„Welches Volk die auch immer sein mögen, unseres ist es nicht“: Fassungslosigkeit nach Clausnitz und Bautzen

Social-Media-Reaktionen auf die Vorfälle in Clausnitz
Social-Media-Reaktionen auf die Vorfälle in Clausnitz

Ein rechte Parolen grölender Mob empfing am Donnerstagabend im sächsischen Clausnitz einen Bus mit verängstigten Flüchtlingen. Zwei Tage später brannte in Bautzen, ebenfalls Sachsen, unter dem Applaus Schaulustiger ein künftiges Flüchtlingsheim. Das vergangene Wochenende hinterlässt den Großteil der deutschen Bevölkerung und die Presse schockiert, fassungslos und mit vielen offenen Fragen.

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Am vergangenen Freitag tauchte auf der Facebookseite „Döbeln wehrt sich – Meine Stimme gegen Überfremdung“ das Video auf, über das seither ganz Deutschland spricht. Die Aufnahmen aus dem sächsischen Dorf Clausnitz zeigen einen wütenden Mob, der einen Bus mit Flüchtlingen umzingelt und immer wieder brüllt: „Wir sind das Volk“ und „Raus mit euch!“ Die Insassen des Busses, der zu allem Überfluss auch noch die Aufschrift „Reisegenuss“ trägt, sind offensichtlich völlig verängstigt. Sie weinen, trauen sich nicht heraus, eine Frau spuckt voller Verachtung in Richtung pöbelnder Meute.

Jan Böhmermann war einer der ersten, der das Video teilte, was sich daraufhin wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken verbreitete und bei den meisten Menschen Fassungslosigkeit und Scham hervorrief.

Kurz darauf wurde die Facebookseite „Döbeln wehrt sich“ gelöscht, doch Böhmermann hatte das Video im Vorfeld gespeichert und auf seinem YouTube-Kanal hochgeladen. Noch am selben Tag wurde ein zweites Video aus Clausnitz hochgeladen, das zeigte, wie brutal die zuständigen Polizisten einen weinenden Flüchtlingsjungen unter grölendem Jubel der Demonstranten aus dem Bus zerrte. Als wäre dies nicht genug, stand in der Nacht auf Sonntag ein künftiges Flüchtlingsheim im sächsischen Bautzen in Flammen. Davor standen Schaulustige, sie klatschten und jubelten.

Die Vorfälle in Sachsen des vergangenen Wochenendes machen fassungslos und wütend – und sie hinterlassen vor allem viele offene Fragen.

So schreibt Daniel Kretschmar, der Leiter von taz.de: „Was soll man dazu noch sagen? Ein weiteres gottverlassenes Städtchen auf der Karte der Unmenschlichkeit. Bewohnt von vernagelten Gemütern, die vermutlich noch stolz auf ihre widerwärtige Schamlosigkeit sind, mit der sie ihrem Hass auf alles Fremde freien Lauf lassen. Eine Polizei, die Probleme auch am liebsten bei diesen Fremden sucht. „Wir sind das Volk“ rufen also die einheimischen Gartenzwerge, Frühstücksfaschisten und schlecht integrierten Wendeverlierer um den andern unmissverständlich zu bedeuten, dass sie nicht dazu gehören. Als wenn irgendjemand zu ihnen gehören wollen würde. Der Stinkefinger ist doch die einzig angemessene Antwort: ‚Verstanden, ihr seid das Volk. Könnt ihr auch gerne bleiben.’“

Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet Krawalle als „Wiederholungsschleife“. Freital, Heidenau, Meißen, Clausnitz, Bautzen: Es gebe Exzesse, auf die Exzesse folge Empörung, auf Empörung folge Verbitterung und dann folge der nächste Exzess, mit dem wieder alles von vorne beginne. „Die Fragen, die sich immer wieder stellen, sind: Warum immer wieder Sachsen? Wo führt das hin? Und was, bitte, lässt sich denn gescheiter Weise gegen solche beeindruckend hässlichen Ausbrüche von Gewalt tun? – Inzwischen ist eine gefühlte Nationalbibliothek an Studien und Erklärungsansätzen zusammengekommen.“

Die Redaktion von jetzt.de, dem Jugendangebot der SZ, hat 52 Fragen formuliert – unter anderem: „Sind die Menschen, die dort brüllen, stolz auf sich, wenn sie später beim Abendessen mit ihrer Familie zusammen sitzen?“, „Sagen sie ihren Kindern, dass sie anderen Menschen heute so richtig schön Angst gemacht haben?“, „Sagt denen (den Flüchtlingen, Anm. der Redaktion) jemand, dass sie ein verdammtes Pech hatten, in einem solchen Ort zu landen?“, „Was kann ich tun, dass es in meiner Nachbarschaft nie zu so einem Vorfall kommt?“ und „Stimmt es immer noch, dass die schweigende Mehrheit Flüchtlinge gut behandelt?“

David Hugendick, Kultur-Redakteur von Zeit Online, klagt an: „In der Spätphase der DDR mag der Satz gegen die SED-Diktatur gerichtet gewesen sein, gegen die „das Volk“ als politisches Subjekt aufbegehrte, was man als Ausdruck demokratischer Selbstermächtigung lesen kann, aber nicht muss. 25 Jahre später in Clausnitz, Dresden, Bautzen oder sonstwo in Deutschland ist der Ausruf mittlerweile zum Kampfschrei eines Verbitterungsmilieus geworden, das sich die Welt wieder auf Kleingartengröße wünscht, in der es zwar weiterhin weinerlich sein will, aber wenigstens unter sich: in einer vorpolitischen Schicksalsgemeinschaft, die sich bisweilen hinter Kultur, auf jeden Fall hinter ihrer Abstammung verschanzt hat und niemanden mehr reinlassen will. Wer ‚Wir sind das Volk‘ brüllt, brüllt zugleich ‚Ihr seid es nicht‘. Sprache, die sich früher gegen die Obrigkeit gewendet hat, wendet sich jetzt nach unten.

Stefan Kuzmany, Leiter Meinung und Debatte von Spiegel Online, verfasst einen offenen Brief an „die Flüchtlingsfeinde von Clausnitz“: „Schwenkt keine deutschen Fahnen. Schwarz, Rot und Gold sind nicht Eure Farben. Es sind die Farben der Demokratie, der Freiheit, der Brüderlichkeit. Sucht Euch andere. Ihr seid nicht das Volk. Ihr seid nur hasserfüllte Krakeeler. Und Ihr seid Menschen. Also verhaltet Euch gefälligst wie solche.“

Und auch Micky Beisenherz ist wütend und schreibt in seiner stern-Kolumne: „Ich habe mich an diesem schönen Tag lediglich einmal massiv unwohl und fremd im eigenen Land gefühlt. Als ich ihn mit Bildern aus Clausnitz beschließen musste. Verstört und angewidert. Eine Kolumne über dieses Thema zu schreiben, ich hatte keine Lust mehr dazu. Just in dem Moment brennt in Bautzen ein Flüchtlingsheim. Die Leute applaudieren. Und behindern die Löscharbeiten. Die Feuerwehrleute können froh sein, wenn am Ende nicht noch die Polizei gegen sie ermittelt. Wegen Behinderung der Feierlichkeiten. Es muss wohl sein, weiter gegen diese Pogromstimmung anzuschreiben. Weil alles andere Gewöhnung wäre. Und an diese Scheiße will ich mich nicht gewöhnen. Die Parallelgesellschaft gibt es bereits. Aber sie ist vor dem Bus. Und nicht darin.“

Die sozialen Netzwerke Twitter und Facebook sind – auch bei schwierigen politischen Themen – ansonsten oftmals ein Sammelbecken für Spott und Häme. Doch nach dem vergangenen Wochenende überwiegt auch hier die Fassungslosigkeit:

Offenbar hat die Seite „Döbeln wehrt sich“ das in Clausnitz aufgenommene Video gelöscht oder auf privat gestellt…

Posted by Sascha Lobo on Freitag, 19. Februar 2016

Die „Panorama“-Redaktion vergleicht derweil in einem Video die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 mit der aktuellen Situation.

Aus aktuellem Anlass … #Bautzen

Posted by Panorama on Sonntag, 21. Februar 2016

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