„So etwas hätte der Spiegel früher nicht zugegeben“ – Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer über Glaubwürdigkeit und Fehlerkultur

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer
Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer

Publishing In einem Leitartikel erklärte Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer jüngst, Journalisten hätten manchmal einen "zu elitären Blick auf die Wirklichkeit." Im großen Interview mit MEEDIA spricht der Spiegel-Chef darüber, wie er und seine Redaktion sich zur Glaubwürdigkeitsdebatte und Lügenpresse-Vorwürfe stellen und er bekennt, wo der Spiegel selbst Fehler gemacht hat.

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Sie haben im vorletzten Spiegel die „Vertrauensfrage“ gestellt. Also Leser aufgefordert, Ihnen im Zuge der Glaubwürdigkeits- und „Lügenpresse“-Debatte zu schreiben. Welche Reaktionen haben Sie da bekommen?

Klaus Brinkbäumer: Wir haben schon drei Tage später deutlich über 300 Zuschriften bekommen. Zu fünf Prozent waren sie schimpfend-aggressiv. Zu zehn bis 20 Prozent waren sie kritisch, was den Kurs des Spiegel, Titelbilder und unsere Flüchtlingsberichterstattung betrifft. Rund 75 Prozent haben sich zustimmend und lobend geäußert: „Der Spiegel ist mein Blatt“, „macht weiter so.“ Ich hatte mit einem kritischeren Echo gerechnet.

Das kann zwei Gründe haben: Entweder das Gerede von der „Lügenpresse“ ist doch nicht so ernst zu nehmen oder die Unzufriedenen lesen den Spiegel schon gar nicht mehr und haben dementsprechend auch nichts von Ihrem Aufruf mitbekommen.

Weder noch. Ich glaube sehr wohl, dass das Thema da ist. Der Lügenpresse-Vorwurf ist ja in der Welt. Viel angenehmer wäre es zu sagen: alles egal, wir machen einfach weiter. Das geht aber nicht. Dafür ist das zu laut, zu präsent, zu groß. Wir müssen uns erklären. Wir sollten nur nicht vergessen, dass es die vielen Anderen eben auch gibt, die engagierten Leser, die in der Vergangenheit vielleicht nur nicht so laut waren. Das sind Leser, die wissen, was Qualitätsmedien sind und wie diese arbeiten. Dass sich beispielsweise die Rechercheleistung einer Süddeutschen Zeitung von manchem einfach so hingeschriebenen Blog-Beitrag unterscheidet. Dass sich die Arbeit unserer Dokumentation dahingehend niederschlägt, dass wir sehr wenige Fehler im Blatt haben. Das wissen viele, viele Leute zu schätzen. Es gibt beides: die treuen Leser und Fans und eine ganz schön große Gruppe von Leuten, die anzweifeln, was Medien gerade tun. An der Auseinandersetzung mit dieser Gruppe kommen wir nicht vorbei.

Dieses „Wir kommen nicht daran vorbei“ und „Etwas muss sich ändern“ ist mittlerweile auch eine Art Allgemeinplatz geworden. Es werden viele Reden gehalten und Artikel geschrieben, in denen das so verkündet wird, in denen die so genannte „Haltung“ eingefordert wird. Ich habe den Eindruck, dass sich diese Bekenntnisse in der konkreten Arbeit noch nicht sehr niederschlagen. Es wird viel kommentiert und es werden Pegida-Mitläufer befragt. Aber ich habe noch nicht gesehen, dass ein großes Medium neu eine prominente Korrektur-Rubrik eingeführt hätte oder beispielsweise einen Ombudsmann eingeführt hätte.

Eine Korrekturspalte haben wir. Die wurde schon von Georg Mascolo eingeführt, und ich finde sie  richtig. Einen Fehler, wie wir ihn jetzt im vergangenen Heft korrigiert haben, den hätte der Spiegel früher eher unterschlagen.

Was war das für ein Fehler?

Klaus Brinkbäumer liest aus der Korrekturspalte des Spiegel vor: „Die Deutsche Bahn führte den Zusatzbetrag bei Kreditkartenbezahlung im November 2014 ein, nicht erst wie berichtet 2015.“ Kein schlimmer Fehler, wir korrigieren ihn aber. Früher hätten wir das nicht gemacht, weil wir gesagt hätten, das merkt doch kein Mensch. Auch dass wir prominente Fehler einräumen und diskutieren, ist neu. Der Titel „Stoppt Putin jetzt!“ war ein Fehler. So etwas hätte der Spiegel früher nicht zugegeben.

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Titelseite des Spiegel 31/2014 

Man kann vielleicht zwei Arten von Fehlern unterscheiden. Da sind einmal handwerkliche Fehler, wie die falsche Jahreszahl. Das kann einfach korrigiert werden, so etwas passiert immer wieder und ist nicht weiter schlimm. Da sind andererseits aber vielleicht systemische Fehlentwicklungen. Dieser Vorwurf, dass etwas ganz grundsätzlich nicht mit den Medien stimmt, dass viele publizistisch in eine Richtung marschieren, dass der Eindruck entstehen kann, dass Medien unter einer Decke stecken. Das ist der viel gefährlichere Teil in der Glaubwürdigkeits-Debatte. Wenn Sie sagen, dass der „Stoppt Putin jetzt!“-Titel ein Fehler war, wie begründen Sie das?

Das war auch eher ein handwerklicher Fehler, nämlich der, dass wir keine Unterzeile verwendet haben, die den Titel erklärt hätte. So wurde der Titel von vielen Lesern als Appell zum Eingreifen der Nato im Osten gedeutet, und in der Tat konnte man ihn ja militärisch missverstehen. Gemeint waren aber Sanktionen. Gemeint haben wir, dass der Westen die Strategie mit Sanktionen gegenüber Russland durchhalten sollte. Wir haben uns nicht klar genug ausgedrückt.

So etwas kann man kaum mit einem Eintrag in einer Korrekturspalte auffangen.

Man kann offen damit umgehen, man kann es erklären. Natürlich nehmen wir für uns grundsätzlich in Anspruch, dass wir präzise formulieren können und darum das, was wir aussagen wollen, auch rüberbringen. Es kann aber auch mal eine Woche geben, in der das weniger gut gelingt. Das lässt sich dem Leser vermitteln: Ich kann Kommentare schreiben, ich kann Blogs schreiben, ich kann es im Morning Briefing (neuer Spiegel-Newsletter, der jeden Morgen gegen 6 Uhr versendet wird, Anm.d.Red.) thematisieren. Früher hätte sich der Spiegel nicht auf so eine Diskussion eingelassen. Ich glaube, vor 20 Jahren wäre die Spiegel-Chefredaktion für eine Diskussion über ein schwächeres Titelbild unerreichbar gewesen. Andere Titel wiederum verteidige ich auch gegen Widerstände und Kritik, zum Beispiel das Akropolis-Titelbild mit Angela Merkel. Da ging es um den Blick des Auslands auf die Deutschen, und dieser Blick wurde in der Dachzeile erklärt. Da würde ich immer noch sagen: Das war sauber und richtig.

Wäre ein Ombudsmann für den Spiegel denkbar?

Ja, klar. Ich mag das und kenne es aus meiner Zeit als Korrespondent in New York. Die New York Times hat das auf eine feine, kluge und leserbindende Art umgesetzt. Es gibt dort auch richtig scharfe Auseinandersetzungen mit dem Chefredakteur, der Public Editor ist ein Anwalt für die Leser. Das wäre auch etwas für uns. Wir haben im Moment nur wirklich andere Baustellen und viele große Projekte, die unsere Kräfte beanspruchen. Und wir haben das Gefühl, dass wir mit Antworten auf Leserbriefe, mit der Korrekturspalte, mit der Erreichbarkeit auf Veranstaltungen und über soziale Medien, mit Texten, die unser Verhältnis zum Leser spiegeln, inzwischen eine ganze Menge in dieser Richtung tun.

Stehen Medien, die als Institution wahrgenommen werden, wie vielleicht die „Tagesschau“ oder auch Der Spiegel, besonders im Kreuzfeuer der Kritik?

