„Wir bleiben nackt, aber anders nackt“: Der deutsche Playboy hübscht sich auf und setzt auf Selfie-Styles

Chef-Playboy Florian Boitin
Chef-Playboy Florian Boitin

Während sich in den USA der Playboy längst züchtig angezogen präsentiert, gehört es hierzulande noch immer zu den absoluten Kernkompetenzen des Herren-Magazins, hübsche Frauen beim Ausziehen oder ausgezogen zu zeigen. In der Dezember-Ausgabe kommt das Häschen-Heft aus dem Hause Burda allerdings selbst komplett umgezogen daher. Chefredakteur Florian Boitin hat sein Enthüllungs-Blatt optisch sowie inhaltlich aufgehübscht und sogar den legendären Claim ausgetauscht.

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Aus „Alles, was Männern Spaß macht“, wird jetzt „Alles, was Männer lieben“. „Es geht natürlich auch weiterhin darum, Männer zu unterhalten. Doch „Spaß“ hat heute eine etwas oberflächige Konnotation“, erklärt der Blattmacher. „Es ist uns zu flapsig geworden. Zudem beobachten wir mittlerweile eine derart starke Verbindung unserer Leser mit dem Heft, dass wir diesem Umstand mit unserem neuen Claim noch mehr Rechnung tragen wollten“. So meint der Chefredakteur, dass echte Liebe doch deutlich kräftiger sei, als einfach nur Spaß haben zu wollen. „Die Marktforschung ergab, dass der neue Claim die Zielgruppe besonders stark zum Blättern und Kaufen motiviert.“

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Mit dieser engen Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Marktforschern liegen die Münchner ganz im Trend der Verlagswelt. Auch die Gala und andere Magazine überarbeiteten in diesem Jahr ihre Titel und hörten dabei genau auf die Wünsche der Leser.

Die zweite – bereits auf dem Cover – sichtbare Änderung betrifft die Bildsprache. Auch sie hat sich verändert. Für Boitin ist es vor allem „die Weiterentwicklung eines seit bald 45-Jahren bestehenden Erfolgs-Konzeptes“. Tatsächlich hat sich der Playboy optisch schon immer gehörig gewandelt. So waren die Ausgaben schon immer auch Dokumente der Stil-Ästhetik der jeweiligen Erotik-Fotografie. Sahen in den 50-Jahren die Bunnies noch wie klassische Pin-up-Girls aus, ähnelte die Fotografie der frühen 80er-Jahre  Ausschnitten aus „Emmanuelle“-Filmen und anderen Softporno-Streifen.

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„Wir bleiben nackt, aber anders nackt“, fasst der Chef erst einmal die Änderungen in der Bildsprache zusammen. Allerdings habe sich durch die Instagramfotografie die Selbstinszenierung sowie die gesamte Darstellung verändert. Das betrifft die Inhalte, aber auch die Bildästhetik. „Wenn junge Frauen sich heute selbst inszenieren, wirkt das selbstverständlicher und authentischer“, sagt Boitin. „Viel nahbarer, als die bisher bekannten Überinszenierungen.“ So kündigt der Blattmacher an, dass die neue Bildsprache nun auch viel stärker einfließen werde. „Die erotische Fotografie wird in Zukunft, sexy und nackt bleiben, aber auch deutlich näher sein.“ So stellt die aktuelle Titelgeschichte nicht nur eine Party nach, sondern die Münchner feierten tatsächlich eine Fete mit ihren Playmates des Jahres, die sie dann im Reportage-Stil fotografierten.

Natürlich bleibt das sich Bunnie-Magazin in seinem Produktversprechen und auch in seiner grundsätzlichen Ansprache auch nach der Renovierung treu. „Der Playboy ist ein Kultmagazin, etabliert im Markt und das führende Männermagazin. Deshalb bleibt das Magazin auch weiterhin immer als Playboy zu erkennen.“

playboy_coverZwei Cover der neuen US-Ausgabe

Ein ähnlich radikaler Wandel, wie den USA, wird es mit den Münchner wohl kaum geben. Vor gut einem Jahr verabschiedeten sich die Amerikaner von expliziten Nacktdarstellungen. Seitdem streiten die Gelehrten, ob der Playboy dort einen Teil seiner Identität verloren hat. Fakt ist, dass zumindest die Bild-Sprache der Titelseiten sehr modern und hochklassig ist.

