Ulrich Wickert: Begriff „Lügenpresse“ möglicherweise vom Russen-Geheimdienst lanciert

„Mr. Tagesthemen“ Ulrich Wickert an der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf
"Mr. Tagesthemen" Ulrich Wickert an der Heinrich Heine Universität in Düsseldorf Foto: dpa

Der Vertrauensverlust in deutsche Medien muss nach Ansicht von Ulrich Wickert nicht nur an ihnen selbst liegen. "Die deutsche Presse wird gezielt diskreditiert", meint der ehemalige "Tagesthemen"-Moderator in einem Interview mit wiwo.de. Laut Wickert ist sogar denkbar, dass der Begriff der "Lügenpresse" vom russischen Geheimdienst lanciert worden sei.

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Von Maximilian Nowroth, wiwo.de 

Herr Wickert, sind Journalisten noch die Vierte Gewalt im Staat?
Dieser Anspruch war immer schon falsch. Es gibt keine demokratische Legitimierung der Presse. Stattdessen sind Medien in größten Teilen ein Teil der Wirtschaft.

Wie meinen Sie das? Die Pressefreiheit steht im Grundgesetz.
Medien sind geprägt durch wirtschaftliche Interessen. Verlage müssen sich überlegen: Wie verkaufe ich mein Blatt? Wie viel Gewinn mache ich? Das ist in meinen Augen schon eine Beschränkung der Vierten Gewalt.

Welchen Anspruch haben Sie an Journalisten?
Sie sollen aufklären, jedoch nicht im Sinne der Polizei, sondern eher nach der Definition von Aufklärung des Philosophen Immanuel Kant: Wissen vermitteln, damit sich Leser kraft ihres Verstandes eine Meinung bilden können. Wichtig ist, dass Fakten von Meinungen klar getrennt werden.

Das lernt man bereits in der Journalistenschule.
Ja, aber es ist aktueller denn je. Unsere Aufgabe ist, Dinge klar zu benennen, ohne zu überlegen: Schade ich damit irgendwem, oder liefere ich bestimmten Gruppen Argumente?

Geben Sie uns dafür bitte ein Beispiel.
Verstehen Sie mich nicht falsch, die deutsche Presse hat sich seit der Silvesternacht hervorragend bewährt. Durch die Recherche der Medien hat die Bevölkerung alles erfahren. Aber ich beobachte ein falsches Verständnis von Toleranz und Demokratie, weil manche Dinge tabuisiert wurden. Es gibt Momente, in denen man benennen muss, dass es algerische oder marokkanische oder tunesische Jugendliche gibt, die ein gewisses Verhalten in Deutschland an den Tag legen, das wir nicht dulden.

Im Pressekodex aber steht: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“
Das Wichtige ist, dass unsere Presse Bescheid weiß, was passiert – und das auch sagt. Denn das ist eines der ganz großen Probleme in der Gesellschaft: Wenn wir Dinge nicht benennen, können wir uns damit auch nicht auseinandersetzen. Das Interessante ist, dass seit dem Silvesterabend in Köln zum ersten Mal über Probleme mit Menschen aus Nordafrika diskutiert wird, weil es ein Massenphänomen war. Aber dann stellt sich plötzlich raus, dass es sowas schon länger bei uns gibt! Vorher wurde das tabuisiert.

Es gab unzählige Talkshows zu Problemen mit kriminellen Ausländern und sogenannten „No-go-Areas“ in deutschen Großstädten.
Ja, aber in Bezug auf die Berichterstattung über Köln war es so, dass zu erst einmal die Polizei und dann auch einige Journalisten gesagt haben: Wir wollen den Rechtsradikalen kein Material liefern und lassen die Herkunft der Täter lieber weg.

Tabuisieren die Medien heutzutage mehr als früher?
Nein, es wurde immer schon tabuisiert. Das ist ein Phänomen von Gesellschaften und entsteht aus der kollektiven Identität. Ähnliche Fälle haben wir ja gerade aus Schweden oder England mitbekommen. Wir Deutschen tabuisieren, weil wir in unserem Kopf das Dritte Reich, die Konzentrationslager und die Vernichtung der Juden haben. Deswegen sagen wir: Wir müssen uns besonders human zeigen. Dann halten es manche für human, wenn sie gewisse Dinge nicht aussprechen.

In Deutschland ist es soweit gekommen, dass manche Gruppen von „Lügenpresse“ sprechen. Woher kommt dieses Misstrauen?
Die deutsche Presse wird gezielt diskreditiert, das kommt nicht nur aus unserer Gesellschaft, sondern auch von außen. Wir erleben aktuell, dass der russische Staat Propaganda gegen deutsche Journalisten macht, um ihr Vertrauen zu erschüttern. Ich persönlich halte es nicht für ausgeschlossen, dass der russische Geheimdienst den Begriff „Lügenpresse“ in Deutschland verbreitet hat.

Das ist mir neu, war es doch die Pegida-Bewegung, die dieses Wort gebraucht hat.
Ja, aber wie kam die Idee dort auf? Fakt ist, dass der russische Staat ausländerfeindliche Bewegungen in Europa unterstützt, zum Beispiel den Front National in Frankreich. Der hat zugegeben, mehrere Millionen Euro aus Moskau erhalten zu haben. Und wenn ich jetzt KGB-Chef wäre, was würde ich in Deutschland tun? Die Presse diskreditieren, indem ich ein Wort wie „Lügenpresse“ lanciere. Wir sehen, dass sogar der russische Außenminister die falsche Geschichte eines angeblich vergewaltigten deutsch-russischen Mädchens benutzt, um zu behaupten, dass die deutschen Medien Dinge verschweigen. Das finde ich schon enorm. Und wenn Russlanddeutsche in Berlin dann gegen unsere Medien demonstrieren, ist der russischen Propaganda schon viel gelungen.

Das klingt für mich nach einer Verschwörungstheorie. Haben Sie Belege dafür, dass der russische Geheimdienst Pegida unterstützt?
Nein. Keineswegs. Ich sage nicht, dass es so ist. Aber wir müssen darüber nachdenken! Und wenn wir uns anschauen, wie sich die russischen Medien mit deutscher Berichterstattung auseinandersetzen, müssen wir sagen: Hier gibt es Versuche der russischen Propaganda, Dinge in Deutschland zu bewegen. Es gibt dazu ja noch eine Reihe weiterer Vorfälle, die belegen, wie die russische Propaganda vorgeht, sei es die falsche Behauptung über einen Bericht im WDR, der in Wirklichkeit nie existiert hat oder der Versuch, eine kritische ZDF-Dokumentation zu diskreditieren.

Die Berichterstattung ist heute auch getrieben von Spekulationen und Gerüchten auf Facebook. Schauen Sie sich diesen Diskurs an?
Nein, da steht zu viel Müll drin. Aber ich sehe da ein enormes Problem. Ein Helfer behauptet im Internet, ein Flüchtling sei in Berlin gestorben. Ohne Beleg. Die Polizei stellt fest, dass die Meldung erfunden war. Jetzt werden Behauptung und ihre Entlarvung auch auf seriösen Internetportalen gemeldet. Und es entsteht beim Nutzer ein merkwürdiges Gefühl. Er ist verwirrt. Ich stelle mir nun die Frage: soll man sich mit solch einer Meldung überhaupt abgeben? Da sie verwirrt statt Orientierung zu geben, bin ich dafür, es zu unterlassen.

Das Interview erschien zuerst auf wiwo.de

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