Wertvollster Konzern der Welt: Warum die Wall Street Alphabet liebt – und Apple abstraft

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Es ist passiert: Google-Mutter Alphabet hat Apple an der Börse überholt

Apple-Aktionäre müssen in diesen Tagen tapfer sein: Seit Monaten geht es an der Wall Street in einer regelrechten Schussfahrt immer tiefer nach unten. Nun ging auch noch der Börsenthron verloren: Ausgerechnet der Erzrivale Alphabet stieg nach Vorlage seiner starken Quartalszahlen zum wertvollsten Konzern der Welt auf. Apple-Fans hadern mit der Zeitenwende – doch die Wall Street hat entschieden.

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Eine Ära ist zu Ende: Viereinhalb lange Jahre, seit dem 26.8.2011, thronte Apple – mit der Ausnahme von wenigen Wochen im Krisenjahr 2013, als Exxon Mobil noch einmal gleichzog – auf dem Börsengipfel.

Vorbei.

Apple, daran wird man sich erst gewöhnen müssen, ist nicht länger der wertvollste Konzern der Welt – der iPhone-Bauer ist nun nur noch Nummer zwei an der Wall Street. In Cupertino ist man künftig wieder in die Rolle des Herausforderers gerutscht. Der neue Rivale ist dabei ein alter Bekannter, keine 10 Kilometer weit entfernt in Mountain View – der neue Platzhirsch der Börsenwelt heißt Alphabet.

Ausgerechnet Google-Mutter Alphabet überholt Apple

Langjährige Apple-Fans, die die Rivalität zwischen dem Techveteranen und dem Internet-Pionier in den letzten Jahren von Steve Jobs verfolgt haben, dürften schwer an der neuen Hackordnung im Valley zu kauen haben.

Ausgerechnet Google, dem Jobs einst den „thermonuklearen Krieg“ erklärt hatte, hat Apple nun hinter sich gelassen. Es ist die maximale Demütigung, die Steve Jobs wohl um den Verstand gebracht hätte, wie Fortune-Techreporter Philip Elmer-Dewitt herausarbeitet:

Entsprechend sarkastisch, zuweilen auch verblüfft kommentierten Anleger, Fondsmanager und bekennende Fanboys die Zeitenwende an der Börse in zahlreichen Tweets:

Zweifellos: Fundamental ist nach der Lesart schwer nachzuvollziehen, weshalb die Wall Street Alphabet mit einer höheren Marktkapitalisierung bewertet als Apple, obwohl der Techpionier aus Cupertino so viel mehr erlöst und verdient. 

Apple erlöste und verdiente 2015 dreimal mehr als Alphabet

Apple setzte im Fiskaljahr 2015 233 Milliarden Dollar um, Alphabet nur 74,5 Milliarden. Tatsächlich erlöste der iKonzern allein im Weihnachtsquartal mit 74,8 Milliarden Dollar sogar mehr als Alphabet im ganzen Geschäftsjahr.  

Bei der Gewinnentwicklung sieht es ähnlich aus: 19 MilliardenDollar verdiente Alphabet im Gesamtjahr 2015, Apple mit 18,4 Milliarden im Weihnachtsquartal fast genauso viel in lediglich drei Monaten. Ist die Börse nun komplett verrückt geworden?

Tatsächlich folgt die Bewertung an der Wall Street anderen Kriterien als der schlichten Addition von Gewinn und Umsatz – das Börsenranking ist keine Bundesligatabelle. Folgende drei Kriterien sind die Hauptgründe für die Zeitenwende an der Wall Street:

1. Wachstum 

Die eine und einzige Regel der Wall Street lautet: Ist das Wachstum vorbei, ist es ganz vorbei. Alles, aber auch alles, was Börsianer interessiert, die eine Frage, ob und wie viel ein Unternehmen wachsen kann. Im Weihnachtsquartal hat Apple noch einmal Mini-Wachstum präsentieren können: 2 Prozent beim Umsatz, 0,4 Prozent beim Gewinn.

