Reingezappt: „Leckomio, ist das wieder geil hier!“ – Steffen Henssler, der ADHS-Fernsehkoch

TV-Koch Steffen Henssler
TV-Koch Steffen Henssler

Steffen Henssler ist der Archetyp des Privatfernsehkochs. Laut, großes Ego, ein bisschen vulgär und vor allem schmerzfrei. Ein Mann, der Feines auf den Teller bringt, sich bei seinen TV-Auftritten verbal aber lieber grober Zutaten bedient. Er hat Hamburger zu Sushi-Fans gemacht und hat dann den Ruf vom TV erhört. Er war „Topfgeldjäger“, Kurzzeit-Nachfolger von Christian Rach als „Restauranttester“ und ist aktuell bei Vox wieder sehr erfolgreich in „Grill den Henssler“ zu sehen. Versuch einer Annäherung.

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Bei „Grill den Henssler“ sehen wir jeden Sonntag einen wild grimassierenden, bärtigen Mann in Turnschuhen durchs Studio dopsen. Er ruft gerne „Leckomio!“, „Scheiße, ist das geil!“ oder „am Arsch!“. Bei Steffen Henssler bitte die Ausrufezeichen nie vergessen! Der Puderzucker ist selbstredend „verschissen“, der Warenkorb – die vorgegebenen Zutaten für ein Gericht – wird „immer beknackter“. Am Arsch ist das wieder geil hier!

Henssler dreht vor der Kamera stets im roten Bereich. Typus hyperaktiver Kampfkoch mit ADHS. Das Schlimmste scheint für ihn zu sein, wenn er kurz hinter einer Wand warten muss, bis die Jury – angeführt vom grotesk-gewaltigen Reiner Calmund – ihr Urteil abgegeben hat. Da zappelt und hampelt der Henssler rum wie das Problem-Kind Steffen in der Grundschule kurz vor dem Pausengong. Ruhe und Konzentration stellen sich nur kurz ein, wenn der Druck da ist, wenn das Zeitlimit läuft, er am Herd steht und Soßen im Sekundentakt komponieren darf. „Schnell, schneller, Henssler.“ (Buchtitel) Aber der Herd ist ihm als Bühne schon länger nicht mehr genug.

Henssler hat Bücher veröffentlicht, zahlreiche TV-Sendungen präsentiert, er füllte Hallen mit einer Bühnenshow („Meerjungfrauen kocht man nicht“) und hat seinen Namen für einen Nintendo Kochkurs hergegeben. Er versteht sich mittlerweile offenbar eher als Showmann und fühlt vielleicht daher eine Seelenverwandtschaft zum Brachial-Komiker Mario Barth. Als der Restaurantführer Gault Millau ihn mal als „kochenden Mario Barth“ bezeichnete und wegen sexistischer Sprüche schalt, keilte Henssler zurück, das „Schmierenblatt“ suche Aufmerksamkeit. Für ihn, die vermutlich einzig nachvollziehbare Erklärung. Im Internet findet man noch Videoschnipsel, die Henssler zeigen, wie er einen Teilnehmer in einer seiner Shows verbal zusammenstaucht. Solche Szenen kennt man von jemandem wie Christian Rach eher nicht.

Henssler spielte in seiner Show „Topfgeldjäger“ schon einmal vor laufender Kamera mit einem abgehackten Fischkopf, dem er zum Spaß und Plaisir des Publikums die Augen rausdrückte. Guck mal, wie der guckt. Subtil geht anders. Geschmack findet bei Henssler ausschließlich auf dem Teller statt. Nicht jeder Hecht im Karpfenteich muss ja auch gleich ein Feingeist sein. Steffen Henssler hat für sich die Rolle als Mario Barth der Fernsehköche-Zunft quotentechnisch erfolgreich gesucht und gefunden. Jenseits der Kulinarik trifft er den Massengeschmack. Der Gault Millau mag die Nase rümpfen. Jürgen Dollase mag mit dem Kopf wackeln. Trotzdem rennen viele Leute zum Mittagessen zur Abfüllung in die Kantine. Oder kaufen Tickets zum Ablachen für Mario Barth. Oder schauen Shows mit Steffen Henssler zum, ja was eigentlich, zum Abkochen vielleicht. Man muss nur wissen, was man will. Das bekommt man dann meistens auch serviert.

In der Rubrik Reingezappt wollen wir uns in loser Folge ganz und gar subjektiv und persönlich einem TV-Phänomen nähern.

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