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ISIS-Report für Alle – wie TV-Moderator Armin Wolf das Urheberrecht einmal in die eigene Hand nahm

ORF-Moderator Armin Wolf stellte einen übersetzten New York Times-Text  bei Facebook ein
ORF-Moderator Armin Wolf stellte einen übersetzten New York Times-Text bei Facebook ein

Armin Wolf ist einer der bekanntesten österreichischen TV-Journalisten, für den ORF moderiert er u.a. die Nachrichtensendung "ZiB2". Auf Facebook hat er kürzlich eine lange Reportage aus der New York Times in deutscher Übersetzung und voller Länge publiziert. Die Website Onlinejournalismus.de wirft Wolf nun eine Urheberrechtsverletzung vor.

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Die Reportage aus der New York Times trägt im Original die Überschrift „ISIS Women and Enforcers in Syria Recount Collaboration, Anguish and Escape“ und stammt von der Autorin Azadeh Moaveni. Sie beschreibt in dem sehr lesenswerten Stück, was drei Frauen, die später in die Türkei geflüchtet sind, in dem so genannten Islamischen Staat erlebt haben.

Der Text wurde vielfach im Internet und sozialen Medien geteilt und weltweit empfohlen. Auch Armin Wolf, populärer TV-Mann aus Österreich mit großer Social-Media Gefolgschaft (fast 250.000 Fans bei Facebook, 207.000 Follower bei Twitter), fand den Text gut und empfahl ihn auf seiner Facebook-Seite:

Dieser Artikel aus der New York Times ist sehr lang – aber einer der eindrucksvollsten (und bedrückendsten) Texte, die…

Posted by Armin Wolf on Mittwoch, 25. November 2015

„Man sollte den Text ja übersetzen und in Schulen als Pflichtlektüre verteilen“, schrieb Wolf. Einer seiner Leser nahm dies als Aufforderung und machte sich an eine Übersetzung, die er Wolf zukommen ließ. Wolf, offenbar begeistert von dem Engagement, veröffentlichte daraufhin den kompletten Reportagetext in deutscher Übersetzung auf seiner Facebook-Seite. Dazu schrieb er:

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Manche haben darauf geschrieben, dass sie den Text gerne lesen würden, dass aber ihr Englisch dafür nicht ausreicht. Und gerade für viele Jugendliche, für die dieser Artikel wichtig wäre, ist er sprachlich vielleicht noch zu kompliziert. Jetzt gibt es eine Übersetzung. Sie stammt großteils von einem jungen Mann, der auf meiner FB-Seite regelmäßig mitdiskutiert, aber nicht genannt werden möchte – „da ich sehe, mit welchen Leuten Sie sich in den Social media herumschlagen müssen, und wenn sich dann nur ein Prozent dieser Leute zu mir verirrt, würde ich das wahrscheinlich nicht so spannend finden“. Das ist schade, denn der junge Mann hat sich viele Stunden Arbeit gemacht. An dieser Stelle jedenfalls: Danke! Hier nun die – sehr lange – Übersetzung. Ich würde mich freuen, wenn sie sich möglichst weit verbreitet.

Der übersetzte Text sammelte bei Wolf über 7.000 Likes und wurde fast 3.500 mal geteilt. Aber: Darf Armin Wolf das? Einen Text aus der New York Times ohne Einverständnis der Autorin oder des Ursprungs-Mediums in übersetzter Form in kompletter Länge veröffentlichen? Einfache Frage, er darf das natürlich nicht. Urheberrecht und Copyright stehen klar dagegen. Das weiß ganz sicher auch Armin Wolf, der für einen Kommentar zu dieser Geschichte leider nicht zu erreichen war.

Fiete Stegers und Andrej Reisin schreiben dazu bei Onlinejournalismus.de:

Damit wir uns nicht missverstehen: Die Intention ist komplett nachvollziehbar und gut gemeint. Wenn es jedoch alle so machten, würde in Zukunft niemand mehr irgendwas an Übersetzungen verdienen: Autoren nicht, Verlage nicht und Übersetzer nicht. Nur Facebook hat einen monetären Vorteil von der Reichweite und Verbreitung des deutschen Textes.

