Katerstimmung bei den Leitmedien: „Vielleicht ist die Wahl Donald Trumps ein heilsamer Schock“

Befassen sich mit dem Trump-Triumph: Mathias Döpfner (li.), Jürgen Kaube und Kurt Kister (re.)
Befassen sich mit dem Trump-Triumph: Mathias Döpfner (li.), Jürgen Kaube und Kurt Kister (re.)

Das amerikanische Wahlvolk hat gesprochen und Donald Trump zum neuen Präsidenten gewählt. Zwei Tage später ist es an der Zeit, das – nur scheinbar überraschende – Ergebnis einzuordnen. Die Alpha-Journalisten fast aller großen Zeitungen haben dazu eigene Kommentare und Analysen verfasst. Von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube, bis SZ-Chefredakteur Kurt Kister und dem Springer-CEO-Mathias Döpfner.

Anzeige

Der ehemalige Welt-Chefredakteur und jetzige Vorstandsvorsitzende des Medienkonzerns analysierte in der großen Welt-Titelgeschichte die Folgen der Wahl und schrieb den Medien einige kritische Anmerkungen ins Klassenbuch. „Auf den Emporen des guten Geschmacks der veröffentlichten Meinung herrschte statt Verständnis und Empathie Publikumsbeschimpfung und Wählerverachtung. Das rächt sich. Das durchschauen die Menschen, und sie mögen es nicht.“

Döpfner gibt sich große Mühe, die Wahl und ihre möglichen Folgen sachlich zu betrachten. So sieht er zwei mögliche Szenarien, wie es für die Welt weiter gehen kann: Ein positives und ein pessimistische. Der Springer-Chef hofft, dass Trump für einen „heilsamen Schock“ sorgen könnte. „Und tatsächlich eine Zeitenwende zum Besseren. Alles ist möglich. Eine dramatische Erneuerung der politischen Führung der Mitte. Oder, zum Beispiel in Deutschland, in fünf Jahren eine absolute Mehrheit der AfD.“

Nach Einschätzung von Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart haben all diejenigen wenig verstanden, die in ihrer Analyse den populistischen Sturm auf dessen Anführer reduzieren würden. „Donald Trump besitzt ein pralles Ego, aber das war es nicht. Die politische Energie, die ihn nach oben spülte, hat sich weit außerhalb seiner Persönlichkeit aufgebaut. Sie kommt aus den Tiefen des Volkes. Man kann sogar sagen, dass nicht er das Volk verführte, sondern das Volk sich vielmehr seiner bemächtigte. Er ist das Wirtstier, das die Botenstoffe des Aufstands ins Zentrum der westlichen Macht transportierte.“ Weiter schreibt Steingart in seinem Morning Briefing: „Die Wut kommt von den Schmerzen, den tatsächlichen und den befürchteten. Die großen Heilsversprechen der Moderne – Globalisierung, Digitalisierung und die Bildung multikultureller Gesellschaften – überfordern eine Mehrheit der Bürger, überall im Westen.“

Mit fast schon in einer Art Wutrede rechnet FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube mit allen ab, die sich vom US-Wahlergebnis überrascht zeigen: „Man denkt bei Amerika an New York und an das Silicon Valley, mehr an Princeton als an Trenton, lässt sich die Ungleichheit in Amerika gern von Thomas Piketty erklären, drückt David Graeber und Occupy die Daumen; aber kommt man nicht auf die Idee, dass die meisten Wähler keine Studenten sind und, anders als Studenten, von der Globalisierung gar nicht profitieren?“ Weiter schreibt er: „Man findet, dass alle Leute die Gesellschaft eigentlich super finden sollten, weil es einem selbst gutgeht. Wenn die Leute wütend sind, hält man ihnen Vorträge über Vielfalt oder verweist sie an eine Linke, die es nicht gibt. Und glaubt, dass schon nichts passieren wird. Wie gebildet ist das eigentlich?“

Auf der ersten Seite der Zeit schreibt Josef Joffe: „Der Trumpator weiß auch, was die Leute in der Nachwahl-Befragung wütend bekundet haben: dass sie den Status quo à la Clinton um jeden Preis aushebeln wollen. Diese Wahl war ein Urschrei, der Trumps unerbittliches Sendungsbewusstsein nur verstärken kann.“ Weiter analysiert er: „Er darf sich in ein Mandat hüllen – um den »Sumpf in Washington trockenzulegen«, die Mauern hochzuzie hen, das Land in eine »Festung Amerika« zu verwandeln. Trotzdem müssen wir glauben, dass die Verfassung diesem Möchtegern-Mussolini hohe Hürden in den Weg stellt.“

Weniger Seiten später erklärt Bernd Ulrich, „warum Europa jetzt die westlichen Werte verteidigen muss – und das auch kann“. Fast beschwichtigend notiert er: „Man soll diesen Trump bei aller Bestürzung auch nicht überschätzen. Selbst für das konsequent Böse wird seine Konzentration nicht ausreichen. Und es ist etwas anderes, postfaktischen Wahlkampf zu betreiben, als kontrafaktische Politik zu machen. Er wird sich hart an den Sachen stoßen. Und an uns.“

