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Freiburger Polizeireporter Röderer und der Fall Maria L.: Warum es richtig war, die Täterherkunft zu nennen

„Es wäre falsch, den Eindruck zu erwecken, als hätten wir mit Flüchtlingen grundsätzlich auch ein Vergewaltigungsproblem“: Badische-Zeitung-Redakteur Joachim Röderer über die Berichterstattung im Fall Maria L.
"Es wäre falsch, den Eindruck zu erwecken, als hätten wir mit Flüchtlingen grundsätzlich auch ein Vergewaltigungsproblem": Badische-Zeitung-Redakteur Joachim Röderer über die Berichterstattung im Fall Maria L.

Joachim Röderer, Redakteur bei der Badischen Zeitung, war einer der ersten Journalisten, der über den mutmaßlichen Sexualmord an Maria L. aus Freiburg berichtet hat. Im Interview mit MEEDIA spricht der Polizeireporter darüber, wie er den Fall erlebte, wie in seiner Redaktion über den Verdächtigen diskutiert und weshalb die Entscheidung getroffen wurde, sofort die Herkunft des mutmaßlichen Täters zu nennen.

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Als regionale Zeitung in Freiburg haben Sie von Beginn an über den mutmaßlichen Mord an Maria L. berichtet. Und Sie haben intensiv über Täter und Herkunft geschrieben. Wie haben Sie die Entwicklung erlebt und wie schnell ist die Entscheidung gefallen, die Herkunft des Täters zu nennen?
Wir sind in die Berichterstattung eingestiegen, als die Leiche gefunden und der mutmaßliche Täter noch gar nicht festgestellt worden war. Als dann am Samstag kurz vor Bekanntgabe der Festnahme offensichtlich wurde, dass der Verdächtige ein unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling ist, war für uns klar, dass wir das in der Berichterstattung auch so benennen.

Wieso haben Sie diesen Entschluss so schnell gefasst?
Wir hatten ähnliche Diskussionen, in denen über die Nennung der Täterherkunft gesprochen wurde, schon einmal geführt. Wir waren mit so einer Entscheidung also nicht das erste Mal konfrontiert, was den Prozess beschleunigt hat. Hinzu kam: Im Fall von Maria L. haben wir es mit einem Kapitalverbrechen zu tun, das massive Auswirkungen auf das Stadtleben hatte. Frauen haben sich abends kaum noch aus dem Haus getraut und ihre Gewohnheiten geändert, sie sind beispielsweise nicht mehr joggen gegangen.

Nun lässt sich aber schon darüber diskutieren, wieso die Nennung sein muss. Vergewaltigung gilt nicht als Flüchtlingsphänomen, auch Deutsche werden wegen sexueller Straftaten verfolgt.
Das ist richtig. Aber es war ja nicht nur eine Vergewaltigung. Sondern es besteht der Verdacht eines Sexualmordes. Da stellt sich dann schon die Frage nach dem Täter. Wir in der Redaktion, aber auch Gesprächspartner in der Stadt, beispielsweise in der Stadtverwaltung und auch bei der Polizei, hatten zwar gehofft, dass es sich bei dem mutmaßlichen Täter gerade nicht um einen Flüchtling handelt. Nachdem sich dies dann herausgestellt hatte, gehört es auch dazu, diese Wahrheit zu schreiben.

Wie erklären Sie diese “Hoffnung”, dass es sich beim Täter um keinen Flüchtling handelt?
Die hat es ganz einfach gegeben, weil in Freiburg eine große Willkommenskultur gelebt wurde und auch immer noch gelebt wird. Viele Menschen in der Stadt engagieren sich in der Flüchtlingshilfe, auch unsere Berichterstattung zu diesem Thema war sehr liberal eingestellt. Diese offenkundige Einstellung birgt auf der anderen Seite die Gefahr, dass – wenn dann ein Flüchtling verdächtigt oder überführt wird – so etwas von bestimmten Gruppierungen ausgenutzt und den Unterstützern oder auch uns als Zeitung zum Vorwurf gemacht wird. Dass es so kommen kann, war uns klar. Das Ausmaß, beispielsweise die massive Hetze auf unseren Plattformen, mit der wir jetzt konfrontiert sind, hat uns dann aber doch überrascht.

Ist die Nennung der Täterherkunft bei Ihnen Regel?
Die Nennung der Herkunft ist bei uns kein Grundsatz, wir wägen im Einzelfall ab, ob wir sie nennen oder nicht. Bei einem Fall vor zweieinhalb Jahren hatten wir beispielsweise schon einmal entschieden, die Herkunft von Tätern zu nennen. Damals ging es um eine Gruppe Jugendlicher aus Nordafrika, die für eine Überfallserie verantwortlich war. Über eine Serie mit mehr als ein Dutzend Raubüberfälle innerhalb kürzester Zeit lässt sich schlecht berichten, wenn man nicht die Hintergründe der Täter erläutert.

