Köln und die verzögerte überregionale Berichterstattung: der Fehler im System

Handyvideo der Krawalle am Kölner Hauptbahnhof an Silvester
Handyvideo der Krawalle am Kölner Hauptbahnhof an Silvester

Aus medialer Sicht ist bei den Krawallen von Köln (und anderswo) auch interessant, warum es vier Tage gedauert hat, bis bundesweite Medien flächendeckend über die Vorfälle berichtet haben. Jenseits von pauschalen Schuldzuweisungen lässt sich festhalten: Es gibt eindeutige Defizite bei den Medien.

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Manche erklären die neue Langsamkeit der Medien damit, dass es sich bei Köln zunächst um ein regionales Ereignis gehandelt habe und Medien wie der Express, der WDR regional oder der Kölner Stadt-Anzeiger ja frühzeitig – wenn auch sehr zurückhaltend – berichtet hätten. Das ist natürlich sehr bequem. In ihrem Faktencheck schreibt die Redaktion der „Tagesschau“:

Am Neujahrstag hatte die Polizei zunächst von einer ruhigen Silvesternacht gesprochen. Zwar gab es einzelne Schilderungen auf Facebook, doch die Polizei hatte am Neujahrstag zunächst noch keine Anzeige. Erst am Abend des 2. Januar wurde bekannt, dass bei der Polizei mittlerweile 30 Anzeigen eingingen und ein eigenes Team für diese Fälle gegründet wurde. Das ganze Ausmaß kam aber erst in einer Pressekonferenz der Polizei an diesem Montag heraus.

Diese Argumentation lohnt einen genaueren Blick. Es habe zwar „einzelne Schilderungen auf Facebook“ gegeben, doch die Polizei habe am Neujahrstag noch keine Anzeige gehabt. Trotzdem war der „Tagesschau“-Redaktion auf Facebook offenbar was aufgefallen, man hat sich aber entschlossen, dies nicht weiter zu verfolgen.

Am Abend des 2. Januar hat die „Tagesschau“ bemerkt, dass viele Anzeigen eingingen und die Polizei ein Team für die Ermittlungen eingesetzt hat. Warum hat die Redaktion der „Tagesschau“ das bemerkt? Nun, die Polizei hat am 2. Januar eine entsprechende Pressemitteilung herausgebracht. Spätestens hier hätte man von einer der selbstbewusstesten und mit am besten ausgestatteten Redaktionen Deutschlands erwarten können, dass der Sache mal nachgegangen wird. Aber: Lieber erstmal nichts berichten. Dieses Facebook-Zeugs ist ja oft auch bloß rechte Hetze usw.

„Das ganze Ausmaß“ kam für die „Tagesschau“ dann erst in der Polizei-Pressekonferenz am Montag, 4. Januar, heraus. Mittlerweile hatten die regionalen Medien in Köln die Berichterstattung längst weitergedreht. Die Polizei hielt die Pressekonferenz wohl auch in erster Linie darum ab, weil der Druck so groß geworden war, dass klar war, die Sache würde sich nicht weiter kleinreden lassen.

Aber ist es nicht beschämend, wie sehr sich die Redaktion der „Tagesschau“ in diesem Fall ganz offenbar an Pressemitteilungen und Pressekonferenzen entlang hangelt? Immerhin sitzt in Köln der WDR, mithin der größte Sender der ARD und gemessen an der Zahl der Mitarbeiter die zweitgrößte Rundfunkanstalt Europas nach der BBC. WDR-Intendant Tom Buhrow hat die Stärkung der regionalen Berichterstattung als einen Schwerpunkt identifiziert. Okay, die „Tagesschau“ wird vom NDR in Hamburg produziert. Aber gibt es da keinen Austausch? Kann man das als Beitragszahler nicht erwarten? Was ist da los?

Immerhin: Als die Polizei dann endlich eine Pressekonferenz abgehalten hatte, war die „Tagesschau“ aufgewacht und sendete in der Hauptausgabe am Montagabend einen ordentlichen Bericht.

Anders das ZDF.

