Die neue Pegida-Presse: Wie Querfront-Medien sich ihr krudes Weltbild zurechtbiegen

Compact-Verleger Jürgen Elsässer: Posterboy der Querfront
Compact-Verleger Jürgen Elsässer: Posterboy der Querfront

Publishing Es ist unübersichtlich geworden in unserer Medienwelt. Über die Sozialen Medien werden allerhand Inhalte von Medien-Anbietern geteilt, die man nicht so genau kennt, die sich gerne als alternativ bezeichnen und angeblich der „Wahrheit“ verschrieben haben. Bei genauerem Hinsehen gehören diese Angebote meist in den Dunstkreis so genannter „Querfront“-Medien oder der Neuen Rechten. Deren Flaggschiffe sind der Compact Verlag und Kopp. Aber es gibt auch neue Mitspieler bei der Pegida-Presse.

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„Statusquo News“ ist beispielsweise eine noch relativ kleine Website, die über Facebook aber schon auf ganz beachtliche Like- und Share-Zahlen kommt. Gut über 5.000 Menschen haben die Seite von „Statusquo News“ bei Facebook „geliked“ und freuen sich auch über Artikel wie diesen: „Krokodilstränen um BILD: 65 Prozent Auflageneinbruch, Weihnachtsfeier abgesagt„.

In dem Text geht es um den auflagenmäßigen und wirtschaftlichen Niedergang der Bild-Zeitung. Als Quelle beruft man sich auf einen hochrangigen Insider laut dem die Auflage der Bild nicht auf 2,2 Mio., sondern gar auf 1,5 Mio. Exemplare abgestürzt sei. Dass die Auflage der Bild unabhängig von der IVW geprüft wird bleibt in dem Text unerwähnt. Auch die Absage der Weihnachtsfeier bei Axel Springer wird zum Anlass genommen, ausführlich über den Niedergang von Bild zu räsonieren. Der Text besteht im wesentlichen aus einer Übernahme der Online-Ausgabe des Compact-Magazins und der Wiedergabe einer Medienkolumne von Handelsblatt.com, in der über die Absage der Weihnachtsfeier berichtet wurde. Nur: Als der „Statusquo News“-Bericht erschien, war die Absage der Springer-Weihnachtsfeier längst revidiert worden, was der Text genauso wenig erwähnt wie die Vorlage bei Compact.

Dass Bild nach wie vor eine der wichtigsten Ertragssäulen bei Springer ist und das Medienhaus im Ausbau des Digitalgeschäfts bei Bild.de mittlerweile die Priorität sieht, wird auch mit keinem Wort erwähnt. Den Autoren bei Compact und Statusquo geht es stattdessen darum, die Bild für ihren publizistischen Pro-Flüchtlingskurz zu diffamieren. So wird der namenlose „Top-Insider“ bei Compact mit den Worten zitiert: „Das ist das Resultat davon, dass sich Bild in der Asylpolitik an die Linken rangeschmissen hat. Damit hat man die Stammleser vergrault, ohne dass man die Linken gewinnen konnte.“

Das passt ins Weltbild der so genannten Querfrontler – wie die Gruppierung verschwörungstheoretischer, oft rechtspopulistischer Akteure und Medien genannt wird, die sich nach althergebrachten links-rechts Schemata nur schwer einordnen lassen. So sind die Querfrontler generell anti-israelisch und Pro-Palästina – eine traditionell eher in linken Kreisen verbreitete Einstellung. Aber Querfront-Akteure fürchten eine Auflösung traditioneller Familien-Strukturen durch (homo)sexuelle Umerziehung, sind eindeutig nationalistisch und latent fremdenfeindlich (rechte Einstellung) aber auch anti-amerikanisch und pro-russisch. Wolfgang Storz hat in einem Arbeitspapier für die Otto-Brenner-Stiftung eine gute Übersicht über die Gesinnungsmatrix der Querfront geliefert.

Zwei Haupt-Akteure der Querfront sind der allseits berüchtigte Kopp-Verlag mit seinen Verschwörungstheorien und rechtspopulistischen Veröffentlichungen und der Compact Verlag mit seinem Gründer Jürgen Elsässer. In der Person Elsässers, der auch Autor des erwähnten Anti-Bild-Artikels ist, vereinen sich die widersprüchlichen Anschauungen der Querfront wie unter einem Brennglas. Was man da zu sehen bekommt, lässt einen schaudern.

Einmal pro Jahr veranstaltet Compact eine so genannte „Souveränitätskonferenz“ auf der auch Elsässer eine Ansprache hält. In seiner jüngsten Rede vom Oktober forderte er seine Anhänger dazu auf, das „Regime Merkel“ zu stürzen. Die Haltung der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage ist den Querfrontlern rund um Elsässer ein Dorn im Auge. Er ruft zum aktiven Widerstand auf, zu Demonstrationen und dem Schutz der deutschen Grenzen mit „Leibern“. Will heißen: Anhänger seiner Weltsicht sollen sich an der Grenze postierten und Flüchtlinge mit einer Blockade an der Einreise hindern.

Dabei erheben Elsässer, Kopp und andere immer wieder den Vorwurf, dass ihre Ansichten unterdrückt werden sollen, dass sie selbst aber in Wahrheit „staatstragend“ seien und die eigentlichen Fundamentalisten und Faschisten in Staat und Medien zu finden seien. Paradoxerweise spiegeln sich einige Ansichten der Querfront auch in einer explizit linken Haltung, wie sie beispielsweise die ZDF-Kabarett-Sendung „Die Anstalt“ vertritt. Statusquo verweist auf eine Szene aus der „Anstalt“, bei der die Souveränität der Bundesrepublik Deutschland in Frage gestellt wird – ein überaus beliebter Topos bei der Querfront.

