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Vor SpOn-Betriebsversammlung: Neue Führungsfragen belasten Spiegel-Gruppe

Entlassener SPON-Macher Florian Harms (li.) und Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: „Nein, es gab keinen Eklat“
Entlassener SPON-Macher Florian Harms (li.) und Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: "Nein, es gab keinen Eklat"

Drohende Kündigungen, fehlende Innovationen – der Spiegel-Verlag kommt in diesem Jahr nicht zur Ruhe. Jetzt sorgen Führungsfragen bei Spiegel Online für neue Aufregung im Hamburger Medienhaus. So soll SpOn-Chef Florian Harms um seinen Posten bangen. Doch auch Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer steht kurz vor dem zuvor mehrfach anvisierten Treffen der Gesellschafter am 1. Dezember in der Kritik.

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Wieder einmal drohen turbulente Zeiten beim Spiegel-Verlag. Heute um 15 Uhr findet die Betriebsversammlung von Spiegel Online statt. Und wenige Stunden vor dem Treffen zwischen Geschäftsführung und Belegschaft herrscht im Unternehmen massive Unruhe.

Grund hierfür ist nicht nur ein Medienbericht, wonach SpOn-Chef Florian Harms um seinen Posten fürchten muss. Offenbar ist die Geschäftsführung unzufrieden darüber, dass sich das mit Laterpay eingegangene Bezahlmodell zum Flop entwickelt. Zu wenige Leser seien angeblich bereit, Geld für einzelne Artikel zu zahlen, heißt es. Damit entzündet sich erneut ein Richtungsstreit um die weitere Ausrichtung von SpOn. Will die Führungsspitze an Paid Content festhalten oder wieder mehr Kraft in den Ausbau der Reichweite stecken?

Reichweite – das will vor allem SpOn-Chef Harms. Doch dies ist nur möglich, wenn er verstärkt auf personelle Kapazitäten des gedruckten Spiegel zugreifen kann. Von dem Vorschlag scheint aber Print-Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer – zugleich Herausgeber des hauseigenen Portals und damit Harms vorgesetzt – wenig erbaut. Er benötigt die gesamte Kraft der Redaktionsmannschaft fürs Heft, dessen Verkäufe ebenfalls unter Druck stehen. Zwischen Brinkbäumer und Harms sei daher die Stimmung auf einen Tiefpunkt angelangt. Von heftigen, lautstarken Wortwechseln über die weitere Strategie von Print und Online ist die Rede. Daran entzündet sich die Frage, ob Florian Harms das Haus verlässt. An seine Stelle soll die stellvertretende Online-Chefin Barbara Hans das Ruder übernehmen.

Ein Wechsel an der SpON-Spitze ist denkbar. Am 1. Dezember treffen sich die Gesellschafter des Spiegel-Verlags, um über die weitere wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens zu beraten. Die Indizien, dass gravierende – vor allem personelle Veränderungen – im Haus bevorstehen, sind unübersehbar. Angeblich wurde der Termin für das Gesellschaftertreffen immer wieder hinausgezögert. Zunächst sollte es im Oktober stattfinden, dann im November und jetzt im Dezember.

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Hausintern brodelt daher die Gerüchteküche, wie die künftige Führung des Spiegel-Redaktion aussehen könnte. Denn auch die Position von Klaus Brinkbäumer als Chefredakteur des Print-Objektes ist nicht unumstritten. Seit fast zwei Jahren ist der gebürtige Westfale jetzt im Amt. Und seine Auflagen-Bilanz sieht nicht gerade rosig aus. Bewegte sich die hart verkaufte Auflage (Abo und Einzelverkauf) des Spiegel im 1. Quartal 2015 noch bei 676145 Exemplaren, ist sie inzwischen im 3. Quartal 2016 auf 596699 Stück gesunken – ein satter Rückgang von rund 80.000 Exemplaren. Die Gründe sind vielschichtig. Kritiker meinen, dass das Magazin mit seinen Titelthemen einerseits zu berechenbar sei, andererseits oft den Nerv der Zielgruppe verfehle. Ein klarer Kurs jenseits des Meinungs-Mainstreams sei immer weniger zu erkennen. Zu lange sei es her, dass das Nachrichtenmagazin mit Enthüllungs-Geschichten wie der „Sommer-Märchen“-Affäre um den Deutschen Fußballbund die Schlagzeilen der Woche bestimmte.

Denn der Verlag muss dringend Auflage mit dem Print-Produkt machen. Noch immer ist das gedruckte Objekt die wichtigste Einnahmequelle. Das weiß auch Verlagschef Thomas Hass. Ihm fehlen jedoch geeignete Innovationen, die die Auflagenschwund und den damit verbundenen Umsatzrückgang wettmachen. Ob die elektronische Tageszeitung Daily oder ein Ausbau der englisch-sprachigen Webseite – seit Längerem stehen mehrere Projekte in den Startlöchern. Umgesetzt wurde hiervon bislang nichts.

Jetzt soll im Frühjahr Spiegel Classic, ein Best-Ager-Magazin, an den Markt kommen. Ob der Ableger jedoch genügend Abnehmer findet, wird sich zeigen. Von großer Innovationskraft des Spiegel ist dabei nicht die Spur. Auch Überlegungen, eine TV-Zeitschrift in den hart umkämpften Markt der Programmtitel zu drücken, wird hausintern eher als Verzweiflungstat belächelt als eine Neuheit gewertet, mit dem der Spiegel-Verlag sein ganzes journalistisches Talent beweist. Kurz vor dem Jahreswechsel herrscht jedenfalls alles andere als Harmonie im Haus, das sich traditionell mit Innovationen nicht leicht und mit hochkarätigen Personalfragen noch viel schwerer tut.

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Alle Kommentare

  1. Mein unmaßgeblicher Rat: Schluss mit Kommentaren und Kolumnen. Schluss mit Autorennamen und -kürzeln. Nie mehr das Wörtchen „ich” im Heft und online.
    Und beten, dass ein neuer Schirrmacher herniederkomme und den verzagten, mediokren Seelen den Königsweg zur Erleuchtung weise.
    Bald ist Weihnachten.

  2. Sie schreiben: „Ein klarer Kurs jenseits des Meinungs-Mainstreams sei immer weniger zu erkennen.“

    Ja, das ist wohl einer der Gründe für die Probleme. Denn, wie es der Name ja sagt, Mainstream gibt es reichlich und überall. Deswegen muss man nicht unbedingt den Spiegel kaufen. Allerdings sind die Probleme nicht so einfach zu beheben, wie ich meine, dass einfach wieder gegen den Strich gebürstet wird. Denn in Zeiten rückgehender Print-Auflagen, drohender Entlassungswellen etc. werden wahrscheinlich etliche Journalisten sich um ihre berufliche Zukunft sorgen. Und wer da katzig wird, beispielsweise das Wort Populismus nicht verwendet oder – gravierender noch – nicht mehr von „Flüchtlingen“ spricht, sondern von Wirtschaftsmigranten (was der Wahrheit ja viel näher kommt) oder sich nicht mehr am Niederschreiben demokratisch legitimierter Konkurrenz rechts von der CDU beteiligt, wer also dergestalt katzig wird, der kann sich natürlich nicht mehr bei der SZ, der TAZ, dem ÖRR oder dem Stern bewerben (die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Deswegen habe ich für die links-grüne Ausrichtung der MSM sogar ein gewisses Verständnis. Ich habe kein Problem damit – es ist heutzutage ja leicht, sich nach kurzer Suche seriöse Informationen im Netz zu besorgen.

