Mascolo über Fehlerkultur im Journalismus: „Echte Fehlleistungen räumt kaum jemand ein“

Georg Mascolo
Georg Mascolo

Die Glaubwürdigkeit des Journalismus hat gelitten. Davon ist der ehemalige Chefredakteur des Spiegel und Leiter des Rechercheverbunds NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung, Georg Mascolo, überzeugt. In einem Gastbeitrag für MEEDIA prangert er die mangelhafte Fehlerkultur im deutschen Journalismus an und nennt Amerika als Vorbild.

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Von Georg Mascolo

Der Fall Germanwings

Beginnen wir mit einer Geschichte, die tatsächlich eine Tragödie ist. Sie beginnt am 24. März diesen Jahres (gemeint ist 2015, Anm.d.Red.), nicht weit von hier, in Düsseldorf. Ein 27 jähriger Co-Pilot von Germanwings ist an diesem Tag für den Flug Düsseldorf-Barcelona-Düsseldorf eingeteilt. Es ist ein Tag, der mit einer Katastrophe endet, mit dem Tod von 150 Menschen und der Trauer ihrer Familien.

Es ist eine Geschichte, die sie alle kennen. Richtiger muss man sagen: Die sie zu kennen glauben. Denn vieles von dem was sie gelesen, im Radio gehört oder im Fernsehen gesehen haben, war falsch.

Kein Arzt hatte bei Andreas Lubitz eine bipolare Störung diagnostiziert. Er litt nicht unter Liebeskummer, seine Lebensgefährtin war auch nicht schwanger. Grosse Schlagzeilen machte die Geschichte seiner angeblichen Freundin, der er angekündigt haben soll, eines Tages werde man noch von ihm hören. „Eines Tages werde ich etwas tun, was das gesamte System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“

Von der Freundin jedenfalls hat man nie wieder gehört.

Grosse Verbreitung fanden auch Meldungen, nach denen Lubitz unter dem Pseudonym „Skydevil“ im Netz surfte. Oder dass man in seiner Wohnung Artikel und Bücher über Flugzeugabstürze fand.

Oder der Ort des Absturzes: Nur 40 Kilometer von jenem französischen Ort entfernt, in dem Lubitz mit seiner Eltern Ferien machte und sein Segelflugverein trainierte.

Der Segelflugverein war da. Aber Lubitz nicht. Seine Familie hat dort nie Ferien gemacht. Lubitz Familie war übrigens auch später nicht am Absturzort, wie immer wieder gemeldet wurde. Der Benutzername „Skydevil“ existierte offenbar nicht. Und bei Andreas L. wurde auch nicht jede Menge Literatur über Flugzeugabstürze gefunden, wie es hieß. Sondern ein Artikel über das Überleben eines Buschpiloten in Kanada.

Woher weiss ich das jetzt alles? Woher wissen Sie, dass was ich Ihnen hier über damals falsche Meldungen erzähle, nicht ebenfalls wieder falsch ist?

Sie müssen sich was die Germanwings-Katastrophe angeht jetzt nicht auf den Journalisten Mascolo verlassen. All dies sind Erkenntnisse der Sonderkommission der NRW-Polizei und der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, die die Ereignisse sorgsam untersucht haben.

Wenn wir über Glaubwürdigkeit von Journalismus sprechen, dann geht es zu aller erst darum, ob unser Publikum uns vertrauen kann. Vertrauen ist die entscheidende Währung für den Journalisten. Es gibt nur eine einzige Form der schriftlichen Äusserung deren Genauigkeit man nicht in Frage stellen kann: Das ist die Fiktion. Im Journalismus müssen die Fakten, die Tatsachen zutreffend sein. Darauf baut unser Publikum. Darauf will es sich verlassen können. Ohne Glaubwürdigkeit sind wir ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Liest sich schön – schaut man gern an: Aber wer weiss, ob es stimmt.

Wie mit Fehlern umgehen

Mir wird es um genau diese Fehler gehen. Bei aller Akribie: Wir werden immer welche machen. Aber schauen wir, warum wir sie machen und wie sich vermeiden lassen. Und vor allem: Wie wir mit ihnen umgehen sollten. Ich bin davon überzeugt, dass wir dies tun müssen. Aus Verpflichtung gegenüber unserem Publikum. Zur Verteidigung unserer Glaubwürdigkeit. Und aus Liebe und Respekt gegenüber unserem Beruf.

Ein Wort zur Glaubwürdigkeit: Sie hat gelitten, man muss blind sein, um es nicht zu sehen. Der Ansehens- und Vertrauensverlust findet seit Jahren statt, wir Journalisten rangieren in Umfragen noch knapp vor den Politikern. Für einen Teil unseres Publikums wird aus Verdrossenheit inzwischen Verachtung. Ebenso wahr ist, dass vieles von dem, was es heute an Kritik gibt ist überzogen und ungerecht, der Ausdruck der Lügenpresse ist eine Unverschämtheit und dass Kolleginnen und Kollegen die über den Ukraine-Konflikt berichten von regelrechten Bedrohungen erzählen, ist beschämend. Es wird viel Ungerechtes und Ungezogenes behauptet. Das macht die Diskussion so schwer. Ich glaube aber auch daran, dass unser Publikum ein gutes Gespür dafür hat, welche Redaktion um die bestmögliche Berichterstattung ringt. Sie wollen uns vertrauen. Aber sie sind kritischer geworden. Sie wollen überzeugt werden, dass wir ihr Vertrauen verdienen.

Zurück zu Germanwings: Nun wissen wir, was alles Falsch war. Fehler zu korrigieren ist zumindest für Zeitungen und Zeitschriften eine Pflicht – und dass seit Jahrzehnten: Es steht in den Publizistischen Grundsätzen des Deutschen Presserates, in Ziffer 3:

„Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessner Weise richtig zu stellen.“

Ich habe nicht viel gelesen.

Unsere Kritiker haben also einen guten Punkt. Es ist unser wunder Punkt. Wir legen zu oft uns an selbst andere Mässtäbe an, als an diejenigen, über die wir berichten. Oder wie der Presserechts-Anwalt Christian Schertz sagte: Chefredakteure sind ähnlich uneinsichtig wie Chefärzte.

Chefarzt war ich nie, Chefredakteur allerdings einige Zeit. Für die Inkonsequenz von Journalisten mit Fehlern umzugehen, bin ich Experte. Weil ich alle Fehler mindestens schon einmal selbst gemacht habe. Einer von ihnen geschah hier in Bonn, im Jahr 1993. Ich schrieb mit einem Kollegen eine Geschichte über den SPD-Vorsitzenden Björn Engholm, es ging darum, dass sich der Verfassungsschutz angeblich jahrelang für ihn interessiert habe. Der Sprecher des Verfassungsschutzes nannte es „das Unseriöseste, was ich je gelesen habe.“

Wenn alles falsch gewesen wäre, wäre kaum der Staatssekretär im Bundes-Innenministerium nach Erscheinen zurückgetreten. Das gab es nicht so häufig in den Kohl-Jahren. Aber genauso wahr ist, dass vieles in der Geschichte überzogen – oder schlicht faktisch falsch war. Das wurde nach Erscheinen der Geschichte klar. Habe ich beim Spiegel darauf gedrängt, dass die Fehler korrigiert werden, wie es die Pflicht des Blattes – und meine eigene gewesen wäre? Das habe ich nicht. Ich habe nur gehofft, dass es nicht herauskommt. Ich war gerade erst von Spiegel-TV zum Spiegel gewechselt. Ich hatte Angst. Das ist lange her. Aber für diese, meine Inkonsequenz, gibt es dennoch keine Entschuldigung.

Echte Fehlleistungen räumt kaum jemand ein.

Als Chefredakteur habe ich eine Korrektur-Spalte für Fehler eingeführt, so wie sie viele Blätter heute haben. Aber sie sind bis heute nicht gut genug, meist finden sich da nur Korrekturen von falsch geschriebenen Namen oder Daten. Echte Fehlleistungen räumt kaum jemand ein.

Schön wäre es, wenn ich sagen könnte, dass dies nur daran liegt, dass es keine gibt. Aber habe ich nicht gelesen, dass die Staatsanwaltschaft München – so gut wie sicher – einen Deal für Hoeness anstrebt? Bewährung statt Knast. Dass der BND bei der Jagd auf Osama Bin Laden eine entscheidende Rolle spielte? Dass ein amerikanischer Geheimdienstbericht nahelegt, dass Verfassungsschützer bei einem der NSU-Morde ganz in der Nähe waren? Im Juli 2015 berichteten Online-Dienste über eine angebliche Kriegsdrohung Nordkoreas gegen die USA – wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen beim Programm Microsoft Windows 10. Der Bildblog ging der Sache nach und fand keinerlei Bestätigung – zudem hatte kein einziges US-Medium berichtet. Warum also hat diese Meldung überhaupt erst Verbreitung finden können?

Nachdem der Bildblog darüber berichtete, verschwanden die Meldungen aus dem Netz. Wäre das auch passiert, wenn es die Meldungen über die offensichtliche Falschmeldung nicht gegeben hätte? Ich fürchte, wir sind nicht ausreichend ehrlich mit uns und schlimmer noch, nicht mit unserem Publikum. Über unser störrisches Verhalten gibt es sogar wissenschaftliche Untersuchungen. Journalisten haben zu viel Angst davor, von Presseräten oder Medien-Journalisten an den Pranger gestellt zu werden. Und weil alle Medienverantwortlichen wüssten, was sie Politikern, Wirtschaftsführern und Prominenten antun, wenn sie diese medial skandalisieren, möchten sie auf keinen Fall selbst zum Opfer werden. Zweite Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Die freiwillige Fehlerkorrektur scheitere zu oft am Gefangenendilemma. Kein Journalist lasse sich gern öffentlich vorführen, schon gar nicht, wenn sich andere Journalisten um die Korrektur ihrer Fehler drücken.

