Gruner + Jahr und die Freien: Warum der Baumwall nah am Shitstorm gebaut ist

Wechsel an der Spitze der Rechtsabteilung: Medienhaus Gruner + Jahr
Wechsel an der Spitze der Rechtsabteilung: Medienhaus Gruner + Jahr

Publishing Mit der angestrebten Neuregelung der Arbeitsverhältnisse für freie Mitarbeiter sorgt Gruner + Jahr derzeit für Wirbel. Unterstützt vom Berufsverband der Freischreiber und dem DJV haben sich mehr als 200 Freie zusammengetan. Deren Forderungen an die Geschäftsführung werden medienwirksam gestreut. Doch in der zunehmend hitzig geführten Debatte scheinen manchem die Maßstäbe verloren zu gehen.

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Auf die Gefahr hin, dass ich mich und MEEDIA unbeliebt mache, hier mal ein kritischer Einwurf zur derzeit heiß laufenden Diskussion um Gruner + Jahr und seine „Freien“: Ich verstehe die ganze Aufregung nicht ganz. Unterm Strich geht es doch um die Frage, wie Scheinselbstständigkeit verhindert oder gegebenenfalls beseitigt werden kann. Dieses Thema ist zwar relativ neu, aber gewiss keines, das nur oder vor allem den Verlag am Baumwall betrifft. Im Gegenteil. Alle großen Medienhäuser sind derzeit mehr oder weniger diskret damit beschäftigt, Rechtsrisiken in dieser Frage zumindest künftig zu vermeiden. Die Ermittlungen von Behörden in einem westdeutschen Verlag sind branchenbekannt, die deutlichen Signale aus der Politik ebenso. Medienmanager, die sich in dieser Situation nicht um Klarheit in Sachen Vertragsgestaltung bemühen, handeln mindestens fahrlässig.

Es muss also etwas passieren, und das gilt für G+J genauso wie für jedes andere Medienhaus, das hunderte oder tausende Mitarbeiter beschäftigt. Der Unterschied: Was andernorts weitgehend „unter der Decke“ bleibt, wird beim Hamburger Zeitschriftenhaus öffentlich ausgetragen. Dafür sorgen schon die lokalen Verbände und Gewerkschaften, die sich an Gruner + Jahr offenbar besonders gern und leidenschaftlich abarbeiten. Der Baumwall mit seinem Premium-Portfolio und -Anspruch scheint, frei nach Jean-Remy von Matt, besonders nah am Shitstorm gebaut, wenn es um Konflikte zwischen Belegschaft und Management geht. Bei Springer oder auch bei Burda wären am Image kratzende öffentliche Debatten wie die um die G+J-Freien undenkbar, obwohl auch diese Häuser in einem tiefgreifenden Strukturwandel stecken. Solche Prozesse erzeugen stets Reibung und Verunsicherung, die aber bei G+J schneller und lauter öffentlich wird als in jedem anderen Medienhaus. Die dezentrale Struktur und eine betont offene Diskussionskultur werden da zum Bumerang.

Was derzeit und in den nächsten Monaten bei Gruner + Jahr geschieht, ist im Prinzip schon deshalb unausweichlich, weil die Rahmenbedingungen von außen vorgegeben werden. Der Streit dreht sich um das Wie der Neugestaltung. Der Verlag hat dazu vielleicht zu lange geschwiegen und dann eine Antwort gegeben, die eben keinen Masterplan vorsieht, sondern „individuelle Lösungen“. Man kann davon ausgehen, dass eine Patentlösung für alle Betroffenen vielen lieber wäre – den Gewerkschaften und Berufsverbänden sowieso, die wie immer in solchen Fällen neben den Interessen der Mitarbeiter auch ihre eigene Agenda vorantreiben. Das Problem: die Sache mit den Freien ist für eine Schwarz-Weiß-Logik denkbar ungeeignet, es gibt nicht den einen Königsweg, der für alle zum Ziel führt.