Ich denke schon. Und zwar, weil sie von interessierter Seite, wie Pegida- oder AfD-Leuten, strategisch als Teil des Systems vereinnahmt werden; weil diese Medien eben da sind und groß sind und gute Gegner abgeben. Die Angriffe sind aber nicht gerechtfertigt und werden es auch durch Lärm nicht. Die Kritik, wir seien alle gesteuert, ist glatter Unfug. Darauf können wir uns kaum einlassen, eben weil es eine plumpe Lüge ist. Der Spiegel gehört mehrheitlich den Mitarbeitern. Den Kurs des Spiegel bestimmt der Chefredakteur zusammen mit der Redaktion. Punkt. Die FAZ schreibt anders als die Süddeutsche. Die Welt hat in der Flüchtlingsberichterstattung einen anderen Kurs als die taz. Es gibt keine Systempresse, das ist eine Erfindung. Wie soll man auf einen erfundenen Vorwurf antworten?

Es gibt diesen Begriff Herdentrieb. Es gab Fälle, da konnte man von Seiten des Publikums durchaus den Eindruck gewinnen, dass viele Medien inhaltlich eine Stoßrichtung beharrlich und kollektiv verfolgt haben. Der Fall des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff ist so ein Beispiel. Oder auch die mediale Demontage des früheren SPD-Vorsitzenden Kurt Beck vor allem von Berliner Redaktionen. Das wird nicht von oben oktroyiert und trotzdem kann der Eindruck einer Gleichförmigkeit entstehen.

Ja, es gibt so etwas wie Herdentrieb, und es gibt Modeerscheinungen. Das ist etwas, das ich an Medien auch nicht besonders mag. Mich hat schon als Reporter geärgert, dass manche Themen eine Konjunktur hatten und wenige Wochen später aus dem Licht verschwunden waren. Medien stürzen sich oft auf ein Thema, weil konkurrierende Medien sich eben auch darauf stürzen. Dann ähneln sie einander in der Berichterstattung und in der Tendenz. Das geschieht aus einer Unsicherheit heraus, die manche Journalisten – auch Chefredakteure – haben, aber das ist natürlich nicht gesteuert.

Was ist das für eine Unsicherheit?

Die Frage „Was stimmt jetzt?“ Politik ist anstrengend, Krisen sind kompliziert …

… vielleicht auch: Ich will nichts „Falsches“ sagen oder schreiben?

Ja klar. Herdentrieb macht Medien aber langweiliger. Ein gutes Medium sollte auf die eigenen Stärken und Eigenwilligkeiten vertrauen. Es braucht den Mut, sich einem eigenen Urteil anzunähern.

In Ihrem Artikel über das Glaubwürdigkeitsproblem der Medien schrieben Sie, Journalisten hätten vielleicht einen „zu elitären Blick auf die Wirklichkeit“. Meinten Sie damit, dass viele Journalisten und Medienleute auch ähnlich sozialisiert sind, ähnlich ticken, sich in immer gleichen Kreisen bewegen? Da kann auch Konformität entstehen.

Ja, das ist eine Gefahr, und wir versuchen da gegenzusteuern. Jedes Medium hat eine bestimmte Perspektive. Natürlich schauen wir erst einmal von Hamburg aus in die Welt. Das ist eine andere Perspektive, als wenn wir in Neu Delhi oder auch in Dresden sitzen würden. Gute Reporter überwinden das aber. Unsere Korrespondenten melden sich aus jedem Winkel der Erde, Neuzugänge wie Volker Weidermann oder Nils Minkmar bereichern die Redaktion, Christoph Reuter geht nach Aleppo und Homs, und Özlem Gezer ist in der Welt der Migranten unterwegs – so dass wir natürlich vielseitig berichten. Aber die Gefahr besteht. Früher setzte sich die Ressortleiterrunde des Spiegel aus Männern um die Fünfzig mit fast identischem Bildungshintergrund zusammen. Jetzt haben wir viel mehr Kolleginnen und jüngere Leute in diesem Kreis. Und ich hätte den Spiegel gern noch viel bunter.

In Teil 2 des MEEDIA-Interviews spricht Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer u.a. über das Verhältnis Der Spiegel zu Spiegel Online, das neue Selbstverständnis des Spiegel und die neuen Digitalprodukte. 

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Alle Kommentare

  1. Offenbar reichen die massiven publizistischen und finanziellen Verluste noch immer nicht für die Einsicht, dass nur die radikale Neuorientierung den „Spiegel“ (und die anderen selbsternannten „Leitmedien“) noch noch vor dem Absturz ins mosernde Abseits eines sektiererischen Erweckungs- und Gesinnungs-Agitprop bewahren können – vielleicht. Herr Brinkbäumer, ja gerade zum Chef aufgerückt, weil Luxus-Journalisten mit „Links schreiben, rechts leben“-Mentalität ihre fetten Pfründen gegen den „Wind of change“ verteidigt sehen wollen, verteilt erwartungsgemäß Valium gegen die Endzeit-Panik – alles im Griff, alles nicht so schlimm, „Problem erkannt, Problem gebannt“. Derweil liegen die Einschläge immer dichter am Hamburger Bunker, wo der „Chef“ per Sandkasten Armeen dirigiert, die es nicht (mehr) gibt.

    Das trotzige „Nun erst recht“ des linken Missionars, der die „Spiegel“-Kirche leer predigt, ist angesichts der stolzen Geschichte des Blattes schon erschütternd. Brinkbäumer will mehr denn je Meinungsmacher und Gatekeeper sein, als gäbe es noch das existentiell verunsicherte und vom Rest der Welt verachtete Volk, das nach Hitlers Höllenfahrt per Umerziehung neue Inhalte für unveränderte Staatsgläubigkeit brauchte. Der ärgste Feind des „Spiegel“ – mit wirrer Leserbeschimpfung a la Augstein, Diez oder Stokowski – ist ein gut gebildetes Publikum.

    Es mag sein, dass „Zentralorgane“ für grüne Gutmenschen, sozialistische Mauermörder-Nostalgiker oder Paradies-Sucher vom Merkel-Käßmann-Gebetskreis Uckermark eine „Haltung“ – vulgo: eine ideologische Heilsverkündigung – benötigen. Aber ein säkulares Nachrichten-Magazin muss sich von jeder „Haltung“ gleich weit fernhalten („Äquidistanz“). Es ist nicht Volkspädagoge oder Regierungssprecher, sondern privater Dienstleister, der nachprüfbar richtige „Fakten, Fakten, Fakten“ (ohne jede ideologische Gebrauchsanleitung) zu liefern hat; das in einem freien Weltmarkt mit millionenfacher Konkurrenz.

    Wer den aktuellen „Spiegel“ bzw. „Spiegel Online“ darauf prüft, stellt fest: Ungenießbar wegen „Opinion overload“ – nichts für Leute, die selber denken. Prognose infaust.

  2. @ Hans Werner Conen (DJV)

    Ein sehr guter Beitrag und so könnte es sein:

    „der die „Spiegel“-Kirche leer predigt“

  3. Respekt vor so viel nachdenklicher Selbstkritik und das vom Chefredakteur einer so großen Zeitung. Ich hoffe, dass dieses nicht nur eine PR-Masche ist.

  4. Herr B. hat richtigerweise erkannt, dass die gesamte Medienlandschaft nicht zuhört. 90 % der Bürger sind gegen die ungebremste Zuwanderung. In allen Medien wird aber nur vom Gegenteil berichtet. Ich nehme an, dass dahinter elitärer Weltverbesserungs- Dünkel und Besserwisserei steckt.
    Ich behaupte außerdem, dass 90 % der in den Medien tätigen Meinungsmacher links orientiert sind. So kann natürlich kein objektives Bild der Wirklichkeit in der Berichterstattung entstehen. Sie müssten über ihren eigenen Schatten springen, tun es aber nicht, obwohl es einen Grundkonsens geben sollte: Alles und Jedes hat zwei Seiten.

