Richard Gutjahr: „Facebook, Google & Co. haben uns etablierten Medien komplett die Butter vom Brot genommen“

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Er wird wahlweise als Journalist, Influencer oder gar auch als Teil von Verschwörungstheorien wahrgenommen. Am Rande des Scoopcamps sprach Richard Gutjahr mit der Standortinitiative NextMedia über die Lust, neue Technologien auszuprobieren und das Problem, dass Facebook, Google, Amazon und Apple den etablierten Medien längst „die Butter vom Brot genommen haben. Bei diesen Tech-Unternehmen handelt es sich mittlerweile um Fernsehsender, um Verlage, die uns immer mehr unsere klassischen Felder abnehmen.“

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Herr Gutjahr, wie würden Sie sich selbst bezeichnen: als Journalist oder als Influencer?
In erster Linie bin ich Journalist. Das unterscheidet mich von manchen Bloggern und Influencern und anderen „Netzgestalten“. Wir wissen aber: Journalist ist kein geschützter Begriff, jeder kann sich Journalist nennen. Insofern sage ich es so: Ich bin ein Journalist, der sein Handwerk auch gelernt hat.

Aber Influencer sind Sie trotzdem irgendwie ja auch. Wurden Sie dazu gemacht oder waren Sie das selbst?
Als Journalist bin ich grundsätzlich mal neugierig, was diese neuen Technologien, neue Hard- und Software, aber natürlich auch die sozialen Netzwerke können. Ich wollte das verstehen und habe mich deswegen früh damit auseinandergesetzt. Das war zu einer Zeit, in der mein Arbeitsumfeld eher noch die Nase darüber gerümpft hat und man dafür verspottet wurde, bei Twitter oder Facebook zu sein. Heute sieht die Welt anders aus; wer früh dabei war, hat jetzt einen Vorsprung, hat mehr Kontakte als Leute, die sich erst jetzt ernsthaft mit Social Media auseinandersetzen. So wird man wohl Influencer.

Influencer sind oft Journalisten und als Marke auch oft in eigener Sache unterwegs. Pflegen Sie sich als Marke?
Ich finde es merkwürdig, dass Menschen versuchen, mich als Marke zu markieren. Wie wär’s, wenn wir das Wort „Marke“ einfach mal mit „Mensch“ ersetzen? Ich bin als Mensch sichtbar. Das Publikum will nicht mit Marken kommunizieren, sondern mit Menschen. Das heißt, aus Gründen, ja auch „FACEbook“ und nicht „BRANDbook“: Kein Mensch möchte mit einer Marke befreundet sein, sondern mit Menschen. Wenn ich Medien konsumiere, dann ist es mir zunehmend auch wichtig zu wissen, wer hat da etwas geschrieben, was für einen Hintergrund hat der oder die Autorin, ist sie glaubwürdig? Vielleicht ist die Diskussion um Influencer als Marke auch ein Grund dafür, dass der Begriff „Mainstream Medien“ oder „Lügenpresse“ aufkam. Denn wenn man die Menschen hinter den „Mainstream-Medien“ kennenlernt, dann ist es sehr viel schwerer, sie pauschal in solche Schubladen zu stecken.

Das Thema Lügenpresse verfolgt Sie ja auch persönlich. Wie sehr hat es Sie getroffen, plötzlich Teil von Verschwörungstheorien zu sein?
Als Journalist mit einer gewissen öffentlichen Präsenz muss man das bis zu einem gewissen Grad aushalten. Wo es schwierig wird, ist der Moment, wenn die Familie da reingezogen wird. Dann ist für mich eine rote Linie überschritten.

Wie sehr haben Sie, im Unterschied zu Influencern, die fröhlich machen, was sie wollen, eine (journalistische) Ethik bei dem, was Sie tun?
Ich arbeite eher instinktiv. Als ich in Nizza stand und vor der Wahl stand, ob ich das, was sich gerade vor meinen Augen abspielt, live streamen oder doch lieber aufnehmen und einer zweiten oder dritten Instanz zur Begutachtung schicken soll – auch auf die „Gefahr“, nicht Erster zu sein –, kam die Entscheidung aus dem Bauch heraus, weniger aus Kalkül oder weil ich ein schlaues Buch über Verantwortung gelesen habe.

Sie sind übrigens in zwei Interviews, die wir mit Annette Leiterer, der Redaktionsleiterin von „Zapp“, und mit den HAW-Professoren Steffen Burckhardt und Christian Stöcker für unser Digitalmagazin Unified geführt haben, genau dafür sehr gelobt worden – für die verantwortungsvoll zurückhaltende Weise, wie Sie mit Ihren Erlebnissen in Nizza umgegangen sind.
Ich wusste, dass professionelle Medienhäuser für genau solche Situationen da sind. Wenn es diesen Filter oder diese Kontrollinstanz nicht mehr gäbe, könnte ich solche Sachen direkt auf Facebook hochstellen.

