Vize-Chefin Sabine Rückert zum Zeit-Jubiläum: „Wir Journalisten haben eine Muezzin-Position“

Zeit Vize-Chefin Sabine Rückert: „Ich sehe so eindrucksvoll aus, wie ich schreibe“
Zeit Vize-Chefin Sabine Rückert: "Ich sehe so eindrucksvoll aus, wie ich schreibe"

Publishing Die Zeit feiert ihren 70. Geburtstag mit einer Sonderausgabe. Im Interview mit MEEDIA verrät die stellvertretende Chefredakteurin, Sabine Rückert, ob die Redakteure der Wochenzeitung so imposant aussehen, wie sie schreiben („meistens ja“) und dass die Leser vor allem die Ruhe und die Zuversicht schätzen, mit der die Hamburger versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ein weiterer Grund für den anhaltenden Erfolg sei der geringe interne „Arschlochfaktor“.

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Ist der 70. Geburtstag der Zeit überhaupt ein Grund ein Sonderheft für 4,70 Euro zu machen?
Natürlich. Ich bin seit 25 Jahren bei der Zeit und wir haben schon immer zu runden Geburtstagen oder sogar auch mal bei halbrunden, eine Festausgabe gemacht. Was diese aber von allen anderen unterscheidet, ist, dass wir diesmal keine alten Texte recyceln und auch keine Politiker gebeten haben uns zu gratulieren.

Beides eigentlich der typische Geburtstagsstandard…
…und meistens langweilig. Deshalb besteht die ganze Zeitung aus neugeschriebenen Texten.

Die-Zeit-Text

Die neuen Texte beziehen sich natürlich alle auf die Zeit. Reden Journalisten sonst zu wenig über sich? Ist das vielleicht sogar eine Berufskrankheit?
Wirklich nicht! Vielmehr ist es eine echte Berufskrankheit, dass sie ständig über sich reden. Wir sind ständig am Kämpfen, um die übermäßig vielen Ich-Geschichten aus dem Blatt zu kriegen.

Aber Selbstversuche etc. sind doch total im Trend?
Natürlich. Ich selber lese sie auch gerne. Aber man kann nicht behaupten, dass Journalisten gerne über ihr Ego schweigen. Jede andere Berufsgruppe vielleicht. Aber nicht wir.

Es war diesmal also leicht, das Blatt vollzubekommen?
Oh ja. Unser Ansatz war, dass die Kollegen aufschreiben sollten, was sie bei der Zeit oder für die Zeit erlebt haben. Also immer eine Geschichte hinter einer ihrer gedruckten Geschichten.

Ich frage also noch einmal anders: Unterschätzen wir Journalisten, wie groß das Interesse der Leser am Inneren einer Redaktion ist?
Das ist von Blatt zu Blatt bestimmt verschieden. Wenn wir allerdings einen Tag der offenen Tür machen, ist die Schlange so lang, dass die Leser hier einmal um das ganze Haus herum stehen. Die Zeit ist alt, es gibt sie schon ewig und die Besucher wollen wohl mal sehen, wie die Leute drin ausschauen.

Ob die auch alt sind?
Oder dick oder dünn, groß oder klein. Ob die wirklich so eindrucksvoll aussehen, wie sie schreiben. All diese schrecklichen Dinge wollen die Leser wissen.

Jetzt müssen Sie es auch verraten: Sehen die Leute bei der Zeit so eindrucksvoll aus, wie sie schreiben?
Meistens ja, manchmal sehen sie aber auch eindrucksvoller aus, als sie schreiben. Und manchmal ist es andersherum.

Wer sieht denn eindrucksvoller aus, als er schreibt?
Ha! Das würden Sie gerne wissen.

Ja.
Das sage ich Ihnen aber nicht. Und überhaupt: Das ist von Typ zu Typ verschieden und liegt im Auge des Betrachters. Bei mir ist es jedenfalls so, dass ich so eindrucksvoll aussehe, wie ich schreibe.

Dazu sage ich jetzt gar nichts mehr, sondern frage etwas Unverfängliches: Was sind die Highlights der Geburtstagsausgabe?
Natürlich alles. Wenn ich aber ein paar Stücke nennen muss, würde ich auf den früheren Zeit-Redakteur und heutigen stern-Kollegen Kuno Kruse hinweisen, den wir gebeten haben, sich die Zeit einmal anzusehen. Charlotte Parnack, die Chefin der Hamburg-Seiten, führt ein echtes Streitgespräch mit dem ehemaligen Chefredakteur Theo Sommer und wir haben uns lange mit unserem Eigentümer, Dieter von Holtzbrinck, unterhalten. Moritz von Uslar interviewte die Damen vom Empfang.

