„Vorwürfe gegen Harms absurd“: 25 Redakteure solidarisieren sich mit SpOn-Chefredakteur

Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms, neues Bezahlmodell Spiegel Plus: Gerüchte über angeblich bevorstehende Demission sorgen für Unruhe
Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms, neues Bezahlmodell Spiegel Plus: Gerüchte über angeblich bevorstehende Demission sorgen für Unruhe

Am Abend vor der Gesellschafter-Versammlung beim Spiegel Verlag haben 25 Mitarbeiter des SpOn-Hauptstadtbüros eine ungewöhnliche Solidaritätsaktion gestartet. Ohne dass es dafür – abgesehen von einem Medienbericht, der sich auf namentlich nicht genannte Quellen bezieht – klare Anzeichen gibt, scheinen die Redakteure davon auszugehen, dass ihr Chefredakteur Florian Harms vor der Ablösung steht. Mit einem gemeinsam "in großer Sorge" verfassten Schreiben wollen sie das verhindern.

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Der Branchendienst Horizont hatte in der vergangenen Woche darüber berichtet, dass in der Chefredaktion von Spiegel und Spiegel Online ein Führungsstreit ausgebrochen und die Position von Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms deshalb gefährdet sei. Der SpOn-Macher, so die Autorin Ulrike Simon, stehe in der Kritik, weil die vor einigen Monaten mit dem externen Dienstleister Later Pay gestartete Paid Content-Offensive Spiegel Plus sich als Flop herausstelle und Harms nicht bereit sei, Reichweiteneinbußen hinzunehmen. Statt dessen fordere er mehr Artikel aus dem Print-Spiegel für das Online-Portal. Der Verlag sowie Later Pay dementierten umgehend, dass Spiegel Plus gescheitert wäre – im Gegenteil: Man halte an der Kooperation fest. Aus der SpOn-Redaktion wurde eine (anonyme) Solidaritätsbekundung an Medienjournalisten versandt, und angeblich stellte sich auch Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hinter Harms.

Auf Horizont zumindest schien das wenig Eindruck zu machen. Das Fachmagazin publizierte für die Printausgabe einen weiteren Bericht, der nichts zurücknimmt und die geschilderten Umstände noch untermauert. Mitarbeiter von Spiegel Online wenden sich nun gegen die Darstellung, die sie als „absurd“ bezeichnen. Am Abend erreichte MEEDIA ein Schreiben, das von 25 Redakteuren des Berliner SpOn-Büros gezeichnet ist und Chefredakteur Harms den Rücken stärken soll. MEEDIA dokumentiert den Wortlaut:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mit großer Sorge nehmen wir im Berliner Büro von SPIEGEL ONLINE die Diskussion um den Chefredakteur Florian Harms zur Kenntnis. Die von „Horizont“ kolportierten Vorwürfe gegen Harms halten wir für absurd.

Florian Harms führt gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Barbara Hans sowie den weiteren Mitgliedern der Chefredaktion die Redaktion von SPIEGEL ONLINE seit bald zwei Jahren kompetent und kollegial. Unter seiner Ägide wurde unter anderem der Meinungsbereich erfolgreich ausgebaut, die Bewegtbild-Sparte von SPIEGEL ONLINE deutlich verstärkt und erstmals auch die Präsenz von SPIEGEL ONLINE in den sozialen Medien und Suchmaschinen professionalisiert. Dass mit den im Zuge dieser Innovationen nötigen Ressourcenverschiebungen und Veränderungen nicht jeder in der Redaktion einverstanden sein konnte, versteht sich von selbst. Eine allgemeine Unzufriedenheit in der Redaktion nehmen wir jedoch nicht wahr.

Wir blicken auf erfolgreiche zwei Jahre zurück, sowohl journalistisch als auch ökonomisch. Wir können nicht erkennen, dass eine Veränderung der Chefredaktion angesichts dieser positiven Bilanz angezeigt wäre. Im Gegenteil befürchten wir eine erneute Phase der Verunsicherung der Redaktion und insgesamt eine Schwächung von SPIEGEL ONLINE. Wir appellieren an die Geschäftsführung und die KG, unsere Bedenken bei ihrer Entscheidungsfindung über die Zukunft von SPIEGEL ONLINE zu berücksichtigen.