  3. Die Strategiefalle des Spiegel, zwei unterschiedliche Ausrichtungen für eine Marke, muss zwangsläufig zu Spannungen in der Führung führen. Wenn man jetzt entscheiden müsste, wer von beiden seine Sache schlechter macht, würde ich trotz des knappen Finishs auf Brinkbäumer tippen. Herr Harms ist aber sicher nicht der Mann, der SPON flott machen kann. Dazu müsste man zuerst erkenne, dass das jetzige Konzept, das vor einigen Jahren noch gut funktionierte, durch die Weiterentwicklung der digitalen Öffentlichkeit in Deutschland an seine Grenzen gestoßen ist. Wenn etwas „mobil“ nicht funktioniert, ist es automatisch nicht wirklich digital. Denn „digital“ ist immer mobil, weil die meisten Menschen den Inhalt auf mehreren unterschiedliche Endgeräte nutzen wollen. Das ist keine Frage des Werbemarktes. Man muss alles neu, und sehr anders machen. Im Verlag gibt es ja genau diese Idee „Daily“, die, obwohl von Schnibben (einem digitalen Analphabeten) entwickelt, in diese Richtung zielt. Der Spiegel ist wirklich nicht die einzige Firma, wo überschüssiges Führungspersonal in die Innovationsabteilung abgeschoben wurde. SPON muss als Marke weg, und eine neues Portal her (der Transfer der Leserschaft dürfte das kleinste Problem sein). Und die Kernmarke muss digital ausgerichtet werden. Ein digitales Magazin ist immer aktuell, hat also keinen Printrythmus. PDFs und Apps sind nur verlängerte Printstrategien, die man nicht einmal in einem gut ausgestatteten Haushalt problemfrei nutzen kann. Inhaltlich richtet sich der Spiegel seit langem zu stark am Mainstream aus. In letzter Zeit sogar noch verstärkt. Die Meinungslastigkeit, die sich daraus ergibt, ist wirklich sehr nervig. Ich weiß -völlig ungewollt -, wie Herr Harms (und viele andere Redakteure) in vielen politischen Fragen denken. Was weder besonders interessant noch journalistisch zielführend ist. Dafür multimedial, also zeitraubend und platt. Generell ist ja der Trend bei allen Printprodukten und ihrer Digitalableger, wenigstens die „Kernleserschaft“ an sich zu binden, und die anderen größtmöglich zu ignorieren. Die Quittung bekommen die Digitalmedien dann im „Forum“, wo sich die abweichenden Meinungen zu Wort melden. Für die einen ist das dann „Hatespeech“, für die anderen sammeln sich dort die vom Angebot enttäuschte Kunden. Die Communitystrategie der Verlage zeichnen sich deshalb durch das schier unstillbare Bedürfnis aus, die Leser zu bessern und zu bevormunden, statt auf ihre Argumente einzugehen. Das ist der Kern des Problems. Insgesamt handelt es sich also um eine Brückenstrategie, die genauso erfolgreich ist, wie die auf ungeeignete Energieerzeuger ausgerichtete Energiewende. Nämlich gar nicht, was neue Geschäftsmodelle und neue Leserschichten angeht. Erstaunlich ist doch in Wirklichkeit, wie stark die Printauflagen immer noch sind. Deutschland ist, realistisch gesehen, ein digitales Entwicklungsland (Neuland, wie die Frau Bundeskanzlerin für sich durchaus zutreffend formuliert). Vor allem was die beschissene Infrastruktur angeht, die nur in den Ballungsräumen einigermaßen akzeptabel funktioniert. Am Wochenende war ich bei einer Geburtstagsfeier „auf dem Land“. „Lasset alle Hoffnung“ fahren, stand dort mit großen Lettern über dem Ortseingang, so wie in Dantes „Göttlicher Komödie“ über dem Eingang zur Hölle. Dortmund musste ohne meine Unterstützung gegen die Bayern antreten. Das Problem kennt jeder, niemand unternimmt etwas dagegen. Die politische Protektion des Festnetzes der Telekom, um die Pensionen der alten Postmitarbeiter zu bezahlen, macht jede vernünftige Ausbaustrategie zunichte. Und auch im Mobilfunk habe wir eine großzügige Regulierungsbehörde, was die Gewinne der beteiligten Firmen angeht, mit effektiven Netzmindeststandards möchte man sich dort nicht befassen. Auf diese Rahmenbedingungen zu verweisen ist wichtig, weil diese scheinbar der Printstrategie der Großverlage entgegenkommt und deshalb auch von der Presse (fast) nicht kritisiert werden. Am Ende wird aber gerade dadurch eine gewinnermöglichende Neuausrichtung extrem erschwert. Das sollte man der habituell technikfeindlichen Mehrheit beim Printspiegel auch mal ins Stammbuch schreiben. Dort ist man mit der Beschwörung jeder nur erdenklichen „Umweltgefahr“ jahrzehntelang gut gefahren. Die Auflage stieg, und war die eine Gefahr ausgelutscht (Waldsterben, BSE, Atomkraft, Elektrosmog und tausend „Nebengefahren“ – im Marxismusseminar seligen Andenkens waren das noch die Nebenwidersprüche, denn die Ökoideologie ist ja nichts weiter, als Kulturmarxismus für denkfaule Hipster – ), hatte man rasch eine Neue zur Hand. Dabei möchte man gar nicht wissen, wie viele Redakteure beim Hamburger Schmuddelwetter insgeheim von einer kräftigen Erderwärmung träumen, auf die sie seit 10 Jahren vergeblich warten.

  4. Arschkriecher-Aufmacher wie der völlig überzogene Trump-Alarmismus („JA, ER ISST AUCH KINDER!“) zeigen nur, dass die alte Autorität futsch ist. Berechenbares Rumgeplärre desorientierter Gestriger, die den Anschluss an die Jetztzeit endgültig verlieren. Feindgefühl statt Feingefühl.

    Das Sturmgeschütz schießt mit Platzpatronen – dabei müsste gerade jetzt ein starker Käpt’n ans Steuer. Ich sage: Nicht rot sehen, sondern Blau! Die gewachsene Barriere zum Leser knackt man nicht mit einem alten Maat, der diversen Kapitänen zur Hand ging, aber nur qua Alternative die Heckkabine besetzt.

    Es braucht einen weltoffenen Kartographen. Nationalisten begegnet man am besten mit Internationalisten.

    Klar Schiff machen, Segel hissen, und rein in die Schlacht!

  5. Ich wollte vor einiger Zeit eine Fernsehprogrammzeitschrift abonnieren und habe das gesamte Segment verzweifelt nach einer anspruchsvollen Zeitschrift durchsucht. TV Spielfilm war noch die am wenigsten schlechte, aber von journalistischem Anspruch kann bei keiner einzigen dieser Zeitschriften die Rede sein. Kein Wunder, dass die Leute dafür dann auch nichts zahlen wollen und wir diese Spirale des Niedergangs beobachten.

    Wie genau eine journalistisch gestaltete Fernsehzeitschrift funktionieren könnte, weiß ich nicht, denn es gibt ja keine. Ich wüsste aber auch nicht, warum man vorher schon sicher sein soll, unter vierzig Millionen Privathaushalten nicht einige hunderttausend zu finden, die für eine qualitativ hochwertige Beratung bei der Gestaltung vieler Lebensstunden einige Euro zu zahlen bereits sind. Die hier unterschobene defätistische Besserwisserei ist jedenfalls ganz gewiss keine unternehmerische Haltung.

  6. Der Spiegel ist nicht mehr relevant. Das hat die Belegschaft und die Führung selber zu verantworten, weil Meinungsmache wichtiger als neutrale Fakten sind.
    Tja hat nichts mehr mit Journalismus zu tun. Mir ist auch völlig egal, ob der Spiegel rechts oder links sei. Das Schmierblatt ist Pro US-Establishment und hat damit wie die NYT seine Berechtigung verloren.

    1. Nicht relevant ist Ihr Krakeelen. Wer will das eigentlich wissen?

      Der einzige Trost ist, dass Sie so wohl seltener Ihre Frau und Ihre Kinder schlagen. Versuchen Sie’s mal mit Dauerlauf und Eisbädern, soll helfen.

      1. „Der einzige Trost ist, dass Sie so wohl seltener Ihre Frau und Ihre Kinder schlagen. Versuchen Sie’s mal mit Dauerlauf und Eisbädern, soll helfen.“

        Erst mal finde ich es toll, dass hier bei Meedia auch Leute vom Spiegel zu Wort kommen.
        Andererseits finde ich die Art der Kommentare, die hier noch geduldet werden, sehr bedenklich.

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