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stern-Chef Christian Krug: „Wer ein Problem mit Henri Nannen hat, der muss seine Arbeit nicht einreichen“

stern-Chefredakteur Christian Krug ist Gastgeber des neuen Nannen Preises
stern-Chefredakteur Christian Krug ist Gastgeber des neuen Nannen Preises

Nach einem Jahr Pause ist es am Donnerstag endlich wieder soweit: der stern und Gruner + Jahr verleihen die Nannen Preise. Im MEEDIA-Interview erklärt Gastgeber Christian Krug, was er bei der Neuauflage des "Journalisten-Oscars" alles änderte, warum er sich keine Sorgen mache, dass es wieder zum Eklat kommen könnte und wie sich der aktuelle Jahrgang so schlägt: "Der Journalismus in Deutschland steckt voller Kraft".

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Der letzte Nannen-Preis im Jahr 2014 endete in einem unschönen Nachspiel, als der Preisträger Jacob Appelbaum mit einem Verweis auf die Rolle Nannens in der NS-Zeit ankündigte, seine Preis-Büste einschmelzen zu lassen. Wie groß sind Ihre Befürchtungen, dass sich das wiederholen könnte
Ich glaube ja, es ist nie irgendwas eingeschmolzen worden. Journalisten leben auch vom Behauptungsmanagement. Und wenn, halten wir das auch gut aus.

Sie haben also keine Angst, dass sich ein Preisträger wieder an der Vergangenheit des Stifters abarbeiten könnte?
Ich mache mir da keine Sorgen. Der stern verleiht seit 1977 einen Preis für herausragenden Journalismus. Erfunden hat ihn Henri Nannen, der Gründer des stern. Er nannte ihn Egon Erwin Kisch Preis. Dann hieß er zu seinen Ehren Henri-Nannen-Preis. Nun Nannen Preis. Der Preis erinnert an einen der größten Journalisten des Landes – er steht aber längst auch für sich. Und wer ein Problem mit dem Gründer und Namensgeber hat, der muss ja seine Arbeit nicht einreichen. Man geht ja auch nicht auf eine Party und beleidigt den Gastgeber.

Nannen Preis 2016, Endjury, Henri Nannen Lounge, Gruner und Jahr, Hamburg, den 06.04.2016

Die Sitzung der Endjury im April (Foto: Och/stern)

Die Vorfälle liegen jetzt fast zwei Jahre zurück und nun kommt der „Journalisten-Oscar“ zurück. War die lange Pause wirklich nötig?
Ich glaube, dass dieses Jahr der Abstinenz uns gut getan hat. So hatten wir die Zeit und die Ruhe, alles einmal in Frage zu stellen und neu zu entwickeln. Allerdings haben wir auch wirklich viele Dinge gefunden, die man eigentlich gar nicht verbessern kann.

Zum Beispiel?
Die Juryarbeit. Wir haben Vor- und Experten-Jurys. Dazu noch die große Jury. Jeder Text durchläuft einen langen und kritischen Prozess. Da kommen nur die besten durch. Der Kern des Nannen Preises bleibt vollkommen unangetastet: Wir bereiten dem Qualitätsjournalismus eine Bühne. Und als Jurymitglied kann ich Ihnen sagen: Es gibt Qualität, vielleicht sogar mehr als jemals zuvor.

Da mussten Sie ja einiges lesen?
Oh ja. Tatsächlich war es so viel wie noch nie. Insgesamt wurden 982 Texte eingereicht. Das ist Rekord, obwohl es kein Preisgeld mehr gibt.

Beim Nannen Preis geht es aber ja auch nicht direkt um Geld, auch wenn sich die Auszeichnung für die Gewinner sicherlich auszahlt.
In der Tat. Die positiven Karriereeffekte durch einen Gewinn lassen sich nicht leugnen.

Warum gab es in diesem Jahr auf einmal so viele Bewerbungen?
Sicher, weil es so viele gute Arbeiten gibt. Der Nannen Preis zeigt deutlich: Der Journalismus in Deutschland steckt voller Kraft. Durch das Jahr Pause haben die Journalisten aber wohl auch gemerkt, was Ihnen fehlt. Der Preis gehört nun mal seit langem dazu, hier trifft man sich, hier zeigt man sich. Er ist für viele so etwas wie das festliche Klassentreffen der Branche.

