„Wunderbare Chance, Journalismus wieder großartig zu machen“: das 3D-Manifest von Gabor Steingart

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart
Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart

Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart reist gerade durch die USA. Im New Yorker University Club hielt er die Garrick Utley Lecture und skizzierte dabei sein Konzept des 3D-Journalismus. Sein Appell an die Medien: „Seid digital, seid demokratisch, seid deutlich“.

Anzeige

Von Gabor Steingart

Das Internet ist eine großartige Innovation, vor allem für jene, die nach Entschuldigungen suchen. Manche Politiker sagen, das Internet ist schuld an der Polarisierung unserer Gesellschaft. Jedermann postet, bloggt oder tweetet, wie er will. Die politischen Parteien haben ihre Monopolstellung über unangemessenes Verhalten und die Verwendung von Beleidigungen und vulgärer Sprache verloren. Die Medien machen das Internet gerne für alles, was ihrer Wirtschaftlichkeit in den letzten zehn Jahren geschadet hat, verantwortlich – für die sinkende Auflage von Zeitungen, den Rückgang der Werbeeinnahmen und das Fernbleiben von jungen Fernsehschauern. Wer hat Schuld? Das Internet!

Wenn es so einfach wäre, könnten wir uns an den nächsten Seelsorger wenden und ihn bitten: Gib uns die guten alten Zeiten zurück – als Journalisten noch Hohepriester waren und die Verleger immer noch reicher wurden; als Leser und Zuschauer noch gut erzogen, bescheiden – und machtlos waren. Aber so einfach ist es nicht. Eines ist sicher: Die guten alten Zeiten sind vorbei! Aber deswegen sollten wir nicht weinen. Wir sollten feiern! Unsere Industrie stirbt nicht, sie ist im Wandel. Und das Internet ist nicht der Grund für diesen Wandel. Es ist nur ein Instrument – ein sehr mächtiges, neues Instrument, das in der Hand von Millionen von Zuschauern und Lesern liegt.

Wir bewegen uns weg von der Einwegkommunikation zu einer interaktiven Kommunikation. Wir müssen erzählen und wir müssen zuhören. Wir müssen unser Publikum in unsere intimsten Pläne einweihen, weil es keine passive Masse mehr ist. Unsere Beziehung hat sich von Leserschaft zu Partnerschaft verändert.

3D-Journalismus heißt nicht nur digital, sondern auch demokratisch zu sein. Unsere neuen Partner fragen nach neuen Debattenräumen. Sie werden auf diesem Weg nicht einfach sitzen bleiben und passive Zuhörer sein, sondern aktive Mitstreiter, ja sogar Antagonisten sein. Sie werden nicht zufrieden sein, wenn wir wie Politiker sprechen. Sie wollen kein Wischiwaschi. Wer das so vitale Journalistenleben von Garrick Utley betrachtet, seine Auslandsreportagen und seine Kriegseinsätze, vor allem aber seine Glaubwürdigkeit, der weiß, wie unsere Vorbilder aussehen müssen.

Uns steht eine Revolution ins Haus – eine Revolution der Leser. Und wenn wir nicht verstehen, was das in der Zukunft bedeutet, dann werden wir verloren sein. Die Bewegung der Leser und Zuschauer ist erst an ihrem Anfang. Leser und Schreiber sind nicht gleichberechtigt. Leser haben keinen echten demokratischen Zugang zu den Medien. Deswegen lieben Leser Facebook und Twitter, und deswegen haben Tausende von Menschen ihre eigenen Communities gebaut, fernab der herkömmlichen Medien.

Sie können einen Präsidenten oder einen Präsidentschaftskandidaten wählen, aber sie können keinen Chefredakteur wählen. Die Lebensmittelindustrie muss Konsumenten über Inhaltsstoffe in Nudeln und Fleisch informieren. Aber Zeitungen hassen diese Art von Transparenz. Allzu oft ist es unklar, woher Informationen stammen. Wir müssen unsere Quellen schützen, sagen wir oft selbstgerecht. Aber allzu oft stammen die Informationen nur von Lobbyisten, Werbeagenturen oder dem leitenden Strategen eines Politikers, der sich unter dem Deckmantel der Anonymität versteckt.

Deswegen denke ich, es ist absolut notwendig, dass wir in diesem digitalen Zeitalter demokratische Journalisten werden. Nicht nur in der Art wie wir denken, sondern in der Art, wie wir unsere Aufgabe erfüllen. Wir müssen die Medien öffnen für solche, die die Medien konsumieren. Wir sollten Sendezeiten und Kolumnen mit unseren treuen Zuschauern und Lesern teilen. Die Leser sind nicht dümmer als die Journalisten.

