Anzeige

Eine neue Folge des Digital-Dramoletts „Günther Oettinger vs. das Internet“

Immmr die gleichen Gesichter …
Immmr die gleichen Gesichter ...

Digital-Kommissario Günther Oettinger hat sich mal wieder mit renitenten Journalisten gezofft. Die Telekom macht sich und befreundete Medien mit Immmr lächerlich. Burda-CEO Paul-Bernhard Kallen will nicht mehr ins Zeitschriften-Business investieren. Und man kann an Halloween ganz offiziell als „Reporter“ gehen. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

Anzeige
Anzeige

Die neuste Folge des Digital-Dramoletts „Günther Oettinger vs. das Internet“ machte diese Woche auf vielen Ebenen sprachlos. Was bisher geschah: Unter Federführung von EU-Digitalkommissar Günther Oettinger hat die Kommission einen Vorschlag für ein europaweites Leistungsschutzrecht vorgestellt, der, außer von Verlags-Lobbyverbänden, einhellig entsetzt aufgenommen wurde. Oettinger hatte dann auf dem BDZV-Kongress die versammelten Verleger recht unverhohlen dazu aufgerufen, kritische Online-Journalisten auf Linie zu bringen. Später hat er sich via Twitter blamiert, als er die Behauptung in die Welt setzte, dass es vielen Nutzern ausreichen würde, die Mini-Anreißer bei Google (Snippets) statt die kompletten Artikel auf Medien-Websites zu lesen. Die Diskussion auf Twitter offenbarte ein wirklich erschreckendes Unverständnis des Digitalkommissars für das Internet. Zeit Online initiierte daraufhin den Hashtag #Trafficleaks unter dem mehrere deutsche Online-Chefredakteure die Traffic-Anteile ihrer Reichweite offenlegten. „Überraschung“: Ein großer Anteil des Traffics stammt von Suchmaschinen, also Hauptsächlich von Google. Dazu schwieg G.Oettinger dann auf Twitter. Nun berichtete das NDR-Medienmagazin „Zapp“ diese Woche über die Fortsetzung, eine Veranstaltung der EU-Kommission, bei der Oettinger mit Journalisten diskutierte.

Auf #Trafficleaks angesprochen, sagte Oettinger: „Die Zahlen von Zeitungen, die kennen Verleger. Und Chefredakteure eingeschränkt. Also ich wüsste nicht, dass ein Chefredakteur die Einnahmen und Ausgaben jeden Tag misst. Das ist nicht sein Job. Sein Job ist der Content.“ Man könnte aus der Haut fahren. Die bei Trafficleaks veröffentlichten Zahlen sagen doch gar nichts über „Einnahmen und Ausgaben“ aus, sondern darüber, wo die Besucher der Websites herkommen. Das zu analysieren ist natürlich sehr wohl Job eines Chefredakteurs. Es ist unfassbar, was Oettinger da von sich gibt. Die Nachfrage eines Kollegen vom Deutschlandradio, ob die Verleger nicht Geld an Google als Reichweitenlieferant zahlen müssten, kontert Oettinger mit der Entgegnung, „Ich find’s ja gut, dass Deutschlandfunk Google-Lobbyist geworden ist. Alle Achtung.“ Wer eine Frage stellt, die nicht passt, ist also „Google-Lobbyist“. Welche Vorstellung hat Oettinger von einer freien Presse? Wie groß muss der Druck sei, den Zeitungsverlage auf EU-Politiker wie Oettinger ausüben? Eine Idee gibt die Rede des neuen BDZV-Präsidenten Mathias Döpfner, die auch ausschnittweise im „Zapp“-Beitrag gezeigt wird. Springer-Chef Döpfner, dem man sicherlich unterstellen kann, dass er versteht, wie das Internet funktioniert, sagt da:

In einem Land, in dem man in den Geschäften Brot stehlen darf, würde auch keiner mehr Bäcker werden. Nach wie vor ist es aber so, dass andere Unternehmen im Netz Artikel, Fotos und Videos kopieren und auf eigene Rechnung vertreiben und vermarkten können ohne dafür an die Verlage etwas zu bezahlen.

Warum sagt er so etwas? Wo „kopiert“ Google oder eine andere Suchmaschine „Artikel, Fotos und Videos“ von Verlagsinhalten, vertreibt sie und macht damit Geld? Das wäre ja eine krasse Urheberrechtsverletzung. Um dagegen vorzugehen, bräuchte man kein Leistungsschutzrecht. Meint er Snippets? Aber das sind ja keine Artikel. Kurz danach sagt Döpfner: „Jeder, der etwas anderes sagt oder die Verlage lockerflockig zu mehr Kreativität oder neuen Geschäftsmodellen auffordert, lügt oder lenkt ab.“ Nachvollziehbare Argumente finden hier von Seiten der Verlage nicht statt. Wer nicht ohne Wenn und Aber für das Leistungsschutzrecht ist, der „lügt oder lenkt ab“, bzw. ist „Google-Lobbyist“. Es ist wirklich erschreckend.