Linke Gesinnung und rechter Populismus marschieren hier Seit an Seit. Elsässer schafft es mit verquerer Logik sogar, eine des Faschismus ganz und gar unverdächtige Person wie Angela Merkel mit Adolf Hitler zu vergleichen:

Manches erinnert auf fatale Weise an die Anfangsjahre der Nazi-Diktatur. Wobei sie ja anders als der Adolf nicht für Nationalsozialismus steht, sondern für Anti-National.

(…)

Das sind alles einsame Beschlüsse, als säße sie im Obersalzberg in der Wolfsschanze oder im Führerbunker.

Und auch die Bibel wird vom Querfrontler Elsässer reichlich Schräg ausgelegt:

In der Bibel steht, liebe Deinen Nächsten wie dich selbst und nicht liebe den Fremden wie dich selbst.

Darauf muss man erst einmal kommen. Leute wie Elsässer, Verlage wie Kopp, Angebote wie Statusquo News geben lauthals vor, unabhängig die „Wahrheit“ zu berichten und bedienen sich dabei doch selbst immer wieder permanent jenen Methoden der Desinformation, die sie selbst bei der angeblichen Lügenpresse so gerne anprangern.

Noch ein Beispiel, neben der bereits erwähnten Nicht-Absage der Weihnachtsfeier bei Axel Springer: In seiner Rede spricht Elsässer davon, dass die FAZ Angela Merkel in Bezug auf ihr Verhältnis zu Wolfgang Schäuble mit den Worten zitiert habe: „Der Tötungsvorgang ist eingeleitet.“ Elsässer: „Entweder deutet der Satz auf ernsthafte Grabenkämpfe in der CDU/CSU hin, von denen wir noch nichts wissen, oder auf ernsthafte psychische Probleme. Diese Frau ist eine Zeitbombe.“

Sollte Angela Merkel das wirklich mit Bezug zu Schäuble gesagt haben: „Der Tötungsvorgang ist eingeleitet“? Eine kurze Recherche ergibt, dass Merkel den Satz so ähnlich auf der CDU-Veranstaltung CNight in Berlin sagte. Gemeint mit dem „Tötungsvorgang“ war der Gesetzentwurf für ein so genanntes „Anti-Angel-Gesetz“, der vorsah, Veräußerungsgewinne von Business Angels und Investoren mit Streubesitz stärker zu besteuern. Der Entwurf wurde von der Startup- und Tech-Szene heftig kritisiert und von der Kanzlerin schließlich kassiert. Der einzige Bezug zu Schäuble ist, dass der „getötete“ Gesetzentwurf aus dem Finanzministerium, also Schäubles Ministerium, stammte. Genauso geht auch Kopp-Bestseller-Autor Udo Ulfkotte vor. Beim Weltbild-Basteln von Compact & Co gilt: Was nicht passt, wird passend gemacht.

Auf die Frage, warum er in seinem Bild-Artikel die Rücknahme der Springer-Weihnachtsfeier unerwähnt lässt, antwortete der Macher der Statusquo News-Website, Christian Schmidt: „Ob die Weihnachtsfeier nun stattfindet oder nicht, ist wohl eher eine Randnotiz der Zeitgeschichte. Vielmehr konzentriert sich der Artikel auf die Auflageneinbrüche, die auch von MEEDIA bestätigt werden. Dass es nun doch zu einer Weihnachtsfeier kommt freut uns natürlich sehr für die Angestellten der Bild-Redaktionen, denn somit wird das vorhandene Geld zumindest nicht für Schlagzeilen wie ‚Putin attackiert Türkei‘ verschwendet. Außerdem hat ggf. der eine oder andere Mitarbeiter einen mittelschweren bis schweren Kater und kann am Folgetag nicht in der Redaktion erscheinen. Ein Mehrwert für alle. Wir bedanken uns jedoch für die Zusatzinformation und haben sie als ‚Update‘ in unseren Artikel eingepflegt.“

Die „Randnotiz“ schaffte es immerhin bei Statusquo in die Überschrift und bei Compact in den ersten Absatz. Dinge wie die nicht-abgesagte Weihnachtsfeier oder das in einen falschen Zusammenhang gesetzte Merkel-Zitat mögen auf den ersten Blick wirken wie Kleinigkeiten – aber auf solchen verdrehten Details bauen Leute wie Elsässer oder Schmidt ihre suggestiven Reden und Texte auf. Sie betreiben damit genau das, was sie der Lügenpresse vorwerfen: Propaganda.

In seiner Rede vom Oktober nennt Elsässer die AfD, die rechtspopulistische Zeitung Junge Freiheit und seinen eigenen Compact Verlag in einem Atemzug und fordert zur Geschlossenheit auf: „Wir können nicht auf Wahlen setzen. Der Prozess dauert so lang. Und wenn Wahlen etwas ändern würde, wären sie verboten.“ Nötig seien „massenhafte Straßenproteste, es genügen nicht Zehntausende, wir brauchen Millionen auf der Straße.“ Compact sei dabei das „publizistische Maschinengewehr der Volkssouveränität“, vermutlich eine gemeinte Anspielung auf den Spiegel als „Sturmgeschütz der Demokratie“. Aus dem Munde von Jürgen Elsässer klingen solche Anspielungen nicht lustig oder ironisch. Sie klingen verstörend und gefährlich. Manches hier klingt tatsächlich wie aus den Anfangstagen des Nationalsozialismus. Aber das hat nichts mit Angela Merkel zu tun.

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