Herzlich willkommen, AfD: der seltsame Rechtsruck beim Spiegel

Aktueller Spiegel-Titel zur AfD, Autoren Kurbjuweit (re.), Augstein (mi.) und Pfister: „neue Willkommenskultur“
Aktueller Spiegel-Titel zur AfD, Autoren Kurbjuweit (re.), Augstein (mi.) und Pfister: "neue Willkommenskultur"

Publishing Den Wahlerfolgen der Alternative für Deutschland und dem "Aufstand der Wutbürger" widmet der Spiegel seine Titelgeschichte. Die hat es in sich: Denn das Nachrichtenmagazin übernimmt unter dem Eindruck des Rechtsrucks selbst die Rolle des Scharfmachers und biedert sich zugleich per Leitartikel bei der AfD an. Dem konservativen Blog Tichys Einblick gefällt das, Jakob Augstein übt scharfe Kritik.

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Gut möglich, dass es in erster Linie eine Retourkutsche für eine spitze Formulierung in einem Kommentar des Nachrichtenmagazins sein sollte. Doch was am Montag auf der Meinungsplattform Tichys Einblick zu lesen ist, wirft ein bezeichnendes Licht auf die politische Linie der Spiegel-Redaktion. Die „Salonhetzer des nationalkonservativen Blogs“, wie der Spiegel das Portal zuvor eingeordnet hatte, schrieben nicht ohne Ironie über eine seltsame Wendung in der Berichterstattung des Magazins: „Der Spiegel beeindruckt in dieser Woche durch ungewohnte Flexibilität: Vor fünf Wochen noch war Frauke Petry als Hasspredigerin auf dem Cover. In dieser Ausgabe nun erklärt Dirk Kurbjuweit im Leitartikel ‚Herzlich willkommen‘ die AfD zur Partei der Mitte.“

Der Wind, so Tichy-Autor Hans-Peter Canibol in seiner „Zustandsbeschreibung“, habe sich auch beim Spiegel nach den AfD-Erfolgen gedreht. Und folglich gibt es – aus Sicht des Spiegel von der falschen Seite – Beifall für das aktuelle Heft (Aufstand der Wutbürger: „Ihr da oben belügt uns doch alle“). Zitat: „In den Beiträgen zum Titel erfahren die Leser (…), dass Bundeskanzlerin Angela Merkel macht, was sie will. Folgerichtig müsste der Titelzeile lauten: ‚Die da oben machen doch, was sie wollen.‘ Sensibilisiert durch das Schlagwort ‚Lügenpresse‘ schiebt das Magazin die ‚Lüge‘ weiter auf die nächste Instanz, die Kanzlerin.“ Fazit: „Guter Titel, falsche Zeile.“

Tatsächlich hat der Spiegel ein Problem. Das Magazin, das wiederholt die Kritik von Unionspolitikern thematisierte, wonach die Kanzlerin mit ihrer Flüchtlings-Politik ein Vakuum rechts neben der CDU geschaffen habe, rückt offenbar selbst immer weiter nach rechts. Es ist ein im Kern simples, eher noch simplifizierendes Bild, das die Redaktion von der politischen Lage zeichnet. Die Formel lautet Alle gegen Merkel und umgekehrt. „Der Triumph der AfD ist nicht weniger als ein Aufstand gegen Angela Merkel“, heißt es in der aktuellen Titelgeschichte düster, die Autoren haben eine „Entfremdung“ von der herrschenden Politik beim Wahlvolk ausgemacht, das für die regierende Elite „nur noch Verachtung“ übrig habe. Die 1,3 Millionen Wahlberechtigten, die bei den Landtagswahlen vor einer Woche ihr Kreuz bei der AfD machten, haben erkennbar auch einen Stimmungswechsel beim Nachrichtenmagazin bewirkt, das nach Auffassung seines Gründers „im Zweifel links“ sein soll.

Davon ist derzeit wenig zu spüren. Die AfD ist jetzt wer, auch beim Spiegel. „Herzlich willkommen“ überschreibt der stellvertretende Chefredakteur Dirk Kurbjuweit seinen intellektuell bemerkenswert schlichten Leitartikel und bescheinigt der rechten Fraktion vorauseilend: „Die AfD ist auch eine Partei der Mitte.“ Wirklich? Jakob Augstein, dessen Kolumne „Im Zweifel links“ heißt, geht mit Kurbjuweits Thesen bei Spiegel Online ins Gericht und registriert eine „neue Willkommenskultur“ des Printmagazins (und weiterer Medien) im Umgang mit der AfD. Dem herzlichen Willkommen von Kurbjuweit schleudert der Sohn des Spiegel-Gründers entgegen: „Rassisten gehören nicht in die Regierung.“ Schließlich habe sich die AfD eine „gesellschaftspolitische Konterrevolution“ auf die Fahnen geschrieben. Für Augstein steht fest: „Es geht der AfD um eine Rückabwicklung des gesellschaftspolitischen Fortschritts der vergangenen Jahrzehnte.“ Mit dieser Meinung ist er unter den Spiegel-Kommentatoren ziemlich allein – meinungsmäßig ein Fall einer interessanten Markendehnung.

Beim gedruckten Magazin scheint man dagegen anderes im Sinn zu haben. Seit längerem hat sich der Spiegel auf Angela Merkel eingeschossen. Nicht weil sie in der CDU ist, wie man angesichts der Magazingeschichte meinen könnte, sondern eher, weil sie zu links und zu sozial sein könnte. Die aktuelle Titelgeschichte redet eine Entmachtung der Regierungschefin zwischen den Zeilen geradezu herbei. So heißt es: „In der CDU aber gibt es niemanden, der den Widerstand gegen Merkel organisiert, weswegen sich alle Augen auf Horst Seehofer richten.“ Und auch: „Die Partei ist das, was Merkel sagt. Es gibt kaum noch ein Korrektiv mehr, es fehlt die Machtbalance. Je alternativloser Merkel sich und ihre Politik verkauft, desto größer wird die Wut in der Bevölkerung.“ Die Kanzlerin als Diktatorin. Wie gut, dass es die AfD gibt, möchte man da fast ergänzen. Der politisch aufmerksame Leser dagegen mag sich fragen: Ist das noch der Spiegel, wie wir ihn kennen?

Geradezu verstörend wirkt der Schluss der Titelgeschichte, für die unter neun Autoren auch der Leiter des Hauptstadtbüros, René Pfister, verantwortlich zeichnet. Dort steht ahnungsvoll: „Nach den Erfolgen bei den Landtagswahlen sollte jedenfalls niemand darauf bauen, dass die AfD und ihre Anhänger den Kampf gegen ‚die da oben‘ sobald einstellen werden. So irrwitzig und anmaßend es auch ist: Auf Facebook und Twitter verbreiteten AfD-Anhänger zuletzt Bilder der Widerstandsbewegung Weiße Rose um die Studentin Sophie Scholl. Dazu der Kommentar: ‚Die wären heute in der AfD.'“

Man fragt sich, ob es Angst ist oder Orientierungslosigkeit, die das Nachrichtenmagazin veranlasst, derartige Social Media-Entgleisungen rechter Spinner redaktionell nicht einzuordnen und praktisch unkommentiert zu lassen. Und auch, ob eine Partei, deren Mitglieder sich mit Widerständlern im Dritten Reich vergleichen, ausgerechnet vom Markt- und Meinungsführer unter den Leitmedien herzlich in unserer Mitte begrüßt werden sollten. Beim Spiegel müssen sie aufpassen, dass das Sturmgeschütz der Demokratie nicht in die falsche Richtung schießt.

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