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„Lasst Euch keinen Bullshit andrehen“: Kevin Spaceys fulminante Keynote bei den Bits & Pretzels

„House of Cards“-Darsteller Kevin Spacey bei Bits & Pretzels
"House of Cards"-Darsteller Kevin Spacey bei Bits & Pretzels

Was vor gerade mal drei Jahren als größtes Frühstück für Startup-Gründer begann, ist zu einem Megaevent angewachsen. 5.000 Technologie-Begeisterte, Marketer und Medienleute sind beim Kongress Bits & Pretzels in München dabei. Mit Kevin Spacey als Keynote-Speaker und einem Auftritt von Virgin-Chef Richard Branson setzt die Veranstaltung auch international Maßstäbe. Der Auftakt war vielversprechend.

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Von Bijan Torabi

Der Großteil der mehr als 5.000 Kongressbesucher hat sich vor der Main Stage der Bits & Pretzels versammelt. Alle warten auf Kevin Spacey, viele sind in Lederhosen erschienen – ein Tribut an das Oktoberfest, auf dem die aufstrebende Münchner Gründer-Sause am Dienstag im Schottenhamel-Zelt ausklingen wird. Um sich die Zeit bis zum Auftritt des Hollywood-Stars zu vertreiben, gehen zwei Startup-Jungs ihren Beitrag für den Pitch-Wettbewerb noch einmal durch: Der eine trägt auf Englisch vor, der andere gibt Anweisungen auf Deutsch. Beim Vortrag muss alles sitzen.

Als das Programm beginnt und der Zeremonienmeister auf der Bühne den Grand Prix des Startup-Pitches während der Konferenz bekannt gibt, geht ein Raunen durch die Menge: eine Reise auf die Privatinsel Necker Island des legendären Selfmade-Milliardärs Richard Branson, inklusive eines Face-to-Face-Pitches beim Großmeister persönlich. Die Jungs nebenan vergessen ihre Startup-Probe und beginnen zu hyperventilieren.

Aber jetzt ist erst einmal Spacey dran, der Keynote-Speaker der Bits & Pretzels. Zur Einstimmung wird die Messehalle vom tiefen Bass der „House of Cards“-Melodie erfüllt, auf der Leinwand erscheint ein Zusammenschnitt der Höhepunkt der Karriere des US-Schauspielers, angefangene von „Glengarry Glen Ross“ bis hin zu vielen Dankesreden bei Preisverleihungen. Als der zweifache Oscar-Gewinner auf die Bühne tritt, steigert sich der Applaus von höflich über enthusiastisch bis zu einem ohrenbetäubenden Lärm. Ganz klar: Für viele Leute hier steht da nicht Kevin Spacey, sondern Frank Underwood, der durchtriebene Präsident aus „House of Cards“.

Spacey ist ein exzellenter Showman, und er gibt der Menge, was sie will. Sein Gesichtsausdruck wird überlebensgroß auf der Leinwand bis in die letzte Ecke der Raums transportiert. Nachdem er zur Begrüßung erklärt hat, wie sehr er sich geehrt fühlt, bei Bits & Pretzels zu sein, dreht er sich zu einer Kamera neben dem Podium und lästert im Underwood-Stil: „Dieser Scheiß bereitet mir nun wirklich keine Freude.“ Nach einer Reihe von Witzen über das Oktoberfest, deutsches Bier – und natürlich Trump – sowie einer unglaublich guten Bill-Clinton-Parodie kommt Spacey auf sein Thema: die Kunst des Storytelling. Das Internet habe, so Spacey, jedem eine Plattform mit einer weltweiten Reichweite gegeben. Jeder spricht heute, sagt er, aber wer höre überhaupt noch zu? Wie könne man die eigene Stimme von der Menge unterscheiden, wenn alle schreien?

