Nach Führungsdebatte bei SpOn: Ungelöste Wachstumsprobleme belasten Zukunft an der Ericusspitze

Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass: Neue Umsatz- und Erlösbringer dringend gesucht
Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass: Neue Umsatz- und Erlösbringer dringend gesucht

Die drei Spiegel-Gesellschafter haben auf ihrem Treffen offenbar die virulente Führungsfrage bei Spiegel Online gelöst. Doch drängende Fragen um die ökonomische Zukunft des Verlags sind damit nicht vom Tisch. Präsentiert das Management um Thomas Hass nicht bald ein tragfähiges Wachstumskonzept, müssen am Ende die Mitarbeiter erneut die Zeche zahlen. Ein weiterer Stellenabbau wäre unausweichlich.

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Vize-Chefin Barbara Hans statt Chefredakteur Florian Harms – öffentlich wurde in den vergangenen Tagen spekuliert, ob die Führung bei Spiegel Online auswechselt wird. Kurz vor der entscheidenden Versammlung der Spiegel-Gesellschafter am gestrigen Donnerstag stärkten die Mitarbeiter des Digitalablegers ihrem Chef den Rücken. Die im Medienfachblatt Horizont kolportierten Vorwürfe seien „absurd“, heißt es in Brandmails der verunsicherten SpOn-Belegschaft, die Meedia erreichten. Diese verfehlten nicht ihre Wirkung. Harms bleibt weiterhin Chefredakteur von SpOn. Die drei Spiegel-Gesellschafter – die Mitarbeiter KG, das Zeitschriftenhaus Gruner + Jahr sowie der Erben des Firmengründers Rudolf Augstein – verständigten sich darauf, dass der gebürtige Stuttgarter sein Amt behält. Sie wollen offenbar vermeiden, dass das Medienhaus erneut durch Führungsprobleme gelähmt wird und mit Interna unfreiwillig die Gazetten füllt. Ob Georg Mascolo, Mathias Müller von Blumencron oder Wolfgang Büchner – mehrfache und rumpelnd erfolgte Wechsel in der Spiegel-Chefredaktion haben dem Image des Hamburger Medienhauses in den vergangenen Jahren schwer zugesetzt. Anzeigenkunden sind verunsichert, Leser wenden sich ab. Weitere negative Schlagzeilen wollen die Gesellschafter nicht mehr lesen.

Mit der Diskussion über eine Demission von Harms sind aber drängendere Fragen in den Hintergrund getreten. Und davon gibt es viele: Kommt die lang ankündigte elektronische Tageszeitung Daily? Wird die englischsprachige Web-Seite ausgebaut? Was wird aus dem Bezahlmodell? Ist der Micropayment-Dienst Laterpay ein Auslaufmodell? Doch das ist nicht alles. Im Raum stehen seit Längerem noch wichtigere Fragen. Werden die SpOn-Mitarbeiter stille Gesellschafter und damit Teil der Mitarbeiter-KG? Wachsen Print und Online zusammen? Viele Mitarbeiter wollen endlich auf Augenhöhe mit den Kollegen des gedruckten Spiegel stehen und die gleichen Rechte besitzen. Damit hofft wohl auch SpOn-Chef Harms auf mehr Macht im Haus. Denn er will verstärkt auf die Redaktion des Print-Objektes zugreifen, um mit tiefgründigen Analysen und Berichten den Digitalableger journalistisch aufzuwerten – und vor allem die Reichweite zu steigern.

Jetzt könnte die Stunde der Wahrheiten folgen. Nächste Woche Donnerstag findet erneut eine Betriebsversammlung von SpOn statt, nach dem das vergangene Treffen nach zwei Stunden ergebnislos vertagt wurde. Dort könnte die SpOn-Geschäftsführung Tacheles reden und ihnen die Ergebnisse des Gesellschaftertreffens präsentieren – zumindest hoffen dies die Digitalen. Dann spätestens sollte es auch ein klares Signal geben, wie die Chefredaktion künftig besetzt sein wird. Atmosphärisch dürfte es dann knistern, da viele Onliner ihrem Geschäftsführer Jesper Doub übel nehmen, dass die Personalspekulationen um Harms öffentlich wurden.

Doch SpOn ist nur eine Baustelle von vielen. Viel drängender ist die Frage nach der weiteren Zukunft des Print-Spiegel, der immer noch mit rund 70 Prozent Umsatzanteil Haupteinnahmequelle des Mittelständlers an der Ericusspitze ist. Knapp zwei Jahre ist nun Klaus Brinkbäumer Chefredakteur des Nachrichtenmagazins. Und in seiner Amtszeit fällt die hart verkaufte Auflage (Abo und Einzelverkauf) – und zwar kräftig. Rund 80.000 Exemplare sind es inzwischen Woche für Woche. Das sind aufs Jahr gerechnet insgesamt 4,16 Millionen Stück. Bei einem Copypreis von 4,90 Euro fehlt dem Unternehmen damit ein wesentlicher Anteil in der Kasse: mehr als 20 Millionen Euro Umsatz. Und ein Ende der schwindenden Auflagen ist nicht in Sicht. Zu blass sind viele Titelgeschichten, zu sehr Mainstream viele Inhalte des Blattes, lauten die Vorwürfe. Der Spiegel sei schlicht zu berechenbar geworden. Brinkbäumer steht damit immer stärker hausintern in der Kritik. Angebliche laute Streitigkeiten mit seinem SpOn-Kollegen über die Web-Strategie verblassen dagegen, da der Digitalableger mit einem Umsatz von 40 bis 50 Millionen Euro nur ein vergleichsweise kleines Mosaikstein im großen Spiegel-Getriebe ist.