Ulrich kommt zu dem Schluss, dass spätestens „seit dieser schrecklichen Wahlnacht“, die größte politische und kulturelle Auseinandersetzung begonnen hat, die wir Nachkriegsmenschen bislang erlebt hätten. „Der Kampf um die Demokratie ist wieder offen.“

In seinen Überlegungen beschäftigt sich der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Kurt Kister, mit dem Verhältnis des kommenden US-Präsidenten mit der EU. Er glaubt, dass das Verhältnis jetzt nicht nur kompetitiver, sondern auch konfrontativer wird. „Deswegen muss die EU – und sei es in einem kleineren Kreis von Kernstaaten – eine Strategie entwickeln. Dies beginnt bei der Handelspolitik ohne TTIP, setzt sich über Verteidigung und Sicherheit fort (die Nato wird stark an Bedeutung verlieren) und hört bei den Geheimdiensten nicht auf. Vielleicht ist es noch kein Abschied von Amerika, aber doch eine Inventur vor der Aufhebung einer Gütergemeinschaft.“

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. DAS sollen „die Alpha-Journalisten “ sein? Die glauben, dass ihre ständig weniger werdenden Leser und Leserinnen auf ihre „Analysen und Erläuterungen“ gewartet haben. Sind die Genannten nicht alle Karrieristen und stolze Mitglieder des „Establishments“, die sich – wohl aufgrund ihres persönlichen „Könnens“ – so weit nach oben geschraubt haben, dass sie unbedingt die Bürger Deutschlands, Europas und der Welt an ihrem großen Einfluss und ihrem umfassendes Wissen teilhaben lassen wollen. Danke dafür die Herren! (ohhh ich werde doch keine Frau übersehen haben?!) Jaaa SIE wissen wie es geht, SIE wissen wie „Europa dem Trump begegnen, ihn belehren, ihm beibringen muss, wer wir sind und wie es geht… Denn wir in Europa sind ja sooo beispielhaft klug… haben dies durch eine so sensationelle Flüchtlingspolitik, eine so erfolgreiche, die ganze Welt überzeugende Energiewende erreicht, dazu kommen die so wunderbaren, scheunentor-offenen Grenzen (mit so schönen Einbruchs-Zahlen und hunderttausenden wohlwollend akzeptierten, illegalen Grenzübertritten) dazu verschuldete Staaten, Banken- und Eurokrise, ganze Generationen von Arbeitslosen, dazu Nullzinsen für Bürger, den Brexitwunsch der Briten und vieles tolles mehr erreicht. Auch unsere Politiker, die schon alle ihre Weisheiten zu Trump&Co in die Mikrofone der öffentlich-rechtlichen Medien geblasen haben, sind ebenso beispielhaft und sowas von erfolgreich…. Wir verurteilen Diebe und Vergewaltiger ja auch gar nicht mehr und schicken auch niemanden mehr zurück, auch wenn er uns belogen hat oder Pässe wegwirft, denn wir haben ja diese unglaublichen Werte…die sonst überhaupt niemand hat. Und solche Länder wie Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich… mindestens schwach auf der Brust… erwähnen wir gar nicht, sondern sprechen nur davon, wiiiiiiiiiiiiiieeeeeee gut es „UNS“ geht. Meint Ihr damit „Euch“? Besser wir verunglimpfen und verurteilen weiter diese armen, blöden, ungebildeten Bürger, die in USA und in D und in vielen EU-Ländern eine andere Politik, andere Politiker und andere Medien haben wollen. Interessant, dass die Einschläge oder besser totalen Überraschungsmomente von Euch weder vorhergesehen noch verhindert werden konnten und auch nicht können. Weil Ihr Euch selbst nicht ändern wollt. Die „lustigen“ Vorhersagen aller Medien und Meinungsforscher – gefangen im eigenen Saft der eigenen, großartigen Meinung – haben es überdeutlich gezeigt. Die eigenen Beschwichtigungs- und Erklärungsversuche auf allen Kanälen sind entlarvend und lustig…. wirklich lustig. Mal gucken, was sie „bewirken“…..