Was Sie ja auch tun: Sie posten Beiträge auch direkt in die sozialen Netzwerke…
…Wenn mir der Inhalt unbedenklich erscheint. Ich produziere auch bewusst Inhalte für soziale Netzwerke. Da frage ich niemanden um Erlaubnis. Wenn ich an einer öffentlichen Konferenz teilnehme und ein schönes Zitat aufschnappe, dann twittere ich das. Oft mit Foto, weil sich ein Zitat besser liest, wenn man den Menschen dahinter und den Kontext dazu sieht.

Die sozialen Netzwerke sind wunderbare Plattformen, um sich schnell zu Wort melden zu können. Genau das ist aber auch ihre Kehrseite, wenn man sich anschaut, was alles an Falschmeldungen und Halbwahrheiten dort verbreitet wird. Gehen wir mit den sozialen Netzwerken so verantwortungsvoll um, wie wir es mit journalistischen Inhalten machen sollten?
Natürlich gehen mit uns im Wettlauf um den schnellsten Tweet ab und zu die Gäule durch. Ich würde das aber nicht überdramatisieren. Wann immer es eine neue Technologie gibt, verbrennt man sich beim Ausprobieren schon mal die Finger. Wichtig ist nur, daraus zu lernen. Wir befinden uns gerade in einem gigantischen Prozess der Neustrukturierung innerhalb der Medien und Medienhäuser, und dass da nicht von Anfang an alles reibungslos funktioniert, ist normal. Enten hat es früher auch gegeben, aber da waren sie noch langsamer.

Durch die Tendenz, Plattformen mit Facebook Instant Articles oder Google News zum Beispiel als Distributoren von Inhalten zu nutzen, wird der Druck auf die Produzenten von Content, schnell zu sein, aber eher noch größer?
Zunächst muss man sich selbst mal ganz offen eingestehen, dass Facebook, Google, Amazon und Apple uns etablierten Medien komplett die Butter vom Brot genommen haben. Bei diesen Tech-Unternehmen handelt es sich mittlerweile um Fernsehsender, um Verlage, die uns immer mehr unsere klassischen Felder abnehmen. Ein Facebook stellt ja nicht nur die Plattformen für Inhalte, sondern hat auch das komplette Marketing an sich gerissen. Das heißt: Irgendwann mal wird man sich die Frage stellen müssen, wozu brauche ich eigentlich noch einen Verlag oder einen Sender, wenn die gesamte Distribution, die Selektion, das gesamte Marketing, vielleicht auch eines Tages die Inhalte plötzlich direkt von Apple, Google oder Facebook kommen.

Das Problem ist aber, dass Facebook, Google & Co. sich nicht als Medienunternehmen empfinden, sondern als soziale Netzwerke.
Das ist nicht ganz richtig: Amazon produziert Filme und Serien, verhandelt gerade über Sportrechte. Sogar Apple dreht gerade seine erste Serie.

Das hat aber noch nichts mit Journalismus und journalistischer Qualität zu tun…
Aber nimm mal Netflix: Die produzieren mittlerweile auch Dokumentarfilme, -serien und Late Night Shows. Da können die Unternehmen noch so vehement abstreiten, dass sie in die Sport- oder Infobranche gehen wollen; für mich ist das nur eine Frage der Zeit.

Damit auch eine Frage der Zeit, dass man diese Unternehmen nicht nur als Medien sieht, sondern sie auch nach journalistischen Maßstäben bewertet und erwartet, bestimmte Filterblaseneffekte oder Hate Speech zu unterbinden?
Es ist ja nicht so, dass die nicht filtern: Blanke Brüste findet man bei Facebook nicht. Ich weiß auch nicht, nach welchen Kriterien die da gehen.

Das weiß keiner so genau, und die mangelnde Transparenz ist ja auch Teil des Problems. Man gibt sich in die Hände von Plattformen, deren Regeln man nicht kennt.
Und das hat schon auch was mit Verantwortung zu tun, weil man sich als Medienhaus das Ruder aus der Hand nehmen lässt. Es ist rührend zu sehen, wie manche Verlags- oder Senderchefs immer von einer „Partnerschaft“ mit Apple oder Facebook reden. Aber wir alle wissen, dass es in einer Partnerschaft immer einen gibt, der die Hosen anhat und die Regeln bestimmt. Und das sind schon lange nicht mehr die klassischen Medien.

Hast du das Gefühl, dich durch deine starke Präsenz in den „neuen Medien“ in deiner journalistischen Arbeit zu verändern?
Permanent, jeden Tag.