Als Entscheidungsstütze ist der Pressekodex mit seiner Richtlinie 12.1 gedacht. Darin heißt es, die Herkunft des Täters oder der Täter sollte dann genannt werden, wenn ein Bezug zur Tat besteht. Das lässt Interpretationsspielraum. Wann genau besteht ein Zusammenhang zwischen Tat und Herkunft?
Auch das ist Abwägungssache. Ich denke, dass der Zusammenhang bei der Überfallserie durch die quasi Bandenkonstellation gegeben war. Für unsere Entscheidung haben wir auch Kritik einstecken müssen, sogar eine Beschwerde beim Deutschen Presserat hatte es gegeben, die aber zurückgewiesen wurde. Man kann sich ja vorstellen, was unsere Berichterstattung in einer links-liberalen Stadt wie Freiburg ausgelöst hat. Damals – vor der Silvesternacht in Köln – gab es wenig vergleichbare Fälle. Die Reaktionen wurden später deutlich ambivalenter.

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Wie groß ist die Rolle des Pressekodex in Ihrer täglichen Arbeit?
Die ist sehr groß und auch in der Auslegung der Richtlinie 12.1 sehen wir grundsätzlich einen Sinn. Die rigide Auslegung teilen wir nicht. Denn es ist schon so, dass sich die Realität verändert hat.

Inwiefern?
Zum einen sind wir auf dem Informationsmarkt nicht mehr alleine. Jeder Leser kann sich die Informationen praktisch selbst zusammensuchen und findet sie auch ohne uns. Zum anderen kann die Nennung der Täterherkunft mittlerweile auch wichtig sein, um das Schüren von Hass gegen Minderheiten zu unterbinden. Ein Fallbeispiel: Wir haben in Freiburg derzeit einen weiteren Todesfall. Dabei geht es um eine Körperverletzung mit Todesfolge, bei dem ein Mann in der Nähe einer Kirche in eine Telefonzelle uriniert hat und deshalb anschließend von zunächst Unbekannten verprügelt worden war. Wie sooft wurden die Täter von der Polizei bei der Fahndung als “südländisch aussehende Männer” beschrieben. Letztlich handelte es sich um zwei Italiener. Wir haben eine Ausnahme von der Regel gemacht und die Nationalität genannt, um eben keine Spekulationen zuzulassen.

Wenn man sich für die Nennung der Täterherkunft entscheidet, vor allem bei Flüchtlingen; was muss bei der Berichterstattung dann unbedingt mit einhergehen?
Es muss definitiv eine Differenzierung stattfinden. Es muss dem Leser klargemacht werden, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Bei der Vergewaltigung und Tötung von Maria L.  wäre es falsch, den Eindruck zu erwecken, als hätten wir mit Flüchtlingen grundsätzlich auch ein Vergewaltigungsproblem. Die Berichterstattung darf nicht zu Pauschalurteilen führen.

Überrascht es Sie, dass nach Monaten der Stille plötzlich drei Vergewaltigungstaten von Flüchtlingen in der überregionalen Öffentlichkeit stehen?
Was Maria L. angeht, überrascht es mich nicht, weil der Fall auch ohne den mutmaßlichen Täter aufsehenerregend genug war. Vergewaltigungen mit Todesfolge sind selten, darüber hinaus war der Fall durch die sehr gute Aufklärungsarbeit der Polizei besonders. Dass das Thema grundsätzlich – jetzt auch mit zwei weiteren Fällen in Bochum und Hamburg – in der Öffentlichkeit steht, hat sicherlich damit zu tun, dass sich auch die Bundespolitik eingeschaltet hat. Wir sehen aber, dass der dritte Fall in Hamburg insgesamt weniger Beachtung findet.

Bei der Silvesternacht in Köln haben wir die Abhängigkeit von der Informationspolitik der Polizei erlebt. Welche Rolle spielt die Informationspolitik der Behörden bei Ihnen?
Die Polizei in Freiburg hat ein eigenes, für alle Welt abrufbares Online-Portal, in dem sie über aktuelle Fälle informiert. Dort wird die Herkunft des Täters grundsätzlich genannt. Das war auch im Fall von Maria L. so. Die Art, wie die Polizei mit solchen Informationen umgeht, bedeutet für uns als Medium zwar keinen Freifahrtschein.  Wir müssen mittlerweile aber genau abwägen, ob wir als Zeitung unseren Lesern diese Informationen vorenthalten wollen, während sie an anderen Stellen – und zwar nicht nur bei Twitter oder anderen sozialen Netzwerken – leicht zugänglich sind.

