„Journalismus ist kein Billy-Regal“: Trump und die Konsequenzen aus der „postfaktischen Kernschmelze“

Hamburger Medienforscher Frederik Fischer, US-Wahlkämpfer Trump: „Historischer Bedeutungsverlust für schreibende Journalisten“
Hamburger Medienforscher Frederik Fischer, US-Wahlkämpfer Trump: "Historischer Bedeutungsverlust für schreibende Journalisten"

„Lügen sind die neuen Katzen“ und „vielleicht ist Trump unser Tschernobyl“. Mit seinem Impulsvortrag zur Situation der Medien nach dem Wahlsieg von Donald Trump setzte Frederik Fischer das Topthema beim Vocer Innovation Day des Spiegel. Für MEEDIA hat der Dozent der Hamburg Media School und Chefredakteur von Piqd.de seine Keynote erweitert. Unter dem Hashtag #netzwende plädiert Fischer für eine neue Journalismus-Debatte.

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Von Frederik Fischer

Der Wahlsieg von Trump markiert in vielerlei Hinsicht eine Zeitenwende. Vor allem für Journalisten stellt sich die Sinnfrage. Wenn es selbst ausgezeichnete und gut recherchierte Berichterstattung – und die gab es durchaus – nicht schafft, ein Phänomen wie Trump zu verhindern, kann man danach nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Die Stimmen für Trump waren nicht nur ein Protest gegen das politische Establishment, sie markieren auch einen historischen Bedeutungsverlust für schreibende Journalisten, die im Kampf um Aufmerksamkeit nicht nur massiv gegen das Fernsehen und Facebook verloren haben, sondern dazu auch noch fast geschlossen falsch lagen. Götz Hamann schreibt dazu in der Zeit: “Praktisch eine ganze Mediengattung hat sich auf eine Seite geschlagen, so etwas hat es in den USA noch nie gegeben.”

Lügen sind die neuen Katzen

In Deutschland ist eine Farce wie die Wahlkampfberichterstattung (noch) nicht vorstellbar, aber Trump ist natürlich auch für Journalisten hierzulande ein Warnschuss. Die Dynamiken sind durchaus vergleichbar: Klassische Medien verlieren an Einfluss, auch hierzulande haben soziale Netzwerke Zeitungen als Nachrichtenquelle überholt und ein Blick nach Italien zeigt, dass Fake-News in Europa längst im großen Stil zur politischen Meinungsmache eingesetzt werden. Beppe Grillos Partei “Fünf-Sterne-Bewegung” erreicht mit ihrem Netzwerk von populistischen Fake-News-Seiten Millionen von Followern auf Facebook. Lügen garantieren momentan so viel Aufmerksamkeit, wie früher Katzenfotos. Lügen SIND die neuen Katzen.

Die Situation ist der vorläufige Höhepunkt einer unseligen Entwicklung. Auf der Suche nach größeren Reichweiten, haben wir uns von Plattformen abhängig gemacht, die die Öffentlichkeit massiv beeinflussen, ohne sich für die Öffentlichkeit verantwortlich zu fühlen. Mark Zuckerberg wehrt sich ebenso absurderweise wie standhaft gegen den „Vorwurf“, Facebook sei ein Medienunternehmen.

Google andererseits stellt mit der Digital News Initiative den größten Fördertopf für Medieninnovation in Europa. Das kann man dem Unternehmen natürlich schlecht zum Vorwurf machen. Der Umstand aber, dass viele Verlage und Medienstartups offensichtlich auf Geld von Google angewiesen sind um technologisch Schritt zu halten, ist deshalb nicht weniger fatal.

Das heißt, der deutsche Journalismus ist für die Reichweiten zum großen Teil abhängig von Facebook (und Google) und hinsichtlich der technologischen Innovation zumindest teilweise von Google.

Wenn wir von einer Journalismuskrise sprechen, sollten wir daher weniger die Qualität einzelner Inhalte, als die grundlegenden Strukturen in den Blick nehmen. Es ist ein Armutszeugnis, dass eine wesentliche Kontrollinstanz der Demokratie, zunehmend die Kontrolle verliert.

Journalismus ist kein beliebiges Produkt

Medienschelte ist an der Stelle aber wenig hilfreich. Die Verlage sind vielfach einfach nicht mehr in der Lage, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das alte Geschäftsmodell ist stark angezählt, ein Neues noch nicht gefunden. Vielleicht wird auch niemals ein neues Geschäftsmodelle gefunden werden, das unabhängigen Journalismus und dessen erfolgreichen Vertrieb gewährleistet. Vielleicht ist es einfach an der Zeit, den Journalismus nicht länger als ein beliebiges Produkt zu behandeln. Journalismus ist kein Billy-Regal.

