Deutschland-Start von Charlie Hebdo: „Hoppla. Vier Euro für so wenige bunte Seiten“

Chefredakteur Gérard Biard bringt zusammen mit Minka Schneider Charlie Hebdo nach Deutschland. Die Auflage liegt bei 200.000 Exemplaren
Chefredakteur Gérard Biard bringt zusammen mit Minka Schneider Charlie Hebdo nach Deutschland. Die Auflage liegt bei 200.000 Exemplaren

"Hoppla. Vier Euro für so wenige bunte Seiten". Nimmt man die erste Reaktion der Rewe-Kassiererin am Hamburger Jungfernstieg, dann dürfte es für Charlie Hebdo auf dem deutschen Markt nicht gerade leicht werden. Die französischen Satiriker wagen den Sprung über den Rhein und wollen nun auch hierzulande mit ihrem eigenwilligen Stil Politiker und Kirchenleute beleidigen sowie die Leser unterhalten. Das alles misslingt – zumindest erst einmal.

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Es ist natürlich einfach, den Deutschland-Start von Charlie Hebdo als weiteren Sieg der Satiriker über den islamistischen Terror zu feiern. Hätten die Mörder am 7. Januar 2015 nicht elf Mitarbeiter der Zeitschrift erschossen und hätte es danach nicht eine beispiellose Welle der Solidarität („Je suis Charlie“) gegeben, wäre die Redaktion wohl niemals auf die Idee gekommen, bzw. hätte wohl niemals die finanziellen Mittel gehabt, um in einen neuen Markt zu expandieren. Der Terroranschlag steigert nämlich nicht nur die Solidarität, sondern auch Verkäufe und Bekanntheit von Charlie Hebdo. So gesehen haben die Terroristen versagt. Sie haben die Satiriker nicht mundtot, sondern größer und damit lauter gemacht.

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Diese Vorgeschichte hilft jedoch nicht bei der Betrachtung der deutschen Premieren-Ausgabe. Erster Eindruck: alles sehr gelb, grell, bunt und wenig lustig. Zu sehen ist Merkel auf einer Hebebühne. Ein tumber VW-Mechaniker hält einen Auspuff in der Hand und sagt in einer Sprechblase: „Ein neuer Auspuff und es geht noch 4 Jahre weiter“. Headline des Cartoons: „VW steht hinter Merkel“. Es gibt wahrlich drängendere und wohl auch für Satire lohnendere Themen zur Zeit als Merkel und der VW-Skandal, bei dem die Kanzlerin noch nie ernsthaft in Erscheinung getreten ist.

So wirkt schon die Titelseite wie auf einem Pariser Schreibtisch konzipiert. Keine wirklich absurde Cover-Idee, aber trotzdem weit weg von der Lebens-Realität in Deutschland. Damit wäre auch schon ein Problem der ersten deutschen Ausgabe des Magazins benannt. Es handelt sich überwiegend um eine Übersetzung. Es gibt keine deutsche Redaktion und auch (noch) keine deutschen Zeichner.

„Chers amis allemandes“, beginnt das Editorial der Chefredakteure Gérard Biard und Minka Schneider. Nach einem kurzen Einstieg über Helmut Kohl kommt der Chefredakteur zur Sache: „Endlich überqueren wir den Rhein und freuen uns auf das Jauchzen von Angela Merkel und Frauke Petry, wenn wir die beiden ein bisschen unter den Achseln kitzeln, selbst unrasiert, wir schaffen das.“ Denn „die Zeit der Retusche ist vorbei“. Ab sofort gibt es Charlie Hebdo auch in Deutschland. „Sie haben in schwierigen Stunden an uns gedacht. Jetzt denken wir an Sie!“, versprechen die Macher in Richtung der Leser.

