Höhere Qualität bei weniger Redakteuren – für Giovanni di Lorenzo eine „steile These“

Giovanni Di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, mahnt, Selbstdarstellung nicht mit Selbstgefälligkeit zu verwechseln
Giovanni Di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit, mahnt, Selbstdarstellung nicht mit Selbstgefälligkeit zu verwechseln

Traditionell endete der Publishers' Summit unter anderem mit der Chefredakteursrunde, in der die obersten Blattmacher von stern, Zeit, Focus, Bild, Horizont sowie Jörg Quoos von Funke über das Vertrauen in die Medien und durchaus selbstkritisch über ihre Arbeit diskutierten – gebrochen wurde die harmonische Runde von einem Streit über angeblich steigende Qualität bei sinkender Redaktionsstärke.

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Man wird sie nicht alle einfangen können, die Unzufriedenen, die Zweifler, die den Medien und ihrer Berichterstattung in den vergangenen Monaten oder vielleicht sogar Jahren kein befriedigendes Zeugnis ausstellen. Aber Giovanni DiLorenzo will den Kampf um das Vertrauen der Bevölkerung nicht aufgeben. Er sei davon überzeugt, dass sich das Bemühen um jeden Einzelnen lohne, so der Chefredakteur der Zeit. Er diskutierte am Dienstag in der Chefredakteursrunde des VDZ Publishers’ Summit mit seinen Kollegen Tanit Koch, Chefredakteurin der Bild, den Chefredakteuren Christian Krug (stern), Robert Schneider (Focus), Uwe Vorkötter (Horizont) und Jörg Quoos, Chefredakteur der Funke Zentralredaktion in Berlin, über das Vertrauen in die Medien und die Frage, wie das Ansehen des Journalismus wieder gesteigert werden kann.

Zu diesen Anlass stellte kurz zuvor Allensbach-Forscherin Prof. Renate Köcher neue Umfragewerte vor, nach denen 39 Prozent der Bevölkerung glauben, dass an dem Vorwurf der „Lügenpresse“, also dem bewussten Verbreiten falscher Tatsachen durch die Medien, tatsächlich etwas dran ist, und dass mehr als die Hälfte die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise unzufrieden ist.

„Ein besorgter Bürger ist zunächst jemand, der Sorgen hat“

In der Berichterstattung über die Flüchtlingskrise und ihren Höhepunkt im vergangenen Jahr sei sicher nicht alles glatt gelaufen, darüber war sich die Runde weitestgehend einig. Man sei von der Willkommenskultur, von den Bildern am Münchener Hauptbahnhof oder andernorts, und von der dortigen Hilfsbereitschaft „überwältigt“ worden und habe dabei vielleicht „außer acht gelassen, welche Sorgen es in anderen Teilen Deutschlands gegeben hat“ (Krug). Man habe sich (nicht erst mit der Flüchtlingskrise) immer mehr „von der Lebenswirklichkeit unserer Leser entfernt“, erklärte dazu Koch. Begründet hatte die Bild-Chefin das mit der Tatsache, dass sich Redaktionen und Verlage unternehmerisch wie auch in ihrer Berichterstattung auf Großstädte konzentrierten, in denen der größte Teil der Bevölkerung allerdings nicht lebe. Und auch hätten die Medien durchaus ihren Teil dazu beigetragen, dass der Begriff „besorgt“ seine „Unschuld verloren“ habe, so Koch weiter („Ein besorgter Bürger ist zunächst jemand, der Sorgen hat, und nicht jemand, der Flüchtlingsheime anzündet oder Journalisten attackiert.“). Allerdings bedeute dies nicht, dass in Deutschland „bewusst“ gelogen werde.

Für ein Umdenken in der Berichterstattung habe vor allem die Silvesternacht von Köln gesorgt, so Koch und di Lorenzo. Und Medienjournalist Vorkötter ergänzte und bestätigte, was di Lorenzo bereits vor einigen Wochen festgestellt hatte: „Wir hatten in dieser Diskussion eine Medienlandschaft, die nicht sehr differenziert war.“ Und: „Bild und Zeit haben im Grunde genommen keine großen Unterschiede mehr erkennen lassen.“ Es habe Monate gedauert, bis einige Medien ihren publizistischen Kurs zu überdenken begannen, so Vorkötter weiter. Angesichts der publizistischen Macht verteidigte di Lorenzo den Kurs, den die Bild unter Führung von Ex-Chefredakteur Kai Diekmann, eingeschlagen hatte. „Hätte sich die Bild-Zeitung gegen Frau Merkel gestellt, wäre die Stimmung im Land noch vergifteter.“ Doch mahnte er für die Zukunft, sich wieder auf die Rolle des Beobachters zu konzentrieren. „In dem Moment, in dem wir Aktionisten werden, bekommen wir ein Problem mit der Bevölkerung.“ Quoos ergänzte: Vor allem in der Silvesternacht hätten Medien auch angesichts des Versagens der Polizei einen besseren Job machen müssen. Er lobte zwar die lokale Berichterstattung des Kölner Express, ermahnte alle andren aber gleichzeitig, aus der Vergangenheit zu lernen. Für di Lorenzo geschehe dies bereits. Medien seien „selbst korrigierende Systeme“.

