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Böhmermanns Bilanz der vergangenen Tage: „Das einzig Positive war der HIV-Test von Charlie Sheen“

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Seit seinem Varoufake und dem perfekt organisierten und orchestrierten Stinkefingergate, weiß ganz Fernsehdeutschland: Jan Böhmermann kann auch politisch. Das ist alleine deshalb wichtig, weil wohlformulierte politische Wut so etwas wie die Königsdisziplin der Late-Night-Unterhaltung ist. Nach den Anschlägen von Paris und der ungewollten Verunsicherung durch Thomas de Maizière beschäftigte sich die gesamte gestrige „Neo Magazin Royale“-Sendung mit den Geschehnissen der vergangenen Tage.

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Gleich zu Beginn der Sendung machte Böhmermann klar: Die Grundtonalität der Show lautet diesmal „eigentlich nicht lustig“. Das funktioniert natürlich nur, wenn das Gesagte gerade deshalb auch zum Lachen ist. Insofern war der Ton schnell gesetzt. Denn ein Gag wie seine Bilanz der vergangenen Tage – „Das einzige Positive war der HIV-Test von Charlie Sheen“ – ist in so einer Situation ein Selbstläufer.

Damit sich alle Zuschauer sofort dem besonderen Ernst der Lage bewusst waren, verzichtete Böhmermann diesmal auf den lockeren Stand-up-Teil, der zum Start jeder anständigen Late-Night-Show gehört, und begrüßte das Publikum bereits vom Schreibtisch aus.

Was folgte, war eine Sendung, die mehr in der Tradition von Jon Stewart und der „heute show“ stand, als der der klassischen Abend-Talker, die auf Sketche und Zerstreuung setzen. Böhmermann wollte und musste irgendwohin mit seiner Frustration. Vor allem der Innenminister und seine verpatzte Nicht-Aussage aus Angst, die Bevölkerung zu verunsichern, Markus Söder und sein fürchterlicher Grenz-Tweet nach den Anschlägen von Paris und Matthias Matussek und sein Smiley-Posting bei Facebook, galt es aufzuarbeiten.

Und das tat der Neo-Star dann auch. Wie stark die Terror-Attacken und die folgende publizistische Kriegsrhetorik dem Moderator zusetzte, zeigte sich bereits am Wochenende und den hundert Fragen, die Böhmermann bei Facebook postete. In der Sendung ging seine Anteilnahme nahtlos über in den de Maizière-kritischen Hashtag #Verunsicherungsvertreter oder auch die Umbenennung der Studio-Band von „Die freie Radikale“ in „Die freie Liberale“.

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Der Show tat es zudem sichtlich gut, dass mit Cem Özdemir ein intelligenter und schlagfertiger Politiker auf der Talk-Couch saß und kein gewollt cooler und mundfauler Hip-Hopper. Überhaupt nahm erstmals ein Politiker auf dem Show-Sofa platz. Auch deshalb gelang eine nachdenklichere Sendung als sonst. Wie ernst es Böhmermann diesmal war, zeigt sich auch darin, dass William Cohn in der gesamten Sendung nur einmal, auch dann nur auf Befehl seines Chefs, lachte.

Mit dieser Sendung versuchte sich der Moderator an der wohl schwierigsten Disziplin, die hochklassige TV-Unterhaltung zurzeit zu bieten hat: ehrliche und intelligente politisch/moralische Wut unter dem Deckmantel des Late-Night-Entertaiment. Jon Stewart gelang mit seinem Monolog nach dem Charleston Church Shooting ein legendärer Moment dieses Genres und auch John Olivers aktueller Rant gegen die Attentäter von Paris („gigantische Arschlöcher“) legte die Latte hoch. An diese Großmeister kam Böhmermann nicht heran. Aber vielleicht kommt das noch.

Trotzdem gelang ihm statt einer einfachen Comedy-Sendung eine Art TV-Therapiesitzung. Mehr darf ein Fernsehzuschauer von 40 Minuten vor der Glotze kaum erwarten. Böhmermann lieferte nicht die lustigste Sendung seiner Karriere, dafür wohl aber die beste seit dem Ende der Sommerpause.

Übrigens:
Der kleine Mann, gespielt von dem eigentlich längst aus dem TV-Geschäft gedrängten Hans Meiser, entwickelt sich immer mehr zum Highlight der Show.

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Alle Kommentare

  1. Keine Ahnung, wieso die anderen Kommentatoren ihn nicht mögen.

    Ich find ihn super auf den Punkt. Deutlich näher an Jon Stewart auf seine ganz eigene Art als beispielsweise die heute show (die zwischen „großartig“ und „Ohnsorg“ schwankt…)

    Und: Geil geschriebener Kommentar, Herr Becker!
    Auch die Anmerkungen zu Hans Meiser. Schöne Einsichten.

  2. Er schafft es noch nicht einmal Harald Schmidt gut zu imitieren.
    Und Mario Barth wirkt dagegen wie ein Naturtalent der Comedy.
    Na ja, und der „kleine Mann“ soll als das „kleine Arschloch“ daherkommen, damit die sogenannte Ausgewogenheit gewahrt bleibt.

    „Böhmermann lieferte nicht die lustigste Sendung seiner Karriere, dafür wohl aber die beste seit dem Ende der Sommerpause.“ Na ja, schlimmer geht immer.

  3. Jesses ist dieser Pfeifenheinrich öde. Ich würde mir wirklich wünschen, dass man den mal etwas kritischer betrachtet und ihn nicht aus Solidarität so abfeiert immer.

    Der zitierte Sheen-Witz geistert natürlich seit Tagen durchs Internet – mal wieder geklaut.

    Und auch ansonsten: Das sind doch keine großen Gedanken oder humoristischen Leistungen. Der Typ hat seine Sendung nicht wegen seines Talents, sondern wegen seiner Hartnäckigkeit.

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