Auf eigene Faust nach Lesbos: die Geschichte eines Fotografen und seiner Nannen-Nominierung

Fotograf Kai Löffelbein: Seine Reportagefotos aus dem Weserkurier beeindruckten die Nannen-Juroren
Fotograf Kai Löffelbein: Seine Reportagefotos aus dem Weserkurier beeindruckten die Nannen-Juroren

Publishing Dass Fotoreportagen aus Regionalzeitungen für den Nannen-Preis nominiert werden, ist eher selten. Normalerweise landen die großen Magazine auf der Liste. In diesem Jahr taucht in der Kategorie „Foto-Reportage“ als einzige Tageszeitung der Bremer Weser-Kurier (WK) auf - „eine besondere Ehre für uns“, wie Chefredakteur Moritz Döbler findet. Dabei ist es ziemlicher Zufall, dass gerade der WK auf die Nominierungsliste geraten ist.

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Von Eckhard Stengel

Kai Löffelbein – so heißt der Fotograf, dessen Flüchtlingsreportage von der Insel Lesbos die Vorjury so beeindruckt hat, dass sie ihn und sein Werk für den Nannen-Preis 2016 nominiert hat, neben 21 anderen Kandidaten in der Kategorie „Foto-Reportage“. Fast wäre der 34-jährige Freiberufler umsonst nach Lesbos gereist, denn er hatte keinen festen Auftraggeber. Trotzdem blieb er zehn Tage dort, um das Schicksal von Bootsflüchtlingen zu dokumentieren. Erst nachträglich bot er verschiedenen Tageszeitungen seine Bilder an. „Tolle Fotos“, sagten viele Redakteure, wollten sie aber nicht ankaufen. Nur in Bremen hatte Löffelbein Glück – obwohl er bis dahin noch nie für den WK gearbeitet hatte.

Lesbos Fluechtlinge

Der Fotograf aus Hannover freut sich jetzt genauso wie der Chefredakteur in Bremen über die Nominierung seiner vier Bilder. Sie waren nicht als eigenständige Fotoreportage erschienen, sondern nur als Illustration für drei Hintergrundberichte zum Flüchtlingsthema. Immerhin zahlte ihm die Zeitung, wie er sagt, ein besseres Honorar, als sie es sonst tut.

Dass er auf eigene Faust zu Reportagereisen wie auf die Insel Lesbos aufbricht, macht er fast immer so. „Das sind so Herzensgeschichten, wo ich weiß, dass ich sie machen muss“, erzählt er im Gespräch mit MEEDIA. „Ich muss da selbst am Strand stehen und mit den Leuten sprechen.“ Schon lange interessieren ihn Themen, die mit Globalisierung, sozialer Gerechtigkeit, Migration und Umweltzerstörung zu tun haben. Mit seinen Fotos möchte er „Stellung beziehen“, sich auf die Seite jener Leute schlagen, „die am unteren Ende der Verwertungskette stehen“.

Dass er mit Projekten wie der Lesbos-Reise manchmal „ziemlich draufzahlt“, nimmt er in Kauf. Wie andere freie Journalisten arbeitet er mit einer Mischkalkulation aus mehr oder weniger lukrativen Aufträgen. Die Liste seiner Kunden kann sich sehen lassen. Löffelbeins Bilder erscheinen zum Beispiel im Spiegel, im stern, in der Zeit, in Geo. Und obwohl er erst seit wenigen Jahren hauptberuflich fotografiert, kassiert er international einen Preis nach dem anderen. Auf seiner Homepage stehen inzwischen 25 Auszeichnungen, beginnend mit dem Unicef-Foto des Jahres 2011. Der Henri-Nannen-Preis (so hieß damals noch die längere Bezeichnung) war auch schon dabei, 2012. Ob er auch diesmal zu den Ausgezeichneten zählt, wird sich bei der Preisverleihung am 28. April zeigen.

Was ist sein Erfolgsrezept, warum wird er so oft prämiiert? „Ach Gott, das weiß ich nicht“, sagt er spontan. Aber dann fällt ihm doch noch etwas ein: „Dass man dran bleibt, dass man hartnäckig ist.“ Und vielleicht auch, dass „ich ganz viel an meinen eigenen Wunschprojekten arbeite, die mich unglaublich interessieren“. Das scheint die Qualität zu fördern.

Löffelbein zählt zu den wenigen freien Fotografen, die nicht über die schlechter gewordenen Arbeitsbedingungen klagen. Die Branche sei zwar ein Haifischbecken und die Bezahlung nicht besonders gut – „aber für mich ist das auch ein Ansporn für immer neue gute Geschichten“. Eigentlich wollte er gar nicht Fotograf werden, sondern Politikwissenschaftler. Doch das Studium in Berlin war ihm „zu weit von den Menschen entfernt“. Sein Interesse an anderen Kulturen und seine Reiselust passten besser zum Fotojournalismus-Studium an der Fachhochschule Hannover – zumal er auch familiär vorgeprägt war: Schon als Acht- oder Zehnjähriger (genau weiß er das nicht mehr) bekam er seine erste eigene Kamera, „einen einfachen Knipsapparat“.

Heute arbeitet er möglichst mit Festbrennweiten, allein schon deshalb, weil diese Objektive nicht so auffallen und einschüchternd wirken wie schwere Zooms. „Um Menschen nahe zu kommen, brauche ich Stimme und Herz, kein Zoom“, sagte er mal der Süddeutschen Zeitung. Auch nach dem Fotostudium ist Löffelbein in Hannover geblieben, mit Frau und zwei Kindern. „Die unterstützen mich total“ – auch wenn er öfter auf Auslandsreisen geht. Und erst recht, wenn er womöglich mit Preisen zurückkehrt.

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