Manager-Massenflucht: „Twitters schwärzeste Stunde“

Twitter-CEO Jack Dorsey will gezielt gegen Hasskommentare vorgehen.
Twitter-CEO Jack Dorsey will gezielt gegen Hasskommentare vorgehen.

Die beispiellose Selbstdemontage des schwer angeschlagenen 140-Zeichen-Dienstes Twitter gewinnt nochmals an Dynamik. CEO Jack Dorsey wurde gestern mit der Demission von gleich vier Spitzenmanagern konfrontiert. Die Reaktion Dorseys wirkte hilflos. Nach einem halben Jahr unter seiner Ägide wird immer klarer: Der frühere Social Media-Liebling ist in einer schlechteren Verfassung als unter Vorgänger Dick Costolo – eine Trendwende ist nicht annähernd erkennbar.

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Neue Woche, neuer Twitter-Absturz. Dass die Twitter-Aktie gestern schon wieder um 5 Prozent abstürzte und nur haarscharf neue Allzeittiefs verpasste – geschenkt.

Der eigentliche Schock bleibt der Exodus von gleich vier Mitgliedern der ersten Managerebene, den das Techportal re/code in der Nacht auf Montag verkündet hatte. Mit Produktchef Kevin Weil, Medienveteranin Katie Stanton, Alex Roetter (Software) und Brian Schipper (Human Resources) verliert der angeschlagene 140-Zeichen-Dienst gleich vier Manager der obersten Führungsebene auf einen Schlag – ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.

Jack Dorsey läuft das Führungspersonal weg

Noch ungewöhnlicher indes war die Art und Weise, wie der Schritt kommuniziert wurde – nämlich nicht von Twitter selbst, sondern durch die Exklusivberichterstattung von re/code, die Twitter-Chef Jack Dorsey so kalt erwischte, dass sich der 39-Jährige dann zu einem noch ungewöhnlicheren Schritt entschied – einer Kommentierung via Twitter.

„Ich hatte gehofft, mit unseren Mitarbeitern im Wochenverlauf darüber sprechen zu können, aber für den Moment wollte ich die Sache richtigstellen“, twitterte Dorsey und hängte dem Tweet ein längeres Statement via Foto an. Wohl nie sah der Chef und der 140-Dienst selbst älter aus als nach diesem Tweet.

Nach der vierfachen Manager-Demission drängt sich unweigerlich der Eindruck auf, dass Dorsey schon knapp sieben Monate nach seiner Ernennung zum Interims-CEO komplett gescheitert ist. Was ist von einem Teilzeit-CEO in schwersten Krisenzeiten zu halten, dem fluchtartig das Personal wegläuft und der diesen Massenexodus nicht einmal mehr selbst zuerst kommunizieren kann?

Demission „auf eigenen Wunsch“

Allerspätestens seit gestern sieht es so aus, als sei Dorsey nicht mehr Herr im eigenen Haus. Die „Richtigstellung“ machte es am Ende schließlich noch schlimmer: Dorsey trat damit den kursierenden Gerüchten entgegen, das Führungspersonal gefeuert zu haben, was zumindest als entschlossenes Handeln hätte ausgelegt werden können.

Doch nichts da: Der Abgang der flüchtenden Vier sei auf eigenen Wunsch erfolgt – der Eindruck eines Massen-Exodus ist allgegenwärtig, zumal Dorsey nicht umgehend neues Personal präsentieren konnte. Mit Vine-Chef Jason Toff verabschiedete sich Stunden später gar ein fünfter Spitzenmanager – und zwar in Richtung Google, um dort zur Virtual Reality-Unit zu stoßen.

Insgesamt 8 von 13 Twitter-Managern der obersten Führungsebene haben den strauchelnden Social Media-Dienst damit allein im letzten Jahr verlassen:

„Twitters schwärzeste Stunde ist jetzt“

Entsprechend harsch fällt nach dem Exodus nicht nur die Kritik der Wall Street aus. „Twitters schwärzeste Stunde ist jetzt„, titelte das eigentlich moderat berichtende Techblog Mashable.  Vor allem aber Dauerkritikerin Sarah Lacy von Pando Daily ließ sich die Steilvorlage zur Mutter aller Abrechnungen mit Dorsey nicht nehmen.

„Dorsey hat keine Kontrolle mehr darüber, was auf der höchsten Ebene seines Unternehmens passiert“, rechnet Lacy gnadenlos mit dem Twitter-Gründer ab. „Er sieht aus wie ein wild fuchtelnder CEO, und sein großer Plan, Twitter zu retten – wenn er denn wirklich einen hatte –, ist gescheitert. (…) Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, warum inzwischen überhaupt noch jemand bei Twitter zur Arbeit kommt.“

Bis in zwei Wochen sollte sich der Twitter-CEO einige Antworten überlegt haben: Dann muss sich Dorsey bei Bekanntgabe der nächsten Quartalsbilanz erneut vor Analysten behaupten – die ersten beiden Male endeten bekanntermaßen im Debakel. Gelingt Dorsey die Trendwende nicht, könnte schon bald die nächste Demission anstehen: die des CEOs. Dorseys Glück: Ihm bliebe ja noch ein Chefsessel bei Square.

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