Die in letzter Zeit öffentlich gewordenen Schreiben erwecken zuweilen den Eindruck, dass Freie am Baumwall generell Mitarbeiter zweiter Klasse seien, denen von einem profitversessenen Management die Festanstellung über Jahre versagt wurde. Es mag solche Fälle geben, aber zu unterstellen, dass dies für alle oder auch nur die überwiegende Mehrheit gilt, ist abwegig. Tatsächlich gab und gibt es gerade am Baumwall frei arbeitende Journalisten, Fotografen oder Grafiker, die sich bewusst für dieses Geschäftsmodell entschieden haben, und nicht wenige leben gut damit und davon. Bei vielen Magazinen sind Freie hochbegehrte und zum Teil auch hoch bezahlte Leistungsträger. Nicht fest angestellt zu sein, ist nicht automatisch ein Makel oder die Vorstufe von Hartz IV. Und nicht immer ist die Verpflichtung eines freien Mitarbeiters auch die kostengünstigere Variante.

Wenn es nun rechtlich immer komplexer wird, Freiberufler zu beschäftigen, ist der dauerhafte Arbeitsvertrag eine logische Option. Dabei wäre es sicherlich wünschenswert, wenn Neueinstellungen zu Tarifbedingungen, mit Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie weiteren freiwilligen Zahlungen und Vergünstigungen erfolgen würden – so wie es jetzt in der Freien-Debatte vor allem von Verbänden und Gewerkschaften gefordert wird. Man fragt sich allerdings, in welcher Welt diejenigen leben, die den Anspruch auf solche Verträge wie ein Grundrecht einfordern: Ist dort noch nicht angekommen, wie die Medien heute um das kämpfen müssen, was jahrzehntelang selbstverständlich war? Haben sie sich mit der branchenweiten Entwicklung der Werbemärkte und Heftverkäufe beschäftigt? Die Verlage können längst nicht mehr aus den Vollen schöpfen, die Renditen der goldenen Printjahre sind Geschichte. Was für Mediendienste beinahe täglich Thema ist, wird von manchen offenbar immer noch verdrängt.

Die Kunst des Verlagsmanagement besteht heute im Vergleich zu früher darin, aus weniger mehr zu machen. Und auch wenn man Gruner + Jahr vorwerfen kann, seit Beginn der Digital-Ära vieles falsch gemacht zu haben, so ist doch seit Anfang 2015 ein klarer Aufwärtstrend erkennbar. Der Verlag hat eine ganze Reihe neuer Titel an die Kioske gebracht, mit Barbara und (ab dieser Woche) mit frei! sogar Magazine für ein Massenpublikum. Dafür braucht es Mut und vor allem gute Journalisten. Der Markt ist also da und entwickelt sich gerade am Baumwall gar nicht so schlecht. Es gibt also Lichtblicke und den offensichtlichen Willen der Geschäftsführung, freie Arbeitsverhältnisse zu Dutzenden in Festanstellungen umzuwandeln. Es sieht also genau genommen nicht so dramatisch aus, wie man angesichts der lautstark geführten Debatte denken könnte. Und, ja, es gehört dazu, dass um die Konditionen gerungen werden muss. Selbstverständlich. Aber auch hier lautet die Frage, wie dies geschieht – es ist nicht allein, aber auch eine Sache des Stils.

Dass sich die G+J-Freien, angeblich mehr als 220, zusammenschließen und gemeinsam Transparenz sowie Informationen einfordern, ist sinnvoll – schließlich haben sie gemeinsame Interessen. Dass dies in ein von sehr vielen Betroffenen unterzeichnetes Schreiben an die Geschäftsführung mündet, ist ebenso angemessen wie verständlich. Dass darin aber gefordert wird, „die von der Neugestaltung der Beschäftigungsverhältnisse Betroffenen gleichberechtigt in diesen Prozess einzubeziehen“, erscheint seltsam weltfern. Freie Journalisten sind wie Selbstständige anderer Branchen auch, Dienstleister, die eine zuvor vereinbarte Leistung gegen Honorar erbringen. Man fragt sich, mit welcher Begründung sich daraus ein Anspruch auf Gleichberechtigung mit dem Auftraggeber ableiten lassen soll, wenn es um eine feste Einbindung in dessen Unternehmen geht.