Doch dass es Abschiedszahlen auf dem Gipfel waren, räumte Konzernchef Cook in der anschließenden Telefonkonferenz selbst zwischen den Zeilen ein: Im laufenden März-Quartal brechen Apples Umsätze nämlich um erdrutschartige 5 bis 8 Milliarden Dollar weg, die Gewinne dürften entsprechend zweistellig erodieren. Nach Einbrüchen in diesen Dimensionen ist klar, dass Apples gesamtes Fiskaljahr 2016 nicht mehr zu retten ist: Auch auf Jahressicht dürfte Apple schrumpfen.

Rückkehr von Apples Wachstum höchst fraglich

Ob das Wachstum 2017 dann mit dem iPhone 7 wiederkommt, wird von den ersten Banken ebenfalls bezweifelt. Es ist das Albtraum-Szenario: Wenn die große Generation des ultimativen Blockbuster-Produkts nicht zur Rückkehr zum Wachstum verhilft, was dann? Das iPhone 7s 2018? Oder doch erst das iPhone 8 2019? Und vielleicht gar erst das iCar, wenn es denn jemals losbrettert, in der nächsten Dekade? Es sind Szenarien mit zu vielen Konjunktiven. Mit drastischen Bewertungsabschlägen ist die Wall Street längst dabei, ein anderes Szenario einzupreisen: Dass Apples Wachstum zu Ende ist – und nicht wiederkommt.

Alphabet dagegen befindet sich in der absoluten Gegenwelt. Der Internet-Gigant kann den heiligen Gral der Wall Street präsentieren – accelerated revenue growth, beschleunigtes Umsatzwachstum.

In anderen Worten: Alphabets Geschäftsdynamik beschleunigt sich nach mehr als 17 Jahren sogar nochmals – das Beste liegt vermeintlich noch vor Alphabet. Entsprechend reißt sich die Wall Street um die Alphabet-Aktie.

2. Zukunftsperspektiven 

Der Kauf einer Aktie ist eine Investmententscheidung, die fast ausschließlich damit zu tun hat, wie Anleger die Zukunft eines Unternehmens beurteilen. Exemplarisch wie selten haben sie im Vergleich zwischen dem fast 40 Jahre alten Hardware-Hersteller und der nur 17 Jahre alten Software-Schmiede entschieden: Apple stellt die Vergangenheit dar, Google gehört in Form von Alphabet eine rosige Zukunft.

Keine Innovationen mehr seit Steve Jobs‘ Tod

Das gilt nicht nur in Form der nächsten Fiskaljahre, die für Apple problematisch werden dürften, sondern generell in der Fähigkeit zur Innovation. Seit dem Tod von Steve Jobs ist Apple nicht mehr als bahnbrechender Innovator aufgefallen – der Erfolg wird in Form von evolutionären Anpassungen der Kassenschlager verwaltet; mal schrumpfte das iPad um ein paar Zoll, dann wuchs es wieder – wie das iPhone. Der Nachweis, dass Apple auch unter Tim Cook ein brandneues Produkt einführen konnte,  ist mit der Apple Watch zudem bislang nicht ansatzweise gelungen.

Die Wall Street traut den fast 15 Jahre jüngeren Google-Gründern unterdessen eindeutig mehr zu, mit ihren unzähligen Moonshots in absehbarer Zeit wieder einen Volltreffer zu landen. Google Glass gefloppt? Egal, weiter an Moonshots entwickeln! Das ist die Botschaft, die die Wall Street sendet, die überhaupt kein Problem damit hat, dass Alphabet mit seinen „Anderen Wetten“ – dem Projekt Loon (Internet-Ballons in der Stratosphäre), Home-Anbieter Nest, der Glasfaser-Unit Google Fibre und der Robotics-Sparte  Replicant –  im Jahr 3,6 Milliarden Dollar verbrennt.

Die Wall Street belohnt Alphabets Mut zum Risiko

Wenn nur ein einziger Moonshot in den nächsten 20 Jahren aufgeht, der eine ähnliche Wirkung entfalten könnte wie das Suchgeschäft, verzeiht die Wall Street auch einen Wetteinsatz von 200 Milliarden Dollar, weil sich Page und Brin damit das Wachstum  der nächsten Jahrzehnte kaufen können.

Apple hingegen hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zur Me-too-Company entwickelt, die in schickerem Design nachahmt, was Google, Samsung, Microsoft längst auf den Markt gebracht haben.

Phablets? Yup, wir müssen nachziehen, „weil wir nicht haben, was unsere Kunden wollen.“ Große 13-Zoll-Tablets wie das Surface? 3 Jahre später wurde das iPad Pro unter maximalem Getöse und Trashtalk ins Rennen geschickt.

Vielleicht doch Virtual Reality und das (selbstfahrende) Elektroauto wie der Rest des Silicon Valley? Einfach mal ein paar Hundertschaften an Mitarbeitern in Geheimunits zusammenscharen und die Info an Wall Street Journal & Co durchsickern lassen. Den großen eigenen Weg wie beim iMac, iPod und iPhone – man versucht ihn vergeblich beim Apple anno 2016.

3. Narrative

Wenn man Larry Page und Sergey Brin neben der margenstärksten Gelddruckmaschine in der Internet-Geschichte in Form der Google-Suche eines zubilligen muss, dann ihre Fähigkeit, die Google-Story weiterzuerzählen.

Ein Löwenanteil der Wachablösung an der Börse geht auf die narrative Stärke zurück, wie die US-Presse die Fähigkeiten in der Unternehmenskommunikation so gerne als Narrative bezeichnet: Page und Brin können der Presse und damit der Börse ihre große Vision von ihrem Unternehmen in den kommenden Jahrzehnten glaubhaft erklären.

Verpflichtung von Topbankerin Porat macht sich bei Alphabet bezahlt

Einen zusätzlichen Schliff erhielt die Google-Story dann nochmals im vergangenen Jahr mit der Verpflichtung der Topbankerin Ruth Porat von Morgan Stanley als neue Finanzchefin. Die Botschaft an die Wall Street war klar: Wir sind bereit, nach Euren Regeln zu spielen.

Porats Verdienst kann nicht hoch genug geschätzt werden: Unter der neuen Finanzchefin firmierte Google zur Holding Alphabet um und verkündete Aktienrückkäufe. Die Belohnung: Eine Steigerung des Unternehmenswertes um fast 300 Milliarden Dollar seit Porats Amtsantritt.

Apple fährt fast zeitgleich im Fahrstuhl nach unten. Der dramatische Börsenabsturz von mehr als 250 Milliarden Dollar liegt nicht nur an der sich eintrübenden Geschäftsentwicklung, sondern auch an der verblassenden Erfolgsstory.

Tim Cook ist kein guter Storyteller

Tatsächlich ist Tim Cook alles andere als ein begnadeter Storyteller. Dabei schont sich  der Apple-Chef nicht: Er geht den harten Weg,  taucht auf jeder noch so abseitigen Konferenz auf und steckt den großen Leitmedien zu jedem Produktlaunch immer wieder zitierfähige Bonmots  – er verdient sich Fleißpunkte, aber er punktet nicht bei Analysten und Anlegern.

Die Wall Street war schon vor dem Apple Watch Launch Cooks ewiger Ankündigungen müde. Noch einmal konnte sich der wenig eloquente Apple-Chef 2014 im Sog des iPhone 6-Booms von der Branchenpresse und Wall Street feiern lassen, aber es war bereits seinerzeit ein künstliches, letztes Hoch im Upgradezyklus, das Apples eigentliches Problem überdeckte – dass nach dem iPhone 6 einfach kein bahnbrechendes Produkt mehr kommen würde.

