Der Nächste bitte! Schon wieder darf ein neuer Chefredakteur probieren, den Focus flottzumachen

Hoppla, hoppla, bitte einsteigen: In der Focus-Chefredakteurs-Achterbahn sind noch Plätze frei (Robert Schneider, 2.v.r., ist der Neue)
Hoppla, hoppla, bitte einsteigen: In der Focus-Chefredakteurs-Achterbahn sind noch Plätze frei (Robert Schneider, 2.v.r., ist der Neue)

Die Geschwindigkeit, mit der sie bei Burda die Chefredakteure des Focus nach der Helmut Markwort-Ära auswechseln, ist atemberaubend. Jetzt muss also der frühere WAZ-Mann und Markwort-Freund Uli Reitz Platz machen für Robert Schneider von der Super Illu. Was der mit dem runtergewirtschafteten Magazin vorhat, ist völlig unklar.

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Nachdem Helmut Markwort sich im Herbst 2010 nach einer quälend langen Übergangsphase als Focus-Chefredakteur zurückgezogen hatte, wurde der frühere Welt-Chefredakteur und Cicero-Macher Wolfram Weimer als neuer Chef eingesetzt. Damit er es nicht zu einfach hatte, platzierte man den Markwort-Vertrauten Uli Baur als gleichberechtigten Co-Chef neben ihn. Das ging natürlich grandios schief und Weimer war nach einem Jahr voller Zänkerei und seltsamer Titelbilder wieder weg vom Fenster.

Dann durfte Uli Baur eine zeitlang den Focus im nutzwertigen Sinne alleine verwalten, bis Anfang 2013 Bild-Mann Jörg Quoos mit großen Hoffnungen übernahm. Quoos, ein integrer Mann und versierter Blattmacher, mühte sich redlich. Aber die Auflage bröckelte und bröckelte. Im Oktober 2014 war schon wieder Schluss für „Quoosi“ und Ulrich Reitz, bisher WAZ-Chefredakteur, kam. Reitz ist ein Vertrauter von Herausgeber Markwort und ein Focus-Mann der ersten Stunde.

Er versuchte, den Focus politisch konservativ aufzuladen. Die eine oder andere Schlagzeile („Das hat nichts mit dem Islam zu tun – Doch“ Dazu das Bild einer Kalaschnikow) wirkte mitunter, als wolle Reitz den Focus als Pegida-Vereinsblatt positionieren. Dazwischen gab es aber immer wieder die altbewährten Nutzwerttitel mit Diäten und Krankheits-Stories. Auch die Verlegung des Erstverkaufstages vom Montag auf den Samstag erwies sich als wenig nachhaltig.

Zuletzt handelte sich Reitz eine Menge Ärger mit dem missratenen Focus-Cover zu den Köln-Übergriffen ein. Das Bild zeigte eine blonde, weiße Frau, die von schwarzen Handabdrücken betatscht war. „Rassistisch“ und „sexistisch“ war der Aufschrei, der nicht nur durch die üblichen netzfeministischen Kreise ging. Auch viele Politiker und Medienkollegen empörten sich öffentlich über das Titelbild. Reitz zeigte sich trotzig. Im Tagesspiegel gab er zu Protokoll, wer an dem Focus-Cover herumkritisiere, habe „keine Ahnung davon, wie man Themen illustriert.“

Naja.

Aus dem Verlag ist nun glaubhaft zu hören, dass es nicht dieses Cover war, weswegen Reitz als Chefredakteur gehen muss. Man habe vielmehr gemeinsam festgestellt, dass das Blattmachen vielleicht doch nicht so ganz seins ist. Es war also nicht NUR dieses eine Cover. Ein bemerkenswerte Erkenntnis, die man unter Umständen auch schon früher hätte gewinnen können. Vielleicht lobt Verlagsvorstand Philipp Welte in der Pressemitteilung auch darum so überschwänglich die Blattmacher-Qualitäten des neuen Chefredakteurs.

Die wahren Gründe für Reitz‘ Abberufung dürften indes in den nackten Zahlen zu finden sein. Ulrich Reitz gelang es in seiner Zeit als Focus-Chef nämlich nicht, die negative Auflagenentwicklung des Magazins zu stoppen. Als er im Oktober 2014 antrat, lag die verkaufte Auflage (IVW IV/2014) bei 508.489 Exemplaren. Ein Jahr später lag sie nun bei 501.187. Was nach einem nur kleinen Minus von 1,4% aussieht, stellt sich in den beiden wichtigen Auflagenkategorien Abonnements und Einzelverkauf als negativer heraus. Die Zahl der Abos sank trotz eines ePaper-Wachstums insgesamt von 184.467 um 3,5% auf 178.213, im Einzelverkauf in Kiosken, Supermärkten, etc. ging es sogar um 3,8% von 72.050 auf 69.325 herunter.