Das dritte Element des 3D-Journalimus ist das Folgende: Wir müssen etwas zu sagen haben, das bedeutet für mich die Rückkehr zur Relevanz. Politik- und Wirtschaftsredakteure sind nicht eine lokale Niederlassung von Hollywood. Unsere Aufgabe sollte es sein, Information und Orientierung zu bieten, nicht nur Entertainment. Das heißt nicht, dass wir langweilig sein müssen, aber wir müssen Prioritäten setzen. Wir müssen uns auf unsere Mission konzentrieren: eine Mission, die Tatsachen aufzeigen und bewerten soll.

Somit ist es Zeit, unseren Berufsstand zu erneuern. Es gibt keinen Grund, hoffnungslos zu sein. Wir sterben nicht, wir wandeln uns nur. Das digitale Zeitalter und der konstante Druck unserer Leser mehr Anteil zu nehmen ist ein positiver Antrieb, um sich weiterzuentwickeln. Lasst uns Teil der Lösung sein, statt Teil des Problems zu sein. Lasst uns demokratisch, digital und deutlich sein. 3D-Journalismus ist eine wunderbare Chance, um Journalismus wieder großartig zu machen.

MEEDIA gehört zur Verlagsgruppe Handelsblatt.

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Und wer fas täglich das Handelsblatt liest, gelegentlich auch als E-Paper: sinkende Qualität, Reduzierung der Leserkommunikation auf ein Minimum, konformistische Journalisten. Ja, wo sind sie denn, die neuen Journalisten mit Wissen und klarer Kanten? Und dann immer diese CSU-Attitüde mit den großen Schlagzeilen. Oft eine gute Idee, im Text aber dann nichts neues. Das impliziert die Annahme, dass der Leser irgendwie doch dumm oder schlecht informiert ist, womit der Spiegel ja schon jede Woche nervt. Und dann der Blick ins Impressum: Herausgeber Gabor Steingart. Immer einen flotten Spruch oder ein Bonmot auf den Lippen. Davon findet sich aber leider nichts im Produkt wieder. Ich frage mich immer, wie es zu so einem starken Bias kommen kann. Wer gut genug Englisch kann, für den gibt es nur eine Empfehlung: WSJ. Es gibt ja einen Versuch, mit einer englischen Ausgabe des Handelsblatt mit dem WSJ zu konkurrieren, und dafür auch Ressourcen aus der Deutschlandausgabe abzuziehen. Faszinierende Idee, mit weniger Aufwand besseren Journalismus zu schaffen. Der Grund dafür ist natürlich, dass man gar nicht weiß, wofür man das Geld einsetzen müsste, selbst wenn der Verleger dazu bereit wäre, viel davon zu investieren. Bei Kress gab es gerade eine 6-teilige Serie von einem Medienberater, bei der ich mich gefragt habe, was er überhaupt den ganzen Tag tut. Es ist doch alles in bester Ordnung, und der Laden läuft. Für die Leute, die er berät, reicht ein aufmunterndes Kopfnicken. Natürlich wird auch mit Print auf die Dauer noch viel Geld zu verdienen sein, wenn auch nicht in der Größenordnung bisheriger Oligopolrenditen. Aber nicht von allen, und nicht mit einem Großteil der heutigen Produkte. Diese kleine Beratung gibt es an dieser Stelle gratis.

  2. Eine schaltende Ohrfeige für die, die es betrifft. Aber immerhin schön verpackt.

    Viele schöne Worte, was man alles *werden* will:

    „Großartig, demokratisch, transparent, Quellen offenlegen, da allzu oft ein Partei Stratege diese ist und glaubwürdig“

    Na, da hat man sich viel vorgenommen. 🙂

    Und da kommt einiges auch auf Meedia zu, wenn die Worte, des Konzernvaters ernst gemeint sein sollten.

    Denn dieses „werden“ bedeutet ja im Umkehrschluss, das das im Moment alles nicht so ist – sonst müsste man es ja nicht erst werden (wollen).

    In manchem grünen Kloster des Handelsblatt-Landes wird man sich jetzt auf die neue Linie des Papstes einstellen müssen.

    Denn die Mönche dort sind sind eben wirklich nur „einfache Arbeiter im Weinberg des Herren“ … 🙂

    Dieser Artikel des Chefs war meiner Meinung nach eine ernst gemeinte Erinnerung genau daran.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige