Die Luxusrentner vom Spiegel: 106.000 Euro fürs Nichtstun, mit 800.000 Euro nach Zypern

Frührentner beim Spiegel müsste man sein …
Frührentner beim Spiegel müsste man sein ...

Wenn der Spiegel Stellen abbaut, dann gibt es nicht wie anderswo Heulen und Zähneklappern. Dann fließen laut dem Magazin Bilanz die Euros, dass es nur so kracht! Bei Bild.de machen sie jetzt auch Native Ads, die FAZ versucht ein Dementi von Friede Springer zurechtzurücken und Twitter kann auch lustig sein. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

Werbeanzeige

Die Bilanz, die Wirtschaftsmagazin-Beilage der Welt, hat in ihrer aktuellen Ausgabe eine Notiz über die „Rente de Luxe“ beim Spiegel. Es geht darum, wie langjährige Spiegel-Mitarbeiter ihren Vorruhestand vergoldet bekommen. Das Rechenbeispiel aus der Bilanz: Jemand, der 35 Jahre lang beim Spiegel war, über 125.000 Euro pro Jahr verdient und noch fünf Jahre bis zur Rente hat, bekommt angeblich 106.000 Euro pro Jahr fürs Nichtstun bis zur Rente. Wer noch sieben Jahre bis zur Staatsrente vor sich hat, dem schiebt der Spiegel pro Jahr 76.000 Euro rüber, wenn er sich vom Acker macht. An Gewinnausschüttungen nehmen die Luxus-Rentner natürlich weiterhin teil. Die Bilanz schreibt dazu: „Das Haus verfolgt eine konsequente Politik des Sparens durch Geldausgeben.“ Im Spiegel kursiert zudem schon seit einiger Zeit die Geschichte eines gut verdienenden Kollegen, der 25 Jahre beim Spiegel war und insgesamt eine Abfindung von rund 800.000 Euro eingestrichen haben soll. Und weil in solchen Fällen Vater Staat normalerweise auch was abhaben will, soll sich der Mann frühzeitig und erfolgreich um die zypriotische Staatsbürgerschaft beworben haben. Zypern galt mal als Steueroase und der Fiskus dort langt immer noch weitaus zaghafter zu als hier. Das Wetter soll da ja auch nicht ganz unangenehm sein. Die Früh-Verrentungspolitik der Geschäftsführung finde beim Betriebsrat „heitersten Anklang“, schreibt Bilanz. Kein Wunder.

Bei Bild.de hat mittlerweile auch Native Advertising Einzug gehalten. Native Advertising, das sind Werbeformate, die so tun, als seien sie redaktionelle Inhalte. „Brand Story“ nennt sich das bei Springer und lässt sich hier am Beispiel der Auto-Onlinebörse Mobile.de besichtigen. Es steht – relativ klein – Anzeige drüber und – relativ groß – „Brand Story“ samt Logo des Kunden vor dem Text. Es gab schon Native Advertising, das die Leser stärker an der Nase herumgeführt hat. Ich finde das im Prinzip OK. Irgendwie müssen die armen Medien (s.o.) ja auch Geld mit Werbung verdienen. Allerdings sollten die werbetreibenden Firmen sich vielleicht mal ein bisschen interessantere Inhalte überlegen. Viele, viele dieser Native Ads lesen sich nämlich bloß wie Pressemitteilungen samt den üblichen PR-Umfragen und Lobhudelei-Phrasen. Wenn die Werbung wirklich interessant wäre, dann müsste man sie auch nicht als Redaktion verkleiden. Denkt da mal drüber nach, liebe Werber!

In einem Interview mit dpa-Chef Sven Gösmann hat Friede Springer diese Woche kurz vor der Bilanz-Pressekonferenz ihres Unternehmens dementiert, dass es einen „Machtkampf“ zwischen ihr und dem Vorstand in Sachen Stiftungsmodell gegeben habe. Wir erinnern uns dunkel: Die FAZ hatte berichtet, dass Frau Springer mit dem Vorstand, und hier auch mit ihrem Lieblings-CEO Mathias Döpfner, über Kreuz liege, weil sie eine Stiftung plane, der eine enge Vertraute vorstehen soll, die dann womöglich weitreichende Kontrolle über die Firma bekäme. Das späte Dementi wollte FAZ-Mann Carsten Knop, einer der Autoren des Stiftungs-Stücks, nicht auf sich sitzen lassen und veröffentlichte eine Art Gegenrede zum Dementi, die für nicht-intime Kenner der Materie doch recht schwer verdauliche Lesekost ist. Die Überschrift sagt eigentlich alles: „Was bei Friede Springer nicht wirklich oder fast gar nicht stimmt“. Man ist geneigt zu fragen: hä? Essenz ist irgendwie, dass Knop offenbar meint, dass das Dementi von Friede Springer nicht recht taugt. Das sei ihm unbenommen, er formuliert es aber ganz schön von hinten durch die Brust ins Auge. Und dass er so tut, als ob das Friede-Springer-Interview von deren eigenem Blatt Die Welt geführt wurde, ist dann sogar fahrlässig irreführend. Dabei hat die Welt, wie alle möglichen anderen Medien auch, lediglich das dpa-Stück veröffentlicht und nicht, wie Knop schreibt, Friede Springer „ein Interview in der zu Springer gehörenden Zeitung Die Welt freigegeben“.

Ab und an stolpert man über einen Twitter-Account, der richtig witzig ist. Nein, nein, nicht was Sie jetzt wieder denken. Nix mit Kai Diekmann. Die Rede ist vom Komiker/Comedian/Kabarettisten Friedemann Weise, der u.a. sowas hier twittert:

Ich find’s lustig.

Fröhliches Wochenende!

Werbeanzeige

Alle Kommentare

  1. Wundervoll geschrieben!

    Was den SPIEGEL angeht, so habe ich das Gefühl, die „alten Männer mit Kugelschreibern“ nehmen halt noch schnell an Kohle mit, die in den 80ern und 90ern sich gesammelt hat…

    Tja, Mitarbeiter KG macht’s möglich. Immer noch besser, als wenn die einfach gefeuert würden, und irgendeine mässig sympathische Unternehmerfamilie würde das alles kriegen..

    Und danach kann der ganze Laden mal den Bento runtergehen.
    („5 Gründe, warum Sex mit Zahnspange besser ist als Helene Hitler“. Oder so ähnlich.)

    Clickbaiting und eine leere Hülle, die als Marke aber sicher noch einige Zeit zieht… das muss man ausschlachten. Die Experten zum ver-huren, pardon vermarkten eines Content Native Embedded Trallala Portals holt man sich ja gerade, eine nach dem anderen, ins Haus. (Von Springer natürlich… Meedia berichtete.)

    Willkommen bei der Journalismus-Strategie des 21. Jahrhunderts: „Anything but journalism“. (frei nach Silke Burmester)

    ❦ ❦ ❦

    Kleiner Gag zur BILD Reklame (um dieses herrlich-ehrliche Wort mal wieder einzuführen. „Werbung“ war ursprünglich auch mal ein kaschierender Euphemismus…)

    Jedenfalls: Wer die BILD Reklame sehen will, muss seinen Adblocker abschalten. Oder ein Abo abschließen. Das ist schon, wie für Baumarkt-Prospekte zu bezahlen. Nur besser, weil digital.

    2. Punkt: Wenn in einer Artikel-Auflistung irgendwo Werbe-Artikel „embedded“ sind, dann steht da (in diversen Zeitungen) doch normalerweise wenigstens ganz klein irgendwo „Ad“, „sponsored“ oder „powered by“, gell? Nun, am Fuß der Mobile.de-Reklame steht —ungekennzeichnet— drei weitere Links von denen behauptet wird, es handle sich alles um „Artikel“. Just saying.

    ❦ ❦ ❦

    Ich finde ja, Meedia sollte irgendwo mal eine „ewige Liste“ (oder besser: ein Bingo-Board) mit Namen für Schleichwerbung anfangen, und dazu halt immer kurz notieren, wo der Begriff das erste mal gefunden wurde…

    • Native content
    • Sponsored
    • BrandStory
    • Partner
    • Ad
    • Service von

    So weit, so trivial. Aber mittelfristig würde das sicher lustig…

    ❦ ❦ ❦

    Beim letzten Teil frage ich mich ja: Uiuiui. Bekommt ihr eigentlich viel Post von Simone Käfer und Andreas Buske?

  2. Man sollte darauf achten, dass die Spiegel-Gehälter nicht zur Obsession werden, und zwar mit dem dumpfen Tenor: Da sehe man mal wieder, wohin es führe, wenn den Mitarbeitern ihr Laden selbst gehört. Es ist nämlich keineswegs so, als würden Betriebe mit anderen Eigentümerstrukturen finanziell besser abschneiden, als würden sie ausschließlich weise unternehmerische Entscheidungen treffen oder bewährte, langjährige Angestellte mit Hungerlöhnen abspeisen.

    Eher empfiehlt sich eine journalistisches Herangehensweise, mit der gerade der Spiegel früher ziemlich erfolgreich war und eine Menge Geld verdient hat: die Recherche. Mit ihrer Hilfe ließen sich womöglich seriöse Zahlen über Gehaltsstrukturen bei großen deutschen Verlagen ermitteln, über angefallene Gewinne und was davon reinvestiert bzw. an wie viele Privatpersonen ausgeschüttet wurde. Auch über anderswo — im Unterschied zum Spiegel — übliche Betriebsrenten und sonstige Vorsorgemodelle.

  3. Man sollte darauf achten, dass Spiegel-Gehälter und -Abfindungsmodalitäten nicht zur Obsession werden, und zwar mit dem dumpfen Tenor: Da sehe man mal wieder, wohin es führe, wenn den Mitarbeitern ihr Laden gehört.

    Eher empfiehlt sich, womit gerade der Spiegel früher erfolgreich war: saubere Recherche. Mit ihrer Hilfe ließen sich womöglich seriöse Zahlen über Gehaltsstrukturen bei großen Verlagen generell ermitteln, über die Bezahlung bewährter Leute, über angefallene Gewinne und was davon reinvestiert bzw. an wie viele Privatpersonen ausgeschüttet wurde. Auch über anderswo (im Unterschied zum Spiegel) übliche Betriebsrenten und sonstige Vorsorgemodelle.

    Und man erführe vielleicht auch, dass die Gesamtzahl potenzieller Spiegel-„Luxusrentner” mit 35 Dienstjahren, 5 weiteren bis zur Rente und 125.000 Jahresbrutto zwischen null und zwei liegt.

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Werbeanzeige

Werbeanzeige