Heute ist alles ewig

Selbst wenn es man es weiter wollte: Die Zeit, in der man sich vor seinen Fehlern drücken kann, ist ohnehin vorbei. Sätze wie „Nichts ist älter als die Zeitung von gestern“ oder „das versendet sich“ sind falsch. Sie sind auch gefährlich. Heute ist alles ewig, selbst wenn es aus der Mediathek herausgenommen wird. Wo Journalisten sich nicht untereinander kritisieren übernehmen Blogs diese Rolle. Der kluge Medienwissenschafter Bernhard Pörksen hat dazu das Wesentliche gesagt: Neben die vierte Gewalt ist eine fünfte getreten, die der vernetzten Vielen, die uns beobachten und kritisieren. Das ist gut. Noch besser wäre es, wenn dies durchgängig in einem angemessenen Ton und ohne Hang zu Verschwörungstheorien geschehen würde. Die Debatte die im Netz eingefordert wird, wird leider durch den Ton oft erschwert – oder sogar unmöglich.

Amerika ist uns übrigens was die sogenannte „Media Accountability“ angeht weit voraus. Die Korrektur-Spalte der New York Times zu lesen ist an vielen Tagen ein Genuss. Lange Einträge wie genau sich nun Präsident Obamas Einstellung zu gleichgeschlechtlichen Ehen entwickelt hat. Wie es sich mit kostenlosem Bier und Wein bei Flügen von United Airlines tatsächlich verhält. Ist ein Zusammenhang falsch oder unvollständig, wird nachgetragen und korrigiert. Im amerikanischen Rolling-Stone machte eine Geschichte über eine erfundene Campus-Vergewaltigung Schlagzeilen. Die Chefredaktion ließ das Versagen der eigenen Redaktion durch die angesehene Columbia School of Journalism geradezu wissenschaftlich aufarbeiten. In vielen amerikanischen Redaktionen arbeiten Ombudsleute. Einige habe ich kennengelernt. Glänzende Journalisten, die Fehlern in der eigenen Redaktion mit der gleichen Härte nachspüren, die die Journalisten sonst gegenüber Politikern oder Wirtschaftsbossen zeigen. Das Motto der Ombudsleute lautet: „Wir machen Journalisten für ihr Handeln verantwortlich, ganz so wie es Journalisten mit allen anderen tun.“

Die New York Times führte ihren ersten Ombudsmann 2003 ein – nach einem publizistischen Debakel. Ihr Reporter Jayson Blair hatte Plagiate verfasst und Informationen erfunden. Fast zwanzig Jahre vorher druckte der Stern die Hitler-Tagebücher.

Eigentlich hätte die Idee der Ombudsleute aus Deutschland kommen können.

In vielen amerikanischen Redaktionen herrscht heute diese Haltung: Wir korrigieren unsere Fehler, nicht weil wir befürchten erwischt zu werden. Wir tun es aus Respekt vor unserem Publikum. Und aus Liebe zu unserem Beruf.

Dieser Gastbeitrag von Georg Mascolo ist der leicht bearbeitete Text einer Rede, die er am 15. September 2015 an der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik hielt. Thema war „Der Journalismus in der Glaubwürdigkeitskrise“. Georg Mascolo ist Leiter des Rechercheverbunds NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung. Von 2008 bis 2013 war er Chefredakteur des Spiegel. 

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Alle Kommentare

  1. Ist es niemand augefallen? Die größte Lachnummer in Mascolos Rede ist der Satz: „All dies sind Erkenntnisse der Sonderkommission der NRW-Polizei und der Staatsanwaltschaft Düsseldorf, die die Ereignisse sorgsam untersucht haben.“ Und dies offenbart nicht erst seit den Ereignissen in Köln eine hanebüchene Naivität. Vielleicht sollte Mascolo mal die vielen, vielen Gerichtsreporter befragen, die er sicher kennt. Vielleicht sollte er sich mal in eine Vorlesung zu Justizirrtümern setzen. Dann würde er vielleicht erfahren, wie schlampig Polizei und Staatsanwaltschaften manchmal ermitteln, wie voreingenommen, wie falsch. Vielleicht sollte er auch einmal die Studie zum Versagen der Medien in der Berichterstattung über den NSU aufschlagen. Auch damals haben die meisten Journalisten einfach geglaubt, was in ihnen Verfassungsschutz und Polizei die ganze Zeit erzählt haben. Sie haben
    n i c h t gründlich recherchiert, schon gar nicht investigativ. Sie haben sich darauf verlassen. Nichts gelernt?

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