„Eine Zeitschrift, so blass wie ihr Cover“: MEEDIA-Mitarbeiter über ihren ersten Eindruck von frei!

Gruner + Jahrs jüngstes Print-Projekt hat es nicht geschafft: Am Donnerstag gab der Verlag die Einstellung bekannt
Gruner + Jahrs jüngstes Print-Projekt hat es nicht geschafft: Am Donnerstag gab der Verlag die Einstellung bekannt

Publishing Der Launch von frei! ist für Gruner + Jahr ein neue Erfahrung: Mit dem wöchentlichen Frauenmagazin begibt sich das Zeitschriftenhaus erstmals in das Segment der eher niederpreisigen Massentitel. Nach dem Kalkül der Verlagsstrategen soll das Heft mit "constructive journalism" und einem innovativen Konzept überzeugen. MEEDIA-Mitarbeiter haben frei! geblättert und schildern ihren ersten Eindruck.

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Nora Burgard-Arp: „Mein erster Eindruck ist: blass. Von dem hellrosa-grau-pastelligen Cover lächelt mir Schauspielerin Maria Furtwängler strahlend entgegen und verspricht mir ein Interview über ihr neues ‚Lebensglück‘. Schon jetzt habe ich das Gefühl, das alles schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Meine Befürchtung bestätigt sich nach einem Blick in das Heft: nichtssagende Geschichten über Angela Merkels ‚Kraftquellen‘ oder über ein kleines Mädchen, das sein Kuschelhäschen verloren hat, reihen sich an Fitnesstipps ‚ohne Stress‘. Dazu gibt es – wie in jeder anderen Frauenzeitschrift auch – Storys zu Beauty, Partnerschaft, Wohnen, Mode, Reisen und Food. Inhaltlich bleibt die Zeitschrift so blass wie ihr Cover und so dünn wir ihr Papier. Eigentlich sollte Maria Furtwängler doch ‚offen wie nie‘ über ihr Leben sprechen, das Porträt quillt dann jedoch über vor Phrasen wie ‚Frauen haben doch heute ganz andere Möglichkeiten‘. In die Tiefe geht in der ersten Ausgabe von frei! leider gar nichts; zum locker-leichten Zeitvertreib im Wartezimmer beim Zahnarzt würde ich wahrscheinlich nach ihr greifen – am Kiosk eher nicht.“

Josefina Janiesch: „Würde ich nach einer Zeitschrift suchen, von der ich mich angesprochen fühle, würde ich mich wahrscheinlich nicht für die frei! entscheiden. Optisch leicht zu verwechseln mit der Apotheken-Umschau, springt sie einem nicht unbedingt durch innovatives Design in die Augen. Beim Blättern bleibe ich auf manchen Seiten hängen. Die Interior-Seite oder Styling-Tipps sind ganz interessant und auf der Höhe der Zeit. Allerdings finde ich die gleichen Inhalte auch bei anderen Magazinen und dort dann auch wesentlich ausführlicher. Der Mix aus allem, was man von erfolgreichen Frauenzeitschriften kennt, mag interessant für ältere Damen sein, die sich innerhalb von wenigen Minuten auf den neusten Stand der Trends bringen wollen. Für das jüngere Publikum dann doch eher ein überholtes Format. Es fehlt das Alleinstellungsmerkmal, der eine überzeugende Grund, am Kiosk nach frei! zu greifen. Besonders der Artikel über die süßen kleinen Rehkids hat bei mir die Frage aufgeworfen, was für eine Art von Zeitschrift die frei! wohl sein will. Das ist ein bisschen wie mit einem Restaurant, das alle Nationalitäten auf der Karte hat. Man hinterfragt die Qualität des Angebots.“

