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„Ihr blöden Hyänen, hört endlich auf!“: Böhmermann keilt gegen Journalisten und Schmähgedicht-Berichtsflut

Keine Entschuldigung, keine Reue, dafür reichlich aufgestaute Wut: Das ist die Bilanz des ersten Spotify-Podcasts von Jan Böhmermann und Olli Schulz. Bei „fest & flauschig“, dem Nachfolger von „sanft & sorgfältig“, geht es wieder eine Stunde lang um die Themen, die den beiden wirklich wichtig sind. Natürlich redeten sie über das Schmähgedicht und seine Folgen, die Hintergründe für den Sender-Wechsel und die neueste Geschäftsidee von Olli Schulz: eine App, die das Leben komplizierter macht.

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Auf diese Smartphone-Applikation kann Böhmermann aktuell noch gut verzichten. Seit seinem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten hat er genug Ärger am Hals. Bislang äußerte er sich immer nur sehr zurückhaltend. Der Zeit gab er ein längeres E-Mail-Interview, das sich allerdings so liest, als ob die Anwälte des Wahl-Kölners jede Antwort mit Blick auf eine etwaige Verteidigungsstrategie optimiert hätten.

In der ersten „fest & flauschig“-Sendung wirkte der TV-Moderator dagegen weit freier und spontaner. Weniger gehemmt als zuvor sprach Böhmermann über die vergangenen Wochen. Natürlich fiel ihm Olli Schulz immer dann ins Wort, sobald er einen interessanten Gedanken zu Ende bringen wollte – oder aber Böhmermann driftete selbst ab. Trotzdem gaben die 66 Minuten den derzeit wohl intimsten Einblick, den Böhmermann überhaupt zuzulassen bereit ist.

So räumte der Moderator ein, dass vor seiner Comeback-Sendung am vergangenen Donnerstag ein „bisschen Druck auf dem Kessel gewesen“ sei. Immerhin würden in seiner Brust zwei Herzen schlagen: „Einmal der Künstler, dem es auch scheißegal ist, wenn er vom türkischen Staatspräsidenten verklagt wird. Und auf der anderen Seite gibt es die Privatperson.“ So werde die Luft dann doch dünner, „wenn abends die Polizei bei dir an der Tür klingelt und sagt: Wir müssen Sie mal kurz hier rausholen, weil wir um Ihre Sicherheit besorgt sind.“ Böhmermann ungewohnt ernst: „Dann wird das unmittelbar und gefährlich und persönlich.“

Grundsätzlich bleibt auch bei „fest & flauschig“ immer die Frage unbeantwortet, wie ernst einzelne Aussagen gemeint sind. Der Ärger von Böhmermann über die „Dummheit der Leute“ scheint aber nicht gespielt zu sein. Die angebliche deutsche Unfähigkeit mit Ironie umzugehen, wurmt Böhmermann offenbar gewaltig.

„Dass sich die Bundeskanzlerin dazu äußert, das fühlt sich an, als hätte sie den Vorhang zur Türkei und zu diesem Erdogan aufgemacht, der dann immer seinen Zeigefinger durch den offenen Vorhang gesteckt und mir ein bisschen auf den Kopf rumgedrückt hat. Wenn man das persönlich erfährt, ist das ein sehr, sehr unangenehmes Gefühl.“

Zusammen mit Olli Schulz rollt Böhmermann noch einmal die Genese des Gedichtes auf. So hätte sich das „Neo Magazin Royale“-Team den „Extra3“-Beitrag angesehen, wegen dessen bereits der Deutsche Botschafter in der Türkei einbestellt worden war, und sie hätten sich gedacht: „Das ist zwar lustig, aber kein Grund für einen Staatspräsidenten, sich so aufzuregen. Zeigen wir dem mal, wie bei uns der rechtliche Standard ist“. Mit einem gewissen Stolz fährt er fort: „Wir haben das Ding gestartet, und künstlerisch war das alles super. Ich klopfe mir jeden Tag auf die Schulter und sage: megageil, Böhmi. Das war ein Highlight-Ding. Nur schade, dass es von mir ist, weil die persönlichen Konsequenzen sehr unangenehm sind.“

Von Reue, Zweifel oder gar einer Entschuldigung keine Spur. Böhmermann scheint nicht bereit zu sein, auch nur ein Wort zurückzunehmen. Vermittelte seine Sendepause noch den Eindruck eines zweifelnden und verwirrten TV-Machers, den die Geister, die er selbst gerufen hatte, lähmen würden, plaudert nun wieder der selbstbewusste und verspielte Late-Night-Rotzlöffel mit seinen alten Kumpel Olli Schulz. Zwischen Empörung und Wut schwankend, fragt er an einer Stelle: „Ich frage mich bis heute, ob die Kanzlerin wirklich das ganze Stück gesehen hat, oder ob sie nur auf Bild.de das aus den Zusammenhang gerissene und zusammengeschnittene Ding gesehen hat?“

Das Gespräch über die Zeit nach dem Schmähgedicht endet mit einem kleinen Böhmermann-Rant gegen „verfickte Journalisten“, die sich jetzt wieder die Sendung nehmen und Zitate aus dem Zusammenhang reißen könnten: „Ihr blöden Hyänen, hört endlich auf. Ich kann auch meinen eigenen Namen nicht mehr hören. Es reicht jetzt. Und während wir hier über so einen Scheiß reden, sitzen in der Türkei 35 Leute im Gefängnis, weil Erdogan seine Leute im eigenen Land einsperrt.“ Die Folgen des Schmähgedichts nahmen aber nur einen Teil der Sendezeit ein. Insgesamt war die erste Folge von „fest & flauschig“ fast wie die alten Ausgaben von „sanft & sorgfältig“: Also eine wunderbare, teils absurde und teils intelligente Plauderei über Gott und die Welt.

Doch ganz so frei konnten die beiden dann doch nicht vom Leder ziehen. So richtig scheinen sie bei Spotify noch nicht angekommen zu sein. So war es ihnen ganz zu Anfang ein wichtiges Anliegen, noch einmal klar zu machen, dass die Initiative zum Wechseln von ihnen und nicht von der Streaming-Plattform ausging. Offenbar fühlten sie sich von den öffentlich-rechtlichen Radiosendern zu wenig beachtet: „Unglaublich, dass es Leute gibt, die noch Interesse an uns haben“, kommentierte Olli Schulz an einer Stelle: „Das habe ich lange nicht mehr gedacht bei der ARD.“ Böhmermann ergänzt: „Die haben sogar Plakate aufgehängt. Wie lange haben wir bei der ARD gebettelt, dass die ein bisschen Werbung für die Sendung machen und kaum bist du bei einem neuen Anbieter von der New Economy und auf einmal ist ganz Deutschland voll mit deiner Fresse.“

So richtig zufrieden dürften die beiden mit dem Produkt allerdings noch nicht sein. Wie bereits zu ARD-Zeiten wird die Sendung freitags aufgezeichnet und ist dann ab Sonntag zu hören. Es fehlt allerdings die Musik, die die Wortblöcke unterbricht. Deshalb mussten Schulz und Böhmermann eine extra Playlist mit den entsprechenden Liedern anlegen. Die Zuhörer sollen nun, auf Kommando der Moderatoren, immer an der richtigen Stelle auf die Musikliste wechseln, einen Song hören und dann zum Podcast zurückkehren. Das ist so umständlich, das macht keiner. An dieser Stelle muss Spotify unbedingt nachbessern.

Ansonsten hat „fest und flauschig“ das Zeug dazu, ein treuer Podcast-Begleiter für jeden Sonntag zu werden.

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