Technische Probleme und mangelnde Transparenz beim Voting: Das missfällt den Zuschauern am „Terror“-Freispruch

Freispruch für Soldat Koch: Das TV-Publikum hält den Protagonist aus dem Drama „Terror“ für unschuldig
Freispruch für Soldat Koch: Das TV-Publikum hält den Protagonist aus dem Drama "Terror" für unschuldig

Ein Mensch, der 164 Menschen tötet, um weiteren 70.000 das Leben zu retten ist kein schuldiger Mörder – zumindest nach Ansicht eines Großteils des ARD-Publikums. Denn das sprach nach dem TV-Event "Terror" am Montagabend einen angeklagten Bundeswehrsoldaten frei, der genau das getan hatte. Nur 13,1 Prozent der Zuschauer stimmten für eine Verurteilung – beim Voting kam es allerdings zu technischen Komplikationen.

Anzeige

Das deutsche Fernsehpublikum hat für Freispruch plädiert: 86,9 Prozent der TV-Zuschauer entschieden am Montagabend nach dem TV-Film „Terror – Ihr Urteil“ (Das Erste), dass der Bundeswehrsoldat, der eine Passagiermaschine mit 164 Menschen an Bord abschoss, um 70 000 Leute in einem Fußballstadion zu retten, unschuldig ist.

Dabei ist unklar, ob das Ergebnis mit der tatsächlichen Zuschauerstimmung übereinstimmt. Denn der Sender hatte während der Abstimmung mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen. So war die Internetseite zum Voting schnell überlastet und bis Ende der Abstimmung nicht mehr erreichbar, in den sozialen Netzwerken beschwerten sich Zuschauer auch über Komplikationen beim Telefonvoting. Die angegebenen Leitungen seien mehrfach besetzt gewesen. Darüber hinaus wurde im Netz mehrfach der Wunsch nach Transparenz geäußert. Das Erste veröffentlichte außer dem prozentualen Ergebnis der Abstimmung keine weiteren Zahlen. Viele interessierte jedoch, wie viele Menschen an der Abstimmung teilgenommen haben. Bislang hat der Sender darauf noch nicht reagiert.

Bei der zeitgleichen Ausstrahlung in Österreich kam ein identisches Urteil zustande: 86,9 Prozent plädierten für Freispruch, in der Schweiz waren es 84 Prozent.

Das TV-Spiel mit Martina Gedeck, Burghart Klaußner, Florian David Fitz und Lars Eidinger entstand auf der Basis eines Stücks des Autors Ferdinand von Schirach, das bereits mehr als 400 Mal im Theater aufgeführt wurde. Auch in den meisten Aufführungen stimmte bisher ein Großteil des Publikums für Freispruch, das Abstimmungsverhältnis dort ist etwa 60:40 Prozent für Freispruch.

In einer «hart aber fair»-Sondersendung direkt nach der Ausstrahlung des Films lieferten sich der frühere Innenminister Gerhart Baum (FDP) und der ehemalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) eine heftige Kontroverse. Für Baum war der Pilot juristisch ein Mörder. Baum betonte den ewigen Grundsatz des Grundgesetzes «Die Würde des Menschen ist unantastbar». Leben dürfe nicht gegeneinander aufgerechnet werden. Im übrigen sei der Ausgang einer Flugzeugentführung bis zuletzt nicht entschieden. Baum verwies auf ein entsprechendes Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 2006, an das sich alle zu halten hätten.

Dagegen betonte Jung, die einzig entscheidende Frage sei, ob das Leben der 70 000 Menschen im Stadion noch zu retten sei. Auch diese hätten eine Menschenwürde. Das Leben der Passagiere in der entführten Maschine sei ohnehin nicht mehr zu retten gewesen. Hier gebe es einen Fall von übergesetzlichem Notstand.

Thomas Wassmann, Waffensystemoffizier der Luftwaffe, gab zu Bedenken, dass in den heutigen Zeiten des Terrorismus die Welt eine andere sei als bei der Einführung des Grundgesetzes nach dem Zweiten Weltkrieg. Es stelle sich die Frage, ob das Grundgesetz nicht geändert werden müsse. Die evangelische Theologin Petra Bahr erinnerte an die NS-Widerstandskämpfer gegen Hitler, die bereit waren, schuldig zu werden und das Leben einiger Menschen zu opfern, um das Leben vieler zu retten.

Die innenpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion, Ulla Jelpke, kritisierte in einer Pressemitteilung, der Film solle der geistigen Mobilmachung für den Ausnahmezustand dienen, um Gesetzes- und Verfassungsänderungen sowie Grundrechtsabbau zu rechtfertigen.

Update, 11.34 Uhr: Mittlerweile hat sich die ARD zu den technischen Problemen erklärt und bekannt gegeben, wie viele Stimmen beim Voting eingegangen sind. Mehr dazu lesen Sie hier.

Mit Material der dpa

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Warum gibt eigentlich die Tatsache, dass sowohl in Deutschland als auch in Oesterreich angeblich genau 86,9 Prozent herausgekommen sind, nicht zu reden bzw. zu schreiben? Wie gross ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Ergebnis zustandekommt, wenn es mit rechten Dingen zugeht?

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige