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Apple vor Zäsur: Geht die Jony Ive-Ära zu Ende?

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Wie lange ist Jony Ive noch für Apples Design verantwortlich?

Die Anzeichen sind seit Längerem da, nun verdichten sie sich: Design-Chef Jony Ive scheint bei Apple keine aktive Rolle mehr bei der Gestaltung des Produktdesigns zu spielen. Das mutmaßen die intimen Apple-Kenner John Gruber und Jason Snell. Der 49-jährige Brite scheint seinen Schwerpunkt zuletzt auf die Gestaltung des Apple-Campus, neuer Apple Stores – und Weihnachtsbäumen gelegt zu haben. Der gerade veröffentlichte 300 Euro teure Produktkatalog wirkt wie ein Fazit der glanzvollen Design-Ära von Jony Ive.

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Der lange, langsame Abschied der mittelalten, weißen Männer deutet sich von Jahr zu Jahr mehr an: Apple hat ein Alters-Problem – bei seinen Produkten, vor allem im Management. Konzernchef Tim Cook ist wie Marketingchef Phil Schiller 56,  Content-Chef Eddy Cue 52, Design-Chef Jony Ive erreicht seinen 50. Geburtstag im nächsten Februar.

Der runde Geburtstag könnte gleichfalls einen Wendepunkt in der ruhmreichen Karriere des wohl erfolgreichsten Produktdesigners der letzten Jahrzehnte markieren: Nach 25 Jahren  scheint Jony Ives Ära beim Kultkonzern aus Cupertino auf die Zielgerade zu gehen.

Jony Ive: Der Rückzug auf Raten begann 2015 mit einer Scheinbeförderung

Erste Anzeichen waren bereits vor eineinhalb Jahren erkennbar, als Ive zum Alleinentscheider über Apples Design „befördert“ wurde, gleichzeitig aber den Rückzug aus dem operativen Geschäft verkündete – die Verwaltung der Industrial Design- und User Interface Design-Unit übergab Ive an die langjährigen Weggefährten Richard Howarth (Hardware Design) und Alan Dye (Software Design).

Ive, so schien es, wollte sich mehr um das große Ganze kümmern – und mehr Zeit mit seiner Familie in England verbringen. Welche Apple-Produkte erhielten zuletzt schon ein  neues Design? Das iPhone sieht seit 2014 identisch aus, das iPad, der iMac und das Macbook haben in den letzten Jahren lediglich marginale Änderungen erfahren, während die enttäuschend gestartete Appel Watch noch bis 2018 im gleichen Design verharren dürfte wie das erste Modell, das 2014 vorgestellt wurde.

Apple Watch-Entwicklung: „Das schwierigste Jahr, seit ich bei Apple bin“

Wie „extrem herausfordernd“ die dreijährige Entwicklung von Apples neuster Produktkategorie war, bekannte Ive in ungewohnter Offenheit  vor zwei Jahren – so herausfordernd, dass der Brite die Entwicklung als Prozess beschrieb, der „demütig“ gemacht habe und „viel komplexer“ gewesen sei als die Kreation des iPhones.

Im ausführlichen Porträt im New Yorker ließ Ive 2014  zudem durchblicken, dass ihn die Entstehung der Apple Watch an den Rand seiner Kräfte gebracht hatte: „Das vergangene Jahr war das schwierigste, seit ich bei Apple bin“, bekannte Ive, der 2014 entkräftet an einer Lungenentzündung erkrankte.

Die neue Rolle bei Apple wurde also auch als Maßnahme von Tim Cook verstanden, seinen mutmaßlich wichtigsten Mann nicht weiter im Feuer des Alltagsgeschäfts zu verheizen.

Neue Design-Aufgaben: Apple Campus, Apple Stores – und das iCar

Entsprechend wandte sich Ive, der 2012 zum Ritter geschlagen wurde, anderen Aufgaben abseits des Tagesgeschäfts zu – wie dem Design der neuen Apple-Firmenzentrale, die im nächsten Jahr endlich eröffnet werden soll, aber auch dem iCar, das als letzte große Herausforderung des Design-Genies gilt.

