Die Kanzlerin zum zweiten Mal bei Anne Will und die politischen Zwerge um sie herum

Immer noch ihre „verdammte Pflicht“: Angela Merkel zum zweiten Mal bei Anne Will
Immer noch ihre "verdammte Pflicht": Angela Merkel zum zweiten Mal bei Anne Will

Fernsehen Sie hat es wieder getan, sie hat es wieder gesagt. Bundeskanzlerin Angela Merkel war innerhalb weniger Monate zum zweiten Mal bei „Anne Will“ zu Gast und zum zweiten Mal sprach sie von ihrer „verdammten Pflicht“. Die Kanzlerin zeigte sich eisern, nur Anne Will schien gegen Ende die Puste auszugehen.

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Dieser zweite Auftritt war für die Bundeskanzlerin trotz aller Probleme mit der Flüchtlingskrise aus medialer Sicht leichter als für die Moderatorin. Angela Merkel hat – im Gegensatz zu den Kritikern aus eigenen und anderen Reihen – ihren Plan, wie mit der Krise umzugehen ist und an dem hält sie fest. Gegen alle Widerstände. Manche nenne das stur, man kann es auch konsequent finden. So war es für Angela Merkel dann auch relativ einfach, im Gespräch mit Anne Will eine gute, eine standhafte Figur zu machen. Sie musste „nur“ ihre Überzeugung vertreten. So einfach ist das und gleichzeitig so unendlich schwer.

Die Moderatorin, mithin die beste und intelligenteste Politik-Befragerin des Landes, tat sich beim zweiten Durchgang dagegen ungewohnt schwer. Zu Beginn vertändelte Anne Will unnötig Sendezeit mit Fragen, deren Beantwortung ohnehin gegeben war.

Was haben sie bei dem Video gedacht? (gemeint war Clausnitz), Ist das noch Ihr Deutschland? War der Ausspruch „wir schaffen das“ naiv? Lasten sie sich an, Deutschland gespalten zu haben?Schlittert Deutschland in ein zweites Weimar? Ja, was wird sie auf auf solcherlei Fragen wohl sagen, die Kanzlerin? Natürlich war sie vom Video entsetzt, natürlich hält sie ihren Ausspruch „wir schaffen das“ nicht für naiv, natürlich lastet sie sich nicht an, Deutschland zu spalten und natürlich glaubt sie nicht, dass wir in „ein zweites Weimar schlittern“. Solche Fragen liegen zwar auf der Hand, man kann sie beim zweiten Nachdenken aber auch streichen, da die Antworten bereits feststehen und keinerlei Erkenntnisgewinn versprechen. Es ist dieser immer vergebliche Versuch, Politikern eine widersprüchliche Aussage, eine Ein- oder Umkehr zu entlocken, der nie klappt. Eigentlich weiß und kann Anne Will das besser.

Besser wurde das Gespräch tatsächlich im zweiten Teil, weil es konkreter wurde und beispielsweise um die Folgen der Grenzschließungen an der so genannten Balkanroute ging. Anne Will arbeitete gut heraus, wie sehr Deutschland und die Kanzlerin hier alleine steht. Angela Merkel widersprach tapfer und war erkennbar gewillt, selbst kleinste gemeinsame Nenner auf europäischer Ebene als Hoffnung und Anfang einer Lösung zu sehen. Die Energie und der unerschütterliche Optimismus, mit dem diese Frau zu Werke geht, beeindrucken. Dafür bemühte die Kanzlerin auch wieder die Formulierung, dass es ihre „verdammte Pflicht“ sei, eine Lösung zu finden und nicht immer alles für gescheitert zu erklären. Diese Formulierung nutzte sie bereits beim ersten Anne-Will-Talk und erneut ließ sie den Großteil der übrigen Politiker-Garde, von Horst Seehofer über Sigmar Gabriel bis Victor Orbán, wie Zwerge aussehen, die ihre „verdammte Pflicht“ anscheinend vergessen haben. Mögen sich die anderen im Klein-Klein ihrer Ängste und Dickicht ihrer Grenzzäune verheddern, die Kanzlerin hat weiter das große Ganze im Blick.

Merkel ist überzeugt davon das Richtige zu tun. Sie zeigt Führungsstärke, Haltung und gibt Richtung. Sie zeigt all das, was ihre Kritiker ihr immer vorwarfen, nicht zu besitzen. Die Kanzlerin appellierte auch bei Anne Will immer wieder an die Vernunft und die Logik. Und es stimmt ja auch: Ihr Plan für die Bewältigung der Flüchtlingskrise ist bestechend logisch und nachhaltig und vernünftig. Angela Merkel setzt darauf, dass sich die Vernunft über kurz oder lang durchsetzen wird.

Daran hält sie fest, sogar wenn um sie herum Europa im Chaos zu versinken droht. Für die Kanzlerin war diese zweite Anne-Will-Sendung eine großartige Bühne. Die Chemie zwischen ihr und der Moderatorin stimmt. Vielleicht stimmt die Chemie sogar ein bisschen zu sehr. So hatte man als Zuschauer gegen Ende fast den Eindruck, Merkel habe schon ein paarmal ein Schlusswort gesprochen, der Blick auf die Uhr sagte aber, dass die Sendung noch fast zehn Minuten läuft. Anne Will schoss dann noch ein paar Fragen nach, etwa zu den anstehenden Landtagswahlen und zur AfD und beendete die Sendung dann tatsächlich zwei Minuten vor der Zeit. Alles war gesagt. Nun schon zum zweiten Mal.

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Alle Kommentare

  1. Zitat A. Will in der Anmoderation:
    “Und das ist auch schon die einzige Frage, die die Bundeskanzlerin vor dieser Sendung kannte”
    Mag ja im Detail sein, wie aber nur kommt die Kanzlerin dann zwischenzeitlich auf die naive Frage “ob der Teil schon dran ist, an dem ich das sagen darf.”
    Mehr Verarschung der Zuschauer geht wohl nicht und die Masse der Qualitätsmedien wie auch der Autor hier übersieht den Fauxpas geflissentlich/bewusst?. 🙁

  2. Wir schreiben das 2016, also fast 27 Jahre nach dem Mauerfall. Regierungspropaganda im Staatsfernsehen bezahlt durch die Gebührenzahler funktioniert immer noch. Erst bittet die Kanzlerin wegen der unlösbaren Flüchtlingskrise die Bürger um Geduld und dann wird sie ihre Bürger um sehr viel Geld dafür bitten.

  3. Ich bin ziemlich entsetzt und fast sprachlos, dass die Kanzlerin wirklich felsenfest glaubt, nur sie wisse, was das Richtige ist. Und Meedia interpretiert das ja auch genau so: Alle, man muss es wiederholen und auf der Zunge zergehen lassen, A L L E anderen – egal ob Verfassungsrichter, langjährig erfahrene Politiker, engagierte Journalisten, Professoren, auch die ganzen, anderen Länder und und und scheinen ihre „..„verdammte Pflicht“ anscheinend vergessen (zu) haben. Mögen sich die anderen im Klein-Klein ihrer Ängste und Dickicht ihrer Grenzzäune verheddern, die Kanzlerin hat weiter das große Ganze im Blick.“ Und das soll nun Millionen Bürger, neben denen riesige Flüchtlingsbereiche entstehen, deren kleine Städte und Dörfer überrannt werden, die nicht wissen, wie sie die künftigen Anforderungen (Kita, Kindergarten, Schule, Arbeitslosigkeit, Integration von vielen Analphabeten) bewältigen sollen, beruhigen? Bürger, denen klar geworden ist, wie schnell sich in einem Land ALLES ändern und ins genaue Gegenteil verkehren kann. Sei es Polen, die Ukraine, der ganze nahe Osten, die Bedrohung Isreals – dafür braucht’s nur eimal eine falsche politische Entscheidung – der IS, unterstützt von Partnern, die wir heute noch unterstützen, obwohl sie nichts mit unserer Kultur zu tun haben wollen, seien es die Notstandsgesetze in Frankreich, überforderte Staaten wie Schweden, Österreich, Belgien, das ohne den Überbegriff „Moral“ bestehende Camp in Calais, ganz Griechenland, das seine Bürger verarmen lässt und uns zahlen und was nicht noch alles. Und DA glaubt die Kanzlerin, den Deutschen erzählen zu können, wenn sie nur ihren Weg mitgehen und Geduld haben, werde alles gut? Und bis dahin? Holen wir in Kürze 50.000 Leute in Griechenland zu uns (Frau Merkel ist ja sekündlich im direkten Austauch mit der (armen) griechischen Regierung!)? Mich wundert, warum sie die Leute gestern nicht auf direktem Weg hierhergeholt hat… vermutlich wegen der Wahlen oder? Da muss „unsere hohe Moral“ bis nach den Wahlen warten. Dafür wartet Frau Merkel gerne und deshalb saß sie auch bei Will gestern. Wetten dass!!! In dieser Welt ist aktuell gar nichts mehr sicher – und auch Frau Merkel kann sich in gar nichts sicher sein. Tut aber so, als wäre Europa in einem Zustand, in dem sie das „hinbekommt“.. Und dann ist alles gut oder so? Ich glaube diesem – zugegeben selbstsicher vorgetragenen – Gerede gar nichts. Wir Bürger haben alles zu tragen, was sie macht und was sie nicht macht. Dass die Frau fleissig ist, unbenommen. Aber sie nimmt letztlich nur ständig ihre eigenen Bürger in die Haft für eine „verdammte Pflicht“, die von einem Europa träumt, das längst nicht mehr existiert. Europa ist ein Papiertiger geworden, der brüllt aber nicht in der Lage und nicht gewillt ist, iese und andere Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Jeder schreit „Rette sich wer kann“. Nur die deutsche Kanzlerein schreit „Deutschland ist ganz egal – ich habe ausschießliich die verdammte Pflicht, Europa zu retten“… Was bis dahin in Deutschland passiert, was den Großteil der Bürger bewegt, verunsichert, was deren Leben vollkommen umstülpt, ist ihr herzlich wurscht. SIE dankt nur den „freiwilligen Helfern“. Für diejenigen, die täglich arbeiten gehen, ihre Kinder aufziehen, unendlich hohe Steuern und Abgaben bezahlen und eigentlich die ganze Basis dieses Staates sind, hat sie keinen einzigen Satz übrig. Keinen. Dass diese Bürger immer öfter beraubt werden – egal ob in ihren Häusern oder durch Diebstähle – dass sie sich um ihre Töchter sorgen, nicht der Merkel-Rede wert. Kein SAtz für die mindestens 14 Millionen Armen, für die alleinerziehenden Frauen, Studenten, die keine bezahlbaren Wohnungen und keine ausreichende Unterstützung bekommen… kein Dankeschön und Null Verständnis für deren Sorgen. Dass die Deutschen oft Monate auf Arzttermine trotz riesiger Beiträge waren, keine Rede wert. Herr Schäuble beschimpft Gabriel, der sich um diese Leute kümmern wollte… Passt genau ins Bild! In der heutigen gloablisierten Welt, in der mehr als die halbe Welt in Aufruhr ist oder unter Hunger und Arbeitslosigkeit leidet, sollte man den eigenen Bürgern keine Märchen erzählen. Das Märchen vom geeinten Europa, das in Kürze – auf der Deutschen Wunsch hin – gemeinsam die Grenzen öffnet. Damit man sich in seiner persönlichen, kleinen Moralwelt toll finden kann. Während im Rest der ganzen Welt MORAL die allerkleinste Rolle spielt – bei Firmen, bei Sendern, bei der FIFA, bei der Wirtschaft, in der Politik, letztlich überall – schwafelt sich unsere Bundeskanzlerin etwas – souverän, selbstsicher aber ohne Empathie fürs Volk (Ausnahmen: freiwillige Helfer und Flüchtlingen). UNERTRÄGLICH; jedednfalls für mich und – wie man hört – für sehr viele andere auch.

  4. Wie „bestechend“ kann eine Logik sein, der man in keiner Hauptstadt Europas folgen kann? Alle blöd? Alles Schurken?

  5. Was hätten eigentlich die protestierenden Besser-Ossis gemacht, wenn sie selbst – ganz persönlich – ín der konkreten Situation Merkels Verantwortung inne gehabt hätten. Dem Druck der Flüchtlinge bis an den Rand einer Katastrophe mit Gewalt standhalten? Bis sich womöglich Hunderte beim verzweifelten Grenzdurchbruch gegenseitig totgetrampelt hätten?

    Es ist ein reiner Zufall, das es bisher an den Grenzen keine solche Katastrophe gab, sondern nur zehntausende von Einzelverletzungen. Und wenn tausende Menschen gerade ertrinken, kommen Medien ja glücklicherweise zu spät.

    Merkel hat zwar mit den unvorhersehbar dämlichen Selfies Mist gebaut. Das weiß sie selbst, sagen ihre Berater. Doch ihre Grundlinie war wegen des Massen-Andrangs notgedrungen alternativlos. Auch wenn die Angie-Strategie massive Mängel hat – es gibt leider keine bessere.

    Jetzt zeigt, sich, ob die führenden „Welcome“-Medien“ – von SPON bis BILD – genug Charakterstärke haben, um CDU-Merkel im häßlichen Spott von SPD, Linken, Pegida nicht opportunistisch alleine zu lassen. Bloß um „Julia“ zu verhindern? Wendehälse in den Zeiten des Wahlkampfs – diesmal bitte nicht.

  6. Ich habe die Sendung von A bis Z gesehen und mein persönlicher Eindruck ist:

    – Fragen schienen mir vorher abgesprochen, Merkels Antworten wirkten einstudiert

    – Anne Will wollte zwar vielleicht manchmal, konnte (vor allem im letzten Drittel) dann aber doch nicht

    – Zu viele wichtige Themen wurden fast komplett ausgespart, wirkte auf mich auch vereinbart

    – Publikum klatschte bis zur Mitte bei fast jeder Antwort von Merkel, so das selbst Anne Will dann einen deutlich genervten Blick in Richtung – na, zu wem auch immer – schickte

    Danach wurde es etwas besser… Frage mich, wer das Publikum ausgesucht hat. Wenn 80 Prozent gegen Merkels Flùchtlingspolitik sind und 50 Prozent gegen Merkel generell – ja, wo fanden die sich denn in diesem Publikum wieder?

    Das was ich sah, war im großen und ganzen eine Wir-sind-kurz-vor-dem-Abitur-Klasse und ein halbes Schock Typen a la pensionierter Oberstudienrat mit Gattin. Plus einige ältere Öko-Tanten.

    Bei *so einer* Zusammenstellung ist Dauerklatschen dann natürlich garantiert. Aber die Regie hatte es zu gut gemacht, es viel auf, sogar Anne selber erkannte die Gefahr, die nun mal in jeder Übertreibung liegt.

    Tja, Frau Merkel: was soll man da sagen?

    Irgendwas zwischen „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ und „Ich weiss, es wird einmal ein Wunder geschehen“.

    Ich persönlich befürchtete allerdings eher ein blaues Wunder – und zwar für uns alle.

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