Wer am Montag, wohlgemerkt Tag vier nach dem Ereignis und dem Tag als alle anderen Medien bereits berichteten, die Hauptausgabe der ZDF-„heute“-Nachrichten schaute und sich darauf verließ, informiert zu werden, der blieb dumm. Kein Wort zu den Silvester-Ausschreitungen von Köln. Der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, Elmar Theveßen, bezeichnet die Entscheidung, nicht zu berichten, auf Facebook rückblickend als „klare Fehleinschätzung“:

Die Nachrichtenlage war klar genug. Es war ein Versäumnis, dass die 19-Uhr-heute-Sendung die Vorfälle nicht wenigstens gemeldet hat. Die heute-Redaktion entschied sich jedoch, den geplanten Beitrag auf den heutigen Tag des Krisentreffens zu verschieben, um Zeit für ergänzende Interviews zu gewinnen. Dies war jedoch eine klare Fehleinschätzung.

Die Begründung, man habe „Zeit für ergänzende Interviews“ gewinnen wollen, ist natürlich atemberaubend unglaubwürdig. Entsprechend harsch fallen auch die Kommentare zur Facebook-Einlassung Theveßens aus. Nebenbei: Thomas Mrazek fragt dort in den Kommentaren zu Recht, warum es der Versäumnis-Text nicht in die seinerzeit groß vermeldete Korrektur-Rubrik von „heute“ geschafft hat.

Von der Fehlleistung der „heute“-Nachrichten abgesehen, muss man den überregionalen Medien bei dieser Sache nicht unbedingt Absicht unterstellen. Offenbar waren die Strukturen so, dass nicht früher berichtet wurde. Der Fehler steckt hier im System. Nichtsdestotrotz ist es ein Fehler. Und man spürt auch die gewachsene Entfremdung der etablierten Medien vom Publikum, das bei Facebook & Co mittlerweile selbst ein Ventil gefunden hat. Das Publikum braucht die Medien heute weniger als umgekehrt, viele scheinen das aber noch nicht realisiert zu haben. Als die Berichterstattung dann endlich anlief, wurde nichts verschwiegen, es wurde vielfältig kommentiert. Ab dem 4. Januar machten die Medien – vom ZDF abgesehen – ihren Job.

Beschämend und schädlich ist es aber, dass die so genannten alternativen Medien, wie der berüchtigte Kopp Verlag und die unsägliche Verschwörer-Postille Compact viel früher als die überregionalen Medien die Lage erkannt hatten und online berichteten. Klar: Für Kopp und Compact passen die Ausschreitungen in ihr krudes, rechtes Weltbild. Für sie sind die Vorfälle eine Bestätigung aller Vorurteile und liefern auf Wochen und Monate hinaus Stoff für Propaganda.

Umso wichtiger wäre es gewesen, dass die etablierten Medien frühzeitig und bundesweit als Stimme wahrnehmbar gewesen wären und eben nicht abgewartet hätten, bis die Polizei eine Pressekonferenz gibt.

Vielleicht war da die Angst, Facebook-Hetze aufzusitzen. Vielleicht wollte man mal wieder kein Öl ins Feuer gießen. Das mag sein. Aber offenbar fehlt es in Redaktionen flächendeckend an Kompetenz, Facebook und Social Media-Debatten richtig einzuschätzen und wiederzugeben. Wenn so etwas Ungeheuerliches wie in Köln mitten in Deutschland geschieht und es vier Tage lang dauert, bis bundesweit berichtet wird, dann läuft etwas gewaltig falsch in der Medien-Republik. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