Die-Zeit-Alle

Jetzt haben Sie ein ganzes Heft mit Innenansichten gemacht. Was macht die Zeit denn aus?
Für mich ist sie mein Zuhause. Wir sitzen zwar in Straßenschuhen hier, aber bei mir könnten es auch Hausschuhe sein. Für viele Leser ist die Zeit ebenfalls ein Zuhause und für viele Menschen von außen bedeutet sie immer: ein Medium, das versucht, die Ruhe und die Zuversicht nicht zu verlieren, obwohl es gleichzeitig den Dingen auf den Grund gehen will.

Sie treten den Lesern also immer freundlich gegenüber?
Zumindest nicht zynisch. Ich persönlich finde, wir könnten manchmal sogar etwas unfreundlicher sein.

Sind zu viele Medien zu zynisch geworden? Ist das vielleicht sogar ein Grund für die Abwendung vieler Leser und die daraus resultierenden Lügenpressevorwürfe?
Die Lügenpressevorwürfe halte ich deshalb schon für absurd, weil man gegen jeden Artikel diese Behauptung erheben kann. Kein Artikel kann umfassend sein. Es wäre dann ja der immer währende Artikel. Also eine Art Buch Gottes. Ein Artikel muss einen Anfang und ein Ende haben. Damit klammert er aber auch wieder Dinge aus und ist angreifbar. Darauf beruhen oft die Taschenspielertricks, die man gegen die Lügenpresse anwendet. Eine Republik ohne die traditionellen Zeitungen und ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk mag ich mir gar nicht vorstellen.

Andererseits haben wir Journalisten aber immer auch eine Muezzin-Position. Was wir rufen, wird immer noch lauter gehört. Da muss man sich schon anders benehmen. Die alte Rücksichtslosigkeit nach dem Motto „Ich bin die Zeit, ich habe recht“, kann man sich heute nicht mehr leisten. Was in Ordnung ist.

War das früher so?
Ja. Ein wenig.

In der Geburtstagsausgabe schreibt Ulrich Greiner, dass es früher glanzvoller zugegangen sei, das Blatt heute aber besser wäre.
Ich weiß noch, wie das war. Anfang 1992 kam ich als Redakteurin zum Dossier. Da haben wir unendlich lange Artikel geschrieben. Heute schaue ich die an und denke: Oh je, darauf war ich damals stolz? Das ist vor allem getretener Quark: also breit, statt stark. Wir haben damals geschrieben und geschrieben. Aber es stand nicht mehr drin.

Die-Zeit-Cover

Was unterscheidet die Zeit heute von der Zeit, als sie angefangen haben?
Die Zeit heute ist kürzer und kurzweiliger, lebendiger, aktueller. Ein bisschen mehr wie ich. In den ersten Jahren fühlte ich mich fast wie ein Fremdkörper hier.

„Kurzweilig, lebendig, so wie ich“: Das hört sich wie die Beschreibung einer Frauenzeitung an …
Die Zeit ist auch viel weiblicher geworden, von den Themen her und von der Belegschaft. Und das ist gut so. Früher kamen hier praktisch keine Frauen vor. Also bis auf die Gräfin. Das war dann auch ein Teil der Krise der Zeit. Nicht umsonst schreibt Kuno Kruse nun in seinem Text, er habe das Gefühl, dass hier mittlerweile ganze Stockwerke für Frauen reserviert seien.

Heute ist Zeit also weiblicher, lebendiger und erfolgreicher. Was ist das Erfolgsgeheimnis?
Wahrscheinlich ein Wunder.

Stellen sie dabei Ihr Licht etwas unter den Scheffel?
Grundsätzlich glaube ich, dass unser Erfolg auch darauf beruht, dass wir intern einen sehr geringen Arschlochfaktor haben. Wir sind richtig tolle und integere Leute. Das Team ist die wohl beste Erklärung für den Erfolg. Eine gute Zeitung kommt aus dem begeisterten Inneren ihrer Macher. Ich glaube – bei allem heftigen Streit, den es auch bei uns gibt –  nicht an Stress, Drohung oder Druck.