Doch die Dinge haben sich nicht entwickelt, wie erhofft: Aus dem iCar scheint nichts mehr zu werden. Nach einem holprigen Entwicklungsprozess überdachte Konzernchef Cook die ambitionierten Pläne und will sich inzwischen lediglich auf die Entwicklung einer Software-Plattform konzentrieren. Hunderte Mitarbeiter wurden in der Geheim-Unit Titan Gerüchten zufolge inzwischen bereits gefeuert.

Die Arbeit scheint getan

Laut Bloomberg soll Apple stattdessen seine Anstrengungen auf eine smarte Datenbrille für AR-Anwendungen konzentrieren, die 2018 auf den Markt kommen dürfte – nicht gerade ein Gadget, für das Ive sich bisher erwärmen konnte. Im New Yorker-Porträt erklärte Ive vor zwei Jahren, dass er nicht daran glaube, dass das Gesicht der richtige Platz für Technologieprodukte sei.

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Was bleibt also? Das längst überfällige Redesign der Apple Stores, an dem Ive zuletzt mit Angela Ahrendts gearbeitet haben soll. Das iPhone 8 im nächsten Jahr natürlich, das jedoch bereits als Prototyp längst fertig entwickelt ist. Und sonst?

Weihnachtsbäume – und ein Rückblick in eigener Sache

In der vergangenen Woche überraschte Ive mit einem minimalistisch designten Weihnachtsbaum für das Luxushotel Claridge’s, der ganz ohne Deko auskam.

Zeitgleich überraschte Apple mit einem 300 Euro teuren Fotoband über Apples Produktdesign in den vergangenen zwanzig Jahren. Unweigerlich wirkt das 446 Seiten dicke Werk wie eine vorweggenommene Bilanz des Jony Ive, die die unweigerliche Frage aufwirft, was nun eigentlich noch kommen wird?

Die intimen Apple-Kenner John Gruber und Jason Snell diskutierten daraufhin in ihrem jüngsten Podcast die Frage, welche Rolle Ive für Apple künftig noch spielen wird. Einhelliges Urteil: eine immer kleinere.

Wie Steve Jobs in den letzten Jahren: „Seine Rolle ist inzwischen eher spirituell“

„Ich habe gehört, dass er sich zuletzt größtenteils mit Architektur und nicht mehr Entscheidungen beim Produktdesign beschäftigt“, erklärte John Gruber mit Blick auf den Apple Campus und die Entwicklung der neuen Warenhäuser.

„Seine Rolle ist inzwischen eher spirituell“, legt Gruber, der den einflussreichen Apple-Blog Daring Firewall betreibt, nach. Ive hätte damit eine ähnliche Rolle eingenommen wie Steve Jobs in den letzten Jahren.

In einem neuen Blogbeitrag ruderte der Apple-Blogger dann zumindest teilweise wieder zurück – er wolle keinesfalls den Eindruck erwecken, das Jony Ive bei Apple vor dem Aus stehe, stellte Gruber klar.  „Jeder Aspekt neuer Produkte bleibt wie immer unter seinem wachsamen Auge“, habe Gruber aus Apple-nahen Kreisen erfahren. Doch das ist bekanntlich immer nur eine Momentaufnahme. Wie aktiv Jony Ive nach dem iPhone 8-Launch bei Apples Produktentwicklung mitwirken wird, erscheint inzwischen fraglicher denn je…

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Alle Kommentare

  1. Naja, letztlich waren die meisten Produkte, die Apple in der letzten Zeit herausgebracht hat, Design-Technisch immer noch Meisterwerke, insofern scheint es nicht eine grosse Rolle zu spielen, da Ive nicht mehr so stark involviert ist.

    Zu den sehr gut gestalteten Produkten zählen ohne Zweifel immer noch das neue MacBook Pro, das iPhone 7 (Plus) Diamantschwarz, sowie in vielerlei Hinsicht auch die AirPods, auch wenn letztere teilweise negativ bewertet wurden.

    Dann gab es natürlich einige weniger gut gestaltete Produkte, wie die Apple Watch (die aber immer noch die schönste Smartwatch ist), das iPhone 6/7 Battery Case (auch das ist immer noch das Schönste auf dem Markt), sowie die Magic Mouse, die man während des Ladens nicht gebrauchen kann, wobei der Fokus ohnehin auf dem TrackPad gelegen hat.

    Trotzdem, so einen Baum hätte ich auch designen können, dazu braucht es keinen Profi-Designer.

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