, Sorgsamkeit im Umgang mit der deutschen Sprache, Eigenständigkeit des Denkens, eine umfassende Bildung, eine scharfe Beobachtungsgabe und ein weites Reflexionsvermögen.

    Vor allem aber stand er als Mensch, Bürger und Journalist unverbiegbar für Grundüberzeugungen ein und verlangte sich selbst ab, was er als Anspruch gegenüber anderen formulierte.

    Für ihn gilt, was ähnlich, aber in anderer Weise auch für Frank Schirrmacher gilt: Er wird schmerzhaft fehlen.

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