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Wieso Google Geld für Musikvideos in die Hand nimmt, Verlage aber weiter leer ausgehen

Geld von Google: Die Verwertugsgesellschaft Gema bekommt zukünftig Geld von YouTube; auch Verlage wollen Geld vom US-Konzern
Geld von Google: Die Verwertugsgesellschaft Gema bekommt zukünftig Geld von YouTube; auch Verlage wollen Geld vom US-Konzern

Die Gema hat nach jahrelangen Auseinandersetzungen eines ihrer wichtigsten Ziele durchgesetzt: Sie bekommt Geld von YouTube bzw. Google. Auch wenn unklar ist, wie viel Geld fließen wird, ist die Meldung an sich ein sensationeller Erfolg, auf den vor allem Verlagsmanager neidisch blicken dürften. Auch sie wollen Geld vom US-Konzern. Der Durchbruch im Gema-Fall ist aber kein Grund für Optimismus.

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Ja, der Lizenzvertrag zwischen der Gema und YouTube beziehungsweise dem Mutterkonzern Google ist Sensation – auf so vielen Ebenen. Die 70.000 Klienten der Gema bekommen endlich Geld dafür, dass ihre Musik und Videos tausendfach bei YouTube hochgeladen und millionenfach geklickt und angesehen werden, Google erweitert sein Bewegtbildangebot um professionelle und beliebte Inhalte, was (vermutlich) wieder mehr Nutzer auf die Videoplattform zieht beziehungsweise die Verweildauer beachtlich steigern dürfte. Es ist eine Win-Win-Situation.

Der Deal enthält aber auch ein weiteres, nicht zu missachtendes Signal: Google ist bereit, für professionelle und qualitativ hochwertige Inhalte zu bezahlen. Vor allem Verlagsmanager, besonders jene, die ein Leistungsschutzrecht nicht nur gesetzlich geregelt, sondern auch durchgesetzt sehen wollen, dürften die Mitteilung am Dienstagmorgen besonders aufmerksam gelesen haben. Vielleicht dürfte den einen oder anderen Verleger, allen voran BDZV-Präsident und Springer-Chef Mathias Döpfner, sogar ein bisschen zornig gemacht haben. So erklärte Google/YouTube nämlich in einem Blog-Eintrag:

Diese Vereinbarung spiegelt die seit langer Zeit bestehende Verpflichtung wider, sich für eine faire Bezahlung von Komponisten, Songwritern und Musikverlegern einzusetzen und gleichzeitig sicherzustellen, dass Fans auf YouTube ihre Lieblingssongs genießen und neue Musik entdecken können. Diese Verpflichtung hat es YouTube ermöglicht, sich als eine bedeutende Werbe- und Einnahmequelle für Musiker zu etablieren, die es ihnen erlaubt, neue und bestehende Fans zu erreichen und mit Werbung in ihren Videos gleichzeitig Geld zu verdienen.

Der Gema-Deal ist etwas, was sich Verlage seit geraumer Zeit sehnlichst wünschen. Allen voran der BDZV und die in der VG Media organisierten Verlage kämpfen nach der Verabschiedung des deutschen Leistungsschutzrechts auch für eines auf europäischer Ebene. Ziel ist es, an den von Google erzielten Umsätzen mit News beteiligt zu werden. Erhöhen die Lösung mit der Gema und das damit einhergehende Signal der Zahlungsbereitschaft durch Google nun auch die Aussichten der Verlage? Wohl kaum. Aus zwei unterschiedlichen Gründen:

Videos vs. Snippets

Die Verleger stellen ihren Content auf ihre Online-Portale und warten darauf, dass Leser ihre Seite aufrufen. Sie nutzen eigene Vertriebskanäle wie Apps oder Newsletter, setzen auf soziale Medien wie Facebook und bekommen einen nicht unerheblichen Teil von Suchmaschinen zu geliefert – wie eben von Google. Dort werden die Stories der Medien mit Headline und Textanriss als so genannte Snippets angeboten. Für die Nutzung dieser Textauszüge, die das Google-Angebot unbestritten bereichern, fordern Verlage Geld. Google aber will es ihnen nicht geben, sondern „zahlt“ in anderer Währung: in Visits,  die von den Seitenanbietern vermarktet werden können. Hier werden zwei wesentliche Unterschiede zum Gema-Fall deutlich: Bei Gema-Inhalten geht es nicht um Auszüge oder Videoschnipsel, sondern um komplette Inhalte. Die Gema hat auch keine eigene Plattform, auf der sie Traffic vermarkten kann. Die Künstler lagern ihre Inhalte zu YouTube aus.

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Ähnliches gibt es auch in der Verlagswelt: Distributed Content ist zu einem der wichtigsten und zukunftsweisenden Themen geworden. Doch mangelt es bislang  zumindest in Teilen an vielversprechenden Geschäftsmodellen. Im Rahmen des AMP-Programms geben zwar auch Medien ihren (Mobile) Content (in Teilen) an Google. Doch sind die Bedenken, sich in Abhängigkeit des Konzerns (und auch anderen wie beispielsweise Facebook mit seinen Instant Articles) zu begeben, noch sehr groß. Auch machen nicht alle Verlage beim AMP-Programm mit und eine vollumfassende Auslagerung dürfte ausgeschlossen sein. Denn dann erübrigt sich auch das LSR.

Verlage haben die schlechtere Verhandlungsposition

Mit dem Gema-Lizenzvertrag wertet Google beziehungsweise YouTube sein Angebot quasi über Nacht auf. Das Interesse der Nutzer an qualitativ hochwertiger Musik und den dazugehörigen Videos ist enorm – selbstverständlich auch beim US-Konzern. Bewegtbild ist aufgrund der viel höheren Tausenderkontaktpreise in der Werbevermarktung der Renner. Hier lässt sich viel mehr holen als in der Bannervermarktung journalistischer Inhalte. Darüber hinaus will Google bald das Abomodell Youtube Red starten, für dessen Eigenproduktionen Gema-Rechte benötigt werden können.

Von den Auseinandersetzungen zwischen YouTube und der Gema haben in den vergangenen Jahren alternative Plattformen profitiert. Die YouTube-Konkurrenz ist damit gewachsen. Auch wenn die Gema auf juristischer Ebene gegenüber Google verloren hat und YouTube an der Gema vorbei mit Publishern einzelne Lizenzverträge geschlossen hat, ist auch der Druck auf den Konzern gestiegen.

Auf die journalistischen Inhalte hat Google längst Zugriff, und Verlage haben schon von daher eine schlechte Ausgangsposition. Während die Gema hartnäckig blieb und YouTube die Videos lieber sperrte als Forderungen zu begleichen, knickten Verlage ein, obwohl sie das von ihnen so sehr gewünschte Leistungsschutzrecht auf deutscher Ebene rechtlich sogar durchsetzen konnten – offensichtlich aber nicht gegenüber dem Suchmaschinen-Monopolisten. Zumindest in der Theorie könnten auch Verlage einen vergleichbaren Druck aufbauen, in dem sie Google die Indexierung ihrer Inhalte verbieten. In der Praxis sind solche Versuche aber gescheitert. Zu groß ist die Abhängigkeit vom Traffic. Ein weiteres Problem ist auch die Vielzahl der Anbieter. Während mit der Gema ein einziger Akteur den Content von 70.000 Anbietern vertritt, werden journalistische Inhalte von einer ganzen Reihe von Anbietern produziert. Ihre Nachrichten sind über die Jahre hinweg austauschbar geworden. Das Ergebnis: Das Leistungsschutzrecht ist in Kraft, aber Google hat von den Verlagen einen Freifahrtschein erhalten. Vielleicht würde es anders aussehen, wenn sich die Verlage der 30 größten Portale bereits vor zehn oder 15 Jahren in einer Allianz zusammengetan hätten?

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Alle Kommentare

  1. Anscheinend sehen wirtschaftlich angeschlagende Medien…den gigantischen Google Konzern als ideale Melk Kuh an. Hoffentlich machen hier die innovativen Konzerne rückständigen Bestandserhalter Medien klar wo die rote Linie ist.

  2. Da es sich bei der GEMA um einen wirtschaftlichen Verein handelt, beruht seine Rechtsfähigkeit auf staatlicher Verleihung (§ 22 BGB) <- "dieser Paragraph" ist nicht mehr Rechtskonform, es bleibt jedem Künstler selbst überlassen mit wem er Verträge abschließt

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