Steve Jobs‘ Kommunikationsfähigkeiten werden schmerzlich vermisst

Mehr als augenscheinlich ist nun anno 2016, dass die Glanzzeit hinter Apple liegt. An dieser Stelle wäre nun Aufbruchstimmung gefragt, wie sie ein jüngerer CEO mit einer Story verbreiten kann wie es Page / Brin bei Alphabet und Mark Zuckerberg bei Facebook, vor allem aber Steve Jobs vermochten.

„I handle the front covers, you handle the back covers“, lautete die Maxime vom Apple-Gründer: „Ihr haltet den Laden am Laufen, ich kümmere mich um den Verkauf“, schwor Jobs seine Leute ein. Apples großes Problem 2016: Cook kann nicht verkaufen.

Tatsächlich ist Tim Cook so etwas wie der Anti-Steve Jobs. War die Wall Street bereit, für Jobs bis zur offenkundigen Rückkehr seiner Krebserkrankung einen Premium-Aufschlag zu bewilligen, so fordert die Wall Street für Cooks Management einen immer höheren Discount. Wie Apple-Blogger Neil Cybart es formulierte: Apple wird von der Börse inzwischen bewertet wie eine Stahlminen-Aktie kurz vor der Pleite.

Es wird schwer für Apple und Cook, sich aus dieser Negativitätsspirale erneut zu befreien. 2013 gelang es dank der Aussicht auf neue, große iPhones, dem Vertragsabschluss mit China Mobile und dem Einstieg von Carl Icahn.

2016 jedoch ist das Wachstum hinüber, das Pulver eines neuen Produkts mit der Apple Watch verschossen, neue Joker nicht in Sicht, während das Management müde und einsilbig wirkt wie eine Regierung in ihrer letzten Legislaturperiode. Im benachbarten Mountain View herrscht dagegen  Aufbruchstimmung wie nach einer frisch gewonnenen Wahl.

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Alle Kommentare

  1. Na ja, selbst wenn Google jetzt – nach Ansicht der Börsianer – die Nummer 1 ist, was bedeutet das schon? Google kämpft seit Jahren darum, nicht mehr nur von den Werbeeinnahmen leben zu müssen. Bislang mit sehr wenig Erfolg! Oder besser: Mit einer Pleite nach der anderen. Google kann Werbung verkaufen und zieht dabei alle Register. Sie schröpfen alles an Daten ab, was sie bekommen können. Wenn die Börsianer so einfach gestrickt sind und dieses Geschäftsmodell in den Himmel loben, dann sind sie noch dümmer, als ich bislang dachte. Apple baut vielleicht – da kann man durchaus unterschiedlicher Meinung sein – derzeit keine Highlight-Produkte: Korrekt, Aber sie haben wenigstens welche! Google hat nix außer ein paar teuren Ideen, Software und Werbeeinnahmen. Wenn die Nutzer – z.B. in Deutschland – auf eine sicherere Suchmaschine (z.B. Startpage/ ixquick/ Metager/ etc.) umsteigen würden, wäre es schnell vorbei mit dem ersten Platz. Aber das müssen die Google-Manager wohl kaum befürchten. Das würde ja bedeuten, die Google-Nutzer würden anfangen, ihre persönlichen Daten auch als Ware zu betrachten; so wie Google, Facebook und Co das Tag für Tag tun. Nee, so schlau sind die nicht. Also Google: Keine Angst! Du kannst deine User weiterhin aushorchen und schröpfen und bleibst dadurch die Nummer 1 (zumindest bei den ach so klugen Börsianern)

  2. Dass die Welt an der Gier und Beklopptheit der „Börsianer“ zugrunde gehen könnte ist nicht lustig und bestärkt mich darin jede erdenkliche Steuer zu fördern, die dieses Gedindel enteignen könnte.

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