Darf man sich in diesen schlimmen Zeiten auf das RTL-Dschungelcamp überhaupt freuen?

Barbara Sch.,  Stefan N., Daniel H. und Sonja Z. vom RTL
Barbara Sch., Stefan N., Daniel H. und Sonja Z. vom RTL

Bei RTL startet heute Abend die zehnte Staffel des Dschungelcamps. Aber darf man sich darauf überhaupt freuen angesichts von der um sich greifenden Geißeln wie Terror, Tod und Sexismus? Der Fernsehpreis wurde diese Woche im Rahmen einer Gala verliehen, die aber nicht im Fernsehen gezeigt wurde und auch nicht gezeigt wird. Und mit Übermedien.de startete eine neue Medienwebsite eines lieben Kollegen. Der MEEDIA-Wochenrückblick.

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Endlich geht es wieder los mit dem RTL-Dschungelcamp. Okay, die Staffel vom vergangenen Jahr war eher langweilig. Trotzdem und immer noch ist das Dschungelcamp aber eines der wenigen wirklich unterhaltsamen TV-Formate, gerade bei RTL. Jetzt haben sich die Programm-Macher für dieses Jahr einige Neuerungen einfallen lassen, damit es auch ja nicht wieder so schlafmützig wird wie beim letzten Mal. Es wird also zwei Teams geben, die gegeneinander antreten. Ich weiß noch nicht recht, was ich davon halten soll. Das Tollste war ja immer die Gruppendynamik im Camp. Hoffentlich wird dieser Aspekt jetzt nicht mit zu viel Wettbewerbs-Gedöns übertüncht. Aber halt! Darf man in diesen schlimmen Zeiten (Flüchtlinge! Köln! Sexismus! Promi-Krebs! Wetter!) sich überhaupt noch so einen sorgenfreien Quatsch wie das Dschungelcamp zu Gemüte führen? Aber ja! Imre Grimm von der Hannoverschen Allgemeinen hat mir da aus dem Herzen geschrieben:

Der reale Irrsinn ist so schlimm, dass die Flucht ins Surreale eine echte Option wird. Die Dschungelsause als Atempause.

Wurde im RTL-Dschungel eigentlich jemals über “Politik” geredet? Ich kann mich nicht daran erinnern. Hoffentlich fangen die dieses Jahr nicht damit an.

Da muss man auch erstmal drauf kommen: Weil die Galas zum Deutschen Fernsehpreis in der Vergangenheit immer so schlechte Quoten und schlechte Kritiken hatten, machte man in diesem Jahr die Gala trotzdem, zeigt sie aber nicht mehr im Fernsehen. Bizzarro-Logik: Was nicht im Fernsehen läuft, hat auch keine schlechten Quoten! TV-Kritiker durften sich die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises trotzdem in einem Nebenraum anschauen und darüber schreiben, weswegen wir diese Woche viele Artikel über die Verleihung hatten, sie selbst aber nicht im TV sehen konnten. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart schrieb dazu in seinem Morning Briefing:

Eine TV-Gala, die wegen mangelnden Publikumsinteresses nicht übertragen wird, ist allerdings wie ein FKK-Strand mit Bekleidungszwang.

Sich eine Gala auszudenken, die die Zuschauer eher interessiert, wäre vermutlich zu anstrengend gewesen. Andererseits, vielleicht ist das Modell “Fernsehpreis” überhaupt eine tolle Lösung für auch andere Sorgen-Programme. Die zweite Staffel einer gefloppten Serie oder Show könnte man ja auch nur produzieren und dann einfach nicht im TV zeigen. Pro-Tipp: Wenn man das Ganze auch den Kritikern nicht zeigt, umgeht man nicht nur miese Quoten, sondern auch noch miese Kritiken!

