Der falsche „Terror-Alarm“ von München: Verwirrungen um eine Focus-Online-Meldung

Polizei-Einsatz im Central Hotel-Apart in München wegen verdächtiger Personen wurde in Medien zum „Terror-Alarm“.
Polizei-Einsatz im Central Hotel-Apart in München wegen verdächtiger Personen wurde in Medien zum "Terror-Alarm". Foto: dpa

In der Nacht zu Freitag berichtete Focus Online über "Terror-Alarm in München" und einen Polizeizugriff, vor dem Verdächtige fliehen konnten. Nur wenige Minuten später bezeichnete die Münchner Polizei den Bericht als "Falschmeldung". Die Redaktion gab sich selbstbewusst und blieb bei ihrer Darstellung – die allerdings immer zweifelhafter wird.

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Reißerisch machte Focus Online in der Nacht zu Freitag seine Meldung auf: „Terror-Alarm in München! Polizei findet falsche Uniformen und Gasflaschen auf Hotelzimmer.“ Nach Angaben der Reporter, die in der Autoren-Zeile als Focus-Mitarbeiter genannt werden, hätten Einsatzkräfte der Polizei eine „verdächtige arabische Gruppe“ entdeckt, die einen „Anschlag in der bayerischen Landeshauptstadt vorbereitet“ haben soll. Bei einem Zugriff seien falsche Polizei-Uniformen sowie Gasflaschen gefunden worden.

Quellen nannte Focus Online für seine Recherche in dem Text nicht. Wenige Minuten nach Erscheinen wies die Polizei München den Bericht via Twitter zurück. Es habe einen Einsatz wegen einer „verdächtigen Wahrnehmung“ gegeben, allerdings stünde dieser nicht in Verbindung mit einem Terror-Anschlag.

In einer Pressemitteilung, die am Freitagmorgen folgte, wurde die Polizei konkreter. Eine Hotelangestellte habe die Polizei informiert, weil sie „mehrere Gäste“ mit einer Butangasflasche gesehen und verdächtig gefunden habe. Bei dem Einsatz hätten die Beamten einen 30 Jahre alten Iraner sowie eine 44-jährige „Landsfrau“ kontrolliert, aber „keine verdächtigen Gegenstände“ gefunden. „Abklärungen ergaben, dass die Butangasflasche zu einem Campingkocher gehört und als Kochgelegenheit benutzt wurde.“ Auch habe man drei weitere Iraner ausfindig gemacht und befragt. „Nach jetzigem Kenntnisstand war das Appartement zur Familienzusammenfindung angemietet worden. Bei den Personen handelt es sich ausschließlich um Asylbewerber, die der 30-jährige Iraner dort zusammenführte.“ Auf die in der Focus-Berichterstattung erwähnten Uniformen ging die Polizei bis dahin nicht ein.

Weiter schrieb Focus Online von Fluchtfahrzeugen, von denen eines ein Hannoveraner Kennzeichen gehabt habe, und stellte einen Zusammenhang zu der Terror-Warnung in Hannover vom vergangenem Dienstag her. Denn wie „der Kopf“ der Verdächtigen-Gruppe auf Hannover, habe auch eine der Personen in München einen deutschen Pass dabei gehabt. Ob diese Information für einen möglichen Zusammenhang reicht, ist freilich fraglich. Aus Redaktionskreisen hieß es, die Reporter würden sich auf Quellen aus Ermittlerkreisen berufen. Am Ende des Berichts stellte die Redaktion klar, dass sie bei ihrer Version bleibe.

So ganz dabei geblieben ist Focus Online aber nicht. Wie auch das BildBlog dokumentiert, hat das Portal seine Überschrift überarbeitet und änderte den „Terror-Alarm“ in einen „-Verdacht“. In den sozialen Medien wurde die Aufmachung direkt nach Erscheinen von mehreren Seiten kritisiert. Zahlreiche Medien übernahmen den alarmistisch-reißerischen Tonfall der Focus-Berichterstattung.

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Das Bild-Blog hat die Berichterstattung dokumentiert

Die Meldung fand innerhalb kürzester Zeit auch bei anderen Portalen statt, die mit den Info-Schnipseln teils sogar unverantwortlicher als Focus Online. So schrieb das Focus-Online-Schwesterportal Huffington Post ebenfalls von einem „Terror-Alarm“ und stellte ein irreführendes Blaulicht-Symbolfoto dazu. Auch schrieb die HuffPost von „Anschlagsplänen“, für die Focus Online eigentlich keine Beweise geliefert hatte. Die Abendzeitung schrieb online ebenfalls von einer Anschlagsverhinderung und machte aus den Personen gleich „Terroristen“. Und das, während Abendzeitung-Vize Timo Lokoschat sich auf Twitter noch froh zeigte, die Meldung nicht ins Blatt gehoben zu haben.

Getoppt wurde das noch von FAZ.net: „Hotelangestellte vereitelte offenbar Attentat in München“. Man hat gleich das Bild vor Augen, wie sich ein Zimmermädchen auf bewaffnete Terroristen stürzt.

Mittlerweile berichtet u.a. auch FAZ.net mit einer AFP-Meldung über weitere Ermittlungsergebnisse und zitiert die Polizei: „Es war falscher Alarm. Wir schließen einen terroristischen Hintergrund nahezu aus“, sagte der Polizeisprecher am Freitagvormittag. Weiter schreibt AFP: „Ein Mann vor dem Hotel und eine Frau, die sich in der Wohnung befand, seien in vorübergehende Polizeigewahrsam genommen worden. Acht weitere Menschen seien entkommen.“ Ermittler gehen nach derzeitigem Stand davon aus, dass es sich bei dem Apartment um eine „mutmaßliche Schleuserwohnung“ gehandelt habe.

Es sind hysterische Zeiten.

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Alle Kommentare

  1. Warum wird nichts über die Uniformen berichtet, nichts über das Fahrzeug mit Hannoveraner Nummer?
    Vertuschen, täuschen, und teilwahre Aussagen, das ist was von Staatlichen Stellen kommt.

  2. Da zeigt sich wieder mal, wie bestimmte Medien überhastet reagieren und läppische Meldungen zu Aufreißern ausschlachten. Sie entschuldigen sich noch nicht einmal dafür. Eine Unverschämtheit! So wird die Gesellschaft unnötigerweise noch mehr verunsichert. Man kann an dieser Stelle nur an die jurnalistische Vernunft appellieren! Th. Römer

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