Denn zu allem Ärger schwächelt auch deutlich die Anzeigen-Vermarktung des gedruckten Objekts. Der Bruttoanzeigen-Umsatz ist hier zwar bis einschließlich Oktober laut Nielsen nur leicht um 0,6 Prozent auf 82,48 Millionen Euro gesunken. Netto kommt hingegen nach Einschätzung von Insidern deutlich weniger bei der Ericusspitze an. In den vergangenen Jahren gewährt das norddeutsche Unternehmen Anzeigenkunden Rabatte auf den Listenpreis von 35 Prozent. Doch die Mediaagenturen verlangen immer stärkere Preisnachlässe, auch vom Spiegel, der angeblich in diesem Jahr bereit ist, auf höhere Rabatte einzuschwenken. Ist dies der Fall, sinken netto die Anzeigenerlöse. Noch im Jahr 2000 lagen die Vermarktungserlöse dem Vernehmen nach hier bei mehr als 180 Millionen Euro netto, rechnen Branchenexperten vor.

Gegensteuern will der Spiegel mit neuen Beibooten, um die Erlöseinbußen des Hauptprodukts wettzumachen. Geplant ist, das Best-Ager-Magazin Spiegel Classic, das im Frühjahr auf den Markt kommen soll. Doch das sind Tropfen auf einen immer heißer werdenden Stein. Auch eine TV-Zeitschrift, wenn sie überhaupt umgesetzt werden sollte, kann die Umsatzerosion vermutlich kaum auffangen. Seit Jahren sinken Umsatz und Ertrag kontinuierlich. Was nötig wären, sind wachstumsstarke Zukäufe. Was jedoch passt zum Spiegel und vor allem zur Kultur des Hauses? Unternehmerische Ausflüge jenseits des Printgeschäfts – beispielsweise in digitale Food- und Reiseportale – kommen wohl nicht infrage. Doch geeignete journalistische Übernahmeziele im Inland sind rar.

Sollte sich jedoch Geschäftsführer Thomas Hass nicht schnell etwas einfallen, droht das Unternehmen wirtschaftlich weiter ins Abseits zu geraten. An Personalkosten jedenfalls hat der ehemalige Chef des Vertriebsmarketings bereits deutlich gespart. 111 Mitarbeiter haben freiwillig auf ihren Job verzichtet, 35 betriebsbedingte Kündigungen stehen noch ins Haus. Schafft es der Firmenchef nicht vor Weihnachten endlich umsatzstarke Wachstumsträger zu präsentieren, sieht die weitere wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens düster aus. Am Ende müssen erneut die Mitarbeiter die Zeche zahlen. Denn ein weiterer Stellenabbau wäre unumgänglich.

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Alle Kommentare

  1. Leider muss ich den Kritikern Recht geben. Der Spiegel ist Zahnlos geworden. Wobei es gerade der Spiegel war, der diese Unsitte der Eingereichten Interview Fragen in Deutschland als erstes Magazin einführte und zwar schon zu Zeiten des Übervaters Rudolf Augstein.

    Das dieses Magazin kritisch war, gar Systemkritisch halte ich für eine Legende. Man wollte den Saustall aufräumen, man wollte ihn nie beseitigen.

    Nicht desto trotz hat man bei den Aufräumarbeiten einigen Schutt beseitigt.

    Hofberichterstattung würde ich es nicht nennen, aber kritischer Journalismus geht anders.

    Was die Wirtschaft betrifft, so war die Berichterstattung selten Kritisch. Hier hat wie in allen Publikumsverlagen stets die Werbeabteilung über die Redaktion gesiegt.

    1. Nun ja eine Begründung wäre ja ganz nett gewesen. Irrelevant trifft es m. E. nicht.

      Die BILD ist auch nicht irrelevant. Ihre Auflage immer noch relativ hoch. Genauso ist es beim Spiegel. Wobei weder die Leser noch die Redakteure wirklich ein gehobenes Bildungsniveau besitzen.

      Teilweise ist die Berichterstattung sehr für die einfachen Geister zugestrickt. Das war früher anders. Das um die Ecke Denken, das zwischen den Zeilen lesen kann man sich bei den heutigen handelnden Journalisten dort sparen.

  2. Herr Harms will auf „tiefgründige Analysen“ des Print-Spiegel zurückgreifen? Dazu eine Ungeheuerlichkeit aus dem aktuellen Heft 48/2016.

    Die wöchentliche Grafik-Kolumne „Früher war alles schlechter“ behandelt das Thema Massentötungen und fragt rhetorisch: War das 20. Jahrhundert wirklich das schlimmste? Die Antwort steht natürlich vorher fest. Wie aber geht der Beweis?

    Der Spiegel relativiert mal eben 66 Millionen Tote des Zweiten Weltkriegs unter Bezug auf einen US-Wissenschaftler, der folgendes verbreitet: Hätten immer so viele Menschen auf Erden gelebt wie zur Hitler-Stalin-Zeit, wären allein Dschingis Khan 280 Millionen zum Opfer gefallen. Die mongolische Drecksau also völlig überraschend auf Platz eins im Brutalo-Ranking, während es für Adolf & die Alliierten nur zum zehnten Rang reicht.

    Demzufolge hätte der Hunne, rein rechnerisch, auch rund 25 Millionen Juden ermordet – mindestens viermal mehr als die Nazis. Aber so tiefenanalytisch wollte der Spiegel es wohl lieber nicht sagen.

    (Der als Rechercheur preisgekrönte, zuständige Redaktor Guido Mingels hat im übrigen auch keine methodischen Probleme, das 20. Jahrhundert auf den Zweiten Weltkrieg zu reduzieren. Hauptsache, die „These“ früher = schlechter ist für Doofe irgendwie plausibel.)

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