  2. In vielen Redaktion hat Wunschdenken den gesunden Menschenverstand ersetzt und dabei auch gleich das Ignorieren von Wahrheit und Fakten. Anders ist der kollektive geistige Aussetzer der angeblich besser wissenden Journalisten nicht mehr zu erklären. Nicht nur, dass man einfach die Stimmung in den USA ignorierte, nein man fand es auch nicht verwunderlich, dass bei Trump viel mehr Besucher die Regel waren. Auch die Tatsache wer und was eine Clinton ist/war wurde einfach, wie mit Scheuklappen ignoriert. Nicht einmal die E-Mails dieser Dame fanden in den Redaktionen Leser. Sonst hätte man wissen können, dass die Bürger in den USA nicht so dumm sein werden, die personifizierte Korruptheit mit der Marionette Clinton zur Präsidentin zu wählen. Es half auch keine dieser Tricks der US-Presse, denn die Bürger dort glauben ihren Journalisten längst auch nicht mehr alles. Das Internet hat die Meinungsmacher ins Abseits befördert. Das zeigten auch all die vielen Views, der alternativen Berichterstatter zum Fall Clinton, der im Mainstream bewusst niedrig gehalten wurde und somit noch mehr Leute zu Youtube scheuchte. Man hat die Leute zu lange unverblümt angelogen und die Glaubwürdigkeit ganz lässig abgegeben. So wird es hier auch passieren und all jene Hofberichterstatter, welche statt zu informieren ihre eigene Meinung über die Wahrheit stellen, werden auch hier eine böse Bauchlandung erleben.
    Wer die Wahrheit nicht ertragen kann, der sollte wohl besser Romane schreiben, aber nicht meineb seine subjektive Sicht als gestutzte, oder verbogene Wahrheit präsentieren zu müssen.

  3. Der zahlungsfähige und potentiell interessierte Leser solcher „Qualitätsmedien“ hat mittlerweile Wege gefunden sich ohne solche publizistischen Machwerke ein höheres Bildungsniveau anzueignen, als er durch das Lesen von FAZ, Welt, SZ oder Zeit jemals erreichen könnte.
    Während der Bildungsbürger bei der Ansprache des deutschen Außenministers Steinmeier zur Trump Wahl sich noch erstaunt fragte, ob der Außenminister überhaupt keine Qualitäten besitzt, nicht mal diplomatische, jubeln diese Medienschaffenden, dass er es Trump richtig gegeben hat.
    Und die Kanzlerin? Sonst rutscht sie auf Knien jeden Monat zu ihrem Kalifen in Ankara und leistet Abbitte für europäische Werte und hier will sie dem zukünftigen Präsident der USA diese erklären? Früher hätten die Medien sich zu solch dilettantischen Rohrkrepierern und Möchtegernpolitikern entsprechend geäußert. Heute ist da nur noch dümmliches Zujubeln.
    Das Niveau der Medien konkurriert mit dem Niveau deutscher Politiker.
    Deshalb liest auch keiner mehr mit Bewusstsein deutsche Zeitungen.
    Es lohnt sich schlicht nicht mehr.

  4. Ich wollte noch ergänzen: Sind das tatsächlich NUR Männer… weiße, ältere Männer in deutschen Medien, die ihre Elaborate zu Trump abgesetzt haben? Wozu? Um ihre aber-Millionen Leser zu „informieren“? Oder um sich wichtig zu machen? Und warum ist keine einzige Frau dabei? Oder gab’s welche und die habt Ihr – Meedia – nur nicht erwähnt? Hat sie nix ordentliches geschrieben? Ist schon klar, dass die Meinungsmache in Deutschland männlich ist, oder: Mathias Döpfner, Kurt Kister, Jürgen Kaube, Gabor Steingart, Josef Joffe, Bernd Ulrich.. dazwischen twittert noch Nikolaus Blome, sicher mit Gruß seines linken Genossen Jakob Augstein)…

    Das erinnert fatal an die gesamte Film- und Fernsehbranche, die (auch) von – ja! da sind sie wieder! – „vielen alten, weißen Männern“ dominiert wird. Auch die bestimmen und zementieren seit Jahrzehnten die gesellschaftlichen Rollenbilder in ihren Filmen und Serien. Schauen Sie sich die INHALTE und HAUPTROLLEN und REGISSEURE an, die öffentlich-rechtlich gedreht und ausgestrahlt werden.

    Das heißt, zwei große. gesellschaftlich relevante und einflussreiche Branchen – Presse und Fernsehen – werden von Männern geführt und dominiert.

    Gehts noch?

  5. Frau Merkel belehrt Trump über deutsche Werte, die Voraussetzung zur Zusammenarbeit sein sollen. Aber vor Erdogan rutscht sie auf den Knien. Da sind ihr die Werte egal.

  6. Ausgerechnet diese Herausgeber, deren Auflagen im vergagenen Jahr zum Teil zweistellig sanken und deren Medien jeden Anti-Trump-Blödsinn unreflektiert brachten und die Trumpwähler als amerikanische Sachsen verleumdeten, gerieren sich jetzt als die Extra-Besonnenen. All diese schönen Herausgeberbriefe hätten die mal ihren Redaktionen VOR der US-Wahl als Hausmitteilung schicken sollen. Doch wenn man sich ohne Not in einer ausländischen Wahl zur Partei macht und dann auch noch jede Expertise vermissen lässt, ist man innenpolitisch auch unglaubwürdig: FAZ, BILD, WELT und SZ sind journalistisch und politisch bereits tot und wirtschaftlich auch bald…

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige