Nach Merkel-PK: Hetzkampagne türkischer Medien gegen Welt-Korrespondent Deniz Yücel

Welt-Reporter Deniz Yücel steht in der Türkei am Medienpranger
Welt-Reporter Deniz Yücel steht in der Türkei am Medienpranger

Publishing Welt-Reporter Deniz Yücel ist nach einer Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem türkischen Ministerpräsident Ahmet Davutoglu selbst zum Objekt der Berichterstattung geworden. Wie das Blatt in eigener Sache berichtet, wird der Türkei-Korrespondent von dortigen Medien attackiert, weil er kritisch nachfragte. Sein Auftreten brachte ihm tags darauf sogar eine Platzierung auf der Titelseite einer Zeitung ein.

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Wie Die Welt berichtet, wollte Yücel von Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem erfahren, wie sie zu Vorwürfen stehe, sie ignoriere heutige Missstände in der Türkei, weil sich dessen Regierung im Gegenzug kooperationsbereit in der Flüchtlingspolitik zeige. Als Beispiel habe Yücel unter anderem die Einschränkungen der Pressefreiheit genannt.

Während sich Merkel zurückgehalten geäußert habe, wehrte Davutoglu Yücels Einwände ab, so Die Welt. Dass man „einem Ministerpräsidenten ins Gesicht blicken und ihn offen beschuldigen kann“, sei doch ein Beweis dafür, dass in der Türkei Pressefreiheit existiere, gibt ihn Zeitung wieder. Yücels Fragen sollten in den folgenden Tagen noch für großen Unmut innerhalb der Regierungspartei AKP sorgen. Ungewöhnlich ist das nicht, wie das Verhalten im Umgang mit der Pressefreiheit in den vergangenen Monaten gezeigt hat. Außergewöhnlich ist das mediale Echo, das Yücel seit vergangenen Dienstag zurückhallt.

Der Welt-Reporter steht seit dem im Shitstorm der regierungsnahen Presse. Wie seine Redaktion zusammenfasst, hätten zahlreiche Zeitungen wie Yeni Safak, Sabah, Yeni Akit und Star „beinahe in wortgleichen Berichten“ von einer provozierenden Absicht Yücels geschrieben, der daraufhin von Premier Davutoglu blamiert worden sei. Die zuletzt genannte räumte Yücel sogar einen Kasten auf der Titelseite frei um ein Foto des Journalisten mit Cemil Bayik, dem Chef der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, zu zeigen. Yücel traf Bayik vergangenen Sommer für ein Interview, weshalb Star ihn als „PPK-Anwalt“ bezeichnet.

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Ähnlich verhält sich die Online-Ausgabe der Tageszeitung Sabah. Sie zeigt Yücel gleich mehrfach und behauptet dazu, er habe den PKK-Chef mit Lobreden überzogen. Wie Die Welt berichtet, setzten die Medien die Kampagne gegen Yücel auch noch am Mittwoch fort. Yücel selbst, der den Text eigenen Angaben zufolge nicht selbst verfasst hat, wollte sich gegenüber MEEDIA nicht weiter zu den Vorfällen äußern.

Yücel ist nicht der einzige ausländische Journalist, der in der Türkei Gegenwind erfährt. Immer wieder kommt es zu Festsetzungen oder Verhaftungen. So wurden im September vergangenen Jahres zwei Journalisten des US-Magazins Vice festgenommen, nachdem aus der Region um Diyarbakir berichtet hatten, wo es zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und kurdischen Kämpfern gekommen war. Etwa ein Jahr zuvor wurden in derselben Region drei deutsche Reporter in Gewahrsam genommen. Damals hatte Erdogan den Medien vorgeworfen, den Frieden in der Türkei zu gefährden. Im Mai vergangenen Jahres zog der Spiegel Online seinen Korrespondenten Hasnain Kazim zwischenzeitlich aus der Türkei ab, weil er Morddrohungen von Anhängern des türkischen Präsidenten Erdogan erhielt.

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Noch rücksichtsloser geht die Regierung gegen einheimische Journalisten vor. Kurz vor dem EU-Gipfel im November vergangenen Jahres, an dem auch die Türkei teilnahm, wurden der Chefredakteur sowie der Hauptstadtkorrespondent der regierungskritischen Zeitung Cumhuriyet verhaftet. Die Journalisten werden noch immer festgehalten.

Nach der Liste der Pressefreiheit 2015, die Reporter ohne Grenzen erstellt, befindet sich die Türkei auf Platz 149, zwischen Mexico und der Republik Kongo.

ms

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Alle Kommentare

  1. Die Weltkarte der Reporter ohne Grenzen ist wohl etwas optimistisch was Deutschland betrifft. Wenn man informiert werden will, so ist es schon sehr hilfreich, aus Deutschland auszuweichen, englische oder US Blätter zu studieren auch mal asiatische und RT. Da hat man nicht den Eindruck, dass Deutschland so große Pressefreiheit hat, aber vielleicht heißt das in Deutschland auch vorauseilender Gehorsam oder political correctness und wird daher nicht unter Zensur geführt. Auch sind die Arte Nachrichten oder ZiB in 3sat deutlich der Tagesschau oder dem heute journal vorzuziehen.

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