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187 Journalisten im Gefängnis, Dutzende Entührungen in Syrien: die beunruhigende Jahresbilanz von Reporter ohne Grenzen

Im Kampf gegen die Pressefreiheit: Syriens Machthaber Baschar al Assad und der türkische Staatspräsident Erdogan (r.)
Im Kampf gegen die Pressefreiheit: Syriens Machthaber Baschar al Assad und der türkische Staatspräsident Erdogan (r.)

Die gefährlichen politischen Lagen in der Türkei und in Syrien schlagen sich massiv auf die Pressefreiheit nieder. Dies veranschaulicht der diesjährige Jahresbericht der Reporter ohne Grenzen. Insgesamt befinden sich nach ROG-Angaben derzeit sechs Prozent mehr Medienschaffende in Haft als noch im vergangenen Jahr. Zudem seien derzeit 52 Entführungen bekannt, von denen fast die Hälfte auf das Konto des IS geht.

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Fast ein Jahr lang war eine in Syrien entführte Journalistin in Gefangenschaft von Terroristen der Al-Nusra-Front. Die Frau, die während der Geiselnahme ein Kind zur Welt brachte, wurde in diesem Jahr ungewollt zum prominentesten Fall von Journalistenentführungen. Vor wenigen Wochen erst kam sie frei. Sie hatte ein Glück, auf das 52 weitere Medienschaffende (hoffentlich) noch warten. So viele zählt Reporter ohne Grenzen (ROG) in seinem Jahresbericht der Pressefreiheit als entführt. Geografisch beschränken sich die Geiselnahmen auf den Nahen Osten, genauer gesagt auf Syrien, den Jemen und Irak. Ganze 21 sollen auf das Konto des so genannten Islamischen Staates gehen.

Allein in Mossul im Irak sollen seit zwei Jahren zehn Journalisten und Mitarbeiter von Medien in Gefangenschaft des IS leben, heißt es. 15 weitere zählt ROG im Jemen. „Die weitaus meisten (89 Prozent) der Entführten kommen aus den jeweiligen Ländern selbst. Darunter sind viele freie Journalisten, die gegen geringe Bezahlung große Risiken bei der Berichterstattung auf sich nehmen“, so der Bericht. Die meisten Fälle strecken sich über Jahre. In 2016 (Stichtag 1. Dezember) sei lediglich eine Entführung bekannt geworden: „Von Jean Bigirimana fehlt jede Spur, seit er Ende Juli in Burundi in Gewahrsam von Geheimdienstbeamten gesehen wurde.“

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Die Gefahren für Journalisten gehen aber nicht nur von terroristischen Gruppen oder Geheimdiensten aus. „Die Hexenjagd gegen Journalisten in der Türkei sprengt alle bekannten Dimensionen“, erklärt ROG-Vorstandssprecherin Britta Hilpert. Dort werden Journalisten ganz öffentlich aus dem Verkehr gezogen. Weltweit sind insgesamt 348 Verhaftungen von Medienschaffenden bekannt. 187 zählt Reporter ohne Grenzen als professionelle Journalisten, 146 seien Blogger und Bürgerjournalisten, 15 seien sonstige Medienmitarbeiter. Wie viele Journalisten unter der Regierung von Recep Tayyip Erdogan festgenommen worden sind, kann die Nichtregierungsorganisation nicht sagen. Man geht von mehr als 100 Menschen aus. „Bei 41 von ihnen ist nach sorgfältiger Prüfung durch ROG ein Zusammenhang der Haft mit ihrer journalistischen Tätigkeit eindeutig. Bei Dutzenden weiteren ist er nicht auszuschließen, hat sich bislang aber nicht mit Sicherheit feststellen lassen“, heißt es im Bericht weiter.

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Präsident Erdogan geht seit Monaten massiv gegen die freie Berichterstattung vor, verstaatlichte Medienunternehmen, kündigte Journalisten und sperrte sie ein. Der bekannteste Fall ist der ehemalige Chefredakteur der regierungskritischen Tageszeitung Cumhuriyet, Can Dündar, dem in der Türkei öffentlichkeitswirksam der Prozess gemacht wurde. Der Journalist, der wegen der Veröffentlichung von Staatsgeheimnissen angeklagt worden war, wurde zunächst zu einer Haft von fünf Jahren und sechs Monaten verurteilt. Nach dem versuchten Putsch des Staatspräsidenten hat er das Land verlassen.

„Dass die Türkei, die ja immer noch EU-Beitrittskandidat ist, in einer Reihe mit notorischen Feinden der Pressefreiheit wie den Regimen in China, Syrien und dem Iran findet, ist bezeichnend für das drastische Vorgehen der türkischen Behörden gegen die Pressefreiheit. Die hohe Zahl entführter Journalisten in Syrien, dem Irak und dem Jemen zeigt einmal mehr, dass die unabhängige Berichterstattung stets zu den ersten Opfern eines Krieges gehört“, kritisiert Hilpert.

Ähnliche Verhältnisse wie in der Türkei sind auch in China gegeben. ROG geht von mindestens 103 Medienschaffenden in Haft aus, darunter 81 Blogger und Bürgerjournalisten. In Ägypten sollen 27 Journalisten inhaftiert sein, in Syrien unter der Assad-Regierung sollen es 28 sein.

Den ersten Teil des ROG-Jahresberichts lesen Sie hier in vollständiger Länge. Ein zweiter Teil, der auf Todesfälle eingeht, ist für den 19. Dezember geplant.

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Alle Kommentare

  1. Fake-News!

    ROG ist ein Propagandainstrument finanziert von George Soros…

    Zum Glück gibt es ja (noch) freie Internetmedien, wo man das nachlesen kann!

  2. Wer sich dem Mainstream anpaßt, lebt halt besser.

    Hat sich die Bundesregierung bei Erdogan nicht entschuldigt für eine Resolution des Bundestages, die Verfolgung der Armenier als Völkermord zu bewerten ?

    Diese Forderung der Türkei und insbesondere die Reaktion unserer Bundesregierung haben sowohl unsere tapferen Journalisten, als auch unsere Parlamentarier so stehen lassen.

    Mainstream ist wieder Avantgarde. Wer wollte da nicht dabeisein.

    Ist halt ein Spagat.

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