Spacey nennt kurz die Technologiesprünge und die disruptiven Veränderungen des vergangenen Jahrzehnts: „Gerade mal fünf Jahre ist es her, dass Netflix in den USA noch DVDs per Post verschickte.“ Die Entwicklung seither habe eine ganze Industrie verändert: „Statt Hunderten von Schauspielern, die Millionen Dollars verdienten, gibt es nun Millionen Darsteller, die hunderte Dollars verdienen.“ Netflix, sagt er, habe eine wichtige Lektion gelernt, die die Musikindustrie nicht verstanden habe: Gib den Leuten das, was sie wollen, zu einem vernünftigen Preis, und sie werden nicht versuchen, es zu stehlen. Es sei auch keineswegs so, dass Netflix Binge-Watching erfunden habe. Diese Form des „Koma-Sehens“ von TV Serien in Endlos-Sessions gehe eigentlich bis zu Gutenberg zurück und Leuten, die nicht in der Lage seien, ein Buch zur Seite zu legen, bevor sie erfahren hatten, wie die Geschichte endet.

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Fans von „House of Cards“, die sich daran erinnern, wie Frank Underwood im Keller seines Hauses Dampf abließ, indem er Egoshooter-Games spielte, wird es nicht wundern, dass Spacey von der Virtual Reality-Technologie besessen ist. Nach den Anekdoten seiner eigenen Lebensgeschichte als Schauspieler und dem Dank an Menschen, die ihm dabei halfen, nimmt VR den größten Teil seiner Keynote ein. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten und verfrühten Vorschusslorbeeren sei nun die Zeit gekommen, das neue Medium zum Glänzen zu bringen. Und VR, so ist Spacey überzeugt, ist nicht nur für Entertainment-Zwecke geeignet, sondern werde auch von Ingenieuren, der Medizin-Technik und sogar der National Football League (NFL) genutzt.

Spacey prognostiziert, dass VR vor allem auf dem Bildungssektor ein Game-Changer werden wird. Studenten wären dadurch in der Lage, historische Augenblicke und fremde Kulturen aus erster Hand zu erleben, und Zuschauer könnten durch die Technologie durch die Leinwand in die Welt treten. Für ihn ist das buchstäbliche Sich-Hineinversetzen in neue Welten vergleichbar mit der Herausforderung eines Schauspielers, eine Rolle zu übernehmen und mit Leben zu erfüllen – die 21. Jahrhundert-Version der „Empathy Machine“ des US-Filmkritikers Roger Ebert.

Seinem Publikum gibt Spacey am Ende zwei Ratschläge mit auf den Weg in die Drei-Tage-Konferenz: Erstens, man solle seinen Flüssigkeitshaushalt nicht ausschließlich durch bayerisches Bier bestreiten, sondern Wasser trinken. Zweitens: Setzt Eure Wetten auf die, die keine Angst haben, den Status Quo in Frage zu stellen.“ Die Menge ist begeistert und feiert Spacey / Underwood mit Standing Ovations, die nicht enden wollen. Immerhin ist es der Präsident, der hier gesprochen hat.

Die anschließende Q&A-Session, moderiert von Mike Butcher vom US-Blog TechCrunch, wird sofort von einem überenthusiastischen Gründer gesprengt, der die Gelegenheit nutzt, vor Tausenden für sein Startup zu werben. Nach kurzer Zeit stoppt ihn Spacey höchstselbst, steht auf und zieht das Podium zum Ende der Bühne, sodass ihn auch die Leute in den hintersten Reihen sehen können. In diesem Augenblick dürfte die Masse der Zuschauer bereit sein, das eigene Startup hintenan zu stellen und sich dem Underwood-Wahlkampfteam 2020 anzuschließen. Bei den folgenden Fragen streift der Keynote-Speaker noch Gaming, die Porn-Industrie, Snapchat Glasses und die Möglichkeit, dass die Tech Companies aus dem Silicon Valley auch in Hollywood zu Big Playern werden.

Die finale Frage, logisch: Wird Trump gewinnen? Nein, sagt Spacey, das glaube er nicht. Aber wie, fragt Moderator Butcher, könne Europa dabei helfen, einen solchen Präsidenten zu verhindern?  Antwort: „Sorgt füreinander, liebt einander, und lasst Euch keinen Bullshit andrehen.“ Ein weiser Rat, der von Frank Underwood kommt.

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