Du hast eben gesagt, dass du Angriffen im Netz, Hate Speech, mit einer gewissen Gelassenheit begegnest. Aber was läuft da bei den Leuten ab, die hetzen und wüten und offenkundigen Blödsinn verbreiten?
Ich versuche den eigentlichen Grund für diese Entwicklung zu verstehen, denn ich glaube, hier geschieht gerade etwas Epochales im Netz: das Ende der Massenmedien, wie wir sie kannten. Stattdessen steuern wir auf eine Epoche der „Medien der Massen“ zu. In dieser neuen Medienwirklichkeit, in der wir uns alle befinden, tritt tatsächlich all das ein, was Soziologen und Kommunikationswissenschaftler seit den 50er oder 60er Jahren vorhersagen. Bertolt Brecht mit seiner Radiotheorie „Der Empfänger wird zum Sender“: Das wird jetzt zur Wirklichkeit – mit jedem neuen Netzwerk und jedem Smartphone, das über die Ladentheke geht. Für mich das größte soziologische Experiment der Menschheit – und wir sind die weißen Mäuse.

Aber woher kommt die Ambivalenz, der Hass gegenüber etablierten Medien?
Ich nehme da mal als Analogie Platons Höhlengleichnis. Die Menschen von heute sind quasi vor dem Fernseher geboren worden, haben jeden Abend 15 Minuten aus der Welt vorgespielt bekommen und dachten, dass sei die Wirklichkeit. Jetzt plötzlich erkennen sie, dass sie nur Schattenspiele an der Wand beobachtet haben und dass die Welt da draußen sehr viel größer und komplexer ist als das, was sie aus Zeitung und Fernsehen kannten. Und wie bei Platon ist das Publikum erstmal geschockt und orientierungslos. Das grelle Licht außerhalb der Höhle blendet und tut in den Augen weh, die Menschen suchen nach Halt und Orientierung. Genau in dieser Phase kommen dann Vereinfacher wie Donald Trump oder Frauke Petry und bieten scheinbar einfache Antworten. Ich glaube gar nicht, dass jeder ihrer Anhänger ihnen 100-prozentig glaubt. Das Problem ist eher: Die Menschen wollen nicht zurück in die Höhle und zu den alten Schattenspielern, denn von denen fühlen sie sich ein Stück weit betrogen, weil sie ihnen suggeriert haben, dass das, was sie sendeten, wahr und die ganze Welt sei. Jetzt hat man 1000 andere Quellen und Möglichkeiten, auf die bekannten Wahrheiten zu schauen und plötzlich merkt man, dass diese nicht immer das ganze Bild gezeigt haben.

Man tut uns Journalisten und Medien Unrecht, wenn man daraus schlussfolgert, dass da absichtlich gelogen wird. Aber viele Leute empfinden das so. Und so stehen wir, die Medien, teilweise zu Recht in der Diskussion, auch wenn wir nicht alleine Schuld sind an dieser Situation. Jetzt geht es darum, das verlorene Vertrauen bei jedem einzelnen wieder zurück zu gewinnen.

Beide Seiten, Medienmacher und Konsumenten, stehen also im Grunde genommen vor der gleichen Situation und müssen lernen, mit dieser Realität umzugehen?
Genau. Und es wird ein langer und steiniger Weg, wieder zueinander zu finden. Ich glaube nicht, dass uns alle Menschen böse gesonnen sind. Aber ein bisschen Vertrauen haben wir schon eingebüßt.

Ein Zurück in die Höhle wird es nicht geben. Die neuen sozialen Medien sind nicht unbedingt der beste Ersatz für die heile Welt und die Schattenspiele. Wo geht es also hin?
Um beim Gleichnis zu bleiben: Wir wären gut beraten, unsere Höhle zu öffnen und unser Publikum nicht mehr an uns zu fesseln. Wir sollten ihnen stattdessen die Möglichkeit geben, zu kommen und zu gehen, wann sie wollen, also die Inhalte als Angebote zu verstehen und nicht als Zwang.

Sind Sie du ob dieser Entwicklung eher beunruhigt oder eher entspannt?
Es ist anstrengend. Die Reise ins Neuland kostet viel Kraft, viel Energie und ab und zu verläuft man sich. Aber gleichzeitig ist dieser Trip auch unfassbar spannend und aufregend. Wenn man die richtigen Weggefährten hat, dann macht’s sogar auch Spaß. Über eins müssen wir uns aber auch im Klaren sein: Wir werden niemals ankommen.

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Alle Kommentare

  1. Naja… also ob die „Mainstreammedien“ jetzt absichtlich täschen oder nur schlampern… muss jeder selbst bewerten.
    – Zuhauf Jahre alte Archiv Bilder (von andern Orten usw.) ohne Kennzeichnung in Artikeln platzieren, die den Eindruck suggerieren, es handle sich um authentische Bildes des im Artikel erwähnten Falls
    – Tagelang Soldaten als OSZE-Beobachter deklarieren, obwohl die Redaktion darauf hingewiesen wurde, die OSZE hat dies verneint
    – Unausgewogene, einseitige Bereichterstattung…

  2. Wer sich die Fakten in den sozialen Netzwerken ergoogeln muss, der braucht die Nanny-Presse nicht. Welch eine Überraschung.
    Bald wird das Hören von Feindsendern wieder unter Strafe gestellt.
    Selbstverständlich für Toleranz und Vielfalt.

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