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Zeit-Beitrag von Can Dündar: So kuschen türkische Medien, wenn Präsident Erdogan anruft

Can Dündar (Foto), bis vor kurzem Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet,  rollt in der Zeit seine Entscheidung auf.
Can Dündar (Foto), bis vor kurzem Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhuriyet, rollt in der Zeit seine Entscheidung auf.

Der türkischen Regierung ist er ein Dorn im Auge, wurde für seine Berichterstattung zu einer Haftstrafe verurteilt und hat das Land verlassen: Can Dündar – der vor kurzem seinen Chef-Posten bei der Tageszeitung Cumhuriyet geräumt hat – erklärt nun in einem Gastbeitrag für die Zeit, warum diese drastischen Schritte nötig waren. Und wie Präsident Erdogan in der türkischen Medienwelt die Strippen zieht.

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Am Montag gab Can Dündar in seiner Kolumne für Cumhuriyet bekannt, dass er sein Amt als Chefredakteur der liberalen Tageszeitung an den Nagel hängen wird. Warum? Nach dem Putschversuch und zahlreichen Entlassungen auch am Berufungsgericht habe er kein Vertrauen mehr in die türkische Justiz. Und mehr. Das erklärt Dündar nun in einem Gastbeitrag in der aktuellen Zeit.

„Hat wohl je ein deutscher Kanzler die Leitung der Zeit angerufen und sie gerüffelt: ‚Wie konntet ihr diesen Bericht bringen?!‘ In der Türkei ist so etwas gang und gäbe.“, schreibt der Journalist in der Einleitung seines Textes. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan habe schon mehrmals in die Berichterstattung eingegriffen – obendrein zu seinen Gunsten. So habe ihm ein Bericht zum Gesundheitswesen nicht gepasst, den er anschließend im Telefonat mit dem zuständigen Chefredakteur scharf kritisierte. „Es ist eine Schande, aber wie soll man das nun wieder hinkriegen, nach so einer Überschrift? Wir füllen den Eimer, ihr versetzt ihm einen Tritt und macht alles zunichte.“ soll Erdogan gesagt haben. Und der Chefredakteur: „Das stimmt natürlich. Es ist unser Fehler. Das kommt nicht wieder vor. Ganz wie Sie befehlen. Ich lasse sofort Mehmet Bey (den Gesundheitsminister) anrufen und eine Meldung für Seite eins machen.“ Was einen Tag später offenbar auch geschah. Dündar: „Ich denke, dieses Telefongespräch gibt eine Vorstellung davon, wie es in den Medien der Türkei zugeht.“

Diese und weitere Beispiele rollt der türkische Journalist in seinem Beitrag für die Zeit aus, bevor er Stellung zu seinem Rücktritt als Cumhuriyet-Chef nimmt. „Sie können sich vorstellen, was es an Standvermögen, Courage, Geduld und Kampfgeist erfordert, in einem Land, in dem die Medien auf diese Art gelenkt sind, ein unabhängiges oppositionelles Publikationsorgan herauszugeben und zu leiten.“, schreibt Dündar. Zwar habe es in der Cumhuriyet-Redaktion keine Drohanrufe gegeben. Doch die Journalisten hätten den Druck auf andere Weise zu spüren bekommen – etwa durch Drohungen, Übergriffe und Prozesse. „Wir verzagten aber nicht. Doch nach dem Putsch nahm der Druck enorm zu.“

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Ein Druck, den Dündar offenbar nicht mehr akzeptieren wollte. Zahlreiche Medienunternehmen wurden geschlossen, Journalisten verhaftet – Dündar selbst wurde wegen „Aufdeckung eines Staatsgeheimnisses“ zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt. Die Verfassungsrichter, die seine Haftstrafe für ungesetzlich erklärt hätten, seien daraufhin verhaftet worden. Darüber hinaus sei im Internet eine Liste aufgetaucht, mit den Namen „zu verhaftender Journalisten“. Er habe ganz oben darauf gestanden. „So beschloss ich, den Posten des Chefredakteurs zu räumen und mein Land zu verlassen.“, so Dündar.

Seinen Text beschließt er mit der Frage: „Hätten Sie in einem Land (…) in dem die Wiedereinführung der Todesstrafe auf der Agenda stand, dem Rechtswesen vertraut und Ihren Kopf der Guillotine der Regierung hingestreckt?“

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