Das hört sich wunderbar romantisch nach „11 Freunde müsst ihr sein“ an. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, dass es bei der Konkurrenz auch immer im Innenleben hakt?
Das sagen Sie. Ich weiß es nicht. Ich war nur sehr früher mal sehr kurz bei einer anderen Zeitung. Im übrigen: bei der Zeit.

Werden wir zum 140. Geburtstag der Zeit noch immer über die Zeit reden oder ist die Zeitung dann Vergangenheit?
Ich weiß nicht, ob es die Zeit noch auf Papier gibt. Die Marke wird es noch geben, wenn die Leute nachwachsen, die sie lesen und wenn die Leute nachwachsen, die sie schreiben. Das hängt von der Entwicklung der Gesellschaft ab.

Können Sie als Redaktion überhaupt etwas dafür tun, dass die Leser nachwachsen? Oder ist das außerhalb Ihrer Möglichkeiten?
Ich glaube wir können nicht viel dafür tun. Wir können bloß eine gute Zeitung machen und hoffen, dass es den Leuten auch in 70 Jahren noch nicht reicht, sich jeden Abend die Frage zu stellen: Was esse ich, wie viel verdiene ich? Jeder intelligente Mensch sollte an den Punkt kommen, an dem er sich mehr Gedanken macht, mehr wissen will, Dinge, die über den Tagesgebrauch hinausgehen. Dann wird die Zeit für ihn da sein.

Werden wir die Zeit in 70 Jahren dann immer noch lesen? Oder sehen wir dann auch von Ihnen überwiegend Bewegtbildschnipsel. De facto treten wir gerade ja gerade in das visuelle Zeitalter ein.
Gedanken kann man nicht filmen. Das Visuelle ersetzt das Wort nicht. Das Wort formuliert Gedanken auf einer Ebene, die das Bild nicht erreichen kann. Eine Reportage, die Sie mit der Kamera machen, ist eindrucksvoll, aber eine vollkommen andere Reportage, als wenn einer mit seinem Kopf, seinem Stift und Papier irgendwo hinfährt. Deswegen ist ein Zeit-Journalist nur dann gut, wenn er das was er sieht, nicht einfach nur beschreibt. Er muss es aufschreiben, so wie er selber es wahrnimmt.

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Alle Kommentare

  1. Leider ein recht flaches Blabla-Interview. Man darf aber auch die Vize-Chefin Rückert ruhig etwas härter anfassen, und es ist ja nicht so, dass es dafür keine Gründe gäbe. Erinnere nur an Rückerts Rolle im Fall Mollath, ein publizistischer Gau, bei dem Frau Rückert – im Verein mit weiteren „Zeit“-Redakteurinnen – ihren eigenen Medizin-Spezis den Rücken freihalten wollte auf Kosten von Mollath.

    Oder was war mit Frau Rückerts Rolle im Kachelmann-Verfahren?

    Soweit mir bekannt, hat Rückert noch niemals ein Wort des Bedauerns in eigener Sache formuliert. Die Dame kennt keine Selbstzweifel. Sie ist die personifizierte Arroganz im Zeit-Verlag.

  2. Ich erinnere mich an die Meldung in der Zeit, dass die „syrischen Flüchtlinge“ selbst im Vergleich zu Deutschland eine höhere Akademikerquote hätten.
    Mehr braucht insoweit zu den „absurden Vorwürfen“ wie Lügenpresse nicht gesagt werden.

    Die Regierung und die sog. Qualitätsmedien trägt ein gemeinsames Merkmal: bestenfalls fahrlässigerweise keine Ahnung, dafür aber umso bornierter daran festhalten!
    Dass der lesender Bürger mittlerweile umfassender und aus vielen Quellen informiert und teilweise informierter ist, da er nicht mehr nur blind DPA Meldungen Glauben schenkt, bedeutet nicht, dass der glücklicherweise recht schnelle und laute Widerspruch gegen Pressemachwerke diese in ihrer Bedeutung hervorhebt. Im Gegentel: mittlerweile ist es schon fast ein tägliches „Sportereigniss“ die Ungenauigkeiten und Unwahrheiten der Medien ans Licht bringen zu können. Da hilft auch nicht das selbstmitleidige Suhlen in der Opferrolle. Schließlich geht es mittlerweile um die Demokratie in diesem Land.
    Und dazu haben die Medien in 2015 nicht viel beigetragen.

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