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Alle Kommentare

  1. Der Fisch fängt immer am Kopf an zu stinken…. sagt man im Norden –
    hier ist es die Politik. Öztemir, der die Wähler als Muschpoke beschimpft hat, Claudia Roth die Silvester sicher in ihrem Haus in Istambul gefeiert hat. Scheinbar funktioniert die Migration bei Erduan besser als hier. Frau Merkel die Deitschland grenzenlos machte. Justizminister Maas der keine Chance zur Rückführung hat.(lt EU und BR-Recht)Die Polizei und Justiz kann nicht, darf nicht und will nicht. Die Medien sind gleichgeschaltet, es gibt wohl keine neugierigen Journalisten wie früher mehr. Wer sich kritisch zu der Million „gut gebildeter junger“ Flüchtlingen äußert ist sofort „fast „(deutsch) -Nazi.
    Es wird wohl kommen wie mit der Scharia Polizei – da war nix!
    Das ist der Herd für AfD und Le Pen!
    Warum kämpfen diese jungen Männer eigentlich nicht „zu Hause“ für ihre Freiheit sondern unsere Elite-Nato und BW Einheiten?
    MfG

    1. Zitat: „Die Medien sind gleichgeschaltet, es gibt wohl keine neugierigen Journalisten wie früher mehr.“

      Doch, die gab es und gibt es noch. Nur muß man feststellen, dass davon einige hochkant aus den Redaktionen der „Qualitäts“presse geflogen sind und nur noch in anderen Medien verkehren. Das widerum hat wohl zur Folge, dass viele angebblich „Neugierige“ es gleich sein lassen, mal etwas kritisches zu äußern, da lieber auf Jammerbild &Co weiter Flutschis zujubeln und unseren Untergang Mama Merkel bejubeln (müssen). Das alles hier in Dt. hat NICHTS mehr mit wirklichem Journalismus zu tun, wenn nur noch glubschige Kinderaugen abgebildet werden zwischen 90% wilden Männerhorden aus dem Mittelalter. Wir schaffen das – was auch immer. Wir werden das Land wieder aufbauen.

  2. Noch interessanter wäre, wenn eine Synagoge mit Feuerwerkskörpern beschossen worden wäre…was hätte das Wahrheitsministerium dann berichtet? Sicher alles von Nazis aus Ostdeutschland organisiert, die sich als Nordafrikaner getarnt haben, um die überforderte Polizei in die Irre zu führen…

    1. Pegida hat den Schnapsstand geführt und die AfD hat den Raketenstand angeleitet für die dummen Nahtsies. Die sind ja alle dumm, alles Pack, sofort erschiessen lassen durch die Hundertschaften. Maasloses Gesindel wäre sofort persönlich aufgetaucht und hätte die Brille noch mal geputzt, dieser Wurzeltroll und die Maasnahmen begrüsst. AnPacker ist ja abgetaucht und sucht seine Idioten zum Pöbeln, Frau Doktor für Marxismus/Leninismus hätte diesmal durch ihre 2.Sekretärin verlesen lassen, dass alle Biodeutschen SOFORT nach Invasorenstaat umgesiedelt werden. Also das, was sie bezweckt, die grosse Umvolkung. Jetzt ist der Grund endlich da. So oder so ähnlich würde das ablaufen…………….

  3. Die Berichterstattung bzw. Nicht-Berichterstattung der Leitmedien zeigt doch hier
    überdeutlich, dass man sich verabschiedet hat, objektiv, neutral und ausgewogen
    zu berichten; dies sollte man aber doch von einem öffentlich-rechtlichen Gebühren-Sender erwarten dürfen. Dies mit einem System Fehler zu begründen, scheint mir
    befremdlich. Viel mehr ist es doch so, dass bestimmte Themen nicht mehr angesprochen werden dürfen und vorzugsweise unter den Teppich gekehrt werden,
    um der „political correctness“ zu entsprechen. Was für ein Armutszeugnis.
    Wenn der Kopp-Verlag sich hier anders verhält und zeitnah berichtet, über unan-
    genehme Dinge berichtet, Probleme beim Namen nennt und auf problematische
    Entwicklungen hinweist bevor sie eintreten, was werfen sie im dann eigentlich vor ?
    Hier verdrehen Sie doch die Realitäten, wenn Sie sagen, daß dies dem kruden, rechten Weltbild des Kopp-Verlags entspricht. Tatsache ist doch, daß der Kopp-Verlag seit langem auf diese Entwicklung hingewiesen hat; jetzt ist sie ein-
    getreten; das wird wohl niemand mehr leugnen können.

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