Rocket Internet: Die Expansion der „Proven Winner“ bleibt teuer erkauft

Vom Optimismus beim Börsengang im vergangenen Oktober ist nicht viel geblieben
Vom Optimismus beim Börsengang im vergangenen Oktober ist nicht viel geblieben Oliver Samwer von Rocket Internet

Die 9-Monatsbilanz der 13 "Proven Winner" hat die Börse nicht überzeugt: Die Aktie von Rocket Internet fiel gestern weitere 3 Prozent zurück. Der Grund: Die Wachstumsdynamik gibt leicht nach, Profitabilität ist weiter auf Jahre nicht in Sicht. Vor allem Westwing und Home24 wachsen nicht mehr so furios. Das abgesagte HelloFresh-IPO wiegt indes schwer: Die Berliner sind der Star im Portfolio und können im Moment explosionsartigen Umsatzzuwachs verbuchen.

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Seit einem Jahr befinden sich die Raketenmänner um Oliver Samwer nun schon im Sinkflug: 51,40 Euro kosteten die Anteilsscheine noch zu Jahresbeginn – ganze 28,30 Euro sind davon elfeinhalb Monate später übrig geblieben. Macht summa summarum einen Kursverlust von enormen 45 Prozent.

Man muss lange suchen, um eine Internet- oder Techaktie zu finden, die dieses Jahr ähnlich viel Wert vernichtet hat – nicht mal Dauersorgenkind Twitter schneidet 2015 so schlecht ab, lediglich Dauer-Loser wie Groupon und GoPro demütigten ihre Aktionäre in den vergangenen zwölf Monaten noch mehr.

Umsatzwachstum geht auf 120 Prozent zurück

Um so bei ihren Anteilseignern für Vertrauen zu werben, legte Rocket Internet gestern 9-Monatszahlen ihres Portfolios der „Proven Winner“ vor – das sind jene 13 Beteiligungen, die nach Einschätzung der Samwers am schnellsten das Zeug haben, ein Einhorn zu werden und einmal selbst an die Kapitalmärkte zu streben.

Doch der Befreiungsschlag blieb aus. Anleger reagierten auf das freiwillige Update über die Geschäftsentwicklung der ausgewählten Beteiligungen frostig – die Aktie fiel weitere 3 Prozent zurück. Grund dafür könnte das nachlassende Umsatzwachstum sein, das sich bei den 13 Start-ups zusammengenommen immer noch auf beachtliche 120 Prozent beläuft, aber in der 6-Monatsbilanz im September noch 142 Prozent betragen hatte.

„Pfad zur Profitabilität“: 3 Proven Winners sollen bis Ende 2017 schwarze Null schreiben

Und dann sind da die Vorsteuerverluste, die sich weiter vergrößern. Bei kulminierten Erlösen von 2,17 Milliarden Euro verloren die 13 „bewährten Gewinner“ vor Steuern, Abschreibungen und Zinsen (Ebitda) saftige  772 Millionen Euro.

Wie das Handelsblatt berichtet, soll hinter den Kulissen des Web-Konzerns ein Kuturkampf toben, in dem es letztendlich darum gehe, welche Philosophie im Geschäftsleben erfolgreicher ist: ruhige Nachhaltigkeit oder Rasanz und Härte der jungen Onlinerevolutionäre. Zudem zitieren die Düsseldorfer Rocket-Aussteiger, die berichten, dass das Unternehmen wie eine Imbissbude geführt werden würde und dass sich die Manager noch immer wieder Pubertierende benehmen würden, die glaubten, dass sich der Markt nach ihnen richten müsste.

Wie Rocket nun betonte, sollen die Verluste in den kommenden Jahren sukzessiv auf dem „Pfad zur Profitabilität“ begrenzt werden – bis Ende 2017 sollen drei Beteiligungen bereits schwarze Zahlen schreiben. Gleichzeitig erneuerte CEO Oliver Samwer die Absicht, dass ein „Proven Winner“ in nächsten 18 Monate an die Börse streben werde.

HelloFresh liefert Argumente für Börsengang… 

Dass es sich dabei eigentlich nur um den zuvor erkorenen Börsenkandidaten HelloFresh handeln kann, legt der Blick auf die 9-Monatsbilanz nahe. Um enorme 384 Prozent explodierten die Umsätze in den ersten 9 Monaten 2015 im Vergleich zum Vorjahr auf 198 Millionen Euro; die Verluste betrugen dabei 52 Millionen Euro.

„HelloFresh wird weitaus größer als viele erwarten“, gab Rocket Internet Anlegern in der Kurspräsentation mit auf den Weg. Die Argumente für einen Börsengang sind also vorhanden – umso ärgerlicher für die Samwers, dass das IPO auf den letzten Metern von Großaktionär Kinnevik anwaltlich gestoppt wurde.

…Westwing verliert an Dynamik

Ob die anderen beiden deutschen potenziellen Internet-Einhörner aus dem Rocket-Portfolio HelloFresh zuvor kommen, ist nach den 9-Monatszahlen kaum wahrscheinlicher geworden. Möbelversender Westwing erreicht offenkundig immer mehr die Grenzen des Wachstums: Die Umsätze legten nur noch um 27 Prozent auf 154 Millionen Euro zu, während sich die Vorsteuerverluste auf 46 Millionen Euro ausweiteten.

An Westwing vorbeigezogen ist der zweite deutsche Möbelversender im Rocket-Portfolio: Home24 kann ein Umsatzplus von 63 Prozent auf 172 Millionen Euro bei operativen Verlusten von 56 Millionen Euro verbuchen.

Dreistelliges Umsatzwachstum fuhren die Samwers unterdessen in den Schwellenländern ein. Namshi, der Zalando-Klone für den Nahen Osten, konnte seine Umsätze um 176 Prozent steigern und liegt von allen Proven Winners am dichtesten an der Gewinnschwelle; Lazada, das Amazon Südostasiens, legte um 225 Prozent zu, während bei Jumia, dem Amazon Afrikas, die Erlöse gar um 265 Prozent in Höhe schossen.

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