  5. Klettern wir der besseren Aussicht wegen auf einen Baum. Von dort zeigt sich, dass wir in einer Zeit ohne verpflichtenden Denkrahmen leben. Gott ist seit 200 Jahren tot, der Kommunismus seit 25 Jahren, Europa schwächelt, der Islam erscheint erst am Horizont. In den letzten 150 Jahren entstanden als Ersatz viele kleine Sinnangebote. In Deutschland bewirkte die 68er Revolution eine geistige Umorientierung der intellektuellen Eliten mit Auswirkungen auch auf die Medien. Nach demoskopischen Erhebungen identifizieren sich heute 75 Prozent der Journalisten mit einem grünlich-rosa Weltbild. In den deutschen Medien beeinflusst das nicht nur die Kommentare, sondern auch das Aroma der Berichterstattung. Dem steht – verstärkt seit der Flüchtlingskrise – eine eher rechte Mehrheitsmeinung gegenüber. Das öffnete die Kluft zwischen Medien und großen Bevölkerungsteilen noch weiter. Jede Reparatur geht da unweigerlich ans System.

  6. Das ist alles schön und gut, ändert aber nichts am Glaubwürdigkeitsverlust der Leitmedien.

    Die Stellenwertseinbuße des Printbereits beginnt mit der Sprache. Leserhirne werden plötzlich geflutet mit New-Media-Sprech, PR-Sprech. Totsprache ohne Widerhaken, die vom linken zum rechten Innenohr saust, ohne etwas anklingen zu lassen.

    Print war ein Ordnungsmedium. Die Stimme, die Wahrheit berichtete. Der direkt diametrale Anwurf der LÜGENPRESSE kommt nicht von ungefähr.

    Die entscheidende Frage, die Medien aller Art beantworten müssen, lautet WAS WIRD EIGENTLICH GESAGT?

    Leser wollen Einordnung. Wahrheit. Wahrhaftigkeit.

    Glaubwürdigkeit ging dort verloren. Nur dort kann sie gewonnen werden.

  7. Wer sich immer noch hinstellt und meint, eine Unterzeile zu dem Titel hätte es getan, der hat den Knall nicht gehört. Herr Brinkmann hört sich an wie ein Politiker der meint, „Wenn wir den Bürgern TTIP nur gut genug erklären, sind sie schon dafür“. Aus Scheiße wird aber kein Gold, egal wie lange man darüber redet.
    Abgesehen davon hab ich genug damit zu tun nachzulesen, was Politiker im Nachhinein eigentlich gemeint haben, als sie irgend einen Unsinn verzapften. Das gleiche bei Journalisten zu tun habe ich weder Zeit, noch Lust, noch Interesse. Und die Behauptung, der Spiegel hätte früher Sachen wie falsche Jahreszahlen nicht korrigiert ist schlicht und ergreifend falsch, zumindest vor 20 Jahren hat mich das schwer beeindruckt vom Spiegel dass sie selbst bei Kleinigkeiten die Gegendarstellung/Korrektur gedruckt haben. Dass sich der Typ an diese Zeiten nicht mal mehr erinnern kann, zeigt recht schön, wo das Problem liegt.

  8. In der That: den Spiegel lese ich schon lange nicht – daher habe ich den Aufruf nicht mitbekommen – schade. Warum: zuviel Meinungsmache, zuwenig Fakten, zuviel Ideologie, zuviel Lüge bzw. wie es heute heißt Konstrukte, viel zu wenig Information oder belastbare Fakten, dafür jede Menge Selbstverliebtheit, zu viel Seximus. Als Beispiel, wenn auch schon Jahre her – der Artikel: eine Krankheit namens Mann. Da erreichte der Spiegel im Sexismus das gleiche Niveau wie weiland der Stürmer im Rassismus. Und Beschwerden beim Presserat liefen ins Leere: der Vorsitzende war der Chefred des Spiegels. Nur mal als ein Beispiel, das mir gut in Erinnerung ist. Spiegel – braucht kein Mensch. War lange Zeit für „Intellektuelle“ das, was die Bildzeitung fürs Volk war: ein Fön-Blatt. Und ist heute, soweit ich dass aus Spiegel online sehe, auch nicht viel anders. Nur die Werbung ist jetzt nicht Meinungsmache, sondern Wahrheit. Und da fällt mir der zynische Konstruktivistenspruch wieder ein: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Hier stimmt er.

  9. Darf ich mal lachen? Oder soll ich weinen?

    Ich kritisiere die Ausgabe „Stoppt Putin jetzt!“ doch nicht wegen der Kriegsgefahr.
    Ich kritisiere sie, und daran hat sich nichts geaendert, deswegen, weil BIS HEUTE nicht fest steht (ausser fuer die Spiegelredaktion, die sich diese Daten anscheinend aus den Fingern saugt) wer die Maschine abgeschossen hat.
    Generell wird Putin schnell beschuldigt, ohne Beweise oder Beweisen aus zweifelhaften Quellen.