Eine Anfrage von Stegers ergab, dass die New York Times den Text offenbar nicht international lizensiert. Auch eine deutsche Übersetzung hatte die Times wohl nicht vor. Überwiegt also der Dienst an der „guten Sache“ hier in diesem Fall das Urheberrecht? Einerseits hat der wichtige Text durch Wolfs gewiss in bester Absicht getätigte Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum Leser gewonnen, die er sonst nicht gehabt hätte. Andererseits kann die Einhaltung des Urheberrechts nicht nach Gutdünken erfolgen. Auch nicht für eine gute Sache. Denn wer definiert letztlich, was „gut“ ist und was nicht? Man könnte auch sagen: Armin Wolf hat für die gute Sache das Urheberrecht hier einfach mal in die eigene Hand genommen.

Dass solche Aktionen im Digitalen schwer zu beherrschen sind, zeigt der Umstand, dass die österreichische Kleine Zeitung große Teile der deutschen Übersetzung von Wolfs Facebook-Seite geklaubt und bei sich neu veröffentlicht hat – inklusive Werbung. So wird schnell aus dem gut gemeinten „Public Service“ (Wolf) Gratis-Content für eine kommerzielle Website. Zumal bei der Kleinen Zeitung der Name der ursprünglichen Autorin komplett unter den Tisch fällt.

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Alle Kommentare

  1. Macht doch keine fabrizierten Unterschiede, jede Religion reduziert kritisches Denkvermoegen!. Mehr #Radikale_Vernunft & #Sekularen_Humanismus in useren Medien bitte @IngridThurnher @ArminWolf

  2. ‚Wenn es jedoch alle so machten, würde in Zukunft niemand mehr irgendwas an Übersetzungen verdienen‘

    Das ist meiner Überzeugung nach das unsinnigste Argument gegen diese Aktion. Der Übersetzter hat ja, wenn der Artikel recht hat, seine Arbeit aus eigenem Entschluss unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Das darf er. Keiner kann ihn zwingen dafür Geld zu verlangen.

    Im Umkehrschluss dürften die Kollegen von Onlinejournalismus.de ja keine Artikel gratis veröffentlichen, weil dann niemand mit dem Schreiben von Artikelmehr Geld verdienen dürfte…

    Dass das Urheberrecht der NYT bz. der Autorin verletzt wurde ist sicher unstrittig und problematisch, aber in der Tat kennt gerade das amerikanische Urheberrecht den Begriff ‚Fair Use‘, der hier – zumindest bei grosszügiger Auslegung – durchaus anwendbar sein könnte, zumal die NYT ja offenbar nicht vor hatte den Artikel außerhalb der USA zu lizenzieren.

    ‚Denn wer definiert letztlich, was „gut“ ist und was nicht?‘
    Ja, dass ist aber wohl schon immer die Frage, und es erscheint mir wieder einmal sehr typisch, dass wir hier im festen Glauben an die Obrigkeit und das Schwarz-Weiss von Recht und Gesetz hier Probleme sehen. Letztlich ist jeder Einzelfall verschieden und es ist eben manchmal notwendig, dass wir nich immer nur nach dem Buschtaben des Gesetztes rufen und handeln, sondern selbst auch etwas Verantwortung übernehmen.

    Wie es scheint ist noch nicht mal jemandem Schaden entstanden, aber besser wissen ist eben manchmal sehr verlockend.

  3. Abgesehen von dem sehr interessanten Artikel möchte ich folgendes bemerken: Schon öfter fiel mir auf, dass es in den Artikeln bei Meedia mit der Beherrschung der Orthografie ziemlich hapert: … für Alle“?! Hoppla. So habe ich in diesem kurzen Artikel habe ich acht Fehler gefunden – das ist Spitze! 😉

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