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Das „Säbelrassler“-Zitat und der Kontext: Wie die BamS Außenminister Steinmeier zum „Putin-Beschmuser“ machte

Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Schlagzeilen zum „Säbelrasseln“
Außenminister Frank-Walter Steinmeier, Schlagzeilen zum "Säbelrasseln"

Die Aufregung um ein Zitat von Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier (SPD) in der jüngsten Bild am Sonntag hat sich schon wieder gelegt. Die Story rund um das von Steinmeier so bezeichnete „Säbelrasseln“ und seine angebliche Kritik an Nato-Manövern ist aber wieder einmal ein Lehrstück dafür, wie schnell Medien und Politik heute überreizen.

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Blenden wir ein paar Tage zurück. Am vergangenen Samstag, 18. Juni, verbreitete die Bild am Sonntag eine Vorabmeldung mit Zitaten des Außenministers. Das aufmerksamkeitsstärkste Zitat in der Vorabmeldung lautete:

Was wir jetzt nicht tun soll­ten, ist durch lau­tes Säbel­ras­seln und Kriegs­ge­heul die Lage wei­ter anzu­hei­zen. Wer glaubt, mit sym­bo­li­schen Pan­zer­pa­ra­den an der Ost­grenze des Bünd­nis­ses mehr Sicher­heit zu schaf­fen, der irrt. Wir sind gut bera­ten, keine Vor­wände für eine neue, alte Kon­fron­ta­tion frei Haus zu lie­fern.

Dazu schrieb die Zeitung, dass Steinmeier mit diesen Worten die Nato-Manöver in Ost­eu­ropa kri­ti­siert und ­stattdes­sen „mehr Dia­log und Koope­ra­tion mit Russ­land“ fordere. Tatsächlich wird Steinmeier in der Vorabmeldung noch mit den Worten zitiert, es sei „fatal, jetzt den Blick auf das Mili­tä­ri­sche zu ver­en­gen und allein in einer Abschre­ckungs­po­li­tik das Heil zu suchen“ sowie man habe ein Inter­esse daran, „Russ­land in eine inter­na­tio­nale Ver­ant­wor­tungs­part­ner­schaft ein­zu­bin­den. Die Ver­hin­de­rung einer ira­ni­schen Atom­bombe, der Kampf gegen radi­ka­len Isla­mis­mus im Nahen Osten oder die Sta­bi­li­sie­rung liby­scher Staat­lich­keit sind dafür aktu­elle Bei­spiele.“

Die letztgenannten Äußerungen – allesamt nichts wirklich Neues oder Brisantes – fielen bei der medialen Rezeption freilich so gut wie unter den Tisch. Was hängen blieb waren die „symbolischen Panzerparaden“ und vor allem „Säbelrasseln und Kriegsgeheul“ in Verbindung mit der Einschätzung der BamS, Steinmeier kritisiere Nato-Manöver in Osteuropa. Mit diesen Zutaten wurden weltweit Schlagzeilen gemacht. Steinmeier habe die Nato-Manöver in Osteuropa „scharf kritisiert“, schrieb beispielsweise Spiegel Online und meinte kurz danach, Steinmeier habe mit seinen Äußerungen einen „Koalitionskrach“ provozieren wollen. Auch die internationalen Medien – von Bloomberg bis zu BBC – stiegen auf die „Warmongering“-Zitate ein. Riesenaufregung. Bild.de-Chef Julian Reichelt schäumte in einem Kommentar: „Falsch, falscher, Steinmeier“, die Äußerungen des Außenministers seien „absurd und gefährlich“. Es handle sich um eine „rasante Tour der Realitätsumkehr.“ Und: „Bisher ist noch kein deutscher Außenminister der eigenen Regierung und der Nato derart in den Rücken gefallen wie Steinmeier.“ Auf Twitter bezeichnete Reichelt Steinmeiers Aussagen als „Putin-Geschmuse“.

Die von der Bild am Sonntag vorgegebene Interpretation des Steinmeier-Zitats wurde nicht nur von Medien übernommen, sondern auch von Teilen der Politik, etwa von der Grünen Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt:

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Der deutsche Außenminister – außer Rand und Band – schmust öffentlich mit dem bösen Putin und will einen handfesten Koalitionskrach vom Zaun brechen. Ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier, der als besonnener Diplomat und einer der erfahrensten Außenminister gilt? Wie kann das sein?

Wie der Verteidigungs-Experte Thomas Wiegold in seinem Blog „Augen geradeaus“ schreibt, hat das Auswärtige Amt (AA) mehr als 24 Stunden nach der BamS-Vorabmeldung die vollständige Äußerung Steinmeiers auf seiner Webseite veröffentlicht. Und wenn man die liest, erscheinen die angeblich so brisanten Äußerungen des obersten deutschen Diplomaten in ganz anderem Licht. Vor dem aufgeregt verbreiteten „Säbelrasseln“-Zitat sagt er nämlich:

Niemand kann den vorgesehenen Umfang der NATO-Maßnahmen als Bedrohung für Russland werten und bei allen Maßnahmen für uns war die strikte Einhaltung der NATO-Russland-Grundakte eine klare rote Linie.