Medien Groß-Kritiker Stefan Niggemeier und sein Kompagnon Boris Rosenkranz haben diese Woche ihre Medien-Website Übermedien.de gestartet. Zum Start sprach Niggemeier u.a. mit Anne Will über “Überaufmerksamkeit”. Übermedien über Überaufmerksamkeit. Hoffentlich gehen da nicht bald die “Ü”s aus. “Wir wollen Medien besser kritisieren”, heißt der Slogan auf der Website und da bin ich erst einmal erschrocken. Das erinnert mich so ein klein wenig an den Start der Krautreporter, bei denen Niggemeier zu Beginn ja auch mitmischte. Die konstatierten, der Online-Journalismus sei kaputt und sie würden das wieder hinkriegen.

Naja.

Kaputtgegangen ist dann erstmal das Geschäftsmodell der Krautreporter, um die es in jüngerer Zeit eher Still geworden ist. Sie versuchen es jetzt ja mit einem Genossenschaftsmodell. Niggemeier & Co. wollen dagegen ganz klassisch Abos verkaufen, und zwar zu 3,99 Euro pro Monat. Da zeigt sich mal wieder, was für eine Bitch dieses Internet ist. Medienriesen, wie die von Niggemeier gehasste Bild, verramschen ihr BildPlus Abo für 2 Euro pro Monat inklusive Fußball-Bundesliga! Und ein Amazon Prime-Abo inklusive zig TV-Serien, Filmen, Gratis Versand, E-Book-Ausleihe und Musikstreaming kostet auf den Monat umgerechnet nur ein bisschen über 4 Euro.

Schon klar, dass diese Vergleich hinten und vorne hinken und dass für Niggemeier und Rosenkranz die 3,99 Euro Monatspreis vermutlich eine Art Untergrenze darstellen. Das sind eben komplett unterschiedliche Kalkulationen für Großkonzerne, weltweite Digitalriesen oder eben Kleinstunternehmen.  Man müsste die Bepreisung also auch aus Konsumentensicht komplett unterschiedlich bewerten. Ich bin sehr gespannt, ob das gelingt und Übermedien.de sich dauerhaft als Bezahl-Angebot wird durchsetzen können.

In der Vergangenheit hat Stefan Niggemeier sich auch diesen kleinen Mediendienst hier öfter mal zur Brust genommen. Er prägte u.a. die Bezeichnung “Braanchendienst” und mich bezeichnete er T-Shirt-Aufdruck-tauglich als den “Blinden unter den Einäugigen bei Meedia”. Zum Start von Übermedien.de gab es auch wieder eine kleine Dosis Meedia-Spott. In der Geschichte, wie unterschiedliche Medien aufbereiten würden, dass in China ein Sack Reis umgefallen ist, hatten wir einen kleinen Gastauftritt:

Bildschirmfoto 2016-01-15 um 15.29.19

Gut getroffen! Vielleicht hätte man vor den “Twitter-Zoff” noch wahlweise die Vokabeln “seltsam” oder “peinlich” reinfrickeln können. Wir werden uns bemühen, wenig Anlass zur Berichterstattung zu geben, können aber natürlich – wie üblich – nix versprechen!

Ein sorgenfreies Wochenende! (Und viel Spaß beim Dschungel!)

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Alle Kommentare

  1. Für 4.90 € gibt es auch ein Abo der damit werbefreien Online-Zeitung „Prenzlauer Berg Nachrichten“. Und das Gehalt dieser Journalisten ist sicher nicht immer leicht verdient , wenn man sich auch in Bezirksverordneten – Sitzungen die Abendtunden um die Ohren schlägt, damit Leser/Leserin die Abläufe in dieser Stadt überhaupt manchmal versteht. Dafür lohnt ein Abo. Für Niggemeiers Portal werde ich 3.90€ sicher nicht ausgeben. Und wenn das mit den Kürzungen im Journalismus so weitergeht , werden die Kritikmöglichkeiten für ihn auch rarer – dann könnten sich Niggemeier und sein Kompagnon aber aufteilen : der eine schreibt und der andere nimmt es auseinander.

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