In den letzten dreißig Jahren gab es wiederholt einschneidende Ereignisse, die dazu geführt haben, in gesellschaftlich besonders relevanten Wirtschaftsbereichen der unsichtbaren Hand, den Mittelfinger zu zeigen. Der Siegeszug des Postfaktischen hat endgültig bewiesen, dass der Markt alleine nicht in der Lage ist eine kritische Öffentlichkeit zu gewährleisten.

Vor genau 30 Jahren, nach Tschernobyl, wurde das Umweltministerium gegründet. Inzwischen ist der Ausstieg aus dem Atomstrom beschlossen und ein Drittel unseres Stroms kommt aus erneuerbaren Energien. Vielleicht ist Trump unser Tschernobyl.

#Netzwende

Die Konsequenz aus Tschernobyl und Fukushima war die Energiewende. Vielleicht ist die Konsequenz aus Trump und der postfaktischen Kernschmelze nun eine #Netzwende, ein grundsätzliches Umdenken bei der Frage unter welchen Bedingungen Journalismus produziert und vertrieben wird – angesichts der Lage kein übereilter Schritt.

Postfaktisch ist offiziell Wort des Jahres. Trump gilt bereits als erster Präsidenten einer “post-literate society”. Tatsächlich ist die digitale Öffentlichkeit vielerorts kaputt. Vermutlich ist es eines der bestimmenden Projekt unserer Zeit und unserer Branche, sie wieder herzustellen. Nicht, um in eine Welt zurückzukehren, in der Journalisten ungestört und unter sich die Welt erklären. Die Rückkehr in eine Welt, in der Fakten die Grundlage für Schlagzeilen sind, würde schon genügen.

Und Lösungsvorschläge gibt es durchaus: Der Gesetzgeber könnte Journalismus endlich die Gemeinnützigkeit anerkennen und damit Non-Profit-Journalismus möglich machen. Die Öffentlich-Rechtlichen könnten das ungenutzte Geld auf dem Sperrkonto in Fördertöpfe umleiten, die an Umfang und Wirkung Google’s DNI in den Schatten stellen. Die Regulierung von Facebook ist komplex aber machbar. Die Durchsetzung geltenden Rechts auf Facebook ist weniger komplex, passiert nur noch viel zu selten (mehr dazu in der Lage der Nation ab Minute 45). Auch Alternativen zu Facebook sollten nicht länger mit Denkverboten belegt werden, nur weil bislang alle Versuche in dieser Richtung gescheitert sind. piqd hat im Kleinen bereits bewiesen, dass es einen Bedarf gibt an solchen Angeboten. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welches Potenzial eine gemeinsame Plattform von Öffentlich-Rechtlichen und Verlegern haben könnte.

Die Grenze zwischen spinnerten Ideen und notwendigen Visionen, sind zugegebenermaßen fließend und erst die Umsetzung erlaubt ein abschließendes Urteil. Aber zu den wenigen erfreulichen Aspekten dieses enorm unerfreulichen 2016 gehört: Man darf wieder mit Weitwinkel denken und diskutieren – zum Beispiel unter #netzwende.

 

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Alle Kommentare

  1. „Wenn es selbst ausgezeichnete und gut recherchierte Berichterstattung – und die gab es durchaus – nicht schafft, ein Phänomen wie Trump zu verhindern…“

    Genau darin liegt das Problem des heutigen Mainstreamjournalismus.
    Man hat mit der Berichterstattung eine Intention!
    Da stehen natürlich auch Facebook und soziale Medien im Weg.
    Deshalb auch der vom politischen Establishment und den anhängenden Medienschaffenden geführte aktuelle Kreuzzug gegen diese.
    Der Konsument hat es schlicht satt, sich belehren und ideologisieren zu lassen.
    Und wenn er dann in den sozialen Medien noch Fakten erfährt, die man in der Tageszeitung in vorauseilendem politischen Gehorsom gegenüber einem politisch motivierten Presserat verschwiegen hat, lässt er eben die Konsequenzen folgen.

  2. Was nützen mir Medien, die den Konsumenten in seinem „Was er denken und wissen darf“ polarisieren. Was erleben wir denn: Wenn ein Linker einen selbstverschuldeten Unfall verursacht, wird es von der Presse nicht gebracht oder es wird der Urheber weggelassen – verursacht aber ein „Rechtspopulist“ einen Unfall, werden sofort die Talkshows aktiviert, Lieder gegen Rechts gesungen, Gauck angeheuert und die Medien heulen: „Da schau her – die Populisten mal wieder“. Medien in Deutschland berichten nicht mehr neutral mit allen Fakten, es wird von den Redaktionen und Presseräten genau bestimmt, welche Infos nützen oder nicht in den Kram passen – und die Presseräte sind Regierungskonform.(Das gab es schon mal vor 1945) Aber deutsche Medien merken es noch nicht, dass sich viele über Auslandsdienste mittlerweile informieren und kommunizieren. Deutsche Medien sind eben das Sprachrohr der elitären (Vor)-Gauckler. Das die da noch Fragen stellen ist die eigentliche Frechheit!

    1. Zu Zeiten der DDR konnte man fast flächendeckend mittels Radio oder TV problemlos auch andere Meinungen als die staatlich gleichgeschalteten empfangen. Die kamen dann halt von jenseits der damaligen Landesgrenzen.

      Im heutigen Deutschland findet Meinungsvielfalt praktisch nur noch im Internet statt. Ein Grund, warum die regierenden Nichtdemokraten dieses gern einhegen, kontrollieren und zensieren möchten.

  3. „Hoch lebe die nationale Randale
    2. Dezember 2016 um 10:49 Uhr

    Auf Stippvisite in Ost und West. Was trifft man? Nichts als deutschen Fraß und deutsche Fressen. Dazu ein bisschen Hurra-Idiotie und reichlich gefühlsechte Bosheit. “

    …und dieses Niveau wird auf diesem bezeichnend Level den ganzen Artikel durchgehalen.

    Soviel aus dem selbsternannten Qualitätsmedium Zeit Online.
    Und dann will man sich ernsthaft über die Gründe für Medienschelte unterhalten, Herr Medienforscher?

  4. LOL – noch mehr Nähe zur Politik und zusätzliche staatliche Subventionen sind sicher der richtige Weg vertrauen zu gewinnen.

  5. Oh ja, Facebook soll bitte schön mehr kontrollieren… was ist, wenn die Kontrolle dann die Facebook-Präsenz etablierte Medien betrifft ?
    Einen kleinen Vorgeschmack gab es schon als Facebook einen Zeitungsartikel der Aftenposten wegen Kinderpornografie gesperrt hat.
    Wo gehobelt wird fallen Späne. Und wenn man eine kritische Zeitung mundtot machen kann indem man ihre Artikel bei Facebook meldet woraufhin diese Artikel gesperrt werden dann wird genau das geschehen.
    Warum sich mit dem Presserat abmühen oder gar einen Anwalt einschalten wenn eine Meldung bei Facebook viel effektiver ist ?
    Und Marc Zuckerberg kann sich dabei sogar auf den Standpunkt stellen das er nur das umsetzt war von ihm gefordert wird.

    Auch die Idee einen nationalen öffentlich-rechtlichen-privaten-sozialen Netzwerkes als Alternative zu Facebook ist Blödsinn.
    Die Menschen sind bei Facebook um den Kontakt zu ihren Freunden und Familien zu halten und um gemeinsame Unternehmungen zu organisieren. Warum sollen sie in ein nationales öffentlich-rechtliches-privates-soziales Netzwerk wechseln ? Nur weil da die deutschen Medien ihren Content verbreiten ? Was nützt mir das wenn ich wissen will wer sich in meinem Freundeskreis getrennt hat oder ich die nächste Kino/Kneipentour bzw ein Grillfest mit den Verwandten organisieren möchte ?
    Das kann nur funktionieren wenn man den Zugang zu Facebook verbietet – in dem Fall kann man von China lernen…

  6. Mein lieber Herr Fischer ,
    die Hoffnung das ein Schock die Menschen aufrüttelt ist leider noch nie in der Geschichte gegeben es war immer der kurze Aufwind der die Kraft und Hoffnung aufzeigte es gibt noch etwas anderes. Nicht alle Menschen sind Künstler ;Schreiber , Visionäre leider können sich die meisten niicht mal vorstellen was sie eigendlich im Grunde ihres Herzens wollen, wie ihr eigenen Leben aussehen sollte im Ideal. Wenn es schon hier scheitert dann ist der Ansatz nicht in der Politik wohl aber in der investition in unsere Kultur. Denn wo sollen die Ingenieure , Erfinder Entwickler an denen Deutschland so reich war dennn in den Wirtschaftsmahlmühlen noch hernehmen, Warum waren wir das Volk der Dichter und Denker und warum entstanden daraus die Gedanken der Großen entdeckeungen. Es zieht eine Babarei des Denkens und Fühlens kalt über die Staaten . Die Menschen friehren und verkriechen sich die Wahrheit wird zuerst geopfert auf dem Scheiterhaufen des Amusements. Den Titel des Verkaufsschlages haben sie selbst gefunden Katzen sind die neuen Lügen.So wird der Rückzug behaglich bis man feststellt das man einen Bandwurm krault der einem Schön halb im Gedärm hängt.

  7. Mein lieber Herr Fischer , Es zieht eine Babarei des Denkens und Fühlens kalt über die Staaten . Die Menschen frieren und verkriechen sich, die Wahrheit wird zuerst geopfert ,auf dem Scheiterhaufen des Amusements. Den Titel des Verkaufsschlages haben sie selbst gefunden: Katzen sind die neuen Lügen.So wird der Rückzug behaglich bis man feststellt das man einen Bandwurm krault der einem schön schon halb im Gedärm hängt.
    Die Hoffnung das ein Schock die Menschen aufrüttelt war leider noch nie in der Geschichte gegeben, es war immer der kurze Aufwind der die Kraft und Hoffnung aufzeigte: es gibt noch etwas anderes. Nicht alle Menschen sind Künstler ;Schreiber , Visionäre. Leider können sich die meisten nicht mal vorstellen was sie eigendlich im Grunde ihres Herzens wollen, wie ihr eigenen Leben im Ideal aussehen sollte . Wenn es schon hier scheitert, dann ist der Ansatz nicht in der Politik wohl aber in der Investition in unsere Kultur. Denn wo sollen die Ingenieure , Erfinder, Entwickler an denen Deutschland so reich war, denn in den Wirtschaftsmahlmühlen noch Zei und Kreativräume hernehmen, Warum waren wir das Volk der Dichter und Denker? Und warum entstanden daraus die Gedanken der großen Entdeckeungen?

  8. Mein lieber Herr Fischer , Es zieht eine Babarei des Denkens und Fühlens kalt über die Staaten . Die Menschen frieren und verkriechen sich, die Wahrheit wird zuerst geopfert ,auf dem Scheiterhaufen des Amusements. Den Titel des Verkaufsschlages haben sie selbst gefunden: Katzen sind die neuen Lügen.So wird der Rückzug behaglich bis man feststellt das man einen Bandwurm krault der einem schön schon halb im Gedärm hängt.
    Die Hoffnung das ein Schock die Menschen aufrüttelt war leider noch nie in der Geschichte gegeben, es war immer der kurze Aufwind der die Kraft und Hoffnung aufzeigte: es gibt noch etwas anderes. Nicht alle Menschen sind Künstler ;Schreiber , Visionäre. Leider können sich die meisten nicht mal vorstellen was sie eigendlich im Grunde ihres Herzens wollen, wie ihr eigenen Leben im Ideal aussehen sollte . Wenn es schon hier scheitert, dann ist der Ansatz nicht in der Politik wohl aber in der Investition in unsere Kultur. Denn wo sollen die Ingenieure , Erfinder, Entwickler an denen Deutschland so reich war, denn in den Wirtschaftsmahlmühlen noch Zei und Kreativräume hernehmen, Warum waren wir das Volk der Dichter und Denker? Und warum entstanden daraus die Gedanken der großen Entdeckeungen?

  9. Mein lieber Herr Fischer , Es zieht eine Babarei des Denkens und Fühlens kalt über die Staaten . Die Menschen frieren und verkriechen sich, die Wahrheit wird zuerst geopfert ,auf dem Scheiterhaufen des Amusements. Den Titel des Verkaufsschlages haben sie selbst gefunden: Katzen sind die neuen Lügen.So wird der Rückzug behaglich bis man feststellt das man einen Bandwurm krault der einem schön schon halb im Gedärm hängt.
    Die Hoffnung das ein Schock die Menschen aufrüttelt war leider noch nie in der Geschichte gegeben, es war immer der kurze Aufwind der die Kraft und Hoffnung aufzeigte: es gibt noch etwas anderes. Nicht alle Menschen sind Künstler ;Schreiber , Visionäre. Leider können sich die meisten nicht mal vorstellen was sie eigendlich im Grunde ihres Herzens wollen, wie ihr eigenen Leben im Ideal aussehen sollte . Wenn es schon hier scheitert, dann ist der Ansatz nicht in der Politik wohl aber in der Investition in unsere Kultur. Denn wo sollen die Ingenieure , Erfinder, Entwickler an denen Deutschland so reich war, denn in den Wirtschaftsmahlmühlen noch Zei und Kreativräume hernehmen, Warum waren wir das Volk der Dichter und Denker? Und warum entstanden daraus die Gedanken der großen Entdeckeungen?

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