Alexander Becker: „Für Gruner + Jahr ist das Heft ein Wagnis und eine Innovation. Der Verlag beschreitet neue Wege. Der Neuling ist der Tina von Bauer doch wohl um Einiges näher als dem stern aus dem eigenen Haus. Obwohl die Titelgeschichte über Maria Furtwängler durchaus auch ein Aufguss der großen stern-Titelstory von vor zwei Wochen sein könnte. Ebenfalls nicht ganz neu ist die Idee ‚die 7 Top-Storys der Woche‘ zu nummerieren. Die Grazia macht dies schon seit Jahren. Wirklich innovativ dagegen ist das Vertriebskonzept. Insgesamt 900.000 Exemplare verteilt der Verlag im Lebensmittelhandel und legt sie regionalen Tageszeitungen bei. So smart das Marketing-Konzept auch ist, könnte es sich durchaus als problematisch erweisen. Denn vor lauter Wohlfühlstorys und Service-Elementen könnte es passieren, dass die potenziellen Neuleserinnen sich die Fragen stellen, warum sie für frei! 1,90 Euro ausgeben sollen. Zumindest nach dem ersten Durchblättern wird das Alleinstellungsmerkmal beim neuen Weekly nicht ersichtlich.“

Marija Golubovic: „Das Magazin will ein modernes Weekly sein. Mich hat frei! beim ersten Eindruck nicht überzeugt, obwohl es eigentlich das liefert, was die Frau von heute verlangt: ein wenig von allem. Mit ihrem für mich nicht klar definierten Konzept geht frei! dabei das Risiko ein, sowohl jede als auch keine Frau anzusprechen. Als Grafikerin und Cross-Media-Studentin meine ich, dass auf den verschieden Seiten der Zeitschrift zu viele Designs aufeinander treffen: während einige der Seiten ähnlich wie die der Bravo aufgebaut sind, sind andere optisch offenbar von der Vogue oder oder dem Spiegel inspiriert worden. Die Kombination wirkt auf mich nicht harmonisch. Man wird regelrecht von den ständig wechselnden optischen Eindrücken überfordert.“

Georg Altrogge: „Ich war auf frei! sehr gespannt. Nach dem ersten Blättern bin ich eher skeptisch, was die Marktchancen des Magazins angeht. More of the same statt einer echten und eigentlich auch fälligen Innovation im Segment der wöchentlichen Frauenzeitschriften. Sauber gearbeitet, aber ohne Seele. Von einem Magazin, dessen Anspruch es ist, seinen Leserinnen näher zu sein und sie ernster zu nehmen als die Konkurrenz, hatte ich mehr erhofft. Da ich definitiv nicht zur Zielgruppe gehöre, kann ich nur orakeln, ob genügend 30- bis 60-jährigen Frauen frei! kaufen werden. Den Publishern der Wettbewerber dürfte die Startnummer indes nicht allzu tiefe Sorgenfalten auf die Stirn treiben: ein Rivale mehr im Regal, aber eben kein Gamechanger. Bleibt frei! unter den Erwartungen, werden die anderen Verlage den Neuling ignorieren. Wird es ein Erfolg, werden sie mit allen Mitteln dagegenhalten, um ihre Marktanteile zu sichern. Das wäre für alle Beteiligten ein teures Unterfangen, und man fragt sich, warum Gruner + Jahr sich dieses Abenteuer auf einem für das Haus so ungewohnten Terrain antut.“

 

Mehr zu Inhalt und Heftkonzept des neuen G+J-Frauenmagazins lesen Sie hier.

 

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Alle Kommentare

  1. Ich habe „frei!“ soeben durchgeschaut. Fazit: Ich als Mann möchte keine Frau kennen, die dieses Blatt zweimal kauft!!

  2. Das Geld, das der Verlag in das neue Projekt frei! steckt, das wie ein x-beliebiges 08/15-Magazin ohne jedes Alleinstellungsmerkmal daherkommt und die bunten Regale weiter verstopft, hätte er z.B. in eine umfangreiche Kampagne für STERN-viva! stecken können, um den Bekanntheitsgrad weiter zu steigern und die Auflage aufzufrischen. Stattdessen stampft man dieses ambitionierte, anspruchsvolle Projekt für eine Riesen-Zielgruppe ein, was wirklich eine Lücke hinterläßt. Ich finde das bedauerlich.

    1. Irgendwie auch trollig, dass Gruner & Jahr seine neue Frauenzeitschrift mit der Frau von Hubert Burda aufmacht – als ob sie in dessen Magazinen nicht schon genügend gehypt wäre …

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