Der deutsche Ableger ist und bleibt von diesem Wandel jedoch unberührt. „Wir haben eine große Unabhängigkeit vom US-Lizenzgeber. Das betrifft nicht nur die Nacktheit“, versichert Boitin.

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Grundsätzlich bleibt der Titel bei seinem Anspruch das einzige General-Interest-Magazin zu sein, „dass es schafft, den Mann in seiner ganzen modernen Vielfältigkeit anzusprechen.“ Um dem im Jahr 2017 auch weiterhin gerecht zu werden, soll das überarbeitete Magazin mit seinen längeren Lesestrecken und opulenteren Optiken eine Art Print-Wellness für Männer bieten. „Eine Entspannungs-Oase im Irrsinn des Alltages. Ein Heft, das man immer mal wieder zu Hand nimmt und blättert“, wie es der Blattmacher formuliert. Wichtig ist dem Chefredakteur dabei, die Leser nicht umerziehen und auch nicht disziplinieren zu wollen.

Anders als bei GQ, Men`s Health & Co. wird von den Lesern nicht verlangt, künftig besonders Stylish zu sein oder das Bauchfett innerhalb von drei Monaten zu verlieren.

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„Es ist nicht mehr so einfach, durch ein einmaliges Erscheinen jeden Monat die Republik stillstehen zu lassen“, so Boitin. Rhetorisch fragt der Blattmacher, ob der Playboy im Jahr 2016 die Nacktheit exklusiv hätte? Seine Antwortwort: „Nein, natürlich nicht. Die Nacktheit an sich ist heute keine Nachricht mehr. Es geht heute darum, wen wir enthüllen und wie wir die Person enthüllen. In Zeiten, in denen Facebook jeden Nippel zensiert, ist unsere Variante des Enthüllungsjournalismus ein klares Statement.

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Dazu passt, dass sich der Playboy längst nicht mehr nur als Zeitschrift sieht, sondern als eine Multi-Kanal-Marke. Tatsächlich sind die Münchner auf vielen Plattformen gut im Geschäft. So erzählt Boitin mit einem gewissen Stolz, dass man alleine bei Facebook über zwei Millionen Freunde hat, obwohl man sein „erotisches Alleinstellungsmerkmal dort gar nicht ausspielen kann“. Trotzdem wird der blaue Riese eine zunehmend wichtigere Traffic-Quelle.

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Auch bei den Digital-Abos geht es aufwärts. So konnte die Redaktion die Abo-Zahl des E-Papers mehr als verzehnfachen und von 1.400 auf über 14.000 steigern. „Wir haben alle rückläufige Print-Verkäufe. Deshalb ist es immer wichtiger nicht mehr in einem einzelnen Produkt, sondern in Markenwelten zu denken.“

Im dritte Quartal zählte die IVW für den Playboy einen Gesamtverkauf von 155.999 Exemplaren. Vor einem Jahr waren es noch 179.566 Hefte. 2013 lag die Auflage noch bei knapp über 200.000 verkauften Ausgaben. „Trotz ebenfalls sinkender Auflagen, konnten wir beobachten, dass unsere Kernleserschaft im vergangenen Jahr um neun Prozent gestiegen ist“, erklärt der Chefredakteur.

Seine Ziele und Wünsche, die er mit der „Weiterentwicklung“ verbindet, sind durchaus ehrgeizig. „Frei nach Otto Rehhagel: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Wir wären schon enttäuscht, wenn sich die Weiterentwicklung nicht zumindest mittelfristig auch bei den Verkaufszahlen niederschlagen sollte.“ Dabei setzten die Münchner jedoch nicht, wie der Trainergroßmeister auf kontrollierte Offensive: „Wir spielen schon auf Sieg“.

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