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B.Z.-Chefredakteur Peter Huth: Warum wir dem Münchner Amokläufer unsere Titelseite verweigerten

Berliner Boulevardblatt B.Z., Chefredakteur Peter Huth: mit ungewöhnlichen Titelseiten zur Zeitung des Jahres bei den Lead Awards

Im Artikel über die Verunsicherung der Medien im Fall des Münchener Attentats thematisierte MEEDIA auch die Sonntagsausgabe der B.Z. Grund: Statt eines Täterfotos zeigte das Blatt eine weiße Fläche und die Headline: „Dein Foto kommt nicht auf unseren Titel!“ MEEDIA attestierte der B.Z. „Katastrophen-Marketing“. Chefredakteur Peter Huth widerspricht und verteidigt seinen Titel in einem Gastbeitrag.

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Von Peter Huth

„B.Z. mit fragwürdigem Katastrophen-Marketing“, schrieb MEEDIA über unsere gestrige Schlagzeile in der BZ am Sonntag. Sie zeigt unter der Überschrift „Dein Foto kommt nicht auf unseren Titel!“ ein leeres Feld. Es es ging – natürlich – um den Amoklauf von München. Kritisiert wird, dass der Titel durch seine ungewöhnliche Aufmachung, die direkte Ansprache des (toten) Täters effekthascherisch sei – und dass wir auf bz.de online trotzdem über den Täter berichtet hätten.

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Nun ist es Aufgabe der Titelseite einer Zeitung, Aufmerksamkeit zu erregen – sie ist das primäre Argument, die Zeitung zu kaufen. Das meine ich wertfrei, rein funktional. Das Foto des Amokläufers auf den Titel zu drucken, wäre eine Methode gewesen – und zwar die klassische. Wir haben uns anders entschieden. Warum?

Es ging dabei weder um Effekthascherei noch darum, Katastrophen-Marketing betreiben zu wollen. Die Seite entstand aufgrund eines besonderen Hinweises eines Twitter-Users. Im Laufe des Samstags war ich mit Hansheiner Ritzer in einen Diskurs über die erste Schlagzeile zu München geraten, auf der wir den Dialog mit dem Anwohner zitiert hatten. Ritzer kritisierte, man würde so unnötig Aufhebens um den Täter machen. Ich war anderer Meinung, fragte ihn aber, wie er es machen würde. Er twitterte: „Versucht’s doch mal mit dem Teaser: ‚Unseren Titel kriegt der nicht!’“.

Eine wirklich gute Idee! Natürlich nicht an den Täter gerichtet, sondern als Statement. Wir dürfen nicht vergessen, dass eine Schlagzeile mit ihrer Prominenz und Wucht automatisch auch eine Ikonisierung bedeutet. Die Diskussion um Nachahmer ist bekannt und gerade in diesem Fall extrem wichtig – denn der Täter orientierte sich eindeutig an anderen Amokläufern. Sie waren seine Helden.

So formulierten wir die Schlagzeile also nach dem Vorschlag aus dem Netz. Die Titelseite verbreitete sich schnell und oft. 212 000 Impressions bislang. Auch im Web gab es Kritik, vor allem, weil wir das Foto des Täter auf den Innenseiten zeigten und auch seinen Namen nannten. Das aber ist für mich kein Widerspruch. Dem Täter nicht den prominentesten Platz zu geben und trotzdem über ihn zu berichten, funktioniert.

Es ist und bleibt unsere wichtigste Aufgabe, zu informieren. Wir müssen das, was wir über den Täter wissen, in Wort und Bild, darstellen. Tun wir das nicht, bleibt er ein Phantom, eine Chimäre. Er ist aber kein „Schwein“, keine „Bestie“, er ist kein „Monster“ und kein „Teufel“. Der Amoktäter von München war ein Mensch. Er hat getötet, er hatte dafür Motive, kranke, falsche, fürchterliche Motive – aber nur, indem wir diesen Fall durchdringen, erkennen wir: Homo homini lupus.

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