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An welcher Stelle veränderten Sie dann doch den Preis?
Wir haben die Kategorien gestrafft. Essay und Lebenswerk gibt es nicht mehr. Im Mittelpunkt steht die Reportage, als Text, als Bild und als Webformat. Neu ist die inszenierte Fotografie, deren wachsende Bedeutung im Journalismus wir abbilden wollten. Der Nannen Preis hat damit nun zwei Fotografie-Kategorien. Und weiterhin gibt es natürlich Investigation und Dokumentation.

Nannen Preis 2016, Endjury, Henri Nannen Lounge, Gruner und Jahr, Hamburg, den 06.04.2016

Jury-Debatte: Christian Krug (links) im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo (Mitte) und Ulrich Reitz (Foto: Och/stern)

Reicht denn heutzutage nur eine Kategorie für das Internet?
Uns ist es wichtig, den besten Journalismus auszuzeichnen, in verschiedenen Genres – ob der Beitrag nun in Print oder im Netz veröffentlicht wurde, ist zweitrangig. In der Kategorie Investigation etwa ist eine der drei nominierten Geschichten nur im Netz erschienen, das Stück über „Flug MH17“. Und der Fotopreis ist in der Vergangenheit auch schon an reine Online-Fotostrecken gegangen.

In den vielen Jahren zuvor fiel auf, dass die Preisträger immer in denselben, wenigen Magazinen oder Zeitungen ihre Stücke veröffentlicht haben. Gibt es nur so wenige Titel, die den Journalismus so betreiben, dass er preiswürdig ist?
Es gibt bestimmt viel mehr Medien, die preiswürdigen Journalismus betreiben. Vor allem auch noch in anderen Kategorien. So haben wir beispielsweise über die Kategorie Tageszeitung nachgedacht. Aber wir küren hier journalistische Formen und nicht die Verbreitungsträger. Es ist eben kein Medienpreis. Wir blenden vollkommen aus, in welchem Titel ein Text erschienen ist.

Trotzdem kommen alle Gewinner – zumindest gefühlt – aus immer dem selben Club
Wir haben uns bei der Besetzung der Jurys größte Mühe gegeben, dass aus jeder Region und jeder Mediengattung eine Person vertreten war. Am Ende gibt es eine Shortlist, und auf der stehen dann trotzdem oft dieselben Medien. Das liegt offenbar daran, dass es nur wenige Medienhäuser gibt, die sich diese Art von Recherchetiefe leisten können. Aber der Blick auf die Top drei in den jeweiligen Kategorien täuscht auch ein wenig: In der Breite finden Sie in sehr vielen Medien herausragende Arbeiten.

Die Qualität der Texte hängt also weniger am Können oder Talent der Autoren, sondern vielmehr auch an deren Arbeitsbedingungen?
Genau, auch. Es muss schon beides passen.

Wie ist denn der aktuelle Jahrgang?
2015 ist ein guter Jahrgang. Vor allem in der Kategorie Dokumentation ist er geradezu brillant.

Wie wird die Preisverleihung? Viel Glamour, viel Hollywood oder doch eher zurückgenommen
Gastgeber wird der stern sein. Gruner + Jahr ermöglicht diesen Preis, wofür wir sehr dankbar sind. Wir wollen am Donnerstagabend im Curio-Haus sicher keine Leistungsshow für Bühneninszenierungen machen. Wir richten das Bühnenlicht auf Journalisten und ihre Arbeiten. Die Gäste sollen sich an die Preisträger und ihre Stücke erinnern. Wir wollen den Journalismus feiern. Der braucht sich nicht zu verstecken, und er braucht auch keine Stützräder durch hollywoodartige Inszenierung. Der Journalismus soll glänzen. Dass wir uns trotzdem einiges haben einfallen lassen, werden Sie am Donnerstag sehen.

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