Stefan Kuzmany
Roland Nelles
Sebastian Fischer
Philipp Wittrock
Severin Weiland
Annett Meiritz
Fabian Reinbold
David Böcking
Christoph Sydow
Matthias Gebauer
Anna Reimann
Veit Medick (derzeit Washington)
Florian Gathmann
Hannah Pilarczyk
Michael Kröger
Andreas Borcholte
Christoph Seidler
Peter Ahrens
Leonie Voss
Janita Hämäläinen
Sandra Sperber
Yasemin Yüksel
Thies Schnack
Martin Sümening
Robert Ackermann

 

Mit der namentlichen Protestaktion ist eine neue Dimension im Rätselraten um die angeblich bevorstehende Wachablösung bei Spiegel Online erreicht. Sie zeigt aber auch das hohe Maß an Verunsicherung, das trotz der Dementis von der Verlagsspitze bei den Onlinern zu herrschen scheint. Für die Situation von Florian Harms lässt das nichts Gutes erahnen, sind es doch die Falschen, die ihm hier den Rücken stärken: Das wäre eigentlich Sache seiner Vorgesetzten, die das vielleicht deutlicher hätten tun müssen, wenn an den Gerüchten denn nichts dran sein sollte.

Für die Entscheider – und die Gesellschafter sowieso – ist die quasi-öffentliche Aktion von der SpOn-Basis eher lästig. Es bringt sie unter Zugzwang und erhöht den Druck. Und in Führungszirkeln schätzt man es allgemein wenig, wenn die Mitarbeiter den Eindruck erwecken, sie wüssten am besten, wer für den Job des Chefs infrage kommt. Sollte also die Demission von Harms ernsthaft erwogen worden sein, so könnte sie nun schneller erfolgen als vielleicht mal geplant war.

Wenn nicht, wäre alles andere als ein klares öffentliches Bekenntnis von Verlag und Spiegel-Chefredakteur zu Harms unmittelbar nach der Gesellschafterversammlung unausweichlich. Man darf gespannt sein, wie sich die Verantwortlichen verhalten werden. So oder so wird eine längerfristige Unruhe in der rund 180 Mitarbeiter starken Redaktion von Spiegel Online kaum zu vermeiden sein. Bereits vor einer Woche wurde – damals noch anonym – aus dem Umfeld der Online-Mannschaft eine Lesart der internen Stimmungslage verbreitet, wie sie deutlicher nicht sein könnte. O-Ton:

Nachricht:
Die Spon-Ressort- und Bereichsleiter haben sich auf der Betriebsversammlung von Spon deutlich positioniert: „Die Verlagsgeschäftsführung wäre nicht bei Verstand, wenn sie – nach all den Wechseln und verlorenen Jahren zuvor – erneut einen Chefredakteur austauschen will.“
(ms/ga)

 

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Alle Kommentare

  1. Anscheinend demontiert sich der SPIEGEL- Verlag selbst…, dass kommt davon wenn alle hoch zu Ross sein wollen…!!!

  2. man wünschte sich einmal eine gut recherchierte Inside-Geschichte über den Spiegel – natürlich am Besten in dem selbsternannten führende Investigativ-Medium namens Spiegel. Traut sich, weil es dazu nicht kommen wird, ein anderes Medium einmal, den journalistisch überheblichen Schlendrian an der Ericusspitze, den publizistischen Print-Scheiterhaufen aus Hamburg einmal abzulöschen?

  3. Wer zuerst drinsteckt wird von den Nachkommenden tiefer reingeschoben und kann dann nicht mehr so leicht gefeuert werden.

    Außer der Chef fliegt, dann fliegt man mit …

    Alles aber sehr erfrischend … weiter so!

  4. So sehr ich das Anliegen verstehe, wonach man für Artikel auch zahlen soll: Es wundert mich nicht, wenn Spiegel Plus abschmiert. Die wirklich interessanten und gut recherchierten (Hintergrund-) Artikel, also die Filetstücke, landen nämlich dort. Für das gemeine Volk gibt es nur Sättigungsbeilage.

  5. Komisch, wie aus nichts viel gemacht wird!
    Aber abgesehen davon, zeigt der ewige Zwist zwischen print und online, wie unsolidarisch Journalisten untereinander sind. Klassisches Integrationsproblem, eines Mediums mit Zweiklassen-System.
    Die Printler wollen nicht wahrhaben, dass das Festhalten an ihren Privilegien und der Unwille, sich weiter für online zu öffnen, am Ende den ganzen Laden versenkt. Klar, der journalistische Standard des Hefts ist noch oftmals höher, aber auch nicht mehr immer und überall…
    Online ist keine Krankheit.

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