„Journalisten haben es vielleicht übertrieben“

Um das Verhältnis zur Bevölkerung wieder zu verbessern, sei der Austausch mit ihr notwendig – auch hier ist sich die Runde einig. Dabei geht es auch darum, den Elfenbeinturm, in dem sich Journalisten befinden, zu verlassen. Koch: „Niemand von uns wird eine Wohnung nicht bekommen, weil jemand der eine Million geflüchteten Menschen, sie stattdessen bekommen hat.“ Ein Großteil der Bevölkerung mache sich aber Sorgen darum. Quoos, der vor seiner Funke-Karriere in leitenden Funktionen bei Bild und als Chefredakteur von Focus arbeitete, erinnerte an ein Zitat von Rudolf Augstein:

Ich glaube, daß ein leidenschaftlicher Journalist kaum einen Artikel schreiben kann, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu wollen

„Journalisten haben es vielleicht übertrieben, weil sie über eine Welt geschrieben haben, die es draußen gar nicht gibt“, so Quoos dazu.

Höhere Qualität bei weniger Mitarbeitern ist eine „empirisch steile These“

Gleichzeitig sorgte Quoos in Zusammenarbeit mit dem amtierenden Focus-Chef Schneider für ein hitziges Ende der Debatte. Die Journalisten appellierten, neben aller Selbstkritik auch am Selbstbewusstsein zu arbeiten. „Die deutsche Presse ist gut. Ich würde sagen, so gut wie nie zuvor“, so Quoos. Schneider ergänzte, die Qualität sei „so hoch wie selten zuvor“, obwohl die Redaktionen in den vergangenen Jahren massiv an Mitarbeitern abbauen mussten. Dort reingrätschen musste Zeit-Chef di Lorenzo. Das deutsche Mediensystem gehöre zwar zu einem der besten der Welt. Nun sei aber „eine Stufe der Selbstbeweihräucherung“ erreicht, bei der sich bei ihm „alles“ sträube. Die Reduktion von Redaktionsstärken bei gleichzeitig steigender Qualität sei eine „empirisch steile These“. Solange es nicht um Tratsch gehe, sei der kritische Umgang miteinander durchaus ein Vorteil. Entscheiden sei, dass man die Transparenz der journalistischen Arbeit und der Recherche fördere, so di Lorenzo weiter. „Die Selbstdarstellung ist ganz stark ausbaufähig, unterscheidet sich aber ganz stark von Selbstgefälligkeit.“

Zum Ende ging es dann noch einmal um den Nachwuchs, auf den die Chefredakteure ebenfalls durchaus kritisch blicken. Vor allem Koch gab zu bedenken, dass die Auswahl der Bewerber an Heterogenität verliere. So befänden sich unter Uni-Absolventen zunehmend Kommunikationswissenschaftler und zu wenig Bewerber mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund oder vielleicht sogar einer Ausbildung zum Bankkaufmann, deren Know-how in Redaktionen gebraucht werde, so Koch. Einen Vorwurf machte sie hier vor allem Universitäten und Fachhochschulen, „die suggerieren, dass die Berufschancen von angehenden Journalisten dadurch verbessert werden, dass sie sich in Journalismus-Studiengänge setzen“.

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Alle Kommentare

  1. Seit 1997 verzichte ich auf Belehrungen durch staatlich finanzierte Massenmedien beziehungsweise auf die dem System verpflichteten Zeitungen.

    Die meisten und wichtigsten Aufgaben können ohnehin von Maschinen erledigt werden. Die meisten und unwichtigen Journalisten sollten sich einen anderen Job suchen. Bildung haben die Gesellen bitter nötig. Vor allem Giovanni. Fürchterliche Type, und nicht sonderlich intelligent.

    Auch das Politische sollte der Maschinen übertragen werden. Die Menschen in den Partei- und den angeschlossenen Medienagenturen könnten die dringend nötige Sendepause einlegen, sich bilden. Gilt für die ganze Gesellschaft. In der dann gewonnenen Freiheit müsst Ihr über die Werte streiten, mit denen die MAschinen programmiert werden sollen…

    Das ist ZUkunft! Nicht, was Ihr hier bisher abzieht. Das ist absolut lächerlich und dem UNtergang geweiht!!!

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