    Massenproteste in Spanien, weil die Regierung Gesetze erlassen hat, die praktisch jeden Protest verbieten. Beitraege dazu in der deutschen Presse: Fehlanzeige.

    Die seit Jahren groesste Demonstration in Deutschland: Anti-TTIP in Berlin.
    Gluecklicherweise sprengt sich ein Selbstmordattentaeter in der Tuerkei in die Luft, so dass man schnell eine andere Nachrichten bringen kann.

  10. Ich habe mich an dieser Umfrage beteiligt, weil ich zufällig das Heft durchgeblättert habe. Kaufen würde ich mir den Spiegel nicht. Und fast schon selbstverständlich bin ich davon ausgegangen, dass das Ganze nicht wirklich ernst gemeint war.
    Schon diese Darstellung, dass die Vorwürfe an die Presse eher „diffus“ seien.
    Vieles ist so konkret, konkreter geht es überhaupt nicht mehr.

    Was ist denn mit Privatisierungs- , Deregulierungs- und Steuersenkungsfantasien? Das ist doch alles widerlegt. Lernunfähigkeit wohin man sieht.
    Noch immer nicht kapiert, dass der Exportweltmeister nichts anderes als ein Gläubigerweltmeister ist.
    Noch immer nicht kapiert, dass man mit einer Austeritätspolitik keine Probleme löst. Es gibt bekanntlich kein positives Beispiel für eine solche Strategie. Kann man als Journalist nicht herausfinden. Und in Deutschland schon zweimal nicht (Brüningsche Sparpolitik).
    Kritik an den USA ebenfalls Fehlanzeige.
    Was verpflichtet denn eine deutsche Presse jeden Monat diese Lügenzahlen/Arbeitslosenzahlen zu veröffentlichen? Das könnte man aus guten Gründen ganz anders sehen – ich verweise auf Professor Bontrup.

    Und praktisch mit Ansage wurde wieder auf den Armutsbericht reagiert „Der gefährliche Blues vom bitterarmen Deutschland“ (Spiegel Online)
    Wenn man also eine wirkliche Aufarbeitung machen wollte, dann müsste man bei den Pressemachern viele Häuptlinge in den Bereichen Politik/Wirtschaft hinauswerfen.
    Den muss ich vorwerfen, dass sie keine Ahnung haben, wie eine Volkswirtschaft funktioniert. Damit sind sie aber in guter Gesellschaft, wenn ich an Gabriel und Schäuble denke.

    Und dann immer dieses Messen mit zweierlei Maß. Erst gestern wieder in unserer Zeitung (kaufe ich nicht) werden China Dumpingpreise beim Stahl vorgeworfen.
    Dass Deutschland seit sehr vielen Jahren mit niedrigen Löhnen seine Waren verbilligt ist natürlich ein ganz anderes Thema. Und wen interessieren schon die Probleme, die der Binnenmarkt dann hat.
    Nein, mein Geldbeutel bleibt zu, die Münzchen bleiben aus gutem Grund drin.

    Aber vielleicht gibt es eine Problemlösung, von der wir alle noch nichts ahnen. Eine Zwangsabgabe auf Printmedien. Das wäre dann eine typisch deutsche Problemlösung.

  11. Ich hätte mir den ganzen obigen Beitrag schenken können. Ich habe mir heute Nachmittag die Auswertung der Umfrage angeschaut und sehe meine zuvor geäußerte Meinung „nicht wirklich ernst gemeint“ bestätigt.

    Der Punkt 5 „Vertrauen in die Presse“ bringt es aus meiner Sicht an den Tag: Wenn ich die dort abgedruckten Leserbriefe richtig interpretiere dann ist alles in bester Ordnung. Es gibt nur diese Lügenpresse-Spinner und keine ernsthaften Kritiker. Die Presse ist unabhängig.
    Die Vertrauensfrage hat also herausgefunden, dass das Vertrauen in die Presse nach wie vor ungebrochen ist.

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