Aha. Erst danach geht es weiter mit: „Was wir jetzt allerdings nicht tun sollten, ist durch lautes Säbelrasseln und Kriegsgeheul die Lage weiter anzuheizen …“

Liest man die komplette Äußerung des Außenministers wird klar, dass er eben nicht die Nato-Manöver in Osteuropa kritisiert, sondern eher allgemein vor einer weiteren Anheizung des Konflikts warnt. Im Gegenteil: Steinmeier verteidigt die Nato-Manöver sogar explizit („Niemand kann den vorgesehenen Umfang der NATO-Maßnahmen als Bedrohung für Russland werten …“)! Trotzdem schrieb die Bild am Sonntag in ihrer Vorabmeldung und in dem Artikel, der sich eher klein  unten auf einer Politik-Seite befand, Steinmeier kritisiere die Nato-Manöver.

Aus dem kleinen BamS-Text wurde in der Weiterdrehe eine Art „Interview“, ein „Gastbeitrag“ des Außenministers, eine gezielt platzierte Spitze gegen die Kanzlerin, ein Beleg für einen außenpolitischen Kurswechsel der SPD und was sonst noch alles. Am Montag war das Steinmeier-Zitat lang und breit Thema in der Bundespressekonferenz. Martin Schäfer, Sprecher des AA sagte:

Ich kann weder im Text in der „Bild am Sonntag“ noch in dem Text des Außenministers irgendeinen Satz erkennen, der insinuiert, dass damit aktuelle Nato-Manöver gemeint wären. Insofern muss es sich bei denjenigen, die das kritisieren, offensichtlich um ein Missverständnis handeln. Ich kann ihnen nur empfehlen, den Text im Blatt wie auch den, der sich auf unserer Website befindet, einmal nachzulesen.

Nun ja. In der Bild am Sonntag wurde durchaus „insinuiert“, dass Steinmeier aktuelle Nato-Manöver meint. Die Zeitung schrieb ja explizit als ersten Satz: „Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Nato-Manöver in Osteuropa kritisiert … “ Allerdings hat die Zeitung den Außenminister nicht falsch zitiert, sondern nur sinnentstellend verkürzt. BamS-Chefredakteurin Marion Horn sagt dazu auf MEEDIA-Anfrage: „BamS hat die Aussagen des Außenministers nicht in vollem Umfang veröffentlicht. Warum auch, wir sind eine Zeitung und nicht seine Presseabteilung. Eines haben wir definitiv nicht gemacht: Wir haben Steinmeiers Aussagen nicht ’sinnentstellt‘. BamS hat – wie im Journalismus üblich – den Schwerpunkt auf die Nachricht gelegt. Und die ist ganz unstreitig, dass der Außenminister die Worte ‚Säbelrasseln‘ und ‚Kriegsgeheul‘ benutzt und davor warnt ‚jetzt…den Blick aufs Militärische zu verengen‘.“ 

Wer hat hier nun den Schwarzen Peter? Steinmeier, weil er der Bild am Sonntag ein widersprüchliches Zitat geliefert hat? „Die Medien“ ganz allgemein, weil sie das Zitat in der Tonlage der Vorabmeldung der BamS weiter verbreitet haben?  Es war in diesem Fall eben doch die Bild am Sonntag, die den entscheidenden Absatz, in dem Steinmeier die Nato-Maßnahmen rechtfertig weggelassen und damit dem „Säbelrassel“-Zitat einen schlagzeilenträchtigen Spin gegeben hat. Weil aber nicht falsch zitiert wurde, sondern nur „verkürzt“, fiel die Reaktion des AA zahm aus und es gab kein Dementi. Man stellte lediglich die komplette Aussage Steinmeiers auf die Homepage, wovon kaum Notiz genommen wurde. Und so nahm die übliche Aufregungs-Karawane des Politik-Medien-Betriebs ihren gewohnten Gang.

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Alle Kommentare

  1. Die Aufgabe der Medien ist es durch geschicktes Nachfragen die Mächtigen zu entlarven.
    Egal ob es dabei um Rassisten handelt die Profifußballer damit beleidigen das sie behaupten die Leute hätten was gegen millionenschwere Fußballpromis als Nachbarn oder die Roberto Blanco als wunderbaren Neger bezeichnen.

    Nun ist es der BamS gelungen Steinmeier zu demaskieren, gut gemacht !

    1. Spinner! Sie gehören wohl auch zu den Verschwörungstheoretikern, die von der Atlantic-Connection fabulieren?

  2. @Stefan Winterbauer:

    Sehr peinlich der Artikel, wirklich.

    Steinmeier hat das genau so gesagt und der Kontext ist eindeutig, da ândert auch der vorangestellte Satz auf der AA-Seite nichts dran. Das übliche „sowohl“ als „auch“, wie bei Diplomaten immer üblich, mehr ist das nicht.

    Das „sowohl“ also der vorangestellte Satz, der war tatsächlich wie sonst auch, das „auch“ aber, das hatte es wirklich in sich und von einem Diplomaten gesagt wiegt er sogar doppelt schwer.

    Nein, Steinmeier wußte genau, was er sagen wollte (nämlich genau das, was er auch gesagt hat) und er wußte auch warum.

    Die SPD ist nächstes Jahr auf einen flotten Dreier aus und dieses Zitat ist als Anbiedrung an die Linke zu sehen, verbunden vielleicht noch mit einem Kniefall vor ein paar gierigen Geldhaien, die wegen der gefühlten 0,2 Prozent weniger Gewinn durch die Sanktionen keinen Schlaf mehr finden.

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