Anzeige

„Das Jenke-Experiment“: Drogen-Selbsttest zwischen Amazon-Rezension und Beipackzettel

RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff hat für „Das Jenke-Experiment“ harte Drogen ausprobiert.
RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff hat für "Das Jenke-Experiment" harte Drogen ausprobiert.

Als Wallraff für Selbstversuche widmet sich Jenke von Wilmsdorff gesellschaftlichen Reizthemen. Am Montag ist "Das Jenke-Experiment" bei RTL in die vierte Staffel gestartet. Mit einem Auftakt, der selten so umstritten war. Und selten so irritierend: Der RTL-Reporter greift zu harten Drogen wie Ecstasy, LSD und K.O.-Tropfen – die Erkenntnisse mäandern irgendwo zwischen Amazon-Rezension, Beipackzettel und einem Finger-weg-von-Drogen-Flyer.

Anzeige
Anzeige

Harte Drogen seien mittlerweile im Alltag der Deutschen angekommen, erklärt Jenke von Wilmsdorff zu Beginn seines Selbstversuchs – und langweilt nicht weiter mit den Gründen für diese Feststellung. Insofern bleibt der RTL-Reporter dem Erfolgsrezept von „Das Jenke-Experiment“ treu: Er knöpft sich ein gesellschaftliches Reizthema vor – wie etwa Alkoholismus, Leben im Rollstuhl oder Armut – und zeigt einfach mal im Selbstversuch, wie das so ist. Ein „Doku-Format“, wie der Kölner Sender es nennt, das eher auf den Effekt statt auf Erklärungen setzt.

Die Faszination um „Das Jenke-Experiment“ ist daher schnell erklärt: Schwere Schicksale, Krankheiten und (soziale) Abhängigkeiten werden als vermeintliche TV-Tabu-Themen inszeniert und als fundierte wie unterhaltsame Selbstversuche aufgearbeitet. So wird auch Alkoholismus (Wilmsdorffs Abhängigkeit hat vier Wochen angedauert) zum Zuschauermagnet – und harte Drogen zu einem Quotenrausch für RTL.

Zugegeben: Es ist wirklich unterhaltsam, wenn Wilmsdorff einen 48-Stunden-Partymarathon auf Ecstasy und Speed hinlegt und seinem Kameramann in der Disco völlig verstrahlt zuruft: „Du bist mein Junge! Wir müssen gemeinsam privat viel mehr erleben!“ und seinem Arzt, der das gesamte TV-Experiment begleitet und für neuen Stoff sorgt, fragt, ob er noch etwas nachwerfen soll. Was er da alles (nach-)wirft, sei übrigens legal: Die chemische Zusammensetzung der Drogen sei leicht verändert – es handele sich damit um „Legal Highs“, die nicht strafbar seien aber weitestgehend dieselbe Wirkung erzielten. Das muss man wohl glauben. Während seine Kollegen nach 20 Stunden Feierei abwinken, tänzelt sich Wilmsdorff noch vier Stunden durch das Stroboskopflimmern. „Drogen sind etwas Wunderbares“, so Wilmsdorff.

Aber natürlich nimmt Wilmsdorff noch rechtzeitig die Ausfahrt: Mit den Worten „Drogen sind die Hölle“ leitet der RTL-Reporter seinen Besuch in einer Suchtfachklinik für Mütter ein, die im Beisein ihrer Kinder gegen ihre Sucht und sogenannten Drogendruck kämpfen. In einer anderen Klinik sorgt ein schlotternder Säugling – der mit Entzugserscheinungen geboren wurde – für schaurige Bilder. Eine Mutter erzählt Wilmsdorff von ihrem K(r)ampf mit dem Entzug. „Das zeigt doch, was ein Psychoscheiß diese Drogen mit einem machen, oder?“, hält der RTL-Reporter nun entgeistert fest. Und macht sich auf nach Portugal, um seinen ersten LSD-Trip zu erleben.

