„Wir haben nichts verändert“: Paul Ronzheimer über die Grenzen der Krisen-Berichterstattung

Paul Ronzheimer berichtet für Bild aus Krisenregionen. Hier zu sehen während einer Recherche im Nordirak
Paul Ronzheimer berichtet für Bild aus Krisenregionen. Hier zu sehen während einer Recherche im Nordirak

Publishing Griechenland, Ukraine, Syrien: Seit Jahren ist Paul Ronzheimer in Krisengebieten unterwegs. Auf der Flüchtlingsroute von Syrien nach Europa stößt der Bild-Reporter an emotionale Grenzen – wie vergangenen Samstag. "Wir haben nichts verändert", so seine selbstkritische Bilanz bei Facebook. Wenn er die Angst in den Augen vieler Kinder sehe, fühle er sich machtlos: "Dann schäme ich mich für Europa."

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Ein Feld, irgendwo im „Nirgendwo“ der griechischen Insel Lesbos: Ein länglicher Erdhaufen reiht sich hier an den nächsten, weiße, davor in den Boden gestopfte, Steinplatten lassen erahnen, um was es sich bei diesem Acker handelt. Bis vor kurzem standen hier noch Bäume wie diese, die noch am Rand der Erdbodenfläche zu sehen sind. Jetzt ist es ein Friedhof, ein Leichenfeld unter dem viele Menschen begraben sind, deren Identität nicht festgestellt werden konnte. Auf Lesbos gibt es mehrere solcher Felder. Für viele Flüchtlinge aus den Krisengebieten in Syrien ist die griechische Insel die erste EU-Anlaufstelle auf einem Weg in ein besseres Leben. Wer es hier her geschafft hat, hat eine gefährliche Fahrt auf dem Schlauchboot hinter sich. Gerade erst sind wieder 35 Menschen auf der Reise über das Mittelmeer ums Leben gekommen.

Bild-Reporter Paul Ronzheimer und sein Kollege Robert King, die aktuell die griechische Küstenwache rund um Lesbos bei ihrer Arbeit begleiten, waren auf diesem Feld und haben das unten stehende Foto geschossen. Es war einer dieser Momente, in denen Ronzheimer nachdenklich wird – ganz öffentlich. „Wenn ich das hier sehe, dann zweifel ich an unserer Arbeit“, schrieb der Bild-Chefreporter am Wochenende bei Facebook. „Wir haben nichts verändert. Das Sterben geht weiter. Weniger schauen hin. Und der Hass kennt keine Grenzen.“

Facebook möchte in diesem Augenblick, dass ich einen Ort hinzufüge für das Foto, „monkey espresso bar Lesvos“ und „…

Posted by Paul Ronzheimer on Saturday, February 6, 2016

Gegenüber MEEDIA hat Ronzheimer einige Fragen zu seinem Posting und seiner Arbeit als Krisenreporter beantwortet:

Sie haben in dem öffentlichen Posting Zweifel an der Arbeit von Journalisten zum Ausdruck gebracht: Können Sie das näher erläutern?
Meine Kollegen und ich waren auf einem neuen Friedhof auf Lesbos, auf dem ausschließlich Flüchtlinge begraben werden. Der Friedhofswärter hat uns von seinem vergangenen Jahr berichtet, von den Kindern, die er hier fast wöchentlich bestattet. Viele von ihnen haben nur eine Nummer auf dem Grabstein, keinen Namen, weil man sie nicht identifizeren kann.

Am Abend sind bei mir angesichts der Friedhofsbilder die Ereignisse der letzten Monate hoch gekommen. Ich habe an die Kinder gedacht, mit denen mein Kollege Robert King und ich im Oktober im Flüchtlingsboot saßen, die Schreie, und dass diese Kinder jetzt auch hier auf dem Friedhof liegen könnten. Aber auch an den Vater von Aylan, den Andreas Thelen und ich im Nordirak getroffen haben. Aylans Vater sagte damals: „So etwas darf nie wieder passieren.“

Aber es passiert wieder und wieder.

Deshalb habe ich laut darüber nachgedacht, warum die Berichterstattung von mir und so vielen anderen nichts an diesem Zustand ändert. Warum Europa nicht einmal in der Lage ist, Flüchtlinge in der Ägais vor dem Tod zu bewahren.