Hat sich die Informationspolitik der Polizei in den vergangenen Jahren bzw. speziell im vergangenen Jahr verändert?
Ich glaube, dass mit dem vorhin angesprochenen Fall von vor zweieinhalb Jahren auch ein Umdenken bei der Polizei eingetreten ist. Wie in Köln hat auch die Polizei in Freiburg damals einige Tage gebraucht, bis sie unsere Informationen bestätigt hatte. Obwohl wir sie aus Ermittlerkreisen bezogen hatten. Die Polizeistellen in Deutschland müssen und machen sich genau dieselben Gedanken wie wir als Berichterstatter. Am Ende will sich niemand etwas vorwerfen lassen.

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Alle Kommentare

  1. Dem Reporter der Symbadischen Zeitung vielen Dank für seine klaren Worte und den illusionslosen Realismus! Damit ist dem Journalismus (und dem Leser) mehr gedient als mit einer paternalistischen Volkspädagogik, die nur das Gegenteil von dem schafft, was sie (angeblich) erreichen will.

  2. Es war ja kein Flüchtling, sondern ein muslimischer krimineller Asylbetrüger!

    lt. Alice Schwarzer sind 70-80% aller Vergewaltiger (in Köln) Moslems.
    Aber das kann ja nicht stimmen… die Frau ist bestimmt ein Nazi!

    Ich finde es furchtbar, wie das Wort „Flüchtling“ von der Systempresse für Wirtschaftsimmigranten, Glücksritter, Kriminelle, Asoziale, Islamisten und sonstige Asylbetrüger missbraucht wird.
    DAS haben die Flüchtlinge nicht verdient!

    1. „Systempresse“, „Staatsfunk“, „obrigkeitsgefällig“, etc.: Wäre es vielleicht wenigstens auf Fachportalen wie diesen möglich, über derartige Themen auf fachlich gehobenem Niveau zu diskutieren, anstatt derlei Pauschalkritik auch hier auszukippen? Vielen Dank!

      1. Fachlich gehobenes Niveau und Journalist schließt sich derzeit offensichtlich aus. Zumindest in Deutschland.

      2. Wieso? k.Einer hat doch Recht! Der mutmaßliche Täter aus Freiburg befand sich ja schon mehrere Jahre in Griechenland und wurde dort straffällig, bevor er 2015 nach Deutschland einreiste. Er ist also tatsächlich kein Flüchtling, sondern krimineller Immigrant. Da er die deutschen Behörden über seine Herkunft und Alter belog, ist er auch ein krimineller Asylbetrüger. Trotzdem bezeichnen ihn nahezu alle Medien als Flüchtling. Da steckt also offenkundig System dahinter, weshalb man durchaus von Systempresse sprechen kann.

      3. Glaube kaum, dass die teilweise inhaltlich und sprachlich unterirdischen Kommentare auf dieser Seite von Medienschaffenden kommen. Hier fühlen sich offensichtlich Fachfremde dazu berufen, ihre Weltanschauung an jeder passenden und unpassenden Stelle kundzutun. Hat vielleicht was mit ADHS zu tun …

  3. Da bei jedem mutwilligen Verschweigen des Migrationshintergrunds bei den Berichten über die einschlägigen Straftaten, der Volkszorn anschwillt und die Bürger Schutz bei der AfD suchen, wird mittlerweile schon bei den Berichten des obrigkeitsgefälligen und migrationsgeneigten Staatsfunk von NDR und MDR die Täterherkunft genannt.
    Dafür berichtet man halt weniger über die Straftaten solcher Tätergruppen.
    Man will den Bürger ja nicht irritieren, wenn man über Molotow-Attacken kurdisch-deutscher Autonome gegen türkisch-deutsche Vereinsheime mitten in Hamburg berichten würde. Da ist der Süddeutsche noch anderes von den Medienschaffenden gewohnt.

  4. Warum schreibt ihr von einem „vermeintlichen“ Mord an Maria L.? So klingt es, als wäre doch ein Unfall der Grund für ihren Tod. Ich glaube ihr meint mutmaßlich – aber vermeintlcih bedeutet etwas völlig anderes!
    (Google-Definition von vermeintlich: so, dass etwas irrtümlich als etwas anderes angesehen oder eingeschätzt wird, als es ist.)

    1. Lieber Jakob,

      da liegen Sie richtig. Vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben die Wortwahl korrigiert.

      Viele Grüße

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