Kidnapping im Krisengebiet: Wie sich Medien zu Komplizen der „Entführungsindustrie“ machen

ROG-Geschäftsführer Christian Mihr empfiehlt die Zusammenarbeit mit Behörden
ROG-Geschäftsführer Christian Mihr empfiehlt die Zusammenarbeit mit Behörden

Publishing Berufsrisiko Krisengebiete: Insgesamt blieben Ende 2015 mehr als 50 Journalisten nach Entführungen vermisst. Vor allem in Staaten wie Syrien, Libyen oder dem Irak leben und reisen Reporter gefährlich. Geiselnahmen – auch von Zivilisten – stellen nicht nur Diplomaten und Unterhändler vor schwierige Fragen, sondern auch Redaktionen. Wie sollen Medien mit Informationen über Kidnapping umgehen?

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Die generelle Frage erhält durch einen aktuellen Fall Brisanz: Ein Medium hatte über einen Entführungsfall berichtet, obwohl mit der Sache befasste Behörden dringend vor einer Berichterstattung gewarnt hatten. Nur ganz wenige andere Medien verbreiteten die Meldung weiter. Die übergroße Mehrheit der Berichterstatter hielt sich an den Rat der Krisenexperten. Und das aus gutem Grund. Denn allein im Laufe des Jahres 2015 sind acht Journalisten verschwunden und haben den Kreis der vermissten Berufskollegen auf 54 (Stand Ende Dezember) erhöht. „Über ihr Schicksal liegen keine verlässlichen Informationen vor“, teilte die Organisation Reporter ohne Grenzen in ihrer Jahresbilanz der Pressefreiheit 2015 mit. Sie alle sind Opfer von Entführungen geworden, hinter denen meistens terroristische Gruppen stehen. „Die erschreckend hohe Zahl von Entführungen zeigt, dass bewaffnete Gruppen gerade in den arabischen Krisenstaaten vor nichts zurückschrecken, um Kritik und unabhängige Informationen zu unterdrücken“, sagte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske vergangenen Dezember.

Entführungen stellen die Heimatstaaten der Opfer vor schwierige Fragen – denn oft wird Lösegeld gefordert. Sind Verhandlungen mit Terroristen in Ordnung, ist die Zahlung einer hohen Geldsumme an Kriminelle oder Kriegsverbrecher legitim, wenn es um ein Menschenleben geht? Finanziert das Lösegeld nicht die nächste Entführung oder gar Schlimmeres? Ein Dilemma, vor dem auch Journalisten stehen, wenn sie von Geiselnahmen erfahren.

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Im Dienste des öffentlichen Interesses liegt eine Berichterstattung nah. Doch gerade dadurch können Journalisten bisherige Verhandlungen ungewollt torpedieren, zudem erhöht mediale Öffentlichkeit den Preis, den Terroristen für die Freilassung verlangen. „Im Fall von Entführungen ist immer auch ein öffentliches Interesse vorhanden, dem die Berichterstattung durch ihr Selbstverständnis nachkommen muss – allerdings oft erst, nachdem die Situation geklärt ist und die Geiseln in Sicherheit sind“, erklärt Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. In politisch instabilen Regionen oder Ländern, die gerade zerfallen, führe Öffentlichkeit oft zu kontraproduktiven Situationen. Oft gebe es keine etablierten Strukturen und Kommunikationswege, was die Lage für Verhandlungen ohnehin kompliziert gestalte, so Mihr.

Vor der Entscheidung, solche Prozesse zu erschweren oder sich herauszuhalten, stehen Redakteure immer wieder. Das Investigativ-Team der Welt machte 2014 in seinem Blog transparent, mit welchen Fragen es sich bei einer Entführungsstory beschäftigt hatte. Die Journalisten erfuhren damals von Daniel Burg, einem Zivilisten, der in die Hände von IS-Terroristen gefallen und über mehrere Monate entführt worden war. „Aus unserer Sicht besteht berechtigtes öffentliches Interesse daran, zu erfahren, wenn ein Deutscher von jenen Dschihadisten verschleppt wurde, die gerade große Teile Syriens und des Iraks überrannt haben. Und auch die Tatsache, dass die Bundesregierung genau mit diesen Terroristen Verhandlungen aufnahm – und möglicherweise Lösegeld gezahlt hat – halten wir für berichtenswert“, schrieb die Welt damals. Die Redaktion entschied, ihre Informationen zu veröffentlichen. Burg, dessen Name von der Redaktion abgeändert worden war, war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder in Deutschland und damit in Sicherheit. Das Handeln der Welt scheint durchdacht und sensibel gewesen zu sein. Dass es auch anders geht, ließ sich vergangene Woche beobachten, als ein Nachrichtenmagazin von einer laufenden Entführung in Syrien berichtete und mehr als die Identität des Opfers bekannt gab. Ein aus Sicht von Experten und Krisenstäben gefährlicher Tabubruch.

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„Man muss deutlich unterscheiden, wer hinter Entführungen steht. Während – wie wir in jüngster Vergangenheit in der Türkei immer wieder erlebt haben – Regime Journalisten eher festsetzen und das mit politischen Forderungen oder Machtdemonstration verbinden, geht es bei Entführungen ausländischer Journalisten von Terroristen eher ums Geld. Die Entführungsindustrie, von der man fast sprechen könnte, ist wichtiger Bestandteil der Finanzierung von terroristischen Vereinigungen. Auf anderer Ebene geht es aber auch dort um Einschüchterung“, erklärt Mihr. Die Medien stünden immer vor der Aufgabe, das öffentliche Interesse gegen die Persönlichkeitsrechte der Opfer wie auch Gefahren abzuwiegen.

Nach Ansicht von Medienrechtsexperten handelt es sich bei Journalisten in der Regel nicht um Personen des öffentlichen Lebens, weshalb auch das öffentliche Interesse an ihnen gering sein dürfte. Eine namentliche Erwähnung ist damit nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen gerechtfertigt. Gibt es zusätzlich noch den Hinweis von Behörden auf eine besondere Gefahr, sei doppelte Vorsicht geboten, so die Überzeugung der Medienjuristen. Schließlich würde das, was in deutschen Medien berichtet werde, auch von Täterkreisen verfolgt. Das durch voreilige Berichte erzeugte öffentliche Interesse wirkt sich in aller Regel negativ auf die Verhandlungen mit Geiselnehmern aus.

„Wir können nur daran appellieren, dass in Redaktionen solche Entscheidungen nicht voreilig getroffen werden“, so ROG-Chef Mihr. Medien sollten in solchen Fällen Kontakt zu Experten von Reportervereinigungen und Behörden suchen, um die entsprechende Lage zu evaluieren. Oft intervenieren Behörden und weisen auf nicht abzuschätzende Folgen hin. „Ohne Diskussion sollte ein Menschenleben immer oberstes Interesse sein“, so Mihr.

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