Persönliche Zweifel sind wichtig und ich finde, dass man damit ruhig offen umgehen kann. Aber es ist kein grundsätzlicher Zweifel am Journalismus. Wenn wir nicht berichten, dann haben die Flüchtlinge gar keine Stimme mehr. Das ist also keine Alternative. Vielleicht müssen wir einfach noch lauter sein.

Wie definieren Sie den Job als Krisen- und Kriegsreporter für sich selbst? Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?
Gerade die Flüchtlingskrise zeigt besonders deutlich, dass alles mit allem zusammen hängt. Wir müssen den Krieg zeigen, wir müssen zeigen, warum Menschen überhaupt nach Deutschland kommen. Als Claas Weinmann und ich jüngst für unsere erste 360 Grad-Reportage im Nordirak waren, haben wir genau diese Zerstörung gezeigt und die Gefahr, die dort von ISIS weiterhin ausgeht, nur wenige Kilometer entfernt. Es war für Zuschauer erlebbar und fördert so das Verständnis.

Ich sehe mich als Reporter, der berichten will, was ist. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich hoffe persönlich, dass diese Berichterstattungen bei Menschen etwas auslöst, in diesem Falle vielleicht mehr Verständnis für Kriegsflüchtlinge.

Was glauben Sie, wieso gelingt es Medien speziell in der Flüchtlingskrise, nicht „etwas zu verändern“?
Medien bilden ab, was passiert. Das kann aufrütteln und so zu Veränderungen führen. Aber tatsächlich etwas verändern kann nur die Politik. Ich glaube, dass Regierungen weltweit insbesondere beim Syrien-Konflikt so versagt haben, dass jetzt alles sehr schwierig geworden ist. Dazu kommt, dass viele Menschen lange Jahre von Syrien nichts mehr wissen wollten, egal ob berichtet wurde oder nicht.

Fühlen Sie sich machtlos?
Wenn man die vielen Kinder sieht, die in den Booten sitzen, die Angst in ihren Augen, dann schäme ich mich für Europa. Und natürlich fühle ich mich dann auch machtlos, weil ich weiß, dass es so weitergehen wird, Schlepper weiter Milliarden verdienen und Menschen auf Schlauchboote jagen.

Welche Methoden haben Sie für sich entwickelt, Abstand vom Erlebten zu gewinnen?
Ich fahre dann nach Bad Gastein in Österreich. Und gehe mit meinem Lieblingshund, einem Dalmatiner, in den Bergen spazieren.

 

Offenlegung der Redaktion: Die Fragen hat Paul Ronzheimer via E-Mail beantwortet.

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Alle Kommentare

  1. Diese Krisenreporter sind völlig sinnlos, solange sie nur schlechtes Gewissen erzeugen und damit letztlich die Geschäftsinteressen der Spieler im Hintergrund unterstützen (von Rüstungs- bis Asylindustrie). Es fehlen aber die entscheidenden investigativen Journalisten, die diese Spiele der Spekulanten und ihre Drähte zur Politik in die Öffentlichkeit bringen, was mindestens so gefährlich ist, wie sich in Kriegsgebieten aufzuhalten. Da aber diese Spekulanten auch die meisten Medien finanziell beherrschen wird dies wohl nicht so passieren. Damit werden aber die Medien weiter an Glaubwürdigkeit nur verlieren. Denn gestern als IS Unterstützer entlarvt und heute als unabdingbarer Partner gefeiert und finanziert zu werden, das geht nicht. Kriegsreporter erzeugen aber diese Emotionen, jetzt helfen zu müssen, damit das Denken auszuschalten und in Wirklichkeit alles nur noch schlimmer zu machen.

    1. „Da aber diese Spekulanten auch die meisten Medien finanziell beherrschen…“
      Und dass Menschen ohne jeglichen Beweis immer wieder so einen Schwachsinn behaupten und in sozialen Netzwerken verbreiten, macht die Suche nach der Wahrheit leider auch nicht einfacher.

  2. Lieber Paul, es ist sicher schwierig aber gib nicht auf. Syrien ist so wie Deutschland im 30jährigen Krieg. 1618 lebten hier noch 21 Mio Menschen; 1648 waren gerade knapp 13 Mio übriggeblieben.
    Die Deutschen konnten damals nicht fliehen, die Syrer können es noch.
    Wir dürfen nicht aufgeben, auch wenn die Seehofers immer weiter zunehmen.
    Bernd

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