Mit ihren inzwischen auch öffentlich gestreuten fünf Forderungen an G+J-Chefin Julia Jäkel (interessante Adressangabe: „im Hause“) haben sich die Freien gestern klar positioniert und zudem den Ton verschärft. Von drohenden „Zwei-Klassen-Redaktionen“ ist die Rede. Und: Die Freien machen deutlich, dass sie eine Gesamtlösung verlangen und werfen der Geschäftsführung vor, „jahrelang“ bewusst eine „Grauzone“ in Beschäftigungsverhältnissen mit festen Freien hingenommen zu haben. Das macht sich nicht gut in der Öffentlichkeit, die schwelende Debatte kratzt am Image des Zeitschriftenhauses. Das Management ist bemüht, das Thema Festanstellung und Umgang mit den freien Mitarbeitern auf die Arbeitsebene, sprich in die einzelnen Redaktionen zu verlagern. Doch genau das lehnt die Allianz der Freien im Schulterschluss mit Gewerkschaft und dem Berufsverband Freischreiber ab. Der Konflikt ist da und bleibt eine ganze Weile. Denn einen Zeitrahmen für die Einigung will und kann das Medienhaus nicht nennen.

Derweil sind eine ganze Reihe von Festanstellungen schon „in Arbeit“. Doch das versendet sich angesichts der verhärteten Fronten in der allgemeinen Diskussion. Dass die Verträge, die dabei den Freien angeboten werden, sogar nach Einschätzung des Konzernbetriebsrats deutlich bessere Konditionen enthalten als bei anderen Verlagen, geht ebenfalls beinahe unter. Angestellten würden faire Gehälter wie auch Weihnachts- und Urlaubsgelder gezahlt, darüber hinaus gäbe es 30 Urlaubstage pro Jahr und Gewinnbeteiligungen, hatte Personalchef Stefan Waschatz bereits vergangene Woche bei einer Informationsveranstaltung versichert. Das passt nicht wirklich zum Vorwurf aufziehender „Zwei-Klassen-Redaktionen“, und doch steht der Vorwurf im Raum. Es ist wie so oft bei Neustrukturierungen in der Medienwelt: Alle betrifft es, alle tun es – aber bei Gruner + Jahr redet man besonders laut darüber.

Anmerkung: Der Autor war seit Ende der 80er Jahre in mehreren Großverlagen tätig, u.a. auch bei der G+J-Tochter Corporate Editors.

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Alle Kommentare

  1. Gilt für G&J nicht die Regel „Pactas sunt servandam“? Der Verlag ist Mitglied im Zeitschriften-Verlegerverband. Also gelten dessen Tarifverträge für Redakteure für die konkrete Gehaltshöhe und der Manteltarifvertrag für die Rahmenbedingungen. Dort wurden u.a. auch wöchentliche Arbeitszeit, Urlaubsanspüche, Weihnachts- und Urlaubsgeld usw. vertraglich ausgehandelt zwischen Arbeitgeber und -nehmern.
    Und muss sich der Verlag nicht ans Arbeitsrecht halten? – Wer in die Redaktionsabläufe regelmässig eingebunden ist, wer weisungsgebunden redaktionell arbeitet, der hat das Recht auf einen regulären oder befristeten Redakteursvertrag, ggf. in Teilzeit. Alles klare Maßstäbe, bewährte Vorgehensweisen, Entscheidungsgrundlagen. Wo also ist das Problem?

    1. Lieber Karl Kraut,
      es ist in der Tat so: G+J handelt augenscheinlich nach der Regel „Pactas sunt servandam“. Und nicht nach jener des Vetragsrechts, die korrekt „Pacta sunt servanda“ heißt. Was meint: Es hört sich so ähnlich an wie eine gute Regel, es ist aber keine.
      Sie fragen, wo das Problem ist, wenn alle nach Tarif bezahlt werden. Nun, eines der Probleme heißt G+J Medien GmbH und ist eine 100-prozentige Tochter des Verlages. Nur leider nicht tarifgebunden. Und in dieser Tochter sollen viele Layouter, Schlussredakteure, Dokumentare, die z.T. seit vielen Jahren fest für G+J arbeiten, künftig beschäftigt sein. Die Verträge sehen in der Tat Gehälter und Arbeitsbedingungen vor, die den Tarifen entsprechen. Es sind trotzdem keine Tarifbedingungen. Künftige Tariferhöhungen z.B. kann diese GmbH dann zahlen, muss sie aber nicht. Und so haben wir dann am Ende die kuriose Situation, dass in derselben Redaktion, im selben Büro zwei Kollegen (oder -ginnen) sitzen, die dieselbe Arbeit machen, aber der/die eine als Redakteur/in nach Tarifvertrag, der/die andere als simple Angestellte einer hausinternen Arbeitnehmerüberlassungsgesellschaft. Mit diesem – dar ich sagen: – Trick schafft sich Gruner + Jahr seine Billigheimer selbst. Nicht sofort, gewiss nicht, aber mittelfristig. Da liegt das Problem, oder besser: eines von vielen.
      Leider zeugt Ihr Kommentar auch sonst nicht von besonderer Denktiefe. Wie zum Beispiel sollte ein freier Grafiker, eine Autorin, eine Schlussredakteurin nicht „in die Redaktionsabläufe … eingebunden“ und „weisungsgebunden redaktionell“ arbeiten können? Jeder Abgabetermin ist eine Weisung, jeder Redaktionsschluss sowieso. Und das „Recht auf einen … befristeten Redakteursvertrag, ggf. in Teilzeit“ bedeutet für viele Freiberufler, denen so etwas vorgesetzt wird, eben absehbar die Existenzvernichtung.
      Glauben Sie nicht? Nun, wer zum Beispiel bisher in zwei Verlagshäusern seit vielen Jahren kontinuierlich beschäftigt war und darauf seine Existenz gegründet hat, bekommt jetzt von einem Haus ein befristetet Teilzeitangebot. Von dem anderen nicht. Und nun? Keine sonderlich lustige Perspektive, sage ich Ihnen.

  2. So weit, so gut – es sei denn, man gehört zu der Mehrheit der bisherigen G+J-Freien, die bald ohne Job dastehen werden. Nahles sei Dank. Die Zahl der Arbeitslosen wird steigen; statt Steuern zu zahlen, werden die Ex-G+Jler bald Stütze beantragen.

    1. Achso, dass die Freien bislang in der KSK krankenversichert sind und damit – ebenso wie der Arbeitgeber – kräftig Geld bei den Sozialversicherungen sparen, soll also munter so weiter gehen? Es wird höchste Zeit, dass das endet. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen.

      1. Die KSK wurde geschaffen, um Künstler und auch freie Journalisten, die in der großen Mehrheit wenig bis „nix“ verdienen (3 Prozent der Künstler können von ihrer Kunst leben), sozial abzufedern. Darin liegt auch ein Bekenntnis zu einer Gesellschaft, die sich Kunst und eine lebensfähige, unabhängige Presse leisten WILL. Ihre Häme (aus abgesicherter Position?) ist unangebracht. Laut KSK liegt das Gros der Journalisten bei einem Jahreseinkommen von ca. 14.000 Euro.

  3. Henry, wissen Sie überhaupt, was die Kunstlersozialkasse ist? Ich zahle genauso viel Sozialabgaben wie es ein Angestellter tut. Wo spareich denn dabei?

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