Einigermaßen fassungslos kann man auch sein, wenn man sieht, was die Telekom so treibt. Die hat im Wirtschaftsmagazin Capital verkünden lassen, mit Immmr einen neuen Messenger-Dienst zu starten, der Whatsapp, Facebook Messenger, Skype, iMessage usw. Konkurrenz machen soll, und zwar zunächst auf dem Testmarkt Slowakei. Bei Erfolg dann auch in Kroatien. Ein Team aus 70 Mitarbeitern würde in Berlin seit 2014 daran tüfteln. Sofort gab es reichlich Hohn und Spott. Dieser Name! Die Slowakei! Konkurrenz für Facebook! Thomas Knüwer rechnet in seinem Blog wortreich mit dem Projekt Immmr ab und erinnert an das alte Dead-on-Arrival-Telekom-Messenger-Projekt Joyn. Den Immmr-Auftritt im Netz bezeichnet er als „Digitalmarketing aus der Dilletantenkiste“.

Es fällt einem angesichts solcher Werbesprüche nichts ein, womit man da widersprechen könnte. Wie können in einem Konzern wie der Telekom solche offensichtlichen Rohrkrepierer wie Immmr jahrelang finanziert werden? Irgendjemanden muss ja genehmigt haben, dass der Mensch in der Schweinemaske auf der Eisscholle bezahlt wird. Die Causa Immmr offenbart am Rande noch etwas: Wenn ein Konzern wie die Telekom einem Magazin wie Capital den Start eines Quatsch-Projekts „exklusiv“ verrät, dann ist dem Medium mit der „Exklusiv“-Nachricht offensichtlich die Möglichkeit genommen, kritisch zu berichten. So ist bei Capital ganz ernsthaft zu lesen „Telekom greift im Messenger Markt an“ – zumindest in der Online-Version ohne jede Einordnung. Damit macht die Telekom nicht nur sich selbst lächerlich, sondern auch noch die Medien, die sie mit ihrer News versorgt. Das nennt man wohl eine Lose-Lose-Situation.

Anzeige

Wo wir gerade bei der Telekom sind: Die Internet-Witz-Truppe vom Bohemian Browser Ballett hatte die nette Idee, Telekom-Kundenbeschwerden von Rappern vortragen zu lassen.

Hier muss man der Telekom zu Gute halten, dass sich die rührigen Menschen vom Social-Media-Betreuungsdienst „Telekom hilft“ in den Kommentaren sogar stellen. Immerhin. Es ist ja nicht alles schlecht bei der Telekom. Aber das mit Immmr ist schon eine Lachnummer.

Burdas Verlagsvorstand Philipp Welte wird das neue Manager Magazin vielleicht mit besonderem Interesse lesen. Welte zieht durch die Lande und erzählt gerne, dass das Zeitschriften-Business das tollste der Welt ist. „Die Menschen lieben diese Produkte! Deswegen bin ich auch leidenschaftlich optimistisch für unsere gesamte Industrie“, schwärmte er im Sommer in der Horizont. Im Herbst hielt Welte auf dem Distribution Summit des VDZ die Keynote und rief den versammelten Magazin-Machern zu: „Unsere Branche ist kerngesund.“ Der Verkauf von Zeitschriften sei „die Lebensader unserer gesamten Industrie.“ Er sehe die Zukunft der Zeitschriften „in strahlendem Licht“ usw. Nun ist Welte Verlags-Vorstand bei Hubert Burda Media. Der Vorstandsvorsitzende der Hubert Burda Media aber ist Paul-Bernhard Kallen und der tut via Manager Magazin gerade ganz andere Vorstellungen kund. Kallen bezeichnet dort weitere Investitionen ins Zeitschriftengeschäft als wenig sinnvoll. Zitat: „Es lohnt nicht, dort im Moment größere Beträge zu investieren. Deshalb konzentrieren wir uns auf andere Investitionen.“ Tja. Wem soll man glauben?

Doch ganz egal, was Sie glauben, es gibt Hoffnung: So lange es eine Halloween-Verkleidung „Reporter“ gibt, inklusive Horst-Schlämmer-Gebiss mit Abdruckmasse, kann es um die Strahlkraft der Branche so schlecht nicht bestellt sein.