Anzeige

Es ist dieser gewisse Doppelstandard, der beim Auftakt der vierten Staffel von „Das Jenke-Experiment“ so irritiert: Wird auf der einen Seite (eher inkonsequent) vor Drogen gewarnt, verliert sich Wilmsdorff allzu oft in euphorischen Jubelarien auf die Rauschmittel – die oftmals wie bedeutungsschwangere Amazon-Rezensionen („Ein Glücksgefühl überschwemmt meinen Körper und legt einen warmen Schleier über mein Gemüt“) daherkommen. Das mag ehrlich und womöglich authentisch sein. Aber um „gesellschaftlich relevanten Reizthemen im wahrsten Sinne auf den Grund zu gehen“ (wie es in einer RTL-Pressemitteilung heißt) ist „Das Jenke-Experiment“ schlichtweg zu oberflächlich. Da reicht es auch nicht, die eher unschönen Nebenwirkungen hier und da wie in einem Beipackzettel abzufrühstücken.

Aufschlussreich wird noch ein Besuch im Bierzelt, in dem sich Wilmsdorff so genannte K.O.-Tropfen verabreichen lässt – und ihn die Redakteure schamlos bestehlen, verarschen und sogar unmerklich umziehen. All das hat der RTL-Reporter am nächsten Tag wieder vergessen, dementsprechend fassungslos gibt er sich bei der Auslese des Film- und Fotomaterials des vergangenen Abends.

Und wie lautet nun das Fazit des Selbstversuchs? High-Sein funktioniert auch ohne Rauschmittel – wie ein Kurs, der etwa durch Atemtechniken transzendentale Erlebnisse beschwört, beweist. „Die schönste Droge bin ich selbst“, hält Wilmsdorff geläutert und nunmehr ganz politisch korrekt fest, während der Satz „2015 sind in Deutschland 1.226 Menschen an illegalen Drogen gestorben“ eingeblendet wird. Auf den erhobenen Zeigefinger hat „Das Jenke-Experiment“ zwar verzichtet. Aber wirklich schlau wurde man aus diesem Selbstversuch nicht.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. „Harte Drogen seien mittlerweile im Alltag der Deutschen angekommen“

    Das stimmt vielleicht bei System-Journalisten oder System-Politikern oder vielleicht auch bei sonstigen Vertretern der selbst ernannten Elite.

    Es würde auch erklären, wieso Wahlergebnisse wie in „McPomm“ keinerlei politische oder gesellschaftliche Konsequenzen haben…

    Wieso selbsternannte Elite-Journalisten das Wahlvolk für dumm erklären und als Nazis diffamieren und im nächsten Atemzug am liebsten die Demokratie abschaffen wollen…

    Aber das gilt sicher nicht für die breite Masse der Bevölkerung, die weder das Geld, noch die Zeit hat, sich mit Drogen den Kopf weg zu schießen….!

    …und das ist auch gut so!

    -RTL=rauchen, trinken, langweilen…

    1. System-Journalisten und System-Politiker? Sie sind dann also ein Gut-Mensch? Ein Wut-Bürger?

      Wahlergebnisse wie in Mecklenburg-Vorpommern haben politische Konsequenzen. So wird eine neue Regierung für das Bundesland gebildet – Angela Merkel aber noch lange nicht abgesetzt werden müssen. Denn letztendlich war es „nur“ eine Wahl in Mecklenburg-Vorpommern. 167.453 Menschen haben dort für die AfD gewählt, damit sind sie noch lange nicht „die breite Masse der Bevölkerung“ oder ähnliches. Es ist eine Minderheit, eine recht große, aber eine Minderheit.

      Das Wahlvolk wird nicht für dumm erklärt, schon gar nicht in diesem Artikel, und die Demokratie wird auch nicht abgeschafft, ebenfalls auch nicht ansatzweise in diesem Artikel.

    2. Kein Thema scheint zu abwegig, um nicht doch irgendwie den Schlenker zu den bösen „Systemjournalisten“ hinzukriegen. Peinlich, peinlich.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*