Gegengesteuert hat der Focus mit zusätzlichen Bordexemparen und sonstigen Verkäufen. Die kostenlos in Flugzeugen und an Flughäfen verteilten Hefte liegen mit 156.209 fast schon auf dem Niveau der Abonnenten (178.213). Auch die schwächsten Einzelhefte stammen allesamt aus der Reitz-Ära. Ausgabe 20/2015 (Titel: „Die Eltern sind die Dummen! – Wie die Streikwelle das Land lähmt“) stellte mit ganzen 48.179 Einzelverkäufen einen neuen Minusrekord in der Focus-Ära auf.

Das schaut gar nicht gut aus. Aber weil man bei Burda jetzt nicht als böse Chefredakteurs-Verheizermaschine dastehen will und Reitz immer noch BFF mit Helmut Markwort ist, darf er als „Editor at Large“ an Bord bleiben, sich in Talkshows setzen und um „Politik und Debatten“ kümmern.

Der neue, Robert Schneider, wurde von manchen bei Burda schon als Nachfolger von Bunte-Chefin Patricia Riekel gesehen. Jetzt macht er halt den Focus und holt sich als Verstärkung seinen alten Chef von der Bild am Sonntag, Walter Mayer. Den havarierten Focus wieder flottzumachen, ist aber ungleich schwerer, als das reine Ost-Blatt SuperIllu zu führen. Wie Schneider/Mayer den Focus positionieren werden, bleibt abzuwarten. Mehr in Richtung Boulevard? Politischer? Nutzwertiger? Alles ist möglich, denn ein bestehendes Profil gibt es praktisch nicht mehr. Im Publikum dominiert das trashige Klick-Portal Focus Online die Wahrnehmung. Die strikte getrennte Markenführung von Focus Online und Print-Focus trägt viel zu den Problemen der Marke bei. Dies ist allerdings nicht den immer wieder ausgewechselten Chefredakteuren anzulasten.

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Alle Kommentare

  1. Liegt die Auflage immer am Chefredakteur? Da müsste Schneider passen, denn seine Superillu hat im 4. Quartal viele Leser verloren. Es dürfte ein weiterer Abschusskandidat sein. Beim Focus geht es zu wie in manchen Fußballclub. Burda sollte das Heft einstellen. Spiegel und Stern reichen.

  2. Warum gibt man Focus nicht endlich den Gnadenschuss?
    Die ständig wechselnden Chefredakteure und der Umzug nach Berlin werden den Abstieg kaum stoppen können.
    Eigentlich schade, war mal ein gutes Magazin in den Anfangsjahren.

  3. Warum immer wieder – versteckt oder völlig falsch platziert – der unpassende PEGIGA-Vergleich im Text; nur weil über Dinge berichtet wurde, die andere verschweigen oder verdrehen? Außerdem: Stern und Spiegel reichen? Klar, aber nur für solche Leute, die pausenlos Systempresse verschlingen und die seltsamen Realitäten der famosen öffentlich-rechtlichen Sender für das Beste weltweit halten.

    Wer war es denn, der als Wochenmagazin über die Fülle an, noch nie passierten Silvester-Straftaten von Köln bis Hamburg im Klartext – inklusive Cover-Bild – berichtete, während die umstrittenen Medien vom linken Ufer das, was ihre über alles geliebten Ausländer erstmals in Deutschland in dieser groben Form an Gewalttakten anstellten, zunächst verschweigen wollten…

    Die Opfer haben diese Dinge nicht vergessen; auch nicht, dass die Lügenmaschinerie langsam wieder an Fahrt gewinnt.

    1. P.H. Anser,

      Sie sollten sich nicht derart über die linksgrün-versifften Lügenmedien grämen. Beachten Sie diese einfach nicht und vertiefen Sie sich wieder in ihre alten Landser-Hefte.

  4. seit „Welte“ mitmischt, kann es nicht mehr „rund“ laufen. Die Redaktion kann das nicht ausbügeln, was konzernintern an kläglichen und peinlichen Fehlentscheidungen mit ihren Einmischungen anrichtet

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