Kommt nach der „Lügenpresse“ die „Lügenfotografie“? Nein, vertrauen wir diesen Fotografen!

Peter-Matthias Gaede, World Press Photo: Zeigen, was ist
Peter-Matthias Gaede, World Press Photo: Zeigen, was ist

Publishing Die Süddeutsche Zeitung überschrieb einen Artikel zum World Press Photo Award mit der Überschrift "Vertraue niemandem", weil ein Jahr zuvor Manipulationen bei Wettbewerbsfotos festgestellt wurden. Der langjährige Geo-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede erklärt in einem Gastbeitrag für MEEDIA, warum wir den echten Pressefotografen gerade in unsicheren Zeiten vertrauen dürfen, vertrauen sollten.

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von Peter-Matthias Gaede

Als die Süddeutsche Zeitung vor einigen Tagen mit der Nachricht kam, die diesjährigen Sieger des World Press Photo Awards 2016 stünden nun fest, garnierte sie das mit der Überschrift „Vertraue niemandem“. Sie erinnerte daran, dass im Jahr zuvor an einigen in die Vorendauswahl gelangten Arbeiten bei diesem weltweit wichtigsten Fotowettbewerb Bildmanipulationen festgestellt worden waren. Und dass, tatsächlich ungut, 2015 eine zuvor ausgezeichnete Arbeit nachträglich disqualifiziert werden musste, weil sich erwiesen hatte, dass der Fotograf mit den Mitteln des re-enactments gearbeitet hatte, also wie ein Bühnenbildner mit Statisten vorgegangen war, um seine These vom Untergang einer Stadt visuell zu untermauern.

Haben wir es nun also nach „Lügenpresse“ und „Lügenwetter“ (vermeintlich herbeigeredeten Stürmen, um vor Migranten zu Kreuze zu kriechen, denen der rheinische Karneval nicht zuzumuten war) auch mit einer „Lügenfotografie“ zu tun?

seit Trotzki …

Das hatten wir immer schon, auch in Zeiten der analogen Fotografie, seit Trotzki aus Bildern der bolschewistischen Revolution herausretuschiert wurde, nachdem er über Kreuz mit Lenin geraten war. Das hatten wir in Ausgaben hochseriöser Magazine, wenn der Neigungswinkel von Pyramiden verändert wurde, auf dass sie aufs Titelbild passten. Das hatten wir, als eine auf Kostenersparnis erpichte französische Redaktion nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York eine ältere Geschichte aus Deutschland ankaufte, noch mit den Twin Towers, und diese einfach ausradierte. Das hatten wir bei Unterwasserfotografen, die aus einem Solo-Seepferdchen ein anmutiges Fünfer-Ballett kreierten; das hatten wir bei Fotografen, die sämtliche Touristen vom Machu Picchu tilgten – und nur dummerweise vergaßen, auch deren Schatten zu eliminieren. Das haben wir bei Fotografen, die aus einem Hochformat ein Querformat machen sollen – und in die zweite Hälfte akribisch jene Wellen reproduzieren, die das Bild zuvor nur im halben Format hatte. Und das hatten wir zum Beispiel bei jenem Fotografen, der die Detonationswolken israelischer Geschosse im Südlibanon zur Steigerung der Dramatik vervielfachte.

Schon klar: Auch nicht jeder Kriegsfotograf ist per se im Besitz einer höheren Moral. Und dass Fotografen, anders als viele Autoren, nicht von Sprachgrenzen geschützt sind, also auf einem weltweiten Markt miteinander konkurrieren, mag bei manch einem die Neigung zumal bei Welttbewerben erhöhen, das eine, das ultimative Bild, das Foto, das sich von Millionen anderen unterscheidet, notfalls auch mit den Mitteln der nachträglichen Bildbearbeitung hochzujazzen. Einige machen es so. Aber alle? Können Bilder lügen? Ja natürlich, das können sie. Sagt ein Bild „mehr als tausend Worte“? Und manchmal also falsche Worte? Das ist so alt und überstrapaziert wie zu kurz gedacht.

Und trotzdem und deshalb halte ich die zitierte Überschrift der Süddeutschen Zeitung, dieses „Vertraue niemandem“, zumindest für fahrlässig, mehr noch: Ich halte dies für einen Affront. Für einen Affront gegenüber Anja Niedringhaus, in Afghanistan erschossen, gegenüber Bulent Kilic, gegenüber Brent Stirton, gegenüber Lynsey Addario, gegenüber Warren Richardson, gegenüber Sergej Ponomarew, gegenüber Abd Doumany, gegenüber Adriane Ohanesian, gegenüber Francesco Zizola, gegenüber Paul Hansen. Die Namen kennen Sie nicht? Und hundert, dreihundert andere, die sich hier nennen ließen, viele deutsche Fotoreporter darunter, auch nicht? Das sind die Fotografen und Fotografinnen, die dorthin gehen, wo es wehtut. Auch ihnen selber, manchmal sogar vor allem ihnen. Das sind die, die in syrischen Behelfskrankenhäusern blutüberströmte Kinder sehen. Die an Stacheldrahtzäunen zwischen Griechenland und Mazedonien miterleben, wie dort Väter mit ihren Kleinkindern versuchen, in ein bisschen Sicherheit zu kriechen. Das sind die, die im Südsudan und in der Ukraine, im Irak und in Afghanistan, in Istanbul und in Kairo Zeugnis ablegen über Kriegsverbrechen und Gewalt, über Hunger und Elend. Das sind die, die uns die verstörenden Bilder bringen. Oder es könnten, würden sie nur häufiger in deutschen Medien veröffentlicht. Und nicht nur um sie geht es, wenn wir von der Ehre professioneller Fotografen reden. Es geht auch um die, die lieber vier Wochen lang in den Karpaten auf einen Wolf ansitzen, am Ende erfolglos, als dem Wolf, auf dass er vor die Kamera komme, ein verletztes Zicklein zum Fraß offerieren.

Manipulieren also DIE Fotografen? Nein, sie tun es nicht. Oder eben: Nur einige wenige tun es, wie ich in der Jury des World Press Photo Awards 2015 miterleben konnte, wo es eher Fotografen in der belanglosesten aller Kategorien waren, der Sportfotografie. Vor allem dort sind Bildbearbeitungen aufgefallen, wenig aber dort, wo es um das politisch Relevante ging. Und auch nicht zwanzig Prozent der Fotos in der Vorendauswahl waren zu monieren, wie auch die Süddeutsche Zeitung wieder kolportiert, sondern in zwanzig Prozent der Arbeiten war an einzelnen Bildern etwas arrangiert worden; Fallzahl insgesamt etwa zehn.

fast ebenso ätzend

Vertraue niemandem? Ach, natürlich, die so genannten „besorgten Bürger“, die Pegida-, die AfD-Anhänger tun es ohnehin nicht mehr. Für sie sind wir und sind vermutlich auch die Fotografen Teil einer Konspiration von oben, sind wir Teil einer elitären Kaste, sind wir willfährige Gehilfen einer obskuren Strategie, dem Volk nicht zu geben, was des Volkes ist. Fern davon aber – und fast ebenso ätzend – eine andere Diskussion, jene, die aus den Reinräumen der deutschen Hochschulfotografie kommt. Einer ihrer Exponenten, Peter Bialobrzeski, postuliert das Ende jeder Wahrheit in der Fotografie. Oder anders: Die alleinige subjektive Wahrheit in den Augen des Fotografen. Das soll er; er darf das, er ist ein wunderbarer Künstler, kein Foto-Reporter. Er darf die Fotografie mit der Literatur vergleichen. Er darf Autos auf seinen Bildern umfärben, wenn ihm deren Farbe nicht passt. Er darf auch Menschen nachträglich in leere Landschaften pflanzen oder die vorgefundenen Tönungen einer Stadt am Computer durch seine eigenen ersetzen. Als Kronzeuge für das Ende des Authentizitätsanspruchs in der Reportage-Fotografie aber taugt er nicht. Er sollte nicht von sich auf andere schließen.

Denn es gibt sie durchaus noch: Jene Fotografie, der zu vertrauen ist, weil sie einfach kunstlos redlich ist. Sie kommt von Fotografen, die nicht gelangweilt sind von der Welt, die nicht mit einer verstiegenen Bildsprache überhöhen müssen, weil sie glauben, man habe doch schon alles gesehen. Die sich nicht wichtiger nehmen als das, was sie fotografieren. Die sich in alles Unglück begeben, das diese Welt nun einmal leider zu bieten hat. Und die nicht darüber nachdenken, ob sie am Ende etwas aufhellen oder abdunkeln, beschneiden oder verfärben sollten. Weil sie zeigen, was ist. Und nicht, was zur Höhe einer Theoriedebatte in Bremen oder Bielefeld passen könnte.

eine fatale Botschaft

Sind wir Seh-Junkies geworden? Ist die Dominanz der Sprache von einer Hegemonie der Bilder abgelöst worden? Ist das Sehen schon Erkennen? Bedeutet die Allgegegenwart der Bilder auch Durchblick? Ist das einzelne Bild durch die 400 Millionen täglich auf Facebook geladenen Fotos entwertet? Ist die Intimität des Fotos durch die DNA-Analyse von Haaren, Fingernägeln und Blut abgelöst worden? Stumpft das déjà-vu ab? Hatte Siegfried Kracauer Recht, als er 1929 schrieb: „Noch niemals hat eine Zeit so gut über sich Bescheid gewusst, wenn Bescheidwissen heißt: ein Bild von den Dingen zu haben“? Gibt es einen Überdruss am Bilderverschleiß der Medien? Setzt bei zu vielen Bildern vom Elend eine „compassion fatigue“ ein, eine Mitleidsermüdung? Ist manch ein Elendsfotograf ein „ambulance chaser“, der den Krankenwagen hinterherfährt? Das alles sind Fragen, denen wir uns stellen müssen.

„Vertraue niemandem“ aber ist in Zeiten einer allgemeinen Erosion medialer Glaubwürdigkeit eine fatale Botschaft zu einer Geschichte über die Fotografie. Sie muss all jene entmutigen, die sich darum bemühen, uns jene Welt, jene Menschen unverfälscht näherzubringen, die keine Pressesprecher haben, über die nicht bei Vernissagen verhandelt wird, und die sich nicht darum scheren können, ob sie bei künstlerisch wertvollem Licht in Aleppo krepieren – oder fototheoretisch suboptimal. Es gibt sehr, sehr viele Fotografen, die sich für die Menschen in einer solchen Situation interessieren. Wir sollten sie würdigen. Diese Menschen. Und diese Fotografen. Wir sollten diesen Fotografen vertrauen.

Der Autor Peter-Matthias Gaede war viele Jahre lang Chefredakteur der Zeitschrift Geo und Herausgeber zahlreicher Geo-Ableger. Seit 2014 ist er publizistischer Berater des Vorstands bei Gruner + Jahr

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Alle Kommentare

  1. Wenn man über Vertrauen in der Fotografie schreibt, sollte man auch den Urheber des diesjährigen World Press Preises nennen. Das Bild im Hintergrund ist „Hope for a New Life by Warren Richardson“. Bitte nicht dpa/Montage MEEDIA als Copyright drunter schreiben. Etwas mehr Sorgfalt und Hochachtung sollte man den Fotgrafen schon entgegenbringen.

  2. Die Intention des Artikels, eine Lanze für die professionelle, einem hohen beruflichen Ethos verpflichtete Reportagefotografie zu brechen, kann ich nachvollziehen. Ebenso den Ärger über den Eindruck, da würde unseren ‚Wutbürgern‘ am rechten Rand fahrlässig und unnötigerweise eine Steilvorlage geliefert, der ‚Lügenpresse‘ auch noch eine ‚Lügenfotografie‘ hinzuzufügen.
    Aber diese hässlichen Ränder sollten nicht dazu führen, plötzlich selektiv zu differenzieren. Es gibt gute und schlechte Reportagefotografie – und es gibt gute und schlechte künstlerische Fotografie. Letztere ist eben nicht per se „verstiegen“ und erstere kann nicht automatisch einen Heldenstatus beanspruchen. Es ist unredlich, die Reportagefotografie als die vermeintlich ehrlichere und wertvollere darzustellen. Hinter JEDER Quadrage, hinter JEDEM Druck auf den Auslöser steht eine Entscheidung, die es dulden muss, kritischer betrachtet zu werden.

  3. Nicht die Authentizität einzelner Fotos ist das Problem, sondern deren Auswahl. Qua Auswahl werden Stimmungen beeinflusst und Botschaften transportiert.

    „Die” Medien lügen zwar nicht (das ist nur eine Parole), aber sie filtern, sie akzentuieren und werten. Auch mittels Bebilderung.

  4. Fangen wir mal damit an, dass Fotografie ein extrem weites Feld ist. Am einen Ende dieses Feldes steht die Fotografie als Kunst, und am ganz anderen, mit dem bloßen Auge nicht mehr erkennbar, die Fotoreportage. Wenn also ein ehemaliges World-Press-Jurymitglied einen Fotografen zitiert, der eindeutig in der Kunst angesiedelt ist (selbst als Dokumentarfotografen kann man Bialobrzeski heute nicht mehr bezeichnen), und dieses Zitat auf die Arbeit von Fotoreportern anwendet, ist das in etwa so, als würde er den Wahrheitsgehalt von „Harry Potter“ kritisieren, weil der nicht mit dem einer Pulitzer-Preis-nominierten Reportage über Darfur vergleichbar ist. Das eine ist Kunst, das andere Journalismus – the clue’s in the name. Der Künstler Bialobrzeski kann also das Ende der Wahrheit in der Fotografie verkünden, ohne dass sich Fotojournalisten davon auch nur im geringsten angesprochen fühlen müssten.
    Das Problem mit dem World Press Award liegt nicht im Wahrheitsgehalt des Fotojournalismus an sich, sondern darin, dass Einsendungen von Fotografen, die ihre Bilder kaum bearbeiten, oft gar nicht mehr wahrgenommen werden, weil sich unsere Sehgewohnheiten so stark verändert haben. Dank Photoshop und Instagram-Filtern für jedermann erhöht sich der Druck auf professionelle Fotografen, mehr und mehr „gedopte“ Bilder zu liefern. Die großen Agenturen und ihre Fotografen geben dabei den Ton an, denn sie produzieren, was wir, die Konsumenten, sehen wollen. Und was wir heutzutage sehen wollen, ist knallig und bunt, oder perfekt, oder extrem nah dran oder noch nie vorher da gewesen. Da verhält es sich wie in der Leichtathletik: Wenn alle unrealistisch schnell rennen, erinnert sich hinterher keiner mehr an den einen ehrlichen Sprinter, der es nur bis Platz 4 schaffte. Und es ist kein Zufall, dass dieses Problem bei der World-Press-Auswahl im vergangenen Jahr besonders gravierend im Bereich der Sportfotografie zutage trat, in der extremer Konkurrenzdruck herrscht: Nachdem alle Bilder aus der Vorauswahl genauer unter die Lupe genommen worden waren, blieben insgesamt nur noch zwei Fotos übrig – es gab also keinen Kandidaten mehr, dem man einen dritten Preis hätte verleihen können. Wie viele bessere Bilder es nie in die Vorauswahl schafften, weil ihre Urheber nicht skrupellos genug waren, um im Photoshop so richtig aufzudrehen, werden wir leider nie erfahren.

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