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Tatsächlich scheinen die Gedanken der Pariser vor allem von Merkel beherrscht. Über das gesamte Heft sind – meistens nicht gerade lustige – Zeichnungen der Kanzlerin zu sehen. Die versprochene Frauke Petry kommt genau einmal vor. Ihr Kopf ist auf einer Zeichnung zu sehen. Dazu der Text: „Den Scheitel hat sie schon. Fehlt nur noch das Bärtchen!“. Hitler-Witze gehen natürlich immer, es geht aber auch origineller.

Neben Merkel arbeiten sich die Satiriker kräftig an Francois Fillon ab. Francois, wer? Genau, der bislang – zumindest hierzulande – weitgehend unbekannte Politiker, der der nächste Präsidentschaftskandidat der Konservativen in Frankreich wird. Ohne Übertreibung lässt sich wohl sagen, dass sich mit diesem Typen und diesem Thema zwischen Flensburg und Passau nur wenige Hefte verkaufen lassen.

Aus deutscher Sicht ist das beste Stück der mit 16 Seiten sehr dünnen Premieren-Ausgabe die Reportage „Rabenmutti und Vaterstaat: Wer lebt glücklich in Deutschland“. Darin kommen eine Vielzahl unterschiedlicher Deutscher zu Wort, die vor allem eines eint: die Suche und Unsicherheit, was die deutsche Identität betrifft.

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Überhaupt liegt die Stärke des Start-Heftes in den eher ruhigen Texten. So schreibt Philipp Lancon über seinen langen und schweren Weg zurück in den Alltag. Der Kolumnist gehörte zu den schwerverletzten Überlebenden der Terrorattacke auf die Redaktion. Nach zahlreichen Operationen und vielen Monaten in Krankenhäusern schreibt er nun regelmäßig über seinen neuen Blick auf das Leben und die Welt.

Sich selbst sehen die Franzosen gar nicht als Satirezeitschrift. So erklärt Co-Chefredakteurin Schneider im Interview mit dem Freitag, dass sich das Wort „zwar in Deutschland eingebürgert“ habe, es aber nicht treffe. „Wir sind kein Magazin, sondern eine Zeitung. Sowohl haptisch wie optisch als auch darin, wie das Heft entsteht. Wir greifen aktuelle Nachrichten aus Umwelt, Wirtschaft, Kultur auf. Es gibt Rubriken. Viele deutsche Leser werden vermutlich erstaunt sein, wie viel Text es gibt.“

Dass die Spaßvögel von der Seine in den kommenden Ausgaben noch zulegen müssen, wissen sie wohl selbst am besten. So deutet Biard im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau an, dass es erst einmal darum gehe, zu lernen. Das Markenzeichen des Magazins soll dabei erhalten bleiben: politische Satire, gewürzt mit einem bewusst provokativen bis obszönen Ansatz. In der gallischen Humor-Schule funktioniert Obszönität wunderbar als Provokation und wird offenbar auch gerne in einem subversiven Sinne als politisch empfunden. „Unsere Texte sind intellektuell, aber der Humor erscheint mir oft nicht so verkopft wie in Deutschland, er ist eher handfest, burschikos, spontan, manchmal auch gaga“, erklärt Schneider.

Bei aller Humor-Theorie sollte jedoch die erste Frage, die man an die erste deutsche Ausgabe von Charlie Hebdo stellt, immer lauten: Ist das lustig? Die Antwort lautet – zumindest diesmal: leider nein.

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Alle Kommentare

  1. na ja – gebt denen doch ein bischen Zeit. Wobei: Teuer ist sie schon.
    Anspruchsvolle Satire verkauft sich so gut/schlecht wie anspruchsvolle
    Lektüre in Deutschland. Die Einschaltquoten einschlägiger privater TV-Programme sowie Yellow-Print Medien beweisen das jeden Tag……

  2. Zielgruppe ist nicht „Kennste kennste ..?“ Hohe Verkaufszahlen sollte man nicht erwarten, eher eine kleine Zielgruppe abseits des Barth’schen Humors 😉

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