Schönes Wochenende!

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Würde Oettinger in der „Heute Show“ als Moderator auftreten, gäbe es Einschaltquoten ohne Limit nach oben… Dieser Mann wäre aber als Bundespräsident die ideale Ergänzung.

  2. „Digitalmarketing aus der Dill(sic!)etantenkiste“

    Ich weiß ja nicht, was die Kiste voller Dill mit Digitalmarketing zu tun hat, aber bzgl. Landwirtschaft bin ich leider ein Dilettant.
    😉

  3. Hmm, ich finde die Berichterstattung über Oettinger nicht ganz fair. Er ist auch ein leichtes Opfer. Aber seine Antwort über die Einnahmen und Ausgaben ist auch richtig, wenn man sich bereit ist, sein Onlinesichtfeld zu verlassen und das Große und Ganze zu sehen. Leder, die von Print zu Digital wechseln, bringen weniger Geld. Also sinkt die wirtschaftliche Grundlage des Ganzen. Ist ja schön, dass Google auch wieder Leser bringt. Aber dass die Leistung des Artikelschreibens mehr geschützt und besser finanziert werden muss, um den gleichen journalistischen Aufwand weiter betreiben zu können, ist – in der Gesamtbetrachtung – sehr nachvollziehbar. Auch wenn das Finden des idealen Wegs schwieriger ist, als Oetti zu bashen.

    1. ah … nicht daß ich ein fan von oetti wäre, aber … schön zu lesen, daß das differenzieren noch nicht ganz ausgestorben ist im ozean präpubertärer „witz“-bolde, die schon speicheln wenn das ötti-glöckchen bimmelt.

      was aber (leider) nichts daran ändert, daß der mann den falschen job hat und den posten nur, weil die cdu so ihren (strahlenden) restmüll entsorgt. gerade an so einer zukunftswichtigen position ist er natürlich der maximale schaden für die sache.

    2. Öttinger ist tatsächlich ein leichtes Opfer. Aber er agiert auch dermaßen nun ja.. ..unglücklich und so offensichtlich als Lobbyist, dass man sich nur wundern kann dass das nicht noch mehr Widerspruch erntet. Die Verlage haben die ganze online Entwicklung verschlafen und es versäumt rechtzeitig variable und kundenorientierte pay-content Konzepte zu entwickeln. Öttinger lassen Sie jetzt den ganzen Mist zusammenkehren. In seiner ihm eigenen Art istver dann eine willkommene Zielscheibe.

      1. ich erinnere mich halt an ein interview mit ihm im dlf, wo er um geduld bat .. wozu ich im grunde bereit war. nach der ganzen zeit und dem ganzen inkompetenten blödsinn, den er in der zwischenzeit angestellt hat, fühle ich mich ziemlich verulkt.

        aber hey, inkompetent sind sie ja eh fast alle in der sache. und, schlimmer, sie lernen nicht aus ihren fehlern oder korrigieren sie ggfl.

        was – wenn du mich fragst – aber am ende am versagen der „bloggosphäre“ oder dem, was man früher mal „internetcommunity“ nannte, alle viel zu selbstverliebt, alle nicht zu großen themen in der lage, jeder mit seinem schäufelchen.

        und so verpassen sie jaron lanier und Jarett Kobek“ und wir schlagen uns hier mit diesen nervtötenden AFD bots rum.

  4. Herr Oettinger ist von der Fachlichkeit aus gesehen das Paradebeispiel für den falschen Mann am falschen Ort.

  5. Danke für die interessante und amüsante Zusammenfassung, vor allem zum Fall Oettinger. Bezieht sich das eingefügte Zitat von Springer-Chef Döpfer wirklich auf Google? Ich habe die Rede nicht ganz gelesen, den Ausschnitt aber schon und hatte ihn so verstanden, dass er sich auf Webseites bezieht, die das Stehlen von Inhalten zum Geschäftsmodell erhoben haben. Das geschieht ja etwa mit Bild Plus Inhalten ganz massiv.

  6. Hat eigentlich schon mal jemand recherchiert, ob es eine vielleicht Gegenleistung dafür gibt, dass sich Oettinger als Lobbyhampel der Zeitungsverleger zum Gespött macht? Ist das vielleicht einer der Gründe, warum Springer insbesondere bei Bild letztes Jahr völlig überraschend in den kritiklosen Chor der Willkommensschreiber eingestimmt hat?

    1. Na dann recherieren Sie doch mal bevor Sie Ihre Verschwörungstheorie formulieren. Dann verlassen